{"id":56665,"date":"2019-11-26T10:00:16","date_gmt":"2019-11-26T09:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56665"},"modified":"2019-11-27T14:09:27","modified_gmt":"2019-11-27T13:09:27","slug":"jeder-ein-kollegenschwein-wie-zalando-seine-beschaeftigten-per-algorithmus-zu-petzen-neidern-und-intriganten-machen-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56665","title":{"rendered":"Jeder ein Kollegenschwein. Wie Zalando seine Besch\u00e4ftigten per Algorithmus zu Petzen, Neidern und Intriganten machen will."},"content":{"rendered":"<p>Europas gr&ouml;&szlig;ter Onlinemodeh&auml;ndler setzt bei seiner Jagd nach Profit auf die &bdquo;Performance- und Entwicklungsplattform&ldquo; namens Zonar. &Uuml;ber Funktionsweise und Auswirkungen des Systems kl&auml;rt eine aktuelle Studie der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung auf. Was als vermeintlich &bdquo;egalit&auml;r&ldquo; und &bdquo;fair&ldquo; daherkommt, bef&ouml;rdert die Ungleichheit und verfestigt Hierarchien, befinden die Autoren.<br>\nMithilfe der Software wird die Belegschaft in Besch&auml;ftigte erster, zweiter und dritter Klasse gespalten und alle gegen alle ausgespielt. Forciert werden &uuml;berdies Kontrolle, Disziplinierung und Lohndr&uuml;ckerei. Das Unternehmen streitet all dies ab. Angeblich f&uuml;hrt man nur Gutes im Schilde. Das glaube, wer will. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7862\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-56665-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191126_Zalando_Jeder_ein_Kollegenschwein_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191126_Zalando_Jeder_ein_Kollegenschwein_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191126_Zalando_Jeder_ein_Kollegenschwein_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191126_Zalando_Jeder_ein_Kollegenschwein_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=56665-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191126_Zalando_Jeder_ein_Kollegenschwein_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191126_Zalando_Jeder_ein_Kollegenschwein_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Ja, Zalando hat Recht: &bdquo;Diese Studie ist nicht repr&auml;sentativ.&ldquo; Wenn von 2.000 Besch&auml;ftigten am Berliner Hauptsitz des Unternehmens lediglich zehn zu Sinn, Unsinn und Auswirkungen der Personalbewertungssoftware Zonar befragt werden, entspricht das nicht den allerh&ouml;chsten Anspr&uuml;chen der Empirie. Eine eingeschr&auml;nkte &bdquo;Reichweite, Vollst&auml;ndigkeit und Generalisierbarkeit unserer Ergebnisse&ldquo; r&auml;umen ja selbst die Verfasser ein. Wobei der Umstand, dass das Management &bdquo;trotz mehrfacher Anfragen&ldquo; jede Auskunft verweigerte und damit als Datenquelle ausfiel, mindestens verminderte Schuldf&auml;higkeit begr&uuml;ndet.  <\/p><p>Aber was tut das zur Sache, wo doch ihr Betrachtungsgegenstand, ein System, das George Orwells Big Brother als omnipr&auml;sentes Kollegenschwein installiert, schon f&uuml;r sich ein Skandal sondergleichen ist? Anders: Selbst f&uuml;r den Fall, dass es 99 Prozent der Belegschaft begr&uuml;&szlig;ten, immerfort von ihren Mitarbeitern be&auml;ugt, bespitzelt und beargw&ouml;hnt zu werden, machte das die Sache keinen Deut besser &ndash; sondern noch viel schlimmer. Oder will und soll uns die vielbeschworene und vielgepriesene Digitalisierung wom&ouml;glich genau dahin bringen? Es ganz normal zu finden, dass jeder seinem N&auml;chsten eine Wanze, ein Spion, eine Drohne ist &ndash; und sich selbst dazu. Man k&ouml;nnte den Eindruck gewinnen.   <\/p><p><strong>Funktions&auml;ffchen <\/strong><\/p><p>Zonar jedenfalls macht`s m&ouml;glich. Europas gr&ouml;&szlig;ter Onlinemodeh&auml;ndler Zalando hat seine &bdquo;Performance- und Entwicklungsplattform&ldquo; seit drei Jahren im Einsatz und erreicht damit nach eigenen Angaben inzwischen 5.000 von insgesamt 14.000 Besch&auml;ftigten. Das System ist an die g&auml;ngigen Internetratings angelehnt, mit denen Kunden zuvor erworbene Produkte beurteilen und benoten, wodurch andere Konsumenten beim Einkaufen im World Wide Web eine Richtschnur haben. Mit dem Vordringen der digitalen Technik in die Arbeitswelt werden Ratings indes zunehmend zu einem betrieblichen Evaluierungs- und &Uuml;berwachungs- und einem Instrument der Leistungsvermessung. Geratet, gerankt und gescored werden nicht mehr nur Dinge, sondern Mitmenschen, Mitarbeiter oder, was sich Industrie und Digitalwirtschaft w&uuml;nschen: Funktions&auml;ffchen.   <\/p><p>Die Sozialwissenschaftler Philipp Staab und Sascha-Christopher Geschke von der Berliner Humboldt-Universit&auml;t haben sich im Auftrag der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung zwei Jahre lang damit besch&auml;ftigt, wie das System bei Zalando funktioniert, wie es bei den Betroffenen ankommt und sich sein Gebrauch auf das innerbetriebliche Miteinander auswirkt. F&uuml;r ihre am vergangenen Mittwoch vorgestellte <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_study_hbs_429.pdf\">60-seitige Studie<\/a> &bdquo;Ratings als arbeitspolitisches Konfliktfeld&ldquo; haben die beiden Forscher Interviews mit besagten zehn Betroffenen sowie zwei Gruppendiskussionen gef&uuml;hrt, Pr&auml;sentations- und Schulungsmaterialien ausgewertet und Experten f&uuml;r Arbeitsrecht und Datenschutz hinzugezogen. <\/p><p><strong>Betriebsklima leidet<\/strong><\/p><p>Es habe sich gezeigt, stellen sie in einer einleitenden Zusammenfassung fest, &bdquo;versch&auml;rfte Kontrolle und Konkurrenz innerhalb der Belegschaft schaden dem Betriebsklima; technologische Intransparenz wird zur Legitimierung betrieblicher Ungleichheit eingesetzt; und Legalit&auml;tsfragen, insbesondere im Bereich des Datenschutzes, bleiben ungekl&auml;rt&ldquo;. An anderer Stelle schreiben sie von einem &bdquo;sehr umfassenden, quasi panoptischen System der Leistungskontrolle&ldquo;, das auf eine neue Ebene von Daten zur Leistungsvermessung zugreife, n&auml;mlich die &bdquo;wechselseitige Bewertung&ldquo; unter Kolleginnen und Kollegen. Diese erweitere das &bdquo;klassische Spektrum der vertikalen Arbeitskontrolle um einen Bereich, der bis heute als Wiege der Solidarit&auml;t unter Besch&auml;ftigten und als dem Zugriff von Vorgesetzten entzogen galt&ldquo;.<\/p><p>Im Technosprech der Silicon-Valley-J&uuml;nger hei&szlig;t das Modell &bdquo;Worker-Coworker-Ratings&ldquo; und im Falle Zalando l&auml;uft es so: Im Abstand von einem halben Jahr werden bis zu acht Angestellte durch Mitarbeiter, aber unter Beteiligung der jeweiligen F&uuml;hrungskr&auml;fte nominiert, um dann &uuml;ber Monate einer Rundumbeobachtung ausgesetzt zu sein. Im Prinzip werde von jedem erwartet, &bdquo;permanent Aufzeichnungen zum Verhalten&ldquo; der Kolleginnen und Kollegen anzufertigen, konstatieren die Forscher. Wer funktioniert nach Plan, wer tr&ouml;delt, wer st&ouml;rt die Abl&auml;ufe? Wem etwas Positives oder Negatives auff&auml;llt, ist angehalten, seine Eindr&uuml;cke und Wertungen praktisch rund um die Uhr (in the moment) direkt per App &uuml;bers Smartphone ins System einzuspeisen. Laut Studie finden daneben regelm&auml;&szlig;ig &bdquo;umfangreiche Leistungs- und Entwicklungseinsch&auml;tzungen&ldquo; statt &ndash; sowohl durch die Kollegen als auch durch die Vorgesetzten. Beim 2017 eingef&uuml;hrten Zonar 1.0 geschah das einmal im Jahr. Mit dem neu implementierten Zonar 2.0 werde die systematische Leistungskontrolle durch den nun halbj&auml;hrlichen Turnus &bdquo;engmaschiger und umfassender&ldquo;. Damit sollten Fehleinsch&auml;tzungen &bdquo;umgehend korrigiert und die leistungsad&auml;quate Bef&ouml;rderung sowie die positionsad&auml;quate Bezahlung schnell nachgeholt werden k&ouml;nnen&ldquo;.<\/p><p><strong>Fair die L&ouml;hne dr&uuml;cken<\/strong><\/p><p>Hier gelangt man zu des Pudels Kern: Mit Zonar wird der Leistungs- und Lohndruck noch einmal drastisch erh&ouml;ht, wobei so getan wird, als gehe es dabei sogar &bdquo;demokratischer&ldquo; und &bdquo;gerechter&ldquo; zu als fr&uuml;her. Denn nicht mehr der &bdquo;b&ouml;se Boss&ldquo; sagt an, wie gut oder schlecht jemand spurt und was ihm daf&uuml;r an Geld zusteht, sondern die &bdquo;lieben Kollegen&ldquo;. Gegen&uuml;ber der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/zalando-ueberwachung-zonar-1.4688431\">&bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo; (SZ) vom Mittwoch<\/a> bezeichnete ein Zalando-Sprecher das Vorgehen denn auch als &bdquo;wichtigen Bestandteil unseres Talentmanagements, mit dem wir Mitarbeitern und F&uuml;hrungskr&auml;ften gleicherma&szlig;en die M&ouml;glichkeit geben, sich 360-Grad-Feedback einzuholen und zu geben&ldquo;, und weiter: &bdquo;Dieses System ist fairer als vorher.&ldquo; <\/p><p>Mehr Augenwischerei geht kaum. In Wahrheit ist und wirkt Zonar kein St&uuml;ck egalit&auml;r, sondern hochgradig elit&auml;r. Auf Basis der gesammelten Informationen erstellt ein Algorithmus individuelle Scores und unterteilt die Belegschaft in Mitarbeiter erster, zweiter und dritter Klasse. Wie Socken, T-Shirts und Unterhosen werden sie in Schubladen gesteckt und kriegen ein Label angeheftet: als sogenannte Low-, Good- oder Top-Performer. Bei Wohlgefallen winkt eine Gehaltserh&ouml;hung, bei Missfallen droht der Rauswurf. Es werde eine betriebliche Hierarchie hergestellt, &bdquo;die vorher so nicht bestanden hat&ldquo;, stellen Staab und Geschke fest. &bdquo;Es ist folglich ein Instrument zur Herstellung betrieblicher Ungleichheit.&ldquo; Lediglich Top-Performer qualifizierten sich f&uuml;r eine bessere Bezahlung, wobei ihre Zahl &bdquo;systematisch gering gehalten&ldquo; werde. In einigen Abteilungen w&uuml;rden blo&szlig; zwei bis drei Prozent der Besch&auml;ftigten entsprechend klassifiziert. Die Masse der Good-Performer erhalte nur einen j&auml;hrlichen Inflationsausgleich, &bdquo;was nichts anderes ist als Lohnstagnation&ldquo;, befinden die Forscher. <\/p><p><strong>In Googles Fu&szlig;stapfen<\/strong><\/p><p>Und nat&uuml;rlich &bdquo;tritt&ldquo; Zonar nach unten. Mit schmerzhaften Sanktionen werde ein &bdquo;Betriebsklima der Angst und ein Motiv des permanenten Statuserhalts&ldquo; erzeugt, hei&szlig;t es hierzu. Gerade in der Wahrnehmung der befristet Besch&auml;ftigten gehe es dabei &bdquo;nicht nur um den eigenen Lohn, sondern um den Arbeitsplatz&ldquo;. Ein Befragter dr&uuml;ckte dies so aus: &bdquo;Ich merke, dass einige schon Angst haben, also gerade Leute, die denken, der Vertrag k&ouml;nnte m&ouml;glicherweise nicht verl&auml;ngert werden.&ldquo; Ein anderer beklagte, man bleibe auf seiner &bdquo;Stellung&ldquo; festgenagelt. &bdquo;Wenn jemand als Low-Performer bewertet wird, dann hat er es halt extrem schwierig, erst mal aus dieser Rolle wieder rauszukommen und sich &uuml;berhaupt weiterzuentwickeln.&ldquo; Aber selbst die vermeintlichen Spitzenkr&auml;fte empfinden offenbar mehr Druck als Wertsch&auml;tzung. Einer schilderte, wie man auf ihn einwirkte, einen Kollegen herabzusetzen, &bdquo;oder du bist halt kein Top-Performer mehr. (&hellip;) Das halte ich f&uuml;r Erpressung.&ldquo; <\/p><p>Zonar ist nicht das einzige System seiner Art. 2015 wurden in den USA Praktiken des Internetgiganten Amazon enth&uuml;llt, der mit seiner Software &bdquo;Anytime Feedback Tool&ldquo; F&uuml;hrungskr&auml;fte &uuml;berwacht, zum Verpetzen von Kollegen gen&ouml;tigt und Druck auf Kranke und &bdquo;Minderleister&ldquo; ausge&uuml;bt hatte. In der Kritik steht auch das &bdquo;re:Work&ldquo;-Tool von Google. Immer drehen sich die Instrumente darum, die Besch&auml;ftigten zu disziplinieren, gegen andere in Wettbewerb zu setzen und  die Personalkosten zu dr&uuml;cken. Staab und Geschke halten das deutsche Pendant f&uuml;r &bdquo;eine st&auml;rker formalisierte und umfassendere Anwendung&ldquo;. Sie verbinde die &bdquo;breit angelegte Erhebung horizontaler Ratingdaten&ldquo; wie bei Amazon &bdquo;mit der umfassenden, periodischen Leistungsevaluierung&ldquo; wie bei Google. <\/p><p><strong>Bei Klogang Jobverlust<\/strong><\/p><p>Die Penetranz, mit der die Digitaltechnologie dem Publikum als gro&szlig;e und unaufhaltsame Errungenschaft der &bdquo;sch&ouml;nen neuen&ldquo; Arbeitswelt 4.0 verkauft wird, steht in krasser Diskrepanz zu den Erfahrungen der Betroffenen. So sollen in den Versandzentren von Amazon in Gro&szlig;britannien die lausig bezahlten, rundumgescannten Arbeiter sogar schon in Flaschen uriniert haben, weil der Gang zur Toilette bei ihrem Arbeitspensum nicht aufzuholen ist und &bdquo;Zeitverschwender&ldquo; schnell ihren Job los sind. Die Plattform Organize.org ermittelte, dass Betroffene deshalb aufs Trinken verzichteten und 55 Prozent der Besch&auml;ftigten aufgrund der menschenverachtenden Arbeitsbedingungen unter Depressionen litten. Als die Zust&auml;nde im Fr&uuml;hjahr 2018 publik wurden, <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/job\/amazon-am-pranger--urin-flaschen-statt-pinkel-pausen-7945642.html\">beschied ein Konzernsprecher<\/a>: &bdquo;Wir konzentrieren uns darauf, dass wir allen unseren Mitarbeitern ein gro&szlig;artiges Arbeitsumfeld bieten.&ldquo;<\/p><p>Dasselbe Spiel jetzt bei Zalando. Man entlohne seine Mitarbeiter &bdquo;fair und l&auml;sst sie am wachsenden unternehmerischen Erfolg teilhaben&ldquo;, <a href=\"https:\/\/corporate.zalando.com\/de\/newsroom\/de\/news-storys\/unser-statement-zur-studie-der-hans-boeckler-stiftung\">lie&szlig; die Firmenleitung in Reaktion auf die Ver&ouml;ffentlichung ausrichten<\/a>. 67 Prozent w&uuml;rden das Unternehmen als &bdquo;guten Arbeitgeber&ldquo; weiterempfehlen, man begr&uuml;&szlig;e &bdquo;jegliche Art von betrieblicher Mitbestimmung&ldquo; und &bdquo;Transparenz und eine offene Feedbackkultur&ldquo; w&auml;ren &bdquo;seit jeher gelebte Realit&auml;t&ldquo;. Ein in der Studie Befragter beklagt dagegen &bdquo;Stasi-Methoden&ldquo;. Es sei unversch&auml;mt, die Technik als &bdquo;Selbstoptimierungstool&ldquo; zu pr&auml;sentieren &bdquo;und niemals auch nur mit einer Silbe zu erw&auml;hnen, dass es eigentlich ein Kontrollsystem ist&ldquo;. <\/p><p><strong>Im Glashaus gefangen<\/strong><\/p><p>Es gehe um eine &bdquo;360-Grad-&Uuml;berwachung&ldquo;, bemerkte ein anderer. &bdquo;Ich kann nicht einfach mal einen schlechten Tag haben&ldquo;, noch Monate sp&auml;ter schlage sich eine &bdquo;Kleinigkeit&ldquo;, an die er sich gar nicht mehr erinnere, in einem Feedback nieder. Verst&auml;rkt wird der Eindruck &bdquo;totaler, einseitiger Transparenz&ldquo; noch durch die Art der R&auml;umlichkeiten, in die Teile der Berliner Dependance mit der Inbetriebnahme des Zonar-Pilotmodells im M&auml;rz 2016 umzogen. Die Arbeitspl&auml;tze befinden sich seither in einer vollverglasten Produktionsebene und sind von praktisch &uuml;berall einsehbar. <\/p><p>Weniger durchsichtig ist die &bdquo;Mitbestimmungskultur&ldquo; im Unternehmen. Zalando habe nur &bdquo;sehr fragmentierte Betriebsr&auml;te&ldquo;, wovon manche schon wieder aufgel&ouml;st worden seien, schreiben die Studienautoren. Stattdessen werbe man mit der ZWP, der Zalando Employee Participation. Das sei ein &bdquo;arbeitgebergesteuertes Instrument, welches keine amtlichen Rechte hat und somit aus juristischer Perspektive deutlich schw&auml;cher als ein Betriebsrat ist&ldquo;. Ein Befragter merkte an, dass &bdquo;Zalando nat&uuml;rlich den Betriebsr&auml;ten oder dem Entstehen von Betriebsr&auml;ten vorab die Luft rausnimmt, indem sie halt einfach eine eigene Arbeitnehmervertretung anbieten, auch wenn die arbeitgebergesteuert oder arbeitgeberzensiert ist&ldquo;.  <\/p><p><strong>Chef bleibt Chef<\/strong><\/p><p>Arbeitgebergesteuert sind freilich auch die viertelj&auml;hrlichen &bdquo;freiwilligen Umfragen zur Mitarbeiterzufriedenheit&ldquo;, die das Management so r&uuml;hmt. Nicht minder fragw&uuml;rdig ist das Gerede von der &bdquo;Feedbackkultur&ldquo;, wonach quasi die F&uuml;hrungsetage beim Bewertungs- und Belohnungsverfahren au&szlig;en vor bleibt und das Kollegium ein St&uuml;ck weit die Regie &uuml;bernimmt. Das Versprechen ist einmal mehr nur Fassade. Laut Studie wurde mit den Mitarbeitern die Logik des Systems an sich weder er&ouml;rtert, noch sei offengelegt worden, nach welcher Logik die erhobenen Daten aggregiert und verarbeitet werden. Damit bleibe &bdquo;vollkommen intransparent&ldquo;, wie die individuellen Scores gebildet werden. &bdquo;Der Algorithmus ist eine systematische Blackbox &ndash; was f&uuml;r die Besch&auml;ftigten besonders schwer wiegt, weil sie an dieser Stelle die eigentliche Aus&uuml;bung betrieblicher Herrschaft verorten.&ldquo; <\/p><p>Staab und Geschke identifizieren ein &bdquo;methodisch hochgradig vorstrukturiertes Bewertungssystem&ldquo;, das aufgrund seiner Konstruktion &bdquo;gar keine anderen Ergebnisse produzieren kann als jene, die ihm von Managementseite vorab zugedacht sind&ldquo;. Und wenn der Computer einmal nicht das genehme Ergebnis ausspuckt, hat am Ende eben noch immer der Boss die Hosen an. In besagtem &bdquo;SZ&ldquo;-Artikel kommt eine Betroffene zu Wort, die trotz guter Noten durch ihre Kollegen herabgestuft worden sei. &bdquo;Egal wie gut dein Feedback ist, der Chef kann es auslegen, wie er will. Mag er dich nicht, ekelt er dich aus der Firma.&ldquo; <\/p><p><strong>Passiver Widerstand<\/strong><\/p><p>Gut zu wissen: Zonar ist l&auml;ngst kein Selbstl&auml;ufer. Die Analyse beleuchtet verschiedene Formen von &bdquo;passivem Widerstand&ldquo; und &bdquo;Subversion&ldquo;. So werde etwa das Echtzeitrating &bdquo;nicht oder so wenig wie m&ouml;glich&ldquo; verwendet. Weiterhin zeigten sich Ph&auml;nomene wie &bdquo;Bummelstreiks&ldquo; oder &bdquo;Dienst nach Vorschrift&ldquo;. Ein Befragter beugt sich &bdquo;halt wirklich nur, wenn ich dazu gezwungen bin, wie in dieser Feedbackrunde. Wie gesagt, diese Feedbacks proaktiv erwirken, das mache ich halt wirklich nicht.&ldquo; Auch F&auml;lle von &bdquo;expliziter Verweigerung&ldquo; sind &uuml;berliefert, was schlie&szlig;lich zum erzwungenen Ausscheiden der Betroffenen gef&uuml;hrt haben soll. Die beiden Wissenschaftler stellen angesichts dieser und anderer Friktionen wie &bdquo;eine Verschlechterung des Betriebsklimas, Stress und psychologische Belastungen&ldquo; am Ende gar die These auf, das System werde &bdquo;aller Wahrscheinlichkeit nach als effizienzsteigerndes betriebliches Kontrollinstrument&ldquo; scheitern. Allerdings funktioniere es &bdquo;als Instrument der Lohnrepression und damit der Kostensenkung&ldquo;.<\/p><p>Erfreulicherweise hat die Vorlage der Studie allerhand Emp&ouml;rung hervorgerufen. &bdquo;So macht Digitalisierung, die enorme Chancen f&uuml;r bessere Arbeit bietet, den Menschen Angst&ldquo;, monierte Norbert Walter-Borjans, Kandidat f&uuml;r den SPD-Parteivorsitz. Zonar sei ein Beispiel daf&uuml;r, wie Technik daf&uuml;r genutzt werde, die Menschen zu instrumentalisieren. &bdquo;Derartige Methoden der &Uuml;berwachung und gegenseitigen Kontrolle geh&ouml;ren verboten&ldquo;, bekr&auml;ftigte Dietmar Bartsch, Fraktionschef der Partei Die Linke im Bundestag. Und Stefanie Nutzenberger, Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft ver.di erkl&auml;rte: &bdquo;Algorithmusgesteuerte Kontrollen sind &bdquo;intransparent, setzen die Besch&auml;ftigten in permanente Konkurrenz zueinander, missachten den Datenschutz und dienen dem Unternehmen als billige Ausrede, warum man keine Tarifvertr&auml;ge abschlie&szlig;en will&ldquo;.<\/p><p>Auch der Datenschutzbeauftragten des Landes Berlin, Maja Smoltczyk, sind die Vorg&auml;nge nicht geheuer. Wie ihre Sprecherin Dalia Kues am Freitag dem Portal Netzpolitik.org best&auml;tigte, habe Zalando die Beh&ouml;rde am Tag des Bekanntwerdens der Studie <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2019\/datenschuetzer-pruefen-mitarbeiter-scoring-bei-zalando\/\">&uuml;ber den Einsatz der Software informiert<\/a> und &bdquo;wir haben daraufhin eine Pr&uuml;fung eingeleitet&ldquo;. Fast schon selbstredend legen die Befunde von Staab und Geschke auch &bdquo;offensichtliche Zweifel an der Legalit&auml;t des Systems nahe, insbesondere unter dem Gesichtspunkt des Datenschutzes&ldquo;. Aber das kennt man ja von: Google, Facebook, WhatsApp, Amazon, Twitter, Instagram, Microsoft, Uber, Mastercard, UniCredit &hellip;   <\/p><p>Titelbild: Cineberg\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/5408eff91fce4671abd3af6efc426eb4\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europas gr&ouml;&szlig;ter Onlinemodeh&auml;ndler setzt bei seiner Jagd nach Profit auf die &bdquo;Performance- und Entwicklungsplattform&ldquo; namens Zonar. &Uuml;ber Funktionsweise und Auswirkungen des Systems kl&auml;rt eine aktuelle Studie der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung auf. Was als vermeintlich &bdquo;egalit&auml;r&ldquo; und &bdquo;fair&ldquo; daherkommt, bef&ouml;rdert die Ungleichheit und verfestigt Hierarchien, befinden die Autoren.<br \/> Mithilfe der Software wird die Belegschaft in Besch&auml;ftigte erster, zweiter<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56665\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":56666,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,107,184,161],"tags":[1740,850,2094,1759,866,1554,2773,2037],"class_list":["post-56665","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-ueberwachung","category-wertedebatte","tag-arbeitsbedingungen","tag-datenschutz","tag-digitalisierung","tag-entsolidarisierung","tag-konkurrenzdenken","tag-orwell-2-0","tag-zalando","tag-zukunftsangst"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/191126-zalando.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=56665"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56696,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56665\/revisions\/56696"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/56666"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=56665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=56665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=56665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}