{"id":56546,"date":"2019-11-21T08:35:15","date_gmt":"2019-11-21T07:35:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56546"},"modified":"2019-11-22T12:05:57","modified_gmt":"2019-11-22T11:05:57","slug":"chile-die-230-augen-des-sebastian-pinera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56546","title":{"rendered":"Chile: Die 230 Augen des Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era"},"content":{"rendered":"<p>Auf &ldquo;Kommando von oben&rdquo; w&uuml;tet in Chile die brutalste Polizei des Kontinents . Trotzdem: Zur feierlichen Begehung der seit 30 Tagen andauernden sozialen und politischen Proteste, die am 18. Oktober 2019 mit dem Fahrpreisboykott der U-Bahn begannen, versammelten sich erneut zigtausende Demonstranten auf dem Plaza Italia, der als Protest-Ikone mittlerweile in &bdquo;Plaza de la Dignidad &ndash; Platz der W&uuml;rde&ldquo; umgetauft wurde. Ein Bericht aus Santiago de Chile von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2186\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-56546-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191121-Chile-die-230-Augen-des-Sebastian-Pinera-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191121-Chile-die-230-Augen-des-Sebastian-Pinera-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191121-Chile-die-230-Augen-des-Sebastian-Pinera-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191121-Chile-die-230-Augen-des-Sebastian-Pinera-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=56546-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191121-Chile-die-230-Augen-des-Sebastian-Pinera-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191121-Chile-die-230-Augen-des-Sebastian-Pinera-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Doch anders als in den vorangegangenen, allw&ouml;chentlichen, teils allt&auml;glichen Aufm&auml;rschen und Kundgebungen handelte die Carabinero-Bereitschaftspolizei diesmal mit unerwarteter Taktik. Sie fuhr Panzerwagen und Wasserwerfer auf, riegelte das mehrere Quadratkilometer messende Areal rund um den Platz ab, schaltete die Laternen der &ouml;ffentlichen Beleuchtung ab, kesselte die tausendk&ouml;pfige Menschenmenge in der Dunkelheit ein, beschoss sie mit Tr&auml;nengas und &auml;tzendem Wasser und kn&uuml;ppelte innerhalb weniger Minuten den Platz mit derart brutalem Gewalteinsatz leer, dass mehrere Dutzend entsetzter und verzweifelter Menschen <a href=\"https:\/\/www.elmostrador.cl\/dia\/2019\/11\/19\/manifestantes-denuncian-encerrona-de-carabineros-en-plaza-italia-tuvieron-que-escapar-lanzandose-al-rio-mapocho\/\">sich in den angrenzenden Mapocho-Fluss st&uuml;rzten<\/a>, der mitten durch die chilenische Hauptstadt str&ouml;mt.<\/p><p>Am n&auml;chsten Nachmittag, dem 19. November, str&ouml;mten dennoch einige tausend Demonstranten auf den Platz zu. Doch bevor die Menge &uuml;berhaupt den Mittelpunkt des popul&auml;ren Kundgebungsortes erreicht hatte, brachen Carabineros einen barbarischen Einsatz mit Wasserwerfern, Tr&auml;nengas und knochenbrechenden Kn&uuml;ppeln vom Zaun. Der Einsatz gipfelte diesmal in blankem Verbrechen, als Polizisten Demonstranten <a href=\"https:\/\/twitter.com\/PiensaPrensa\/status\/1196881788922159104\">&uuml;ber die Mauer vor dem 10 Meter tiefer liegenden, steinigen Mapoch-Ufer st&uuml;rzten<\/a>.<\/p><p><strong>Die korrupten &bdquo;Bluthunde&ldquo; der Ein-Prozent-Elite<\/strong><\/p><p>Von mehreren schwerbewaffneten Beamten <a href=\"https:\/\/twitter.com\/PiensaPrensa\/status\/1196960210734243841\">blutig zusammengeschlagene<\/a>, mit hinterlistigen <a href=\"https:\/\/www.cooperativa.cl\/noticias\/pais\/manifestaciones\/vina-del-mar-carabinero-pateo-a-detenido-y-sus-pares-lo-reprendieron-a\/2019-10-20\/023045.html\">Fu&szlig;tritten misshandelte<\/a>, an den Haaren geschleifte, gew&uuml;rgte, mit Motorr&auml;dern <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Cathy99052\/status\/1195107006224510976\">brutal angefahrene und &uuml;berfahrene<\/a>, auf Revieren zwangsentkleidete, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nZspjsf0PgE\">befummelte und vergewaltigte<\/a> Demonstranten geh&ouml;ren seit Ausbruch der Proteste zum Alltag der Polizei-Willk&uuml;r, die mit aller Sch&auml;rfe von Opfern, Juristen und Teilen der Medien als eklatante und systematische <a href=\"https:\/\/www.telesurtv.net\/news\/continuan-denuncias-violaciones-derechos-humanos-chile-20191110-0020.html\">Verletzung der Menschenrechte<\/a> angeklagt werden.<\/p><p>Chiles Carabineros gelten zurzeit als die brutalste Polizei Lateinamerikas. Das 1927 vom Armeegeneral und Diktator Carlos Ib&aacute;&ntilde;ez del Campo gegr&uuml;ndete Polizeikorps hat <a href=\"http:\/\/www.laizquierdadiario.cl\/La-siniestra-historia-de-Carabineros-de-Chile\">in den 81 Jahren seines Bestehens<\/a> mit dem Niederschlagen von Streiks, Kundgebungen und als Hilfstruppe des Heeres zigtausende Menschen auf dem Gewissen. In verschiedenen chilenischen Landkreisen ermittelt die Justiz 30 Jahre nach Ende der Pinochet-Diktatur immer noch gegen bisher protegierte, alternde Carabinero-Beamte, die abscheuliche Folterungen und Mordtaten gegen Anh&auml;nger der Regierung Salvador Allende zu verantworten haben.<\/p><p>Doch der seit erst zwei Wochen amtierende, deutschst&auml;mmige und der ultrakonservativen Regierungspartei der Unabh&auml;ngigen Demokraten (UDI) zugeh&ouml;rige neue Justizminister Gonzalo Bl&uuml;mel nimmt seine Polizei in Schutz. Genauer: Er stellt sie umgekehrt als &bdquo;Opfer&ldquo; dar und stichelt zu <a href=\"https:\/\/www.elmostrador.cl\/dia\/2019\/10\/30\/ministro-blumel-condena-ataques-a-carabineros-vamos-a-tener-tolerancia-cero-con-la-violencia-no-habra-impunidad\/\">unbarmherziger und nicht endender Gewalt<\/a> auf. Unter den vielf&auml;ltigen Fragen, die Bl&uuml;mel bisher unbeantwortet lie&szlig;, steht jene im Raum, wieso die Regierung die f&uuml;r den Kriegsfall aufgebauten Spezialeinheiten (Fuerzas Especiales) gegen unbewaffnete, friedliche Demonstranten einsetzt.<\/p><p>Das chilenische Investigativ-Portal <em>CIPER<\/em> kommentierte in einer <a href=\"https:\/\/ciperchile.cl\/2019\/11\/12\/furia-desatada-en-carabineros-fuera-de-control-y-sin-piloto\/\">umfassenden Reportage<\/a> vom 12. November, &bdquo;im Regierungspalast La Moneda ist man sich selbstverst&auml;ndlich dar&uuml;ber bewusst, dass die Spezialeinheiten ohne Befehl, ohne Zusammenhalt, ohne Geheimdienstrichtlinien und au&szlig;er Kontrolle sind. Und zersetzt von Wut. Dieser Zerfall ist unter anderem auf die explosionsartige Ausweitung von Korruption und Gewalt zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, die ihre Geheimdienststruktur und ihr oberstes Kommando erfasste und in den letzten zwei Jahren die vorzeitige Entlassung von mehr als 35 Gener&auml;len bewirkte&ldquo;.<\/p><p>Sieben Jahre bevor ein &uuml;ber 29 Milliarden Pesos (umgerechnet ca. 35 Millionen Euro) schwerer Mega-Betrug mit jahrelangen Gehaltszahlungen an nicht existierende &bdquo;Phantombeamte&ldquo; aufgedeckt wurde, gelang CIPER mit Computer-&Uuml;berpr&uuml;fungen und intensiven Hintergrund-Recherchen der Beweis, dass Carabineros seit 2010 in mindestens 40 F&auml;llen schwerwiegende Unregelm&auml;&szlig;igkeiten und Verst&ouml;&szlig;e gegen die Finanzverwaltung begangen haben; darunter abgekartete Auftr&auml;ge, betr&uuml;gerische Aufpreise beim Bau von Kasernen, beim Kauf von Fahrzeugen sowie Computerausr&uuml;stungen, Kommunikationssystemen, Kraftstoffen, Drogenbek&auml;mpfungsmitteln, Kleidung, Nahrungsmitteln und vor allem mit illegal zugeteilten L&ouml;hnen und Darlehen an das Oberkommando. &bdquo;Es gibt praktisch keinen Posten, der im Zusammenhang mit Zahlungen und Verg&uuml;tungen frei von illegalen Machenschaften ist&ldquo;, schlussfolgerten die CIPER-Reporter.<\/p><p>Nach dem im Jahr 2015 von der kritischen Wochenzeitschrift <em>The Clinic<\/em> enth&uuml;llten, 9,4 Millionen Euro schweren Korruptions-Skandal innerhalb der chilenischen Streitkr&auml;fte, genannt <a href=\"https:\/\/www.theclinic.cl\/2015\/08\/13\/milicogate-el-gran-robo-del-fondo-reservado-del-cobre\/\">&bdquo;Milico-Gate&ldquo;<\/a>, wurde in den vergangenen Jahren nun auch die Polizei als durch und durch korrupte Organisation in der &Ouml;ffentlichkeit blo&szlig;gestellt. Mit seiner &bdquo;Kriegserkl&auml;rung&ldquo; vom vergangenen 21. Oktober bot Pr&auml;sident Pi&ntilde;era ihr jedoch die Gelegenheit zur regenerativen Imagepflege und so st&uuml;rzten sich Chiles Carabineros &bdquo;von Wut zersetzt&ldquo; aufs eigene Volk.<\/p><p><strong>Pi&ntilde;eras Kriegserkl&auml;rung und l&auml;cherliche Verschw&ouml;rungstheorie<\/strong><\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich machen die Polizei-Eins&auml;tze seit dem 18. Oktober 2019 deutlich, dass es sich weder um &bdquo;vereinzelte &Uuml;bergriffe&ldquo; noch um ein vom Carabinero-Oberkommando allein beschlossenes Gewaltma&szlig; handelt, sondern um regierungsverordneten &bdquo;Abschreckungsterror&ldquo; zur Kriminalisierung der Proteste.<\/p><p>Den Aufruf zu den barbarischen Polizeieins&auml;tzen machte der Staatspr&auml;sident selbst drei Tage nach Ausbruch der Proteste, als er am 21. Oktober in einer spannungsgeladenen Fernsehansprache in Begleitung des Oberkommandierenden des Heeres erkl&auml;rte: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cyu16ktR2RU\">&bdquo;Wir befinden uns in einem Krieg.&ldquo;<\/a>. &bdquo;Wir f&uuml;hren Krieg gegen einen m&auml;chtigen Feind, der bereit ist, Gewalt ohne Grenzen anzuwenden&rdquo;, behauptete Pi&ntilde;era und unterstellte tats&auml;chlich eine &bdquo;vom Ausland gesteuerte Destabilisierung&ldquo;.<\/p><p>Die konspirative Unterstellung wurde im Handumdrehen von den &uuml;berwiegend konservativen und regierungstreuen Medien &uuml;bernommen, jedoch wenige Tage sp&auml;ter von der Tageszeitung <em>La Tercera<\/em> mit einer peinlichen Entschuldigung an ihre Leser dementiert. Mit einem Seitenhieb gegen die Regierung erkl&auml;rte die Zeitung, dass ihr vom Geheimdienst die Version zugespielt wurde, wonach Ausl&auml;nder an den Brandstiftungen von U-Bahn-Stationen beteiligt gewesen seien.<\/p><p>Unter &bdquo;Punkt 4&ldquo; hatten Pi&ntilde;eras Schlapph&uuml;te in ihrem Bericht eine &bdquo;kubanisch-venezolanische&ldquo; Verschw&ouml;rung ausgemacht: &bdquo;Personen, die an gewaltt&auml;tigen Demonstrationen mit venezolanischem und kubanischem Ursprung teilgenommen haben, werden ebenfalls identifiziert und ihre Verbindungen zu den Geheimdiensten dieser L&auml;nder werden &uuml;berpr&uuml;ft. Dar&uuml;ber hinaus werden andere Ausl&auml;nder, die eine aktive Rolle als Agitatoren und Anstifter von Gewalttaten gespielt haben, &uuml;berwacht&ldquo;. &bdquo;Der (Geheimdienst-)Bericht ist authentisch, er existiert, wir h&auml;tten ihn aber ohne nachtr&auml;gliche &Uuml;berpr&uuml;fung nicht ver&ouml;ffentlichen sollen&rdquo;, <a href=\"https:\/\/www.chvnoticias.cl\/trending\/la-tercera-disculpas-nota-cubanos-venezolanos_20191028\/\">gab das Blatt zu<\/a>. <\/p><p>Die Chim&auml;re von den sogenannten &bdquo;Kubanern und Venezolanern&ldquo; hatte zwei Wochen sp&auml;ter Personalfolgen: Am 15. November wurde der bisherige Chef des Geheimdienstes ANI, Luis Masferrer, <a href=\"https:\/\/www.cnnchile.com\/pais\/gustavo-jordan-nuevo-director-ani_20191115\/\">entlassen<\/a> und durch den Geheimdienstchef der Marine, Gustavo Jord&aacute;n, ersetzt.<\/p><p>Nach vier Wochen der Proteste &ndash; mit dem Einl&auml;uten der &bdquo;G&ouml;tterd&auml;mmerung&ldquo; des seit 46 Jahren andauernden ultraliberalen Wirtschaftssystems, das 12 der weltweit 100 reichsten Milliard&auml;re erzeugte &ndash; basteln der als Pr&auml;sident amtierende Multimilliard&auml;r Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era und die chilenische Ein-Prozent-Elite stur an neuen Nebelw&auml;nden. Sie wollen die von mindestens zwei Dritteln der Chilenen verabscheuten Zust&auml;nde nicht wahrnehmen, die jene radikalisierten Jugendlichen, Arbeitslosen und Ausgeschlossenen am Rande der Gesellschaft erzeugte, die es satt haben, jedoch keine ad&auml;quate politische F&uuml;hrung besitzen und ihre Verbitterung an U-Bahn-Haltestellen, Banken, Superm&auml;rkten und der ewig in den Vorst&auml;dten herumpr&uuml;gelnden Polizei auslassen &ndash; eine Verbitterung, die der Staatschef mit dem h&ouml;hnischen Spruch <a href=\"https:\/\/www.mega.cl\/noticias\/nacional\/281586-sebastian-pinera-entrevista-el-pais-de-espana.html\">&bdquo;das Unwohlsein mit dem Erfolg&ldquo;<\/a> begr&uuml;ndete und ansonsten die Aufm&uuml;pfigen hinter den Barrikaden als &bdquo;gemeine Kriminelle&ldquo; beschimpft, die rigoros bestraft werden m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Die 230 Augen<\/strong><\/p><p>Folgerichtig schoss sich seine Polizei auf die Lagebeurteilung ein, genauer: Chiles Carabineros schie&szlig;en seit dem 31. Oktober aus n&auml;chster N&auml;he den &bdquo;Staatsfeinden&ldquo; <a href=\"https:\/\/twitter.com\/PiensaPrensa\/status\/1195794190845841409\">in die Augen<\/a>. Die Konsequenzen: Nach Angaben des Nationalen Instituts f&uuml;r Menschenrechte (INDH) verloren zwischen dem 18. Oktober und dem 15. November 217 (andere Quellen nennen 230) Menschen mindestens ein Auge wegen des Beschusses mit Bleischrot-Munition. Weitere 866 Menschen werden in Krankenh&auml;usern mit schweren Verletzungen an anderen K&ouml;rperteilen durch die gleiche Munition behandelt.<\/p><p>Damit nicht genug. Wieder gelang <em>CIPER Chile<\/em> der Nachweis, dass die <a href=\"https:\/\/ciperchile.cl\/2019\/11\/16\/informe-de-la-universidad-de-chile-radiologos-y-medicos-de-urgencia-perdigones-disparados-por-carabineros-contienen-plomo\/\">Zahl der Opfer rasant ansteigt<\/a>, wenn die Dunkelziffer der durch Bleischrot verletzten Personen hinzuaddiert wird, die Journalisten in zahlreichen freiwilligen Sanit&auml;terposten rund um das Protestgebiet in Santiago de Chile ermittelt haben.<\/p><p>Carabineros behaupten, ausschlie&szlig;lich Gummigeschosse verwendet zu haben. Das dachten auch die Opfer. Doch die &Auml;rzte, die die Verletzten behandeln, stie&szlig;en auf Metallkomponenten in der Munition, ebenso Radiologen, die die Verletzungen mit Scanner abtasteten.<\/p><p>Die Augenklinik des Hospital del Salvador &ndash; in deren Intensivstation die Mehrheit der Verwundeten im Gro&szlig;raum Santiago behandelt wird &ndash; beauftragte daraufhin zwei Ingenieure der Universidad de Chile mit der Untersuchung der genauen Zusammensetzung der Gummigeschosse. Die von den Ingenieuren Patricio Jorquera und Rodrigo Palma ermittelten <a href=\"https:\/\/ciperchile.cl\/wp-content\/uploads\/informe-uchile.pdf\">Ergebnisse<\/a> sind deutlich: Nur 20 Prozent der von Carabineros gegen die Demonstranten verschossenen Munition bestehen aus Gummi, der Hauptanteil von 80 Prozent ist eine Mischung aus Blei, Silizium und Bariumsulfat.<\/p><p>Ein junger, couragierter Kollege der <em>New York Times<\/em>, dem Justizminister Bl&uuml;mel ein erkl&auml;rendes Interview verweigerte, nutzte die Erkenntnisse f&uuml;r eine <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rF1sQatbwf0\">ersch&uuml;tternde Reportage<\/a>, die keinen sensiblen Menschen unger&uuml;hrt l&auml;sst. Die Bilder sind best&uuml;rzend. Augenarzt Dr. Enrique Morales vergleicht die Opferzahl mit den schlimmsten Augentraumata im Zusammenhang mit den Unruhen im Gaza-Streifen, dem pakistanischen Kashmir und Frankreich, und benennt die Zust&auml;nde in Chile als die verheerendste ophtalmologische Katastrophe der Neuzeit.<\/p><p>Dem j&uuml;ngsten Bericht des INDH zufolge haben bis zum 18. November von den mehr als 6.300 Festgenommenen und 2.300 Verletzten 365 Klage &ndash; einschlie&szlig;lich gegen den Pr&auml;sidenten der Republik &ndash; bei der chilenischen Justiz eingereicht. Von den Klagen entfallen allein 66 Anzeigen auf sexuelle Folter: 59 Anzeigen gegen Polizeibeamte; 6 gegen Milit&auml;rs und eine gegen Beamte der Kriminalpolizei PDI.<\/p><p><strong>R&uuml;cktrittsforderung und neue Warnstreiks<\/strong><\/p><p>Erg&auml;nzend dazu formierte sich im chilenischen Parlament eine Abgeordnetengruppe aus mehreren linken Parteien und reichte eine <a href=\"https:\/\/www.elmostrador.cl\/dia\/2019\/11\/19\/con-firmas-de-diputados-de-la-ex-nueva-mayoria-presentan-acusacion-constitucional-contra-sebastian-pinera\/\">Verfassungsklage gegen Sebastian Pi&ntilde;era<\/a> als Oberbefehlshaber des Milit&auml;rs und der Polizei ein. Die Klage erhebt die Forderung nach seinem sofortigen R&uuml;cktritt und seiner strafrechtlichen Verfolgung.<\/p><p>Indes beurteilen selbst Abgeordnete der linken bis Mitte-Links-Opposition, dass der Antrag trotz der Mehrheit der Linken in beiden Kammern des Parlaments kaum Aussicht auf Erfolg haben wird, weil die sozialdemokratische und liberale Mehrheit der Opposition Pi&ntilde;eras R&uuml;cktritt mit unerw&uuml;nschten Turbulenzen verbindet.<\/p><p>Dies ahnend, beeilte sich der Pr&auml;sident &ndash; der mit seinem 9,0-prozentigen Zustimmungstief als das inkompetenteste Staatsoberhaupt seit Ende der Diktatur erw&auml;hnt wird &ndash; am vergangenen 15. November mit einem politischen Pakt mit der Opposition. Unter dem Namen &bdquo;Vertrag f&uuml;r den Frieden&ldquo; verpflichteten sich Regierung und Opposition f&uuml;r April 2020 zur Ausrufung eines Referendums &uuml;ber eine neue Verfassung als politische Marschroute zur endg&uuml;ltigen &Uuml;berwindung des sogenannten &bdquo;Pinochet-Erbes&ldquo;, doch gemeint war allerdings auch ein rasches Abw&uuml;rgen der Proteste; und sei es mit brutaler Gewalt.<\/p><p>Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era, soviel ist klar, versucht sich in die zweite H&auml;lfte seiner vierj&auml;hrigen Mandatszeit hin&uuml;berzuretten. Ob ihm das gelingt, darf ernsthaft bezweifelt werden. Die sozialen Bewegungen machen ihm jedenfalls das weitere Regieren und Lavieren schwer.<\/p><p>Am Sitz des gr&ouml;&szlig;ten Gewerkschaftsbundes CUT warfen 16 Einzelgewerkschaften des &Ouml;ffentlichen Dienstes dem Finanzministerium Erpressung vor, nachdem die Beh&ouml;rde bisher auf die vor einem Monat eingereichten Forderungen mit Stillschweigen antwortete. Die Gewerkschaften reagierten darauf mit einem <a href=\"https:\/\/radio.uchile.cl\/2019\/11\/18\/mesa-del-sector-publico-acusa-nula-respuesta-del-gobierno-y-llaman-a-paro-de-48-horas\/\">48-st&uuml;ndigen Warnstreik<\/a>, der unter anderem mehr als 60 Prozent des chilenischen Schulbetriebs lahmlegte.<\/p><p>Weshalb Chiles Massen die Ein-Prozent-Elite Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;eras &bdquo;satt haben&ldquo;, erkl&auml;rt neben der Korruption von Polizei und Streitkr&auml;ften ebenso die lange Liste der &bdquo;Unversch&auml;mtheiten&ldquo; des zum zweiten Mal amtierenden Staatsoberhauptes und Eigners des gr&ouml;&szlig;ten chilenischen Kreditkartenkonzerns Bancard, dem neben zahlreichen krummen Erwerbsgesch&auml;ften auch ein millionenschwerer Bankenbetrug, Anklage und Justizflucht anh&auml;ngen &ndash; ein in K&uuml;rze erscheinendes NDS-Portrait mit Ausblick auf Chiles nahe Zukunft.<\/p><p>Quelle: Alex Maldonado Mancilla\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf &ldquo;Kommando von oben&rdquo; w&uuml;tet in Chile die brutalste Polizei des Kontinents . Trotzdem: Zur feierlichen Begehung der seit 30 Tagen andauernden sozialen und politischen Proteste, die am 18. 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