{"id":56921,"date":"2019-12-07T11:45:11","date_gmt":"2019-12-07T10:45:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56921"},"modified":"2026-01-27T12:00:57","modified_gmt":"2026-01-27T11:00:57","slug":"das-warten-ist-ein-taschenspiegel-der-verhaeltnisse-in-denen-wir-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56921","title":{"rendered":"\u201eDas Warten ist ein Taschenspiegel der Verh\u00e4ltnisse, in denen wir leben\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das &bdquo;Warten&ldquo; hat in unserer Gesellschaft viele Facetten &ndash; meistens negative, aber auch positive. Der Frankfurter Philosoph und Journalist <strong>Timo Reuter<\/strong> hat sich Gedanken &uuml;ber das &bdquo;Warten&ldquo; gemacht und betont im NachDenkSeiten-Interview, dass das Warten auch eine politische Dimension hat. Gerade die Armen, die, die am Rand der Gesellschaft leben, m&uuml;ssen oft warten, &bdquo;sogar auf das Lebensnotwendige&ldquo;, sagt Reuter. Und das ist kein Zufall. Bei diesem Warten kommen Macht und Herrschaftsaus&uuml;bung zum Vorschein. Ein Interview, das zum Nachdenken &uuml;ber das Warten anregt. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4523\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-56921-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191129_Das_Warten_ist_ein_Taschenspiegel_der_Verhaeltnisse_in_denen_wir_leben_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191129_Das_Warten_ist_ein_Taschenspiegel_der_Verhaeltnisse_in_denen_wir_leben_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191129_Das_Warten_ist_ein_Taschenspiegel_der_Verhaeltnisse_in_denen_wir_leben_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191129_Das_Warten_ist_ein_Taschenspiegel_der_Verhaeltnisse_in_denen_wir_leben_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=56921-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191129_Das_Warten_ist_ein_Taschenspiegel_der_Verhaeltnisse_in_denen_wir_leben_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191129_Das_Warten_ist_ein_Taschenspiegel_der_Verhaeltnisse_in_denen_wir_leben_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Reuter, warum haben Sie ein Buch &uuml;ber das &bdquo;Warten&ldquo; verfasst? Was ist an dem Thema so interessant?<\/strong><\/p><p>Ich habe mein Leben lang gewartet, so wie wir alle.  Dennoch habe ich nie wirklich dar&uuml;ber nachgedacht. Irgendwann wurde mir klar, dass das Thema &bdquo;Warten&ldquo; v&ouml;llig unterbelichtet ist. Und das, wo es doch f&uuml;r den Einzelnen , aber auch f&uuml;r unsere Gesellschaft von gro&szlig;er Bedeutung ist. Bei Reisen in anderen L&auml;ndern wurde mir klar, dass Menschen aus anderen Gesellschaften anders warten als wir hierzulande. Und ich habe mich gefragt, warum ich mich eigentlich &auml;rgere, wenn ich an einer Bushaltestelle stehe und warten muss. Kurzum: Beim Nachdenken &uuml;ber das Warten wurde mir schnell bewusst, dass das Warten ein Taschenspiegel der Verh&auml;ltnisse ist, in denen wir leben.  <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Auf was d&uuml;rfen wir hoffen? Wo stellen wir uns bereitwillig an? Und wo werden wir dazu gezwungen? Unsere Bed&uuml;rfnisse und W&uuml;nsche offenbaren sich im Warten ebenso wie gesellschaftliche Machtverh&auml;ltnisse: Wer andere warten l&auml;sst, verf&uuml;gt n&auml;mlich meist &uuml;ber Macht &ndash; und stellt sie dadurch zur Schau, indem er andere hinh&auml;lt. In die endlosen Warteschlangen vor den Tafeln oder auf der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde hingegen m&uuml;ssen sich vor allem jene einreihen, die kaum &uuml;ber Privilegien verf&uuml;gen. Die Verteilung der Wartezeiten ist also selbst ein Spiegel sozialer Hierarchien &ndash; und ein moralischer Gradmesser. Denn zumindest die Warteschlange steht ja f&uuml;r einen durchaus hohen Wert: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Obwohl alle zuerst bedient werden wollen, soll die Zeit eines jeden dasselbe wert sein. Was in der Warteschlange passiert, verr&auml;t also auch einiges dar&uuml;ber, wie wir es mit der Gerechtigkeit halten. Und schlie&szlig;lich hat das Warten viel mit der Zeit zu tun.<\/p><p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Warten, so sagt man oft, ist verlorene Zeit. Aber warum? Man k&ouml;nnte ja auch sagen: Warten ist geschenkte Zeit.<\/p><p>Unsere Betrachtung der Zeit hat viel damit zu tun, dass die Zeit in die Uhr gepresst wurde. Irgendwann wurde diese gemessene Zeit mit Geld verrechnet. Wenn uns das klar wird, sind wir schnell bei &bdquo;time is money&ldquo;, Zeit ist Geld, sprich: Wir sind beim Kapitalismus. Und dort ist die Verschwendung von Zeit &bdquo;S&uuml;nde&ldquo;, weil Zeitverschwendung dann, wie schon Benjamin Franklin mahnte, Geldverschwendung sei. Wenn wir von Zeit reden, haben viele von uns also ein bestimmtes, historisch und &ouml;konomisch gepr&auml;gtes Verst&auml;ndnis. Mit Distanz betrachtet kann man Zeit nat&uuml;rlich nicht &bdquo;verlieren&ldquo;. Das geht nur dann, wenn man sie an etwas misst, wie etwa am Geld.<\/p><p><strong>Aber Zeit ist doch verg&auml;nglich.<\/strong><\/p><p>Ja, das ist der antike Gott Chronos. Und dann gibt es aber noch Kairos, das hei&szlig;t: Die rechte Zeit, also der g&uuml;nstige Augenblick. Auf Kairos muss man warten k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wenn wir &uuml;ber Warten und Zeit sprechen, geht es schnell ins Philosophische. Aber Warten und Zeit haben auch eine politische Dimension.<\/strong><\/p><p>Absolut. Wer die Kontrolle &uuml;ber seine eigene Zeit hat, hat schon eine Menge Macht. Wer auch noch die Kontrolle &uuml;ber die Zeit von anderen hat, hat noch viel mehr Macht. Andere warten zu lassen, ist das Resultat bestimmter Privilegien. In der Politik ist es seit jeher ein klassisches Machtmittel, andere hinzuhalten und somit &uuml;ber ihre Zeit zu verf&uuml;gen. Aber auch der Staat macht seine B&uuml;rger zu Bittstellern, indem er sie endlos warten l&auml;sst, etwa auf dem Arbeitsamt. Der Soziologe Javier Auyero hat diese &bdquo;Politik des Wartens&ldquo; untersucht. F&uuml;r seine Studie verbrachte er mehrere Monate auf dem Sozialamt in Buenos Aires. Er stellte fest, dass die Menschen nicht einfach nur warten mussten, weil es nicht schneller ging, sondern weil die Dem&uuml;tigung des langen Wartenlassens als Regierungstechnik eingesetzt wurde. Es ging darum, dass die Wartenden sich f&uuml;gen, konform werden. Dieser Befund ist grundlegend und gilt sicherlich nicht nur f&uuml;r Buenos Aires. <\/p><p><strong>K&ouml;nnte man sagen, dass arme Menschen mehr warten m&uuml;ssen als andere?<\/strong><\/p><p>Ja, definitiv. Schauen wir uns an, wer heutzutage besonders lange warten muss, ja sogar auf Lebensnotwendiges warten muss, das sind wie gesagt die Armen, die Arbeitslosen, die Asylbewerberinnen. Das Warten dieser Menschen ist ein Ausdruck von Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Und man merkt auch schnell: Geld wartet nicht. Was ist ein VIP-Eingang anderes als institutionell legitimiertes Vordr&auml;ngeln? Rassismus n&ouml;tigt Menschen dazu, dass sie warten m&uuml;ssen. Wer etwa mit dem entsprechenden Pass geboren wird, muss nie auf der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde warten. Genauso f&uuml;hrt das Geschlecht dazu, dass Frauen mehr warten m&uuml;ssen als M&auml;nner. Das Ideal der &bdquo;wartenden Frau&ldquo;, das kommt von Penelope, die auf Odysseus gewartet hat. Das hei&szlig;t, das Bild und die Realit&auml;t der Frau, die wartet, ist schon sehr alt. Und bis heute warten Frauen ja auf Teilhabe und auf gleiche Bezahlung.<\/p><p><strong>Was bedeutet denn das Warten f&uuml;r den Einzelnen, f&uuml;r das Individuum?<\/strong><\/p><p>Wenn wir auf das Warten aus der Perspektive von Macht blicken, dann ist festzustellen, dass das Zeitsystem, in das wir in unserer Gesellschaft oft hineingepresst werden, zugleich ein Herrschaftssystem ist. Eng daran gekn&uuml;pft ist der &ouml;konomische Zwang, dem viele B&uuml;rger ausgesetzt sind. So sind wir regelrecht gezwungen, uns in einem Zeitsystem zu bewegen, das nicht das unsere ist. Unsere Eigenzeit wird zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, unsere Freir&auml;ume, wenn &uuml;berhaupt, sind an den Wochenenden oder im Urlaub vorhanden. <\/p><p><strong>L&auml;sst sich das Warten auch gegen ein Herrschaftssystem wenden?<\/strong><\/p><p>Ja, n&auml;mlich unter anderem dann, wenn man in der Lage ist, die Macht des Wartens selbst aktiv zu gebrauchen. Der Arbeitskampf ist daf&uuml;r ein gutes Beispiel. Die Arbeiter solidarisieren sich, sind organisiert, legen ihre Arbeit nieder. Jeder Tag, an dem nicht gearbeitet wird, bedeutet einen Schaden f&uuml;r den Arbeitgeber. Je l&auml;nger dieser also warten muss, umso gr&ouml;&szlig;er ist der Schaden. Gemeinsam zu warten, macht also st&auml;rker, das zeigt auch das Kirchenasyl, wo es darum geht, Fristen auszusitzen und Zeit zu gewinnen, in der man sich Verb&uuml;ndete sucht. Das Warten kann aber auch im Alltag subversiv wirken und zum Sandkorn im Getriebe der pausenlosen Verwertungsmaschinerie werden. Man muss nicht einfach Produkte kaufen, nur weil man es kann. Wer einen gewissen Konsumverzicht &uuml;bt, spart Geld, spart Zeit, denn schlie&szlig;lich kann Konsum auch ziemlich zeitaufwendig sein. Wer also beim Kauf von bestimmten Produkten wartet, bis er sie wirklich ben&ouml;tigt, hat erstmal Zeit zur Verf&uuml;gung, die er f&uuml;r andere T&auml;tigkeiten nutzen kann. Wer einfach mal abwartet, verweigert sich der pausenlosen Verwertungsmaschinerie. Und in diesem Stillstand kann man dann vielleicht sogar Mu&szlig;e erfahren oder einfach mal innehalten und durchatmen.<\/p><p><em>Lesetipp: <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwj87JXBpKHmAhVSI1AKHfZGDFYQFjAAegQIARAB&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.westendverlag.de%2Fbuch%2Fwarten%2F&amp;usg=AOvVaw1_jFiATV5mToGsek6TJITf\">Reuter, Timo: Warten &ndash; Eine verlernte Kunst.<\/a> Westend Verlag. Frankfurt, 4. November 2019. 240 Seiten. 18 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das &bdquo;Warten&ldquo; hat in unserer Gesellschaft viele Facetten &ndash; meistens negative, aber auch positive. Der Frankfurter Philosoph und Journalist <strong>Timo Reuter<\/strong> hat sich Gedanken &uuml;ber das &bdquo;Warten&ldquo; gemacht und betont im NachDenkSeiten-Interview, dass das Warten auch eine politische Dimension hat. 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