{"id":5669,"date":"2010-05-26T16:27:27","date_gmt":"2010-05-26T14:27:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5669"},"modified":"2014-03-05T11:52:09","modified_gmt":"2014-03-05T10:52:09","slug":"fortsetzung-nr-2-des-disputs-flassbeck-vs-hickel-ergaenzt-um-einen-nds-leser-text","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5669","title":{"rendered":"Fortsetzung Nr. 2 des Disputs Flassbeck vs. Hickel erg\u00e4nzt um einen NDS-Leser-Text"},"content":{"rendered":"<p>Heiner Flassbeck hat einen neuen Text geschickt. Siehe unten A. Gleichzeitig erreichte uns die interessante Mail eines NDS-Lesers (B.). Beides zu Ihrer Information. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>A.<br>\nVon T&auml;tern und Opfern<\/strong><br>\nVon Heiner Flassbeck<br>\nSao Paolo, 25.5.2010<\/p><p>Meine Vorstellungen zur umfassenden L&ouml;sung der Eurokrise will ich hier nicht noch einmal darstellen. Das habe ich zur Gen&uuml;ge getan. Ich will nur einige Prinzipien deutlich ansprechen, die man beachten sollte, bevor man leichtfertig von einem Bankrott eines Staates der Eurozone, von einem &bdquo;haircut&ldquo; oder einer Umstrukturierung von Staatsschulden im Euroraum spricht.<\/p><p>Griechenland ist nicht das Problem. Gemessen am Gesamtproblem des Euroraumes ist Griechenland nur eine Fu&szlig;note. Wer ein Griechenland fallen l&auml;sst, schafft sofort ein neues.<\/p><p>Zudem, wer immer sich mit Verve auf das kleine Griechenland st&uuml;rzt, spielt dem Boulevard und den primitivsten Vorurteilen an den Stammtischen und an den Finanzm&auml;rkten in die H&auml;nde. F&uuml;r jedes Land der Welt lassen sich Informationen finden, die schrecklich klingen, aber in einen gr&ouml;&szlig;eren Zusammenhang eingeordnet, vollkommen unproblematisch sein m&ouml;gen. Man erinnere sich, dass der globale Boulevard vor einigen Jahren noch das Ende Deutschlands als Exportnation ausgerufen hatte, weil die Arbeitnehmer nicht gen&uuml;gend lange arbeiteten, die Lohnnebenkosten zu hoch seien und zu viele Vorschriften den deutschen Unternehmen die Luft zum Atmen n&auml;hmen. Dagegen wird die einfache, aber f&uuml;r die Beurteilung der Seriosit&auml;t von Verschuldung absolut zentrale Tatsache, dass Griechenland in den letzten zehn Jahren weit h&ouml;here Zuw&auml;chse der Investitionen in Maschinen und Ausr&uuml;stungen aufwies, als alle &uuml;brigen L&auml;nder des Euroraumes, einfach unter den Tisch gekehrt.<\/p><p>Bei der Beurteilung dessen, was souver&auml;ne Staaten in einer schwierigen Lage tun sollten, ist es meist hilfreich, so wenig &uuml;ber das Land zu wissen, dass man erst gar nicht in Versuchung ger&auml;t, sich mit einem Schein- und Detailwissen hervorzutun. Das profunde Wissen der Menschen und der Politiker von ihrem eigenen Land in den Schatten stellen zu wollen, f&uuml;hrt regelm&auml;&szlig;ig in die Irre. <\/p><p>Der Internationale W&auml;hrungsfonds ist mit seinen Programmen &agrave; la Washington Konsensus in der Vergangenheit so oft gescheitert und hat immense Sch&auml;den &uuml;ber Jahrzehnte hinterlassen, weil er sich auch auf der Mikroebene kompetent f&uuml;hlte und folglich immer ganz genau &bdquo;wusste&ldquo;, was schief gelaufen war und was nun gemacht werden musste. Da mussten in Lateinamerika nat&uuml;rlich die Versorgungsunternehmen privatisiert werden, Asien musste sein &bdquo;verrottetes Bankensystem&ldquo; &uuml;ber Bord werfen und jede Form von sozialer Absicherung in den Betrieben sowieso, bevor die Gelder flie&szlig;en konnten. Korruption war nat&uuml;rlich fast &uuml;berall au&szlig;er in Washington der Hauptgrund f&uuml;r die Misere von L&auml;ndern. In den Vereinten Nationen und in der ganzen internationalen Gemeinschaft hat man, um dieses Mikrounwesen zu kennzeichnen, daf&uuml;r seit Jahrzehnten den sch&ouml;nen Ausdruck  &bdquo;no one size fits all&ldquo; gepr&auml;gt. Das hei&szlig;t, &uuml;berlasst die Entscheidung, wie im Einzelnen mit einer solchen Situation umgegangen wird, gef&auml;lligst dem Land und seinen gew&auml;hlten Vertretern. Etwas mehr Respekt in dem Sinne w&auml;re bei allen Beteiligten auf deutscher Seite unglaublich hilfreich.<\/p><p>Griechenland und alle &uuml;brigen L&auml;nder, die noch in Schwierigkeiten geraten k&ouml;nnten, haben als Mitglieder der Eurozone nat&uuml;rlich Anspruch darauf, dass ihnen die Europ&auml;ische Zentralbank in einer Notlage mit direkten Interventionen in die M&auml;rkte und damit als lender of last resort zur Seite springt.<\/p><p>Dass diese Selbstverst&auml;ndlichkeit in der EWU erst in einem schmerzhaften und f&uuml;r die Griechen entw&uuml;rdigenden politischen Prozess zugestanden wurde, wird als ein gro&szlig;es Versagen der europ&auml;ischen Institutionen in die Geschichte eingehen. H&auml;tte man rechtzeitig interveniert, w&auml;re der Zins niemals so hoch gestiegen, dass Griechenlands Glaubw&uuml;rdigkeit in Sachen Konsolidierungschance gef&auml;hrdet gewesen w&auml;re. Dass aber schon lange vor der Rettung durch die Zentralbank die Geier des Boulevards &uuml;ber das Land herfielen und viele &Ouml;konomen das Lied vom Bankrott mitsangen, wird in anderen B&uuml;chern des Versagens festgehalten werden m&uuml;ssen.<\/p><p>Der Gl&auml;ubiger eines Staates ist in der Regel kein Spekulant. Wer bis Oktober 2009  griechische Staatsanleihen gekauft hat, wollte damit Geld fest anlegen und hat auch keine extrem hohen Zinsen kassiert. Im Gegenteil, er hat durch die Spekulation bereits Geld verloren, weil der Wert seiner Anleihen deutlich gesunken ist. <\/p><p>Es ist leider eine Unsitte in Deutschland und vermutlich in ganz Europa, dass die &bdquo;modernen Banken&ldquo; dem Publikum Staatsanleihen &auml;u&szlig;erst selten und &auml;u&szlig;erst ungern direkt anbieten und verkaufen. Statt dessen halten sie die Anleihen selbst und konstruieren &bdquo;sichere Produkte&ldquo; auf der Basis von Staatsanleihen, die dann dem Publikum angeboten werden (wobei die &bdquo;Produkte&ldquo; nat&uuml;rlich einen geringeren Zins bieten). Das aber bedeutet, dass die Tatsache, dass bei Banken viele Staatsanleihen in den B&uuml;chern stehen, nichts dar&uuml;ber sagt, wer bei einem Ausfall von Staatsanleihen wirklich am Ende in Mitleidenschaft ger&auml;t. In einer Situation, wo gerade viele relativ seri&ouml;se Banken (im Gegensatz zu den Zockerbanken) noch in Schwierigkeiten sind oder schnell in neue Schwierigkeiten geraten k&ouml;nnen, w&auml;re der Ausfall auch nur eines Staates ein enormes Risiko und m&uuml;sste absurderweise wiederum die &bdquo;bankrotten&ldquo; Staaten auf den Plan rufen. Auch f&uuml;r die B&uuml;rger und Kleinsparer w&auml;re der Ausfall ihres eigenen Staates ein gewaltiger Schock, der mit gro&szlig;er Sicherheit Panikreaktionen nach sich z&ouml;ge, die wiederum staatliche Bankenrettung erforderlich machte.<\/p><p>Insgesamt gesehen sollte wir uns mehr der Ungeheuerlichkeit widmen, dass von denjenigen Finanzmarktakteuren, die mit ihren geplatzten Spielschulden die Verschuldung der Staaten in die H&ouml;he getrieben haben, nun der Bankrott von Staaten ausgerufen wird. Griechenland war in dieser Strategie der Ablenkung von den eigentlichen Problemen ein willkommenes Opfer, weil die vorherige Regierung so t&ouml;lpelhaft gef&auml;lscht hat. Wer aber auf Griechenland einschl&auml;gt, ist auf die Strategie der T&auml;ter, die Opfer zu T&auml;tern zu machen, schon hereingefallen. <\/p><p><strong>B.<br>\nE-Mail von NDS-Nutzer EH.(Ausz&uuml;ge):<\/strong><br>\n(Soweit sich EH auf Heiner Flassbeck bezieht, ist der <a href=\"?p=5562\">vorige Text<\/a> gemeint)<\/p><p>Sch&ouml;n, dass sich zwei kritische Wirtschaftswissenschaftler so streiten k&ouml;nnen. &hellip;<\/p><p>Abseits der fachlichen Ein- und Ansichten kann man als Au&szlig;enstehender festhalten, dass Prof. Hickel aktuell einen griechischen Staatsschuldenschnitt bef&uuml;rwortet, w&auml;hrend Prof. Flassbeck durchaus den &bdquo;Zusammenbruch&ldquo; des europ&auml;ischen W&auml;hrungsverbunds sieht, wenn jetzt nicht gehandelt wird. <\/p><p>Der Ratschlag von Prof. Hickel w&uuml;rde dem griechischen Staat zwar eine Alt-Schuldenreduzierung bringen, aber das Land h&auml;tte zuk&uuml;nftig seine Bonit&auml;t verloren. Prof. Hickel darf bei seinen &Uuml;berlegungen nicht vergessen, dass Griechenland in den n&auml;chsten Jahren weitere (frische) Kredite ben&ouml;tigt. Jeder nichtstaatliche Teilnehmer am Kapitalmarkt w&uuml;rde um den unsicheren Kantonisten auf mittlere Sicht einen gro&szlig;en Bogen machen, bis auf die Zockerbande, die nur Junkbond-Zinss&auml;tze akzeptieren (und Swap-Gesch&auml;fte machen) w&uuml;rde oder bis auf den IWF und die anderen EU-Staaten, die mit fairen Zinss&auml;tzen Griechenland &bdquo;retten&ldquo; k&ouml;nnten (so wie jetzt). F&uuml;r den Euro ist es nicht gerade f&ouml;rderlich, wenn Griechenland mit Jamaika oder Aserbaidschan in einen Topf geworfen wird <\/p><p>F&uuml;r die &uuml;brigen Eurol&auml;nder k&auml;me es aber auch kn&uuml;ppeldick. Wenn ein bisher als relativ sicher geltender Schuldner umknickt, dann zieht das weitere Kreise, beginnend mit portugiesischen, dann spanischen, dann italienischen Staatsanleihen (andeutungsweise ist dies schon geschehen). Die Kurse dieser Papiere w&uuml;rden bei einem griechischen Schuldenschnitt an der B&ouml;rse zusammenkrachen, bedingt durch die eintretende (Verkaufs)Panik von Rentenfonds und Versicherern, die aufgrund ihrer (auf Sicherheit ausgerichteten) Anlagebedingungen verkaufen m&uuml;ssten. Auch andere Anlegergruppen w&uuml;rden sich um ihre Anleihen Gedanken machen und vorsichtshalber (mit Verlust aufgrund des Kursrutsches, der den Kursrutsch noch weiter anfacht) das Geld abziehen und auf zinslosem Konto parken. Weltweit w&uuml;rden s&auml;mtliche Staatspapiere neu bewertet werden, da in vielen Staaten &auml;hnliche Schuldensituationen vorherrschen. Ein weltweiter Anleihecrash w&auml;re gegeben &ndash; und auf dieses Schlachtfest warten die Finanzoligarchen, damit sie richtig absahnen k&ouml;nnen. <\/p><p>Solange die durch Angst ausgel&ouml;ste Kettenreaktion am Kapitalmarkt nicht ausgeschlossen werden kann, sollte man Prof. Hickels Vorschlag nicht umsetzen. <\/p><p>Und nun zu Prof. Flassbecks Vorschlag. Er schreibt: &ldquo;Es w&auml;re allerdings ein politisches Armutszeugnis ersten Ranges, wenn Europa nicht ein einziges Mal &ndash; bevor es zusammenbricht &ndash; versuchen w&uuml;rde, &hellip;&rdquo; u. a. eine erst mittelfristig wirkende gegens&auml;tzliche Lohnentwicklung von Deutschland zu den anderen Eurostaaten zu praktizieren. Leider setzt dies politischen Willen bei den (deutschen) Politikern und Wirtschaftsverb&auml;nden voraus, freiwillig auf Wettbewerbsvorteile zu verzichten. Eigentlich bietet Prof. Flassbeck seit Jahren eine L&ouml;sung an, die allerdings nicht aufgegriffen wurde. Schade eigentlich. <\/p><p>Der Euro wird aber &uuml;berleben, denn das Problem ist kein W&auml;hrungs-, sondern ein Staatshaushaltsproblem, das aus spekulativen Gr&uuml;nden geschickt zum Problem des Euro gemacht wurde. Die Notenbanken werden bei Bedarf den Euro st&uuml;tzen, so wie sie auch den Dollar oder Yen st&uuml;tzen w&uuml;rden. Prof. Hickels L&ouml;sung ist erst dann taktisch einsetzbar, wenn alle Staatshaushalte gewollt und gleichzeitig einen Schuldenschnitt vornehmen w&uuml;rden. Allerdings w&uuml;rde ein solcher Schritt die Weltwirtschaft l&auml;hmen, da der &ndash; sich bisher direkt oder indirekt in Staatspapieren d&auml;mlich dumm sparende &ndash; Mittelstand als Wachstumsmotor ausfallen w&uuml;rde. <\/p><p>M&ouml;glich w&auml;re aber auch, dass die Notenbanken dieser Erde sukzessive s&auml;mtliche Staatsschulden einsammeln. Die amerikanische und japanische Notenbank sammeln schon flei&szlig;ig und die EZB f&auml;ngt diesen Monat damit an. Der Vorteil besteht darin, dass die Abschreibung der Schulden bei den Notenbanken keine bilanzielle Auswirkung h&auml;tte, falls ein Staatsschuldenschnitt gemacht werden sollte. Zuvor erhielten sie aber Zinsen von den Staaten, die die Notenbanken an die Staaten als Gewinn wieder aussch&uuml;tten k&ouml;nnten. Eine verflixt gute Variante im Kapitalismus. Mal schauen, wo das noch hinf&uuml;hrt. <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nE. H.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiner Flassbeck hat einen neuen Text geschickt. Siehe unten A. Gleichzeitig erreichte uns die interessante Mail eines NDS-Lesers (B.). Beides zu Ihrer Information. 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