{"id":56598,"date":"2019-11-22T12:18:32","date_gmt":"2019-11-22T11:18:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56598"},"modified":"2019-11-22T12:59:11","modified_gmt":"2019-11-22T11:59:11","slug":"der-politische-journalismus-und-der-stress","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56598","title":{"rendered":"Der politische Journalismus und der Stress"},"content":{"rendered":"<p>Eine Debatte unter Journalisten kann aufschlussreich sein. Die Runde &bdquo;Politischer Journalismus im Stresstest&ldquo; zeigte: Noch immer wird von gro&szlig;en deutschen Medien eine Aufarbeitung der Kampagnen und eine echte Selbstkritik verwehrt. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Politischer Journalismus im Stresstest&ldquo; war eine <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/medien-politischer-journalismus-im-stresstest.2011.de.html?dram:article_id=463804\">Diskussionsrunde im Deutschlandfunk<\/a> am Donnerstagabend &uuml;berschrieben. Daran nahmen auch der Chef des &bdquo;Heute Journals&ldquo; Wulf Schmiese und der Chefredakteur von NZZ.ch (&bdquo;Neue Z&uuml;rcher Zeitung&ldquo;) teil sowie Kristina Dunz von der &bdquo;Rheinischen Post&ldquo;. Die Runde war aufschlussreich und kann zu Einblicken in die Selbstsicht prominenter Journalisten dienen &ndash; vor allem in jene des &bdquo;Heute Journal&ldquo;-Chefs, der eine sehr ungl&uuml;ckliche Figur abgegeben hat.<\/p><p><strong>Leerstellen der Medien-Debatte: US-Kriege, Russland, Wirtschaftssystem <\/strong><\/p><p>Prinzipiell ist anzumerken, dass auch diese Runde wichtige Aspekte au&szlig;en vor gelassen hat &ndash; so dominierte auch hier der Tenor, dass die Konflikte um den deutschen Journalismus (neben den Problemen der Vermittlung in neuen technischen Formaten etc.) vor allem mit den &bdquo;rechten&ldquo; Themen verkn&uuml;pft seien &ndash; dass also ein der Zuwanderung angeblich zu freundlich gesonnener Journalismus (oder ein zumindest so wahrgenommener) den Hauptgraben zwischen Medien und Publikum ausmachen w&uuml;rde. <\/p><p>Dadurch werden einmal mehr all jene Themen ausgegliedert, die mindestens ebenso zu einer starken Entfremdung zwischen Medien und Medienkonsumenten beigetragen haben: so etwa die Berichterstattung &uuml;ber die US-gef&uuml;hrten Kriege und Umst&uuml;rze, die irrationale mediale Feindschaft gegen Russland, die kaschierte Wende-Kriminalit&auml;t nach 1989 und eine notorische Verteidigungshaltung gegen&uuml;ber einem wirtschaftsliberalen System, um nur einige umstrittene Themen zu nennen. <\/p><p>Die NZZ ist ein zum Teil kritikw&uuml;rdiges Medium, dass sich einem &bdquo;liberal-b&uuml;rgerlichen&ldquo; Blick verschrieben hat und zunehmend auf das deutsche Publikum zielt &ndash; der Newsletter der Zeitung nimmt in Anspruch, &bdquo;Der andere Blick&ldquo; zu sein. Durch diese Au&szlig;enperspektive konnte der Chefredakteur Eric Gujer, trotz der teils kritikw&uuml;rdigen Ausrichtung seines Mediums, auch interessante Aspekte zur Debatte hinzuf&uuml;gen. Etwa diesen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Journalisten in Deutschland sind im Stadium der beleidigten Leberwurst.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dies sei so, weil sie ihre Rolle als Gatekeeper verloren h&auml;tten. Mit den neuen Medien-Kan&auml;len m&uuml;ssten sich die klassischen Journalisten arrangieren und es mache keinen Sinn, einfach weiterhin zu behaupten, sie selber seien die einzig Wirklichen und Wahren. &bdquo;Diese Haltung n&uuml;tzt nichts, wenn die Konsumenten das nicht so sehen.&ldquo;<\/p><p><strong>Freiwilliger Konformismus unter Journalisten<\/strong><\/p><p>Zudem stellt Gujer fest &ndash; zwar zur Fl&uuml;chtlingskrise, aber dieser Befund kann auch auf andere Themen ausgeweitet werden:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist zur Fl&uuml;chtlingskrise 2015 wissenschaftlich aufgearbeitet, dass es einen gewissen freiwilligen Konformismus der Medien gab, die sehr &auml;hnlich &uuml;ber Sachverhalte berichtet haben. Das f&auml;llt auch mir und vielen Freunden aus der Schweiz auf: <strong>Es existiert in Deutschland eine relativ homogene Meinungslandschaft<\/strong>. Das ist einer der Gr&uuml;nde, weswegen sich viele Menschen nicht repr&auml;sentiert f&uuml;hlen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das wollte der indirekt angesprochene Chef des &bdquo;Heute Journals&ldquo; Wulf Schmiese gerne als Gesch&auml;ftsmodell der NZZ abkanzeln: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist schon ein Ding, uns einen freiwilligen Konformismus zu unterstellen.(&hellip;) Ich denke, das ist eine M&auml;r, die als Werbema&szlig;nahme funktioniert, auch f&uuml;r die NZZ. Es stimmt nicht: Wir bilden ab, was ist. Wir peitschen nicht auf, wir stellen dar, was ist. (&hellip;) Es ist nicht so, dass wir etwas verschweigen wollten, das ist nicht wahr, dass unterstellt wird, wir w&uuml;rden ein Gesinnungsmedium sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;Heute Journal&ldquo;: Vorw&uuml;rfe abwehren, die gar nicht erhoben wurden<\/strong><\/p><p>Schmiese nutzt f&uuml;r seine schwache Replik zwei Techniken: zum einen die subjektive Leugnung wissenschaftlicher Befunde (&bdquo;Ich denke, es ist eine M&auml;r&hellip;&ldquo;). Und zum anderen die Technik, in hysterischer Form Vorw&uuml;rfe abzuwehren, die gar nicht erhoben wurden, etwa zur Berichterstattung zur Migration:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben nicht bewusst etwas unterdr&uuml;ckt. Ich w&uuml;sste gar nicht, wer das machen sollte. Kommt da jemand aus der Tapetent&uuml;r gesprungen und sagt: &sbquo;Das schneiden wir raus!&rsquo;? &sbquo;Ich bin der Intendant, weil Frau Merkel hat mich angerufen.&lsquo; Bl&ouml;dsinn! Bullshit! Absoluter Quatsch! Es gibt diesen Kontakt nicht. Ich habe das in der ganzen Zeit beim ZDF nie erlebt, dass sich irgendjemand aus der Politik beim ZDF beschwert h&auml;tte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zum einen ist die letzte Aussage von Schmiese schwer zu glauben. Zum anderen: Das hat Gujer ja auch nicht gesagt &ndash; er hat von freiwilligem Konformismus gesprochen und nicht von erzwungener Zensur, wie er richtigstellt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;F&uuml;r die Situation 2015 ist der Befund keine PR-Ma&szlig;nahme der NZZ, sondern ein wissenschaftlicher Befund des renommierten Medienwissenschaftlers Haller, der das untersucht hat im Auftrag einer Gewerkschaftsstiftung. Das Ergebnis ist klar: Es gab eine Konformit&auml;t &ndash; nicht erzwungen, sondern freiwillig und durchaus beabsichtigt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Schmiese pariert das mit einer jener der Standard-Antworten, die erklingen, wenn Medien ein kampagnenhaftes Verhalten vorgeworfen wird.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben auch massig Fehler gemacht &ndash; das ist doch klar.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Medienkritik ist &bdquo;rechts&ldquo; &ndash; ein grundfalsches Bild<\/strong><\/p><p>Wie gesagt, Gujer und die NZZ sollen nicht als Gegenmodell zur deutschen Medienlandschaft stilisiert werden, schon allein deshalb, weil auch er die oben genannten Themen Krieg, Wirtschaftssystem etc. nicht in den Diskurs einf&uuml;hrt. Dadurch festigt er das grundfalsche Bild, Medienkritik k&auml;me nur von &bdquo;rechts&ldquo; und sie sei erst mit der Fl&uuml;chtlingskrise 2015 entstanden und ausschlie&szlig;lich mit ihr verkn&uuml;pft. Aber im Kontrast zu vielen etablierten deutschen Journalisten klingt seine Medienkritik schon akzeptabler:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dazu kommt, dass wir Journalisten lange Zeit relativ arrogant mit unserem Publikum umgegangen sind. Wir waren gew&ouml;hnt: Wir senden, die anderen empfangen &ndash; und damit ist es gut. Kritische Lesermeinungen wurden da schnell als Majest&auml;tsbeleidigung gesehen.  Das ist vorbei. (&hellip;)<br>\nEs funktioniert auch nicht, Dinge totzuschweigen. Ich glaube, Journalisten in Deutschland haben in der Vergangenheit geglaubt, wenn wir &uuml;ber gewisse Dinge nicht berichten, dann finden sie auch nicht statt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wenig Hoffnung auf Einsicht und dadurch auf positive Ver&auml;nderung kann Schmiese dem entgegensetzen, wenn er auf die Frage, warum sich Konsumenten von den gro&szlig;en Medien abwenden, Symptome und keine Ursachen nennt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es liegt an der Digitalisierung &ndash; weil die Leute das Gef&uuml;hl haben, es denken doch Tausende wie ich, aber tats&auml;chlich ist&rsquo;s eben nicht die Masse.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ohne echte Selbstkritik keine Vers&ouml;hnung mit den Medien<\/strong><\/p><p>Solange aber die Verantwortlichen der gro&szlig;en Medien eine echte Selbstkritik weiterhin verweigern, solange sie mutma&szlig;liche Kampagnen als &bdquo;Fehler&ldquo; abtun und solange die Medienkritik pauschal in eine &bdquo;rechte&ldquo; Ecke gestellt wird &ndash; solange werden die Krise und der Niedergang der etablierten Medien anhalten und solange wird es keine Vers&ouml;hnung zwischen vielen Journalisten und dem vertriebenen Publikum geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Debatte unter Journalisten kann aufschlussreich sein. Die Runde &bdquo;Politischer Journalismus im Stresstest&ldquo; zeigte: Noch immer wird von gro&szlig;en deutschen Medien eine Aufarbeitung der Kampagnen und eine echte Selbstkritik verwehrt. 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