{"id":57054,"date":"2019-12-12T12:00:37","date_gmt":"2019-12-12T11:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57054"},"modified":"2026-01-27T12:00:56","modified_gmt":"2026-01-27T11:00:56","slug":"mathias-broeckers-zum-fall-assange-von-pressefreiheit-kann-dann-nirgendwo-mehr-die-rede-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57054","title":{"rendered":"Mathias Br\u00f6ckers zum Fall Assange: \u201eVon Pressefreiheit kann dann nirgendwo mehr die Rede sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Es sind zwei Ereignisse, die viel verraten &uuml;ber den Zustand unserer Presse: Die Linke hatte im November den Vater von Julian Assange in den Bundestag eingeladen. Das Medieninteresse lag bei nahezu null. Ende November teilte der UN-Sonderbeauftragte f&uuml;r Folter, Nils Melzer, sichtlich konsterniert auf einer Pressekonferenz mit, dass er von einem Treffen mit dem Ausw&auml;rtigen Amt komme und er festgestellt habe, dass sein Bericht zu Assange nicht einmal gelesen wurde. Und wieder reagierten die Medien nicht. Im NachDenkSeiten-Interview ordnet Autor <strong><a href=\"https:\/\/www.broeckers.com\/\">Mathias Br&ouml;ckers<\/a><\/strong> das aktuelle Verhalten von Bundesregierung und Medien ein.  H&auml;tte Melzer seinen Bericht &uuml;ber einen Whistleblower vorgelegt, der in Russland festgehalten w&uuml;rde, w&auml;re das Entsetzen gro&szlig;, sagt Br&ouml;ckers. &bdquo;Was w&auml;re da los vom Ausw&auml;rtigen Amt &uuml;ber das Kanzleramt bis zur Tagesschau, wenn dieser Bericht nun in Berlin vorgelegt wird? Breaking News bis zum Abwinken und AKK w&uuml;rde in der &bdquo;Bild&ldquo; gleich zum n&auml;chsten Russlandfeldzug aufrufen.&ldquo; Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Artikel ist auch als gestaltete, ausdruckbare PDF-Datei verf&uuml;gbar. Zum Herunterladen klicken Sie bitte auf das rote PDF-Symbol links neben dem Text. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>. 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Wor&uuml;ber haben Sie mit ihm <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QV1BRdnfC2M&amp;\">gesprochen<\/a>?<\/strong><\/p><p>Der Vater von Assange, John Shipton, ist derzeit in Europa unterwegs, um f&uuml;r Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Freilassung von Julian zu werben. Wir haben &uuml;ber seine Einsch&auml;tzung der aktuellen Situation gesprochen, er ist durchaus optimistisch, dass sich das Blatt wenden k&ouml;nnte, weil die Schmierenkampagne gegen Julian Assange langsam einer vern&uuml;nftigeren Berichterstattung weicht.  <\/p><p><strong>Was sagt er zum Gesundheitszustand seines Sohnes?<\/strong><\/p><p>Zwei Tage vor unserem Treffen hatte er ihn im Hochsicherheitsgef&auml;ngnis Belmarsh besucht. Gesundheitlich geht es ihm nach wie vor sehr schlecht, er hat stark abgenommen und wird auf der Krankenstation isoliert. Sogar den Besuch des Gef&auml;ngnisgottesdiensts &ndash; die einzige M&ouml;glichkeit f&uuml;r Gefangene in Isolationshaft, einmal in der Woche andere Menschen zu sehen &ndash; wurde ihm untersagt. Dass er bei dem Gerichtstermin Mitte Oktober einen v&ouml;llig verwirrten Eindruck machte und sich nur schwer an seinen Namen erinnern konnte, hatte damit zu tun, dass man ihn nach der Leibesvisitation in eine &bdquo;hot box&ldquo; gesteckt und dann in den Gerichtssaal gebracht hatte.<\/p><p><strong>Eine &bdquo;hot box&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Eine Foltermethode, die so genannt wird, wenn Gefangene bei hohen Temperaturen in einem Raum oder einer Art Kiste isoliert werden. Ich habe nicht genau nachgefragt, um was es sich dabei handelte. &bdquo;Sie steckten ihn in eine hot box, wie die Gefangenen das nennen&ldquo;, erz&auml;hlte sein Vater. &bdquo;Er wusste deshalb im Gericht erstmal gar nicht, was geschieht und wo er war&ldquo;. Mittlerweile bekommt er im Gef&auml;ngnis aber wenigstens seine Post &ndash; &bdquo;bei meinem letzten Besuch brachten sie ihm 500 Briefe&ldquo; &ndash; und hat auch Zugang zu den notwendigen Dokumenten, um sich auf den Auslieferungsprozess vorzubereiten. Seine Anw&auml;lte aber haben beantragt, den f&uuml;r Februar festgesetzten Beginn des Verfahrens zu verschieben, weil Julian gesundheitlich gar nicht in der Lage ist, sich angemessen vorzubereiten.    <\/p><p><strong>Der UN-Sonderberichterstatter f&uuml;r Folter, Nils Melzer, setzt sich mit dem Fall Assange auseinander. Nach seiner Untersuchung hat er einen Bericht verfasst, worin es hei&szlig;t, dass Assange &bdquo;&uuml;ber einen langen Zeitraum psychologischer Folter&ldquo; ausgesetzt war. <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/inland\/95170-aussenamt-un-sonderberichterstatter-folter-berichte-assange-kein-interesse\/\">Hier<\/a> auf einem Video zu sehen, wie er sichtlich mit der Fassung ringt und das Folgende sagt:&nbsp; &bdquo;In Deutschland wurde das Ausw&auml;rtige Amt, die Regierung wiederholt darauf angesprochen, wie sie sich zu meinen Berichten stellt. Das Ausw&auml;rtige Amt hat mich gestern eingeladen zu einem Treffen. Das Treffen hat stattgefunden mit der Menschenrechtsabteilung. Es war nicht besonders ergiebig. Man hat mir gesagt, man habe meine Berichte nach wie vor nicht gelesen.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Stellen wir uns einen Moment vor, der Sonderbeauftragte f&uuml;r Folter des UN-Hochkommissariats f&uuml;r Menschenrechte h&auml;tte einen Untersuchungsbericht vorgelegt, dass ein Whistleblower in Russland inhaftiert und psychologischer Folter ausgesetzt ist, weil er Verbrechen der Regierung aufgedeckt hat. Was w&auml;re da los vom Ausw&auml;rtigen Amt &uuml;ber das Kanzleramt bis zur Tagesschau, wenn dieser Bericht nun in Berlin vorgelegt wird? Breaking News bis zum Abwinken und AKK w&uuml;rde in der &bdquo;Bild&ldquo; gleich zum n&auml;chsten Russlandfeldzug aufrufen. <\/p><p><strong>Wie ordnen Sie die Reaktionen oder Nichtreaktionen von deutscher Seite ein?<\/strong><\/p><p>Dass Heiko Maas ein paar Unterlinge schickt, die den UN-Sonderberichterstatter ignorant abwatschen, ist nicht nur diplomatisch absolut stillos, es wirft auch ein bezeichnendes Bild auf den Doppelstandard, der im &bdquo;Werte-Westen&ldquo; in Sachen Menschenrechte gepflegt wird. F&uuml;r die setzt man sich nur da ein, wo es gerade passt und mal wieder &bdquo;humanit&auml;r&ldquo; interveniert werden soll.<\/p><p><strong>Nochmal: Assange, der in einem demokratischen Staat, in einem Rechtsstaat verhaftet und festgehalten wird, war oder ist &bdquo;psychologischer Folter&ldquo; ausgesetzt. Und das sagt nicht irgendwer. Das sagt der UN-Sonderberichterstatter f&uuml;r Folter. Warum verh&auml;lt sich die Bundesregierung so zur&uuml;ckhaltend?<\/strong><\/p><p>Man folgt politisch eben den Vorgaben aus den Vereinigten Staaten und betont auf Nachfrage, dass man gro&szlig;es Vertrauen in die rechtsstaatliche Behandlung Assanges in Gro&szlig;britannien habe &ndash; und pfeift auf die Vereinten Nationen und ihre Menschenrechtsbeauftragten. Dass die Verfolgung Assanges sowohl durch das rechtlich fragw&uuml;rdige schwedische Auslieferungsersuchen sowie durch die britischen Beh&ouml;rden, die einen Versto&szlig; gegen Meldeauflagen mit 50 Wochen Isolationshaft ahnden, als auch die gesamte Anklage der USA wegen Spionage rechtsstaatlich ausgesprochen fragw&uuml;rdig sind, ist schon auf den ersten Blick zu sehen. In Spanien l&auml;uft derzeit ein Verfahren gegen die Firma, die Assange das letzte Jahr in der ecuadorianischen Botschaft rund um die Uhr ausspioniert und s&auml;mtliche Daten an die USA geliefert hat. Dar&uuml;ber hat Panorama\/NDR immerhin <a href=\"https:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/archiv\/2019\/Botschaftsasyl-Wer-belauschte-Julian-Assange,wikileaks328.html\">berichtet<\/a>. Darunter auch die Gespr&auml;che mit seinen Anw&auml;lten, die in jedem ordentlichen rechtsstaatlichen Verfahren absoluter Vertraulichkeit unterliegen. Allein der Bruch dieses Tabus m&uuml;sste zur Ablehnung des Auslieferungsantrags f&uuml;hren. <\/p><p><strong>Was halten Sie von der Reaktion der Medien auf die Stellungnahme des UN-Sonderberichterstatters?  Kann man am Umgang von Journalisten mit den Aussagen von Melzer ablesen, wie schwer die Schieflagen in unserem Mediensystem sind?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, die Medien haben den Schuss noch nicht geh&ouml;rt und verstehen gar nicht, was es bedeutet, wenn Julian Assange ausgeliefert und verurteilt w&uuml;rde. Er hat nichts anderes getan als das, was jeder Journalist tut (oder tun sollte): Er hat Informationen ver&ouml;ffentlicht. Keine L&uuml;gen, keine Fake News, sondern Wahrheiten und Fakten. Keines der 1,5 Millionen Dokumente, die auf Wikileaks ver&ouml;ffentlicht sind, hat sich als Fake erwiesen! Von den 18 Anklagepunkten betreffen 17 &bdquo;Spionage&ldquo;, obwohl weder Assange noch Wikileaks jemals irgendwo spioniert haben. Sie haben nur das publiziert, was ihnen Whistleblower aus ihren Institutionen zugespielt haben. Und was auch New York Times, Spiegel et. al. publiziert haben. Wenn er daf&uuml;r verurteilt wird, kann kein Journalist, kein Medium, kein Verleger auf der Welt irgendetwas ver&ouml;ffentlichen, von dem die USA behaupten, es sei geheim, ohne sofort einen internationalen Haftbefehl zu riskieren. Von Pressefreiheit kann dann nirgendwo mehr die Rede sein. Insofern ist der Fall Assange ein Pr&auml;zedenzfall mit internationalen Dimensionen, von dem jeder Journalist betroffen sein wird.<\/p><p><strong>Sie sind selbst seit vielen Jahren Journalist. Wie w&uuml;rde denn eine normale Reaktion der Medien aussehen?  Es gab vor kurzem eine Anh&ouml;rung im Bundestag zum Fall Assange. Die G&auml;ste waren hochkar&auml;tig. Wie viele gro&szlig;e Medien waren vor Ort?<\/strong><\/p><p>Bezeichnenderweise nur der &bdquo;Feindsender&ldquo; RT, der das Ganze dankenswerterweise <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/live\/93015-live-pressekonferenz-von-assanges-vater-im-deutschen-bundestag\/\">auch gestreamt hat<\/a>. Unseren &Ouml;ffentlich-Rechtlichen und den Gro&szlig;medien war das keiner Rede wert. Auch aus den anderen Parteien im Bundestag sah man auf der von der Partei &bdquo;Die Linke&ldquo; organisierten Anh&ouml;rung niemanden. Das ist schon erschreckend und wohl auch ein Ergebnis der Schmierenkampagne gegen den Wikileaks-Gr&uuml;nder, der jahrelang als Frauensch&auml;nder, Putinagent, Trumpfreund usw. denunziert und zum Unmenschen und &Uuml;belt&auml;ter gemacht wurde. Dass er nichts anderes verbrochen hat als das, was jeder Journalist verbricht, wenn er zum Beispiel Kriegsverbrechen einer Regierung aufdeckt, das wird in Politik und Medien hoffentlich bald verstanden werden. Es geht hier nicht um irgendeinen dubiosen Hacker, es geht hier auch nicht um die Person Julian Assange, es geht um das absolut grundlegende Prinzip der Pressefreiheit. Edward Snowden hat es auf den Punkt gebracht: &bdquo;Wenn das Aufdecken von Verbrechen wie ein Verbrechen behandelt wird, werden wir von Verbrechern regiert&ldquo;. Wer das zul&auml;sst, wer weiter so ignorant die Schulter zuckt wie die Bundesregierung und die Gro&szlig;medien, hat als demokratischer und rechtsstaatlich gesinnter Politiker und als Journalist nicht nur seinen Job verfehlt, sondern macht sich zum Komplizen. Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden haben viel f&uuml;r die demokratische &Ouml;ffentlichkeit getan &ndash; ihnen geb&uuml;hrt keine Verfolgung und kein Kerker, sondern Anerkennung und Asyl.<\/p><p>Titelbild: Katherine Da Silva\/shutterstock.com<\/p><p><em>Lesetipp: Br&ouml;ckers; Mathias: <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/freiheit-fuer-julian-assange\/\">Freiheit f&uuml;r Julian Assange &ndash; Don&rsquo;t Kill The Messenger!<\/a> Wesend Verlag. Juli 2019. 8,50  Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind zwei Ereignisse, die viel verraten &uuml;ber den Zustand unserer Presse: Die Linke hatte im November den Vater von Julian Assange in den Bundestag eingeladen. Das Medieninteresse lag bei nahezu null. 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