{"id":57061,"date":"2019-12-12T15:20:53","date_gmt":"2019-12-12T14:20:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57061"},"modified":"2019-12-12T16:12:51","modified_gmt":"2019-12-12T15:12:51","slug":"18-jahre-krieg-18-jahre-luegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57061","title":{"rendered":"18 Jahre Krieg, 18 Jahre L\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<p>Der Afghanistan-Krieg ger&auml;t nun zum Gl&uuml;ck mehr in die Schlagzeilen. Grund hierf&uuml;r sind die sogenannten Afghanistan Papers, die vor wenigen Tagen von der Washington Post ver&ouml;ffentlicht wurden. Die geheimen Dokumente sagen uns im Grunde nur, was viele schon l&auml;ngst wussten: Die &Ouml;ffentlichkeit wurde belogen, und zwar immer und immer wieder. Von <strong>Emran Feroz<\/strong> aus Kabul.<br>\n<!--more--><br>\nSobald ich in Kabul jemanden fragen w&uuml;rde, was er von der Ver&ouml;ffentlichung der Afghanistan Papers h&auml;lt, w&uuml;rde er mich wohl nur ratlos anschauen und wahrscheinlich mit dem Kopf sch&uuml;tteln. Vor drei Tagen ver&ouml;ffentlichte die Washington Post ihre &bdquo;huge story&ldquo; und <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/graphics\/2019\/investigations\/afghanistan-papers\/afghanistan-war-confidential-documents\/\">ver&ouml;ffentlichte die geheimen Dokumente<\/a> &ndash; einen 2.000-Seiten-Bericht, der deutlich macht, dass nichts, und zwar absolut gar nichts, gut ist am Hindukusch. Und zwar schon seit Beginn der NATO-Intervention im Jahr 2001.<\/p><p>&bdquo;Uns fehlte ein grundlegendes Verst&auml;ndnis f&uuml;r Afghanistan. Wir wussten nicht, was wir taten. Wir hatten einfach nicht den blassesten Schimmer&ldquo;, sind etwa die Worte von Douglas Lute, einem der wichtigsten Berater der Bush- und Obama-Administrationen, und er ist nicht der einzige, der im Bericht zitiert wird. Insgesamt wurden mehr als 400 Insider, darunter f&uuml;hrende Milit&auml;rs und Politiker, von John Sopko interviewt. Sie alle geben mehr oder weniger zu, dass der US-Krieg in Afghanistan ein einziges Chaos sei. Niemand scheint zu wissen, wie sich das Dilemma l&ouml;sen l&auml;sst. Hier einige Beispiele, die das gesamte Ausma&szlig; der T&auml;uschung deutlich machen und deshalb einen genaueren Blick wert sind.<\/p><ul>\n<li>Laut mehreren Interviewpartnern war es in der US-Milit&auml;rzentrale in Kabul g&auml;ngige Praxis, den Krieg reinzuwaschen und der &Ouml;ffentlichkeit einen baldigen Sieg vorzut&auml;uschen. Man bestand stets darauf, sogar wenn Gegenteiliges der Fall war. Laut Bob Crowley, einem Oberst der US-Army, wurden jegliche Daten in einer Art und Weise manipuliert, um ein m&ouml;glichst gutes Bild abzuliefern.<\/li>\n<li>Klare (und dennoch fragw&uuml;rdige) Worte fand auch der US-Diplomat James Dobbins: &bdquo;Wir marschieren nicht in arme L&auml;nder ein, um sie reich zu machen. Wir marschieren nicht in autokratische L&auml;nder ein, um sie zu demokratisieren. Wir marschieren in gewaltt&auml;tige L&auml;nder ein, um sie zu befrieden, und im Fall von Afghanistan haben wir eindeutig versagt&ldquo;.<\/li>\n<li>Auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der den Krieg damals begann, wusste mehr oder weniger, was auf die USA zukommen wird. In einem Memo aus dem Jahr 2002 sagt er unter anderem, dass man das US-Milit&auml;r &bdquo;niemals aus Afghanistan rausbekomme&ldquo;, solange man sich nicht ernsthaft um eine Stabilit&auml;t bem&uuml;ht, die einen Abzug gew&auml;hrleisten kann. Das Memo endet mit &bdquo;Hilfe!&ldquo;.<\/li>\n<li>Ebenso deutlich wird aus dem Bericht, dass man so gut wie nichts &uuml;ber den &bdquo;Feind&ldquo; wusste. Bek&auml;mpfte man Al Qaida, die Taliban oder andere Gruppierungen? Und wie pr&auml;sent war dieser Feind &uuml;berhaupt von Zeit zu Zeit? Bis heute behaupten das US-Milit&auml;r und die Kabuler Regierung etwa, Al Qaida in Afghanistan zu bek&auml;mpfen, doch niemand wei&szlig; genau, um wie viele K&auml;mpfer es sich dabei handelt. Vor einigen Jahren nahm ich an einer Afghanistan-Veranstaltung teil, auf der ein deutscher NATO-General, der lange in Afghanistan stationiert war, einen Vortrag hielt. Im Laufe des Vortrags zeigte der Mann eine Karte mit &bdquo;Feinden&ldquo;, darunter befand sich auch Al Qaida. Im Raum befand sich auch Thomas Ruttig, ein bekannter Afghanistan-Kenner. Er wollte vom General wissen, ob sich in Afghanistan 30, 300 oder 3000 Al-Qaida-K&auml;mpfer befinden w&uuml;rden. Doch dieser geriet ins Stottern und hatte keine Antwort. &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich auch mit vielen Interviewpartnern der Afghanistan Papers.<\/li>\n<li>Unbekannt waren wohl auch viele &bdquo;Freunde&ldquo;. Als die USA in Afghanistan einmarschierten, f&ouml;rderten sie vor allem korrupte und brutale Warlords, die sich um Ex-Pr&auml;sident Hamid Karzai versammelt hatten. Viele von ihnen, darunter auch Familienmitglieder Karzais, begannen allerdings schon bald, mit den Millionen von US-Dollar ihr eigenes Spiel zu spielen. Durch fingierte Anschl&auml;ge erwarb man Vertr&auml;ge mit NATO-Truppen. Gleichzeitig stieg man mit den US-Subventionen ins Drogengesch&auml;ft ein. Nur zur Erinnerung: Kurz vor dem Einmarsch der NATO lag der afghanische Opiumanbau praktisch bei null. Mittlerweile ist das Land wieder Rekordexporteur. M&auml;nner wie Ahmad Wali Karzai, ein 2011 get&ouml;teter Bruder Hamid Karzais, geh&ouml;rten zu den wichtigsten Drogenbaronen des Landes &ndash; und standen nebenbei auch auf der Kontaktliste der CIA.<\/li>\n<\/ul><p>Die Verantwortlichen in Washington und anderswo wussten von diesen Entwicklungen, doch sie wollten sie verschleiern. Sie wollten ihre Fehler nicht einsehen, sondern zogen den gezielten Betrug der &Ouml;ffentlichkeit vor. Als Sonder-Generalinspekteur f&uuml;r den Wiederaufbau Afghanistans (kurz SIGAR) hatte Sopko die Aufgabe, das Kriegsdesaster zu ergr&uuml;nden und ver&ouml;ffentlichte regelm&auml;&szlig;ig die SIGAR-Berichte f&uuml;r den US-Kongress. Jeder, der die Berichte kennt, wei&szlig; wie kritisch Sopko und seine Mitarbeiter regelm&auml;&szlig;ig vorgingen. Man gewann den Eindruck, dass sie kein Blatt vor den Mund nahmen, was von vielen Afghanistan-Kennern &uuml;berraschend zur Kenntnis genommen und begr&uuml;&szlig;t wurde. Nun wird allerdings deutlich, dass genau dies der Fall war. Eine Zensur fand statt und besonders kritische Aussagen wurden nicht ver&ouml;ffentlicht. Ebenjener Bericht, der 2015 zustande kam, sollte ebenfalls nicht an die &Ouml;ffentlichkeit kommen. Die Washington Post hat nun dank des Freedom of Information Acts einen dreij&auml;hrigen Rechtsstreit gewonnen und die Bombe hochgehen lassen.<\/p><p>Die Papers verdeutlichen, dass der Krieg massiv sch&ouml;ngeredet wurde, und zwar in erster Linie nicht auf Kosten amerikanischer Soldaten oder Steuerzahler, sondern zulasten der afghanischen Bev&ouml;lkerung. Der NATO-Einmarsch in Afghanistan begann vor achtzehn Jahren. Seitdem wurde gepl&uuml;ndert, gefoltert und get&ouml;tet, und wie wir nun wissen auch gelogen, und zwar immer und immer wieder. Doch sind diese neuen Erkenntnisse wirklich neu? Sind sie wirklich derart &bdquo;huge&ldquo; und eine &bdquo;Bombe&ldquo;? Jene, die sich mit dem Afghanistan-Krieg seit Jahren besch&auml;ftigen und schon seit l&auml;ngerem als scharfe Kritiker gelten, wissen, dass dem nicht so ist. Egal, ob Afghanen oder Nicht-Afghanen, auf sie h&ouml;rte man kaum. Stattdessen wurde man regelm&auml;&szlig;ig als Anti-Amerikaner, Taliban-Sympathisant oder Feind von Menschen- und Frauenrechten diffamiert. Es ist stets dieselbe Leier, wenn man die Kriege der &bdquo;Guten&ldquo; kritisiert.<\/p><p>Hinzu kommt, dass man in Europa und in den USA ohnehin oftmals eine viel zu lange Leitung hat. &bdquo;Die Experten im Westen bemerken ihre Fehler immer viel zu sp&auml;t. Erst nach vielen Jahren sagen sie &bdquo;Ach, die hatten ja doch Recht&ldquo;&ldquo;, meinte etwa der afghanische Politikanalyst Waheed Mozhdah, der vor kurzem in Kabul ermordet wurde. Mozhdah geh&ouml;rte zu den sch&auml;rfsten Kritikern der westlichen Besatzung und jenes korrupten Regimes, welches seit Ende 2001 in Kabul regiert. Ich pflegte nicht nur eine berufliche Bindung zu Mozhdah, sondern auch eine pers&ouml;nliche. Er war mein Onkel m&uuml;tterlicherseits. Ich sah praktisch jeden Tag, wie er von westlichen Journalisten, Analysten, NGO-Mitarbeitern usw. aufgesucht wurde. Seine G&auml;ste sch&auml;tzten sein Fachwissen und saugten es f&ouml;rmlich auf, w&auml;hrend Mozhdah sich immer &uuml;berdurchschnittlich viel Zeit nahm, um auf alle Fragen einzugehen. Es gibt praktisch keinen Afghanistan-Kenner, der Mozhdah nicht mindestens einmal zitiert hat.<\/p><p>Auf lokale Experten wie Mozhdah wurde allerdings kaum geh&ouml;rt, wie die Papers deutlich machen. Immerhin interessierte man sich nicht einmal f&uuml;r die kritischen Beobachtungen der eigenen Leute. Das Resultat dieses Handelns k&ouml;nnte gar nicht schlimmer sein. Im Jahr 18 seit Beginn des Krieges herrscht in Afghanistan immer noch Chaos und Zerst&ouml;rung. Die Anzahl der zivilen Opfer erreicht regelm&auml;&szlig;ig neue H&ouml;hepunkte, w&auml;hrend Drohnen vermeintliche Terroristen jagen, CIA-Milizen Blutb&auml;der veranstalten, eine brutale IS-Zelle erwacht ist und en masse mordet und die Taliban trotz ihrer anhaltenden Gewalt st&auml;rker sind als je zuvor und auf gleicher Augenh&ouml;he mit den Amerikanern in Katar verhandeln.<\/p><p>US-Medien berichten mittlerweile von &uuml;ber 43.000 afghanischen Zivilisten, die im Laufe des Krieges get&ouml;tet wurden. Hierbei handelt es sich weiterhin um eine absolute Mindestzahl. <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/interactive\/2019\/12\/09\/world\/middleeast\/afghanistan-war-cost.html\">Andere Zahlen<\/a>, die vor allem die US-&Ouml;ffentlichkeit schockieren d&uuml;rften, sind unter anderem folgende: &Uuml;ber 2.400 US-Soldaten wurden am Hindukusch get&ouml;tet. Insgesamt kostete der Krieg Washington bis dato rund 1,5 Billionen US-Dollar. Allein 500 Milliarden (!) davon sind Zinsen. Der Rest wurde in Afghanistan &bdquo;investiert&ldquo;. Es steht au&szlig;er Frage, dass der Gro&szlig;teil des Geldes versickerte und nicht nur die Korruption im Land f&ouml;rderte, sondern erst kreierte.<\/p><p>Es gibt viele Beispiele, die das Scheitern des gesamten Krieges deutlich machen. Als ich den Kabuler Distrikt Mussahi, der lediglich drei&szlig;ig Minuten entfernt vom Pr&auml;sidentenpalast liegt, vor einigen Monaten aufsuchte, stellte ich Folgendes fest: Er wurde von den Taliban kontrolliert, w&auml;hrend die Dorfbewohner mit einer defekten Wasserpumpe aus Deutschland besch&auml;ftigt waren. Es handelte sich dabei um die einzige &bdquo;Hilfe&ldquo;, die sie in den letzten Jahren aus dem Ausland erreicht hat.<\/p><p>Titelbild: Sharaf Maksumov\/Shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Afghanistan-Krieg ger&auml;t nun zum Gl&uuml;ck mehr in die Schlagzeilen. 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