{"id":56488,"date":"2019-11-19T10:44:26","date_gmt":"2019-11-19T09:44:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56488"},"modified":"2026-01-27T12:00:59","modified_gmt":"2026-01-27T11:00:59","slug":"butterwegge-zur-sozialen-spaltung-die-wirtschaftlichen-politischen-und-medialen-eliten-haengen-an-ihrer-lebensluege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56488","title":{"rendered":"Butterwegge zur sozialen Spaltung: \u201eDie wirtschaftlichen, politischen und medialen Eliten h\u00e4ngen an ihrer Lebensl\u00fcge\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ist unsere Republik &bdquo;zerrissen&ldquo;? Eindeutig ja! Das sagt der Politikwissenschaftler <a href=\"https:\/\/www.christophbutterwegge.de\/aktuelles.php\">Christoph Butterwegge<\/a> im NachDenkSeiten-Interview und in seinem neuen Buch &bdquo;Die zerrissene Republik&ldquo;. Die Kluft zwischen <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Armen-in-Deutschland-dem-Tod-so-nah-3195687.html?seite=all\">Arm<\/a> und Reich habe sich vertieft, das als &bdquo;Hort der Stabilit&auml;t&ldquo; geltende deutsche Parteiensystem befinde sich in einer Schieflage. Den neoliberalen Irrweg der vergangenen Jahrzehnte macht der K&ouml;lner Armutsforscher daf&uuml;r genauso verantwortlich wie die Lebensl&uuml;ge vieler gesellschaftlicher Eliten, wonach die Reichen reich seien, weil sie Leistung erbracht h&auml;tten, und die Armen wenig bes&auml;&szlig;en, weil sie sich nicht genug anstrengten. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5652\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-56488-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191119_Butterwegge_Die_wirtschaftlichen_politischen_und_medialen_Eliten_haengen_an_ihrer_Lebensluege_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191119_Butterwegge_Die_wirtschaftlichen_politischen_und_medialen_Eliten_haengen_an_ihrer_Lebensluege_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191119_Butterwegge_Die_wirtschaftlichen_politischen_und_medialen_Eliten_haengen_an_ihrer_Lebensluege_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191119_Butterwegge_Die_wirtschaftlichen_politischen_und_medialen_Eliten_haengen_an_ihrer_Lebensluege_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=56488-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191119_Butterwegge_Die_wirtschaftlichen_politischen_und_medialen_Eliten_haengen_an_ihrer_Lebensluege_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191119_Butterwegge_Die_wirtschaftlichen_politischen_und_medialen_Eliten_haengen_an_ihrer_Lebensluege_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Butterwegge: Sie sind der Auffassung, dass wir in einer &bdquo;zerrissenen Republik&ldquo; leben. Warum?<\/strong><\/p><p>Weil sich hierzulande in den vergangenen Jahren nicht blo&szlig; die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft und damit die sozio&ouml;konomische Ungleichheit versch&auml;rft hat, sondern auch das als Hort der Stabilit&auml;t geltende Parteiensystem ausfranst. Vor allem die verst&auml;ndliche Wahlabstinenz benachteiligter Bev&ouml;lkerungsschichten f&uuml;hrt zu mehr politischer Ungleichheit. Arme beteiligen sich kaum noch an politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen, was zusammen mit der f&uuml;r Deutschland in wirtschaftlichen Krisen- und gesellschaftlichen Umbruchsituationen typischen St&auml;rkung rechtsextremer Parteien wie der AfD die Grundlagen der repr&auml;sentativen Demokratie untergr&auml;bt. Die Weigerung der Armen, sich an Wahlen zu beteiligen, d&uuml;rfte damit zusammenh&auml;ngen, dass sie wissen: Unsere Interessen werden eh nicht so vertreten, wie es sein m&uuml;sste. <\/p><p><strong>Was sind die Hauptgr&uuml;nde f&uuml;r die von Ihnen skizzierten Verh&auml;ltnisse?<\/strong><\/p><p>Die politisch Verantwortlichen handeln oft in dem neoliberalen Irrglauben, dass alles, was den Wohlhabenden, Reichen und Hyperreichen n&uuml;tzt, auch den Armen zugutekommt. &Ouml;konomen sprechen von einem &bdquo;Trickle-down&ldquo;-Effekt, den man auch als Pferde&auml;pfeltheorie bezeichnen kann, nach der man die R&ouml;sser nur gut f&uuml;ttern muss, damit die Spatzen aus deren Kot noch die nahrhaften K&ouml;rner herauspicken k&ouml;nnen. Stattdessen w&auml;re es nat&uuml;rlich sehr viel effektiver, die Spatzen selbst zu f&uuml;ttern, als den Umweg &uuml;ber die Pferde zu w&auml;hlen. Urs&auml;chlich f&uuml;r die sozio&ouml;konomische Polarisierung ist neben dem Finanzmarktkapitalismus beispielsweise die Steuerpolitik der vergangenen Jahrzehnte gewesen, und zwar einschlie&szlig;lich der lobbyistischen Einflussnahmen, die ich  in meinem Buch behandle. In diesem Zusammenhang verwundert, dass der Grenzsteuersatz bei der Einkommensteuer aufgrund alliierter Vorgaben bis 1958 nicht weniger als 95 Prozent betrug und anschlie&szlig;end von den Bundesregierungen (einzige Ausnahme: die SPD\/FDP-Koalition unter Willy Brandt) St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck nach unten gedr&uuml;ckt wurde.<\/p><p><strong>Was spielt noch eine Rolle?<\/strong><\/p><p>Wir haben es mit einem ganzen Problemgeflecht zu tun. Bei einer kritischen Betrachtung fallen sozio&ouml;konomische Spaltungstendenzen, politische Weichenstellungen in Richtung einer Vertiefung der Kluft zwischen Arm und Reich, eine wachsende Ungleichheit auch im Bildungs-, Gesundheits- und Wohnbereich sowie eine zunehmende US-Amerikanisierung von Arbeitsmarkt, Wohlfahrtsstaat und politischer Kultur aufgrund der neoliberalen Hegemonie ins Auge. Daraus erwachsen Tendenzen einer US-Amerikanisierung der Sozialstruktur und der Stadtentwicklung sowie die Gefahr der ethnischen Unterschichtung. Parallel dazu verlaufen Diskurse in Wissenschaft und Medien, die eine  Verharmlosung oder Verdr&auml;ngung der Spaltungstendenzen beinhalten. <\/p><p><strong>Was Sie skizzieren, ist seit langem bekannt. Woran liegt es, dass von politischer Seite nicht schon l&auml;ngst richtig gegengesteuert wurde?<\/strong><\/p><p>Bis weit in die Oppositionskreise hinein haben sich neoliberale &Uuml;berzeugungen durchgesetzt. Wenn man &uuml;berzeugt ist, dass vor allem der &bdquo;eigene&ldquo; Wirtschaftsstandort gest&auml;rkt werden muss, um auf den Weltm&auml;rkten konkurrenzf&auml;hig zu sein, dass Markt, Konkurrenz und Leistung im Mittelpunkt der Bem&uuml;hungen stehen m&uuml;ssen, kann man keine Alternativen zur etablierten Politik entwickeln. <\/p><p><strong>Gerade erst hat die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe darauf aufmerksam gemacht, dass derzeit in Deutschland 678.000 Menschen keine Wohnung haben, bei Freunden, Bekannten oder gar auf der Stra&szlig;e leben m&uuml;ssen. Im vergangenen Jahr waren es 650.000. Also es gibt einen Anstieg von 4,2 Prozent. Was sagen Ihnen diese Zahlen?<\/strong><\/p><p>Nirgendwo versagt das kapitalistische Wirtschaftssystem so eklatant wie bei der Wohnungsversorgung. Da sich der Markt als unf&auml;hig erwiesen hat, eine ad&auml;quate Wohnungsversorgung f&uuml;r alle Bev&ouml;lkerungsschichten sicherzustellen, muss sie als &ouml;ffentliche Aufgabe begriffen und vom Staat aus Gr&uuml;nden der sozialen Verantwortung f&uuml;r seine B&uuml;rger gew&auml;hrleistet werden, damit niemand wegen seines geringen Verm&ouml;gens und seines zu niedrigen Einkommens auf der Strecke bleibt. Die teilweise geradezu skandal&ouml;sen Zust&auml;nde auf dem Mietwohnungsmarkt sollten Anlass sein, &uuml;ber eine Wende in der Wohnungspolitik nachzudenken. Da sich R&auml;umungsklagen, Zwangsr&auml;umungen und Wohnungsnotf&auml;lle mehren, ist die Verankerung eines &bdquo;Grundrechts auf Wohnraum&ldquo; in unserer Verfassung &uuml;berf&auml;llig, f&uuml;r das der heutige Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier zu Beginn der 1990er-Jahre in seiner juristischen Dissertation <em>Das polizeiliche Regime in den Randzonen sozialer Sicherung. Eine rechtswissenschaftliche Untersuchung &uuml;ber Tradition und Perspektiven zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit<\/em> pl&auml;diert hat. Staat und Beh&ouml;rden m&uuml;ssten, forderte Steinmeier damals, per Grundgesetzauftrag &bdquo;zum Bau und Erhalt preisg&uuml;nstigen Wohnraums f&uuml;r breite Bev&ouml;lkerungskreise&ldquo; verpflichtet werden, und es d&uuml;rfe, so Steinmeier weiter, keine Wohnung zum Beispiel  wegen aufgelaufener Mietschulden ger&auml;umt werden, bevor nicht &bdquo;zumutbarer Ersatzwohnraum&ldquo; zur Verf&uuml;gung stehe.<\/p><p><strong>Gerade erst hat das Bundesverfassungsgericht <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56181\">entschieden<\/a>, dass nicht mehr als <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56370\">30 Prozent<\/a> von einem Hartz-IV-Bezug <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56320\">gek&uuml;rzt<\/a> werden d&uuml;rfen. Was halten Sie von dem Urteil?<\/strong><\/p><p>Ich halte das Urteil f&uuml;r einen wichtigen Teilerfolg der Hartz-IV-Kritiker, der Erwerbsloseninitiativen, der Sozialverb&auml;nde und der Gewerkschaften. <\/p><p><strong>Das Urteil l&auml;sst sich aber auch als skandal&ouml;s bezeichnen. H&ouml;chstrichterlich wurde bescheinigt, dass einem Armen 30 Prozent von seinem Existenzminimum abgenommen werden d&uuml;rfen.<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich widersprechen die Karlsruher Richter ihrer eigenen Rechtsprechung, hatten sie doch in einem fr&uuml;heren Urteil zu den Hartz-IV-Regelbedarfen festgestellt, dass diese soeben noch das &bdquo;menschenw&uuml;rdige Existenzminimum&ldquo; gew&auml;hrleisten. Wenn eine Leistung, die gerade noch ein Leben in W&uuml;rde erm&ouml;glicht, per Sanktion um fast ein Drittel gek&uuml;rzt werden darf, l&auml;sst man zu, dass die Menschenw&uuml;rde mit F&uuml;&szlig;en getreten wird. Mit weniger als 300 Euro im Monat auskommen zu m&uuml;ssen, bedeutet f&uuml;r einen alleinstehenden Erwachsenen, in Not und Elend dahinzuvegetieren. F&uuml;r die Scharfmacher der Hartz-Gesetze, allen voran den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der und seinen &bdquo;Superminister&ldquo; Wolfgang Clement, war das Sanktionsurteil trotzdem eine schallende Ohrfeige. Zwar hat der Erste Senat die Sanktionen prinzipiell gebilligt und damit die Unterschreitung des soziokulturellen Existenzminimums bei missliebigen Leistungsbeziehern abgesegnet, aber K&uuml;rzungen der Regelbedarfe, die &uuml;ber 30 Prozent hinausgehen, als unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig und zu massiven Eingriff in das Existenzminimum f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;rt und mit sofortiger Wirkung au&szlig;er Kraft gesetzt. Der willk&uuml;rlichen Vernichtung von Existenzen wurde damit ein Riegel vorgeschoben. Ohne dass dies Gegenstand des Verfahrens war, hat Karlsruhe nebenbei auch die h&auml;rtere Sanktionierung von Unter-25-J&auml;hrigen aus der Welt geschafft, denn nat&uuml;rlich m&uuml;ssen die Ausf&uuml;hrungen des h&ouml;chsten deutschen Gerichts zur Wahrung der Menschenw&uuml;rde und zur Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit von Sanktionen unabh&auml;ngig vom Lebensalter gelten. Aufgrund einer neuen Weisung der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit werden junge Menschen daher nicht mehr aus ihren Wohnungen und in die Kleinkriminalit&auml;t oder die &Uuml;berschuldung gedr&auml;ngt. Au&szlig;erdem hat Karlsruhe die starre Dauer der Sanktionen (drei Monate, selbst wenn der Betroffene inzwischen seiner Mitwirkungspflicht nachkommt) verworfen, sich f&uuml;r H&auml;rtefallregelungen ausgesprochen und den Jobcentern einen gr&ouml;&szlig;eren Ermessensspielraum bei der Verh&auml;ngung von Sanktionen einger&auml;umt. Dar&uuml;ber hinaus sollte das Urteil auch Anlass sein, grunds&auml;tzlich &uuml;ber das Hartz-IV-System nachzudenken. Denn die Sanktionen sind ja nur eine seiner Baustellen, auf denen neue Konzepte gefragt sind.<\/p><p><strong>Warum tun sich viele Eliten in unserem Land so schwer damit, zu erkennen, dass ihre Politik zu einer schweren Spaltung unserer Gesellschaft gef&uuml;hrt hat und die Spaltung noch weiter treibt?<\/strong><\/p><p>Die wirtschaftlichen, politischen und medialen Eliten h&auml;ngen an ihrer <a href=\"https:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/meritokratisch\">meritokratischen<\/a> Lebensl&uuml;ge, wonach sich ihre privilegierte Stellung genauso wie materieller Reichtum der eigenen Leistung verdankt. Umgekehrt ist Armut aus dieser Sicht nur die Strafe f&uuml;r eigene Unf&auml;higkeit, pers&ouml;nliche Faulheit und fehlenden Leistungswillen. Wer so denkt, kann in einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft nichts Problematisches sehen, denn die sozio&ouml;konomische Ungleichheit ist das nat&uuml;rliche Resultat unterschiedlicher Begabungen, F&auml;higkeiten und Fertigkeiten. W&uuml;rde man sie in Zweifel ziehen, geriete das ganze Weltbild und die Identit&auml;t der Eliten ins Wanken. Und wer stellt sich gern selbst in Frage?<\/p><p><strong>In Ihrem Buch setzen Sie sich auch mit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43341\">Jens Spahn<\/a> auseinander. Was kritisieren Sie an ihm?<\/strong> <\/p><p>Spahn ist der Prototyp eines karrierebeflissenen Jungpolitikers mit neoliberal-konservativer Grundausrichtung, der die harte Lebensrealit&auml;t von Millionen Menschen in unserem Land einfach nicht zur Kenntnis nimmt. In einem Interview hat er unmittelbar vor seinem Aufstieg zum Bundesgesundheitsminister allen Ernstes behauptet, der Hartz-IV-Bezug beinhalte keine Armut, sondern verhindere Armut und hierzulande m&uuml;sse auch dann niemand hungern, wenn keine Lebensmitteltafeln existieren w&uuml;rden. Kurz zuvor hatte mir eine Kleinstrentnerin aus M&uuml;nchen noch in einer Livesendung des Deutschlandfunks zur Altersarmut erz&auml;hlt, wie sie den Abend verbringt &ndash; im Dunkeln, um Strom zu sparen, und mit einem Glas warmer Milch, weil die Gro&szlig;mutter ihr w&auml;hrend der Kindheit erz&auml;hlt hatte, dass man den Hunger weniger sp&uuml;rt, wenn man warme Milch trinkt. Das reichste Geschwisterpaar unseres Landes, Susanne Klatten und Stefan Quandt, hatte &uuml;brigens in derselben Stadt f&uuml;r das Vorjahr gerade 1 Milliarde und 126 Millionen Euro nur an Dividende aus seinen BMW-Aktien erhalten. Tiefer kann die Kluft zwischen Arm und Reich kaum sein. Diese aufschlussreiche Zahl steht aber in keinem Armuts- und Reichtumsbericht, obwohl sie aus dem Gesch&auml;ftsbericht von BMW hervorgeht und leicht zu berechnen ist, wenn man wei&szlig;, dass Klatten und Quandt fast die H&auml;lfte der Aktien dieses Automobilkonzerns geh&ouml;ren.<\/p><p><strong>Der Soziologe Patrick Sachweh hat festgestellt, dass im Alltag drei Erkl&auml;rungsversuche vorherrschen, wenn es darum geht, herauszufinden, warum es &uuml;berhaupt soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft gibt. Es geht um &bdquo;Unvermeidlichkeit&ldquo;, &bdquo;Herkunftsbedingtheit&ldquo; und &bdquo;Systembedingtheit&ldquo;. Die Frage nach den systemischen Ursachen scheint mir aber kaum im Rahmen einer breiten &Ouml;ffentlichkeit diskutiert zu werden, oder?<\/strong><\/p><p>Ja, da liegt manches im Argen. Wenn politische Bildung in der Schule &uuml;berhaupt noch stattfindet und nicht l&auml;ngst vom Fach &bdquo;Wirtschaft&ldquo; verdr&auml;ngt worden ist, spielen die bestehenden Eigentumsverh&auml;ltnisse, &ouml;konomischen Herrschaftsstrukturen und politischen Machtrelationen zwischen Gesellschaftsklassen und Schichten keine Rolle mehr. Und in den Fernsehtalkshows verst&auml;rkt sich der falsche Eindruck, dass es im Politik- und Parlamentsbetrieb um die Kraft der besseren Argumente und nicht um die Macht der Interessen geht. Dabei hat Marx zu Recht bemerkt, dass sich das beste Argument blamiert, wenn kein m&auml;chtiges Interesse dahintersteht.<\/p><p><strong>Was vermuten Sie: Wie wird es mit der gro&szlig;en Koalition weitergehen? Wird sie zerbrechen oder bis zur n&auml;chsten Wahl durchhalten?<\/strong><\/p><p>Viel h&auml;ngt vom Ergebnis des Stichentscheids der SPD-Mitgliedschaft ab. Bedenklich stimmt, wie die Partei den Koalitionskompromiss zur &bdquo;Respektrente&ldquo; gefeiert hat, obwohl diese gar keine Grundrente ist, obwohl sie viel weniger Seniorinnen und Senioren erhalten d&uuml;rften als von Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil geplant, obwohl sie mit durchschnittlich 80 Euro mehr im Monat kaum den Lohn f&uuml;r die Lebensleistung von Geringverdienerinnen und Geringverdienern bietet und schon gar nicht zur wirksamen Bek&auml;mpfung der k&uuml;nftig sogar noch zunehmenden Altersarmut taugt. Gleichzeitig hat sich die SPD in eine paradoxe Lage hineinman&ouml;vriert: Als sie zusammen mit B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen und der LINKEN noch eine parlamentarische Mehrheit besa&szlig;, ist sie in der Koalition mit CDU und CSU geblieben; jetzt wollen gro&szlig;e Teile der Partei das ungeliebte B&uuml;ndnis aufk&uuml;ndigen, obwohl es keine Regierungsalternative f&uuml;r die SPD gibt. <\/p><p><strong>Gibt es denn &uuml;berhaupt noch Parteien, gibt es denn &uuml;berhaupt noch alternative Konstellationen, die bereit und in der Lage w&auml;ren, die Probleme, vor denen wir in Land und Gesellschaft stehen, anzugehen?<\/strong><\/p><p>Ich halte es mit dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci, der unter viel schwierigeren gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen gesagt hat, er sei ein Pessimist des Verstandes und ein Optimist des Herzens. Meine Analyse wirkt ern&uuml;chternd, weil hierzulande vom gesellschaftlichen Mainstream h&ouml;chstens &bdquo;Bildung f&uuml;r alle&ldquo; statt &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; (Ludwig Erhard) verlangt und nicht einmal die Forderung nach Umverteilung des privaten Reichtums von oben nach unten als legitim akzeptiert wird, obwohl selbst diese kaum ausreicht, um die st&auml;ndige Reproduktion der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ungleichheit zu verhindern. Ein wenig Hoffnung habe ich, dass eine Allianz von SPD, B&uuml;ndnisgr&uuml;nen und LINKEN die Rechtsentwicklung in Teilen der Gesellschaft stoppen k&ouml;nnte. Ich hege allerdings keine Illusionen hinsichtlich der Stabilit&auml;t, Konstanz und Konsequenz dieser parteipolitischen Konstellation. Nur fehlt mir die Fantasie f&uuml;r ein politisches Szenario, das die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu meinen Lebzeiten st&auml;rker unter Druck setzen kann. Mehr au&szlig;erparlamentarischer Druck ist jedoch erforderlich, um den Klimawandel zu stoppen, in Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktions- und privaten Aneignungsweise stehende Naturkatastrophen zu verhindern und die sozio&ouml;konomische Ungleichheit als Kardinalproblem der Menschheit wenigstens zu mildern.<\/p><p><em>Lesetipp: Butterwegge, Christoph: Die zerrissene Republik. Beltz Juventa. 20. November 2019. 414 Seiten. 24,95 Euro.<\/em><\/p><p>Titelbild: frankie&rsquo;s \/ Shutterstock <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist unsere Republik &bdquo;zerrissen&ldquo;? Eindeutig ja! Das sagt der Politikwissenschaftler <a href=\"https:\/\/www.christophbutterwegge.de\/aktuelles.php\">Christoph Butterwegge<\/a> im NachDenkSeiten-Interview und in seinem neuen Buch &bdquo;Die zerrissene Republik&ldquo;. 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