{"id":56848,"date":"2019-12-04T13:00:50","date_gmt":"2019-12-04T12:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56848"},"modified":"2019-12-04T16:24:14","modified_gmt":"2019-12-04T15:24:14","slug":"von-puppenregimen-und-anderweitigen-entwicklungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56848","title":{"rendered":"Von Puppenregimen und anderweitigen Entwicklungen"},"content":{"rendered":"<p>US-Pr&auml;sident Donald Trump stattete seinen Truppen in Afghanistan zu Thanksgiving einen Besuch in der Milit&auml;rbasis Bagram ab. Vor Ort war auch der gegenw&auml;rtige afghanische Pr&auml;sident Ashraf Ghani, der endlich sein langersehntes Treffen mit Trump bekam &ndash; und seine Rolle als &bdquo;Marionette&ldquo;, wie die Taliban ihn oft bezeichnen, best&auml;tigte. Von <strong>Emran Feroz aus Kabul<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4599\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-56848-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191204_Von_Puppenregimen_und_anderweitigen_Entwicklungen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191204_Von_Puppenregimen_und_anderweitigen_Entwicklungen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191204_Von_Puppenregimen_und_anderweitigen_Entwicklungen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191204_Von_Puppenregimen_und_anderweitigen_Entwicklungen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=56848-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191204_Von_Puppenregimen_und_anderweitigen_Entwicklungen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191204_Von_Puppenregimen_und_anderweitigen_Entwicklungen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es war mitten in der Nacht, als Donald Trump praktisch ohne jegliche Ank&uuml;ndigung am US-Luftwaffenst&uuml;tzpunkt in Bagram nahe Kabul landete. Pl&ouml;tzlich war er da, und zwar zum allerersten Mal in seiner gesamten Amtszeit. W&auml;hrend die meisten Afghanen schliefen, freute dies vor allem einen Mann: Afghanistans gegenw&auml;rtigen Pr&auml;sidenten Ashraf Ghani, den Trump bis dato jegliches Treffen verwehrt hatte. Ghani fuhr nach Bagram und stellte sich zwischen Trump und die versammelten US-Soldaten. Neben ihm stand weder ein Minister noch ein afghanischer Soldat oder Sicherheitsmann. Ghani war allein, und er sang ein Loblied auf Trump, das selbst von regierungsfreundlichen Kommentatoren nicht nur als einschmeichelnd, sondern als totales Eingest&auml;ndnis, ja, als v&ouml;llige Unterwerfung bewertet wurde. Die meisten Afghanen werden dieses Szenario gewiss nicht vergessen, denn vor allem in Sachen Geschichtserz&auml;hlung ziehen die meisten Menschen am Hindukusch ganz klare Linien. Es gibt Helden und Verr&auml;ter. Patrioten und Marionetten. Das mag nicht nur schwarz und wei&szlig; klingen, sondern das ist es auch. Es wird sich allerdings nicht &auml;ndern.<\/p><p>Ein Mann, der das bereits fr&uuml;h bemerkt hat, ist Afghanistans Ex-Pr&auml;sident Hamid Karzai. Nach dem Einmarsch der NATO im Jahr 2001 wurden er und sein Regime wortw&ouml;rtlich an die Macht installiert. Als die Amerikaner die Taliban angriffen, marschierte Karzai mit der CIA und US-Spezialeinheiten ein. Er feuerte dabei keine einzige Kugel ab. Im Anschluss wurde er nach einem wohlkalkulierten politischen Machtspiel zum Pr&auml;sidenten der neuen Interimsregierung ernannt. In den darauffolgenden Jahren wurde Karzai sp&ouml;ttisch als &bdquo;B&uuml;rgermeister von Kabul&ldquo; bezeichnet. Es war offensichtlich, dass er nur dank Washington an der Macht bleiben konnte und sein Handeln massiv begrenzt war. Doch bereits zum damaligen Zeitpunkt hatte sich der Mann mit der Karakulm&uuml;tze vorgenommen, nicht als Statthalter Washingtons in die (afghanische) Geschichte einzugehen. Karzai wollte keineswegs ein <em>zweiter Shah Shuja<\/em> werden. Shah Shuja Durrani war ein afghanischer Emir, der im 19. Jahrhundert in Kabul regierte. Den Weg zur Macht ebneten ihm damals die Briten. Bis heute gilt Shah Shuja in der afghanischen Gesellschaft als Ebenbild des Vaterlandsverr&auml;ters, der seinen imperialistischen Meistern seine Macht zu verdanken hat. All das liegt zweihundert Jahre zur&uuml;ck, doch die Afghanen haben weder vergessen noch verziehen.<\/p><p><strong>Karzai &ndash; Rebellierende Marionette?<\/strong><\/p><p>Als Barack Obama an die Macht kam, schlug Hamid Karzai einen anderen Weg ein. Er kritisierte Washington immer und immer wieder, und zwar scharf. Er solidarisierte sich mit den Opfern von Drohnen-Angriffen und verbannte n&auml;chtliche Razzien von US-Spezialeinheiten. Das Verbot wurde von den Amerikanern einfach ignoriert, doch Karzai tat, wie er heute behauptet, sein Bestes. Das Verh&auml;ltnis zwischen Kabul und Washington k&uuml;hlte ab. Als Obama seine Truppen, &auml;hnlich wie vor Kurzem Trump, in Bagram besuchte, blieb Karzai, im Gegensatz zu seinem Nachfolger, im Pr&auml;sidentenpalast. Falls der US-Pr&auml;sident etwas zu bereden habe, k&ouml;nne er ihn ja selbst aufsuchen. Karzais Haltung gegen&uuml;ber Washington nahm mit der Zeit die Form einer Rebellion an. Er bezeichnete die Taliban als &bdquo;Br&uuml;der&ldquo; und weigerte sich, ein bilaterales Sicherheitsabkommen mit den USA zu unterzeichnen. Gleichzeitig brodelte die Ger&uuml;chtek&uuml;che und Verschw&ouml;rungen waren im Umlauf. Unter anderem hie&szlig; es sogar, dass Washington Karzai eliminieren m&ouml;chte. Karim Khoram, Karzais damaliger Stabschef, verbreitete diesen Vorwurf damals und wiederholte ihn in seiner vor Kurzem erschienenen Biografie.<\/p><p>Die Unterzeichnung des Abkommens w&auml;lzte Karzai auf Ghani ab, als dieser ihn 2014 beerbte. Es schien fast so, als ob er seine Puppenf&auml;den gel&ouml;st hatte und eigenst&auml;ndig geworden war. Seit jeher pr&auml;sentiert sich der Ex-Pr&auml;sident als &bdquo;besorgter B&uuml;rger&ldquo;, der regelm&auml;&szlig;ig Washington und Kabul kritisiert. Paradoxerweise hat er damit Erfolg. &Uuml;ber die massiven Fehltritte der Karzai-Regierung, allen voran Korruption und Warlordismus, wird kaum noch gesprochen. Auch seine einstige N&auml;he zu den Amerikanern scheint verdr&auml;ngt worden zu sein. Dies hat auch mit Karzais konsequentem Ged&auml;chtnisverlust zu tun. Als er einmal w&auml;hrend seiner Amtszeit von der holl&auml;ndischen Journalistin Bette Dam nach einem ehemaligen CIA-Freund gefragt wurde, gab Karzai an, den Mann gar nicht zu kennen &ndash; trotz der Existenz eines gemeinsamen Fotos. &Auml;hnliche Szenarien spielten sich immer wieder ab.<\/p><p>Es gibt vieles, was man Karzai nicht abkaufen kann und darf. Seine Kritik in Richtung Amerika geh&ouml;rt allerdings nicht dazu. Wenn in Sachen Afghanistan von einem &bdquo;Marionetten-Regime&ldquo; die Rede ist, kommt die Kritik oftmals nicht nur aus Richtung der Taliban. Mittlerweile haben aber sogar ebenjene Taliban eingesehen, dass Marionetten-Regierung nicht immer gleich Marionetten-Regierung sein muss.<\/p><p><strong>&bdquo;Wir haben ein ganzes Dorf zu Taliban-Anh&auml;ngern gemacht&ldquo;<\/strong><\/p><p>Denn w&auml;hrend Karzai noch Kompromisse einging und sich sogar gegen seine amerikanischen Geldgeber wehrte, ist dies bei der Ghani-Administration nicht der Fall. Sie hat sich den Meistern in Washington voll und ganz ergeben, w&auml;hrend sie sich an der T&ouml;tung der eigenen Zivilbev&ouml;lkerung massiv beteiligt. Im Laufe der Amtszeit Ghanis haben die Bombenabw&uuml;rfe des US-Milit&auml;rs sowie die damit verbundenen zivilen Opfer einen H&ouml;hepunkt erreicht. Der gesamte Staatsapparat unterst&uuml;tzt den &bdquo;War on Terror&ldquo; der Amerikaner und ist der Meinung, dass der Krieg im Land nicht durch Gespr&auml;che, sondern durch die Fortf&uuml;hrung von brutalen Milit&auml;roperationen beendet werden kann. Zivile Opfer, darunter auch zahlreiche Kinder, werden in diesem Kontext regelm&auml;&szlig;ig entmenschlicht und als &bdquo;Terroristen&ldquo; oder &bdquo;heranwachsende Militante&ldquo; abgestempelt.<\/p><p>Nicht jeder ist damit zufrieden. &bdquo;Wir haben ein ganzes Dorf zu Taliban-Anh&auml;ngern gemacht, und das ist nachvollziehbar&ldquo;, meint ein Regierungsoffizieller, der anonym bleiben m&ouml;chte. Er bezieht sich auf eine Milit&auml;roperation, die im vergangenen Oktober in der Provinz Wardak stattfand und ausschlie&szlig;lich Zivilisten das Leben kostete. &bdquo;Ich arbeite f&uuml;r die Regierung, doch sie muss einsehen, dass sich der Konflikt auf diese Art und Weise nicht l&ouml;sen l&auml;sst&ldquo;, sagt er in einem vertraulichen Gespr&auml;ch.<\/p><p>Kritisiert wird auch Ghanis j&uuml;ngste Rede vor Trump in Bagram. &bdquo;Der Pr&auml;sident ist zum Gast seines Gastes geworden, und zwar in seinem eigenen Land. Er hat sich ganz klar untergeordnet und damit die Narrative verst&auml;rkt, dass er lediglich eine Marionette sei. Warum sollten die Taliban nun mit ihm verhandeln?&ldquo;, meint etwa Ershad Ahmadi, ehemals Vizeau&szlig;enminister Afghanistans.<\/p><p>Die Frage nach den Verhandlungen mit den Taliban steht nun tats&auml;chlich abermals im Raum. Trump k&uuml;ndigte in Bagram an, die Gespr&auml;che wieder aufnehmen zu wollen &ndash; und das, nachdem er sie im September via Twitter f&uuml;r tot erkl&auml;rt hatte. Ob die Taliban darauf eingehen werden, wird sich zeigen. Es grenzt ohnehin schon an Ironie, dass die Extremisten, die man bereits vor Jahren vertreiben und vernichten wollte, nun &ndash; nach einem fast zwanzigj&auml;hrigen Krieg &ndash; glaubw&uuml;rdiger dastehen als Washington und seine Kabuler Statthalter.<\/p><p>Titelbild: Dmitrij Plehanov\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>US-Pr&auml;sident Donald Trump stattete seinen Truppen in Afghanistan zu Thanksgiving einen Besuch in der Milit&auml;rbasis Bagram ab. Vor Ort war auch der gegenw&auml;rtige afghanische Pr&auml;sident Ashraf Ghani, der endlich sein langersehntes Treffen mit Trump bekam &ndash; und seine Rolle als &bdquo;Marionette&ldquo;, wie die Taliban ihn oft bezeichnen, best&auml;tigte. Von <strong>Emran Feroz aus Kabul<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56848\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":56849,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,20,171],"tags":[351,2776,1426,987,1564,1800,1556,2360],"class_list":["post-56848","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-afghanistan","tag-ghani-ashraf","tag-hegemonie","tag-karzai-hamid","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-trump-donald","tag-usa","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/shutterstock_1400735261.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56848","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=56848"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56848\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56856,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/56848\/revisions\/56856"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/56849"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=56848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=56848"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=56848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}