{"id":5710,"date":"2010-05-31T09:23:43","date_gmt":"2010-05-31T07:23:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5710"},"modified":"2014-03-05T11:48:59","modified_gmt":"2014-03-05T10:48:59","slug":"die-arbeitslosigkeit-und-die-tafeln-gleichzeitig-abschaffen-eine-realistisch-unrealistische-utopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5710","title":{"rendered":"Die Arbeitslosigkeit und die Tafeln gleichzeitig abschaffen! \u2013 eine realistisch-unrealistische Utopie"},"content":{"rendered":"<p>Fast 900 Tafeln versorgen vor allem in den St&auml;dten die Armen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger  mit notwendigen Lebensmitteln. Die Tafelbewegung geh&ouml;rt zu den erstaunlichsten Sozialen Bewegungen der Republik. Das Lob f&uuml;r die Tafeln ist politik&uuml;bergreifend &uuml;berschw&auml;nglich, menschenw&uuml;rdige Versorgung und b&uuml;rgerschaftliches Engagement haben eine scheinbar gute Verbindung gefunden. Aber in Wahrheit ist der Erfolg ambivalent: Die Bl&uuml;te der Tafeln ist gleichzeitig der Niedergang des br&ouml;ckelnden Sozialstaats. Von Peter Grottian<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Sozialstaats- und Tafeldebatte trennen wollen<\/strong><\/p><p>Die sehr bewusste Trennung von Sozialstaats- und Tafeldiskussion kommt der herrschenden Politik sehr entgegen. Nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil zu HartzIV von Anfang 2010 hat eine Diskussion &uuml;ber den wirklichen Bedarf von Menschen in Arbeitslosigkeit i. S. von materiellen Ressourcen und demokratischer Teilhabe nicht stattgefunden. Nach anf&auml;nglicher steriler Aufgeregtheit &uuml;ber HartzIV-Erh&ouml;hungen oder &ndash;Senkungen stimmte Ministerin von der Leyen (CDU) den Grundtenor f&uuml;r die zuk&uuml;nftige Debatte an: Deckel auf die bisherigen Regels&auml;tze, m&ouml;glichst keine &Auml;nderungen und kleine Verbesserungen f&uuml;r Kinder im Sachmittelbereich. Die Bundesregierung muss demnach mit ausdr&uuml;cklicher Billigung des h&ouml;chsten Gerichts im Prinzip fast nichts &auml;ndern, sie muss die bestehende Praxis nur besser begr&uuml;nden und statistisch absichern. Selbst den doch reichlich lebensunerfahrenen Richterinnen und Richtern ist nicht aufgefallen, dass ein Mensch kaum menschengerecht von 3,94 Euro f&uuml;r Essen und Trinken pro Tag leben kann und die Fahrt mit der Deutschen Bahn zum Besuch eines nahestehenden Menschen zur Innenausstattung der menschlichen W&uuml;rde geh&ouml;ren sollte. Kurz: An der HartzIV-Front ist Ruhigstellung mit symbolischen Verbesserungen die mit Herz und H&auml;rte weitgehend unbestritten vertretene Linie der Bundesministerin.<\/p><p><strong>Alternativpotential ohne Protest<\/strong><\/p><p>Es gibt nach wie vor keine wirklich relevanten Tr&auml;ger gesellschaftlicher Alternativkonzeptionen. Die wichtigsten und gr&ouml;&szlig;ten Wohlfahrtsorganisationen (Caritas, Diakonisches Werk, AWO) sind selbst in HartzIV soweit nutznie&szlig;end verstrickt, dass ihr Forderungen nach besseren HartzIV-Leistungen nur sehr kleinlaut und ged&auml;mpft die &Ouml;ffentlichkeit erreichen. Einzig der Deutsche Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband (DPWV) mit den engagierten Vertretern Schneider\/Martens wagt sich aus der Deckung, legt sich mit der BILD-Zeitung und der herrschenden Politik an und pr&auml;sentiert Vorschl&auml;ge, die zumindest das Minimum von Menschenw&uuml;rde einfordern. Die Erwerbslosen-Initiativen, von denen &uuml;ber 100 vor allem im Osten der Republik organisiert sind, haben zwar nach wie vor ein funktionierendes Netzwerk, aber ihre Proteste und Forderungen werden kaum in der &Ouml;ffentlichkeit aufgenommen. Das Provokationspotential von ehedem ist weitgehend verebbt. Das &bdquo;Netzwerk f&uuml;r ein bedingungsloses Grundeinkommen&ldquo; schiebt immer wieder grunds&auml;tzliche Debatten an, die viele Menschen erreichen, aber die Wirkungen bleiben &auml;u&szlig;erst beschr&auml;nkt, da das Fernziel eines bedingungslosen Grundeinkommens noch keine probaten Zwischenschritte kennt. Die Organisation attac, eigentlich eine Scharnierorganisation mit integrativen Wirkungen, hat sich der Sozialfrage in eher kleinen Arbeitsgemeinschaften angenommen. attac als Organisation ist weit davon entfernt, die Sozialstaatsdebatte als Schwerpunkt ihrer Arbeit zu definieren. Die Kirchen schlie&szlig;lich haben als ehemalige &bdquo;Verteidiger der Armen&ldquo; erheblich an Reputation und Schlagfertigkeit verloren. Die fast peinliche &bdquo;Absegnung&ldquo; der Hartz-Gesetze durch Kardinal Karl Lehmann (Katholische Bischofskonferenz) und Bischof Wolfgang Huber (EKD) sowie die gewinntr&auml;chtige Nutzung der Ein-Euro-Jobber hat die Kirchen zu lahmen Enten in der Vertretung der Erwerbslosen und Armen gemacht. Die Gewerkschaften haben die Armutsdiskussion bisher prim&auml;r mit ihrer Mindestlohndebatte zu verbinden versucht. Sie haben bisher niemals den Spagat, Arbeitnehmer und Erwerbslose zu vertreten, hinbekommen. Nimmt man noch hinzu, wie wenig die einflussreicheren Medien eine wirkliche Reform von HartzIV diskutieren, wird in der Konsequenz deutlich, dass die Macht- und Problematisierungspotentiale zur Zeit als sehr schwach und marginalisiert angesehen werden m&uuml;ssen. Wer den Zusammenhang von Sozialstaats- und Tafeldiskussion herstellen will, geh&ouml;rt nicht auf die Tagesordnung.<\/p><p><strong>Tafeln schlie&szlig;en oder bebl&uuml;men?<\/strong><\/p><p>Gerade deshalb ist gut erkl&auml;rbar, warum so viele Politiker, Gewerkschafter, Kirchenleute und prominente B&uuml;rger sich h&ouml;chst ein&auml;ugig engagiert auf die Tafeldiskussion einlassen und das b&uuml;rgerschaftliche Engagement unterst&uuml;tzen. Tafeln sind der konkrete Ausdruck unmittelbarer engagierter, zumeist ehrenamtlicher Hilfe, die nur unterst&uuml;tzt werden kann &ndash; ohne zu hinterfragen, warum die Bl&uuml;te der Tafeln die Kehrseite des schwachen Sozialstaats ist. An sich m&uuml;ssten die Verantwortlichen der Tafelbewegung alles tun, ihren Gr&uuml;ndungsboom zu hinterfragen &ndash; bis hin zu der Frage, wie die Tafeln von der Politik prinzipiell missbraucht werden. Die Politik verordnet eine Magerkur und eine b&uuml;rokratische Zurichtung von Menschen, die von den Tafeln blumenreich geschm&uuml;ckt wird. Das ist faktisch eine uneingestandene strukturelle Komplizenschaft, die die Akteure von Tafeln und Politik br&uuml;sk, aber m&ouml;glicherweise leicht schlechten Gewissens zur&uuml;ckweisen m&uuml;ssten. Die Akteure der Tafelbewegung sind seit einiger Zeit selbstkritischer geworden, aber auf die Idee, ihre Tafeln bewusst f&uuml;r einige Tage zu schlie&szlig;en, um der Politik Beine zu machen, wirklich f&uuml;r die Grundversorgung von Menschen einzustehen, darauf sind sie bisher nur hinter vorgehaltener Hand gekommen. Soll demnach eine kritische Debatte entstehen, m&uuml;ssten die Tafeln aus ihrer wohlfeilen Belobigung ein St&uuml;ck weit ausbrechen, um ihre Vereinnahmung zuungunsten der Menschen aufzubrechen. Doch t&auml;uschen wir uns nicht: Das Interesse an sich selbst hat gro&szlig;e Teile der Manager und Managerinnen der Tafeln l&auml;ngst erfasst. &Uuml;ber eigene &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit l&auml;sst sich  schwer nachdenken. Noch ist die Zeit nicht reif, dass die Tafelakteure selbst den Aufstand proben. Je mehr Sozialleistungen gek&uuml;rzt werden und die Sanktionsmechanismen nach dem Motto &bdquo;Druck macht beweglich&ldquo; versch&auml;rfend eingesetzt werden, wird &ndash; wie in den USA &ndash; die Tafelbewegung zulegen.<\/p><p>Auf mittlere Sicht hat nur eine Forderung nach Abschaffung der Arbeitslosigkeit und der Tafeln eine strategische Chance. &Uuml;ber die Abschaffung der Tafeln l&auml;sst sich schlecht reden, wenn die Armut gr&ouml;&szlig;er wird und die Erwerbslosigkeit nicht sinkt. Deshalb liegt der Schl&uuml;ssel f&uuml;r die Tafeln in einer Revitalisierung der Debatte, inwiefern die Arbeitslosigkeit weitgehend abgeschafft und dieses mit der Einf&uuml;hrung einer menschengerechten Grundsicherung kombiniert werden kann.<\/p><p><strong>Grundsicherung, selbstbestimmte Arbeitspl&auml;tze, Mindestl&ouml;hne und radikale Arbeitszeitverk&uuml;rzung<\/strong><\/p><p>Ganz schlecht stehen die Chancen f&uuml;r eine solche Debatte nicht. Von Durchsetzung wollen wir vorerst nicht reden. Eine Grundsicherung von 500 Euro-Eckregelsatz w&auml;re, nebst Abschaffung der schikan&ouml;sen Zurichtungen, eine bezahlbare Sozialleistung (ca. 22 Milliarden Euro j&auml;hrlich). Hinzu k&auml;me ein Projekt &bdquo;HartzIV plus 500 Euro&ldquo;, das eine Million Menschen die M&ouml;glichkeit einr&auml;umt, sich nach festgelegten Bedarfsfeldern selbst einen Arbeitsplatz zu suchen, der gesellschaftlich bezahlt wird. Ein solches Projekt geht von der Grundannahme aus, dass es gesellschaftlich sinnvolle Arbeit zu Hauf gibt und Menschen die M&ouml;glichkeit erhalten m&uuml;ssten, mit dem, was sie wollen und k&ouml;nnen und wozu sie gebraucht werden, anders umzugehen. Es w&auml;re ein &bdquo;Arbeitsmarkt von unten&ldquo;, der die Gesellschaft sechs Milliarden Euro im Jahr kostet. F&uuml;hrt man zus&auml;tzlich gesetzliche Mindestl&ouml;hne nach luxemburgischen, franz&ouml;sischem oder englischem Muster von neun bis zehn Euro pro Stunde ein, w&auml;re das Problem der HarttzIV-Aufstocker und der wirklich armen Erwerbst&auml;tigen zumindest teilweise gel&ouml;st. Und schlie&szlig;lich k&ouml;nnte eine radikale Arbeitszeitverk&uuml;rzung als 30-Stundenwoche und eine neue kurze Vollzeitvariante mit geschlechterdemokratischen Verbindungen (Teilzeit f&uuml;r Paare mit Kindern) eine massive Senkung der Arbeitslosigkeit bringen. Diese Forderungen w&uuml;rden zwar die Arbeitslosigkeit nicht vollends abschaffen, f&uuml;r gut 1,5 Millionen Erwerbslose kann kein Programm mehr helfen, weil sie aus unterschiedlichsten Gr&uuml;nden &uuml;berhaupt nicht oder nur f&uuml;r wenige Stunden arbeiten k&ouml;nnen &ndash; aber sie w&auml;ren zumindest so versorgt, dass sie nicht mehr an elementarsten Angeboten der Superm&auml;rkte vorbeigehen m&uuml;ssten.<\/p><p>Wer so realistisch-unrealistisch-utopisch redet, muss fast zwangsl&auml;ufig davon ausgehen, dass es wieder Fenster der M&ouml;glichkeiten geben k&ouml;nnte, in der diese pragmatischen und bezahlbaren Forderungen auf fruchtbaren Boden fallen.<\/p><p><strong>Die stille Legitimationskrise nutzen<\/strong><\/p><p>Es spricht einiges daf&uuml;r, dass die herrschende Poltik 2010\/2011 in erhebliche Schwierigkeiten geraten wird. Erstmals wird die Finanzmarktkrise in doppelter Weise durchschlagen: Die Finanzmarktindustrie wird f&uuml;r die Krise nicht zur Kasse gebeten, sondern allenfalls in einen l&auml;cherlichen Fonds f&uuml;r k&uuml;nftige Krisen einzahlen. Gleichzeitig werden massive Einsparungen auf die B&uuml;rger zukommen &ndash; sie selbst werden die Folgen der Krise direkt und indirekt schultern m&uuml;ssen. Dass f&uuml;r die Bed&uuml;rftigsten nichts da ist, wird sich im Herbst 2010 an den Neuregelungen f&uuml;r HartzIV erweisen, die nur Kindern einige symbolische Verbesserungen einbringen. Die kommunalen Haushalte werden zudem die B&uuml;rger belasten (Geb&uuml;hren) und Leistungen einstellen. Alles das ist f&uuml;r die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger nicht verstehbar und einsehbar, der folgsame deutsche Michel wird nach Ausdrucksm&ouml;glichkeiten seines Zorns suchen. Und die genau m&uuml;ssen wir ihm anbieten und gemeinsam gestalten: Besetzungen von Deutsche Bank-Filialen, um die Zahlungen f&uuml;r die Krise &ouml;ffentlichkeitswirksam einzuklagen. Besetzung von Arbeitsagenturen, um eine 500 Euro-Regelsatz-Forderung zu bekr&auml;ftigen; die Schlie&szlig;ung von Tafeln, um eine wirkliche Grundsicherung zu erreichen; ein Streik f&uuml;r Mindestl&ouml;hne gemeinsam mit Gewerkschaften entwickeln u. v. m. Wenn hier die Erwerbslosen-Initiativem der Bildungsstreik, attac, die Tafeln und die Gewerkschaften sich mehr ann&auml;hern, w&auml;re eine ziviles Ungehorsamspotential m&ouml;glich. Die stille Legitimationskrise muss ein zorniges Gesicht bekommen. Aktivit&auml;ten des zivilen Ungehorsams sind der Schl&uuml;ssel f&uuml;r die Entz&uuml;ndung von gesellschaftlichen Konflikten. Die Abschaffung der Arbeitslosigkeit oder zumindest eine deutliche Absenkung verbunden mit weniger Tafeln, ist ein mehrheitsf&auml;higes Ziel, das nur deshalb utopisch ist, weil wir selbst uns zu schwach f&uuml;hlen, obwohl die Politik mitnichten ein erfolgreiches Krisenmanagement betreibt.<\/p><p><strong>Autorenangaben:<\/strong><\/p><p>Peter Grottian (67), Hochschullehrer f&uuml;r Politikwissenschaft an der Freien Universit&auml;t Berlin, versteht sich als Sozialwissenschaftler und Bewegungsunternehmer in verschiedenen sozialen Bewegungen (Menschenrechts- und B&uuml;rgerrechtsorganisationen, Erwerbsloseninitiativen, Bildungsstreik, Kampagne gegen Zwangsumz&uuml;ge, attac). Diverse Ver&ouml;ffentlichungen &uuml;ber Staatst&auml;tigkeiten, Sozialstaat, Soziale Bewegungen, Projekte des zivilen Ungehorsams wie bspw. &bdquo;Schwarz fahren&ldquo; f&uuml;r ein Sozialticket, &bdquo;Bank&uuml;berf&auml;lle&ldquo; etc.<\/p><p><em><strong>Anmerkung:<\/strong> Albrecht M&uuml;ller hat gro&szlig;e Bedenken gegen einige der Vorschl&auml;ge von Peter Grottian. Vor allem biete der Beitrag keinen Ansatz zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit sondern resigniere vor dieser Herausforderung. Der Beitrag leiste zudem der weitverbreiteten Meinung Vorschub, dass es f&uuml;r einen beachtlichen Anteil von Menschen in dieser Gesellschaft keine ordentlichen Arbeitspl&auml;tze mehr geben k&ouml;nne. Auch die undifferenzierte Forderung nach einer Arbeitszeitverk&uuml;rzung auf 30 Stunden, sei im Hinblick auf die daraus folgenden Konsequenzen nicht zu Ende gedacht. Wir ver&ouml;ffentlichen diesen Diskussionsbeitrag in Wertsch&auml;tzung der Anst&ouml;&szlig;e, die Peter Grottian f&uuml;r soziale Bewegungen und Projekte gegeben hat. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast 900 Tafeln versorgen vor allem in den St&auml;dten die Armen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger mit notwendigen Lebensmitteln. Die Tafelbewegung geh&ouml;rt zu den erstaunlichsten Sozialen Bewegungen der Republik. Das Lob f&uuml;r die Tafeln ist politik&uuml;bergreifend &uuml;berschw&auml;nglich, menschenw&uuml;rdige Versorgung und b&uuml;rgerschaftliches Engagement haben eine scheinbar gute Verbindung gefunden. 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