{"id":5718,"date":"2010-05-31T17:35:51","date_gmt":"2010-05-31T15:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5718"},"modified":"2014-11-13T20:37:23","modified_gmt":"2014-11-13T19:37:23","slug":"bundespraesident-koehler-tritt-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5718","title":{"rendered":"Bundespr\u00e4sident K\u00f6hler tritt zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Das hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Ein Bundespr&auml;sident tritt aus seinem Amt zur&uuml;ck, nicht etwa aus Alters- oder Gesundheitsgr&uuml;nden sondern offenbar aus politischen Gr&uuml;nden. Die <a href=\"?p=5645#h15\">Kritik an seinen &Auml;u&szlig;erungen zum Bundeswehreinsatz zur Sicherung von Wirtschaftsinteressen<\/a> lasse &bdquo;den notwendigen Respekt vor dem h&ouml;chsten Staatsamt vermissen&ldquo;, gab K&ouml;hler zur <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2010-05\/koehler-ruecktritt\">Begr&uuml;ndung<\/a> an. Die Gr&uuml;nde d&uuml;rften jedoch ganz andere sein. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDie NachDenkSeiten geh&ouml;rten zu den ersten Medien, die das Interview K&ouml;hlers im Deutschlandradio aufgegriffen  haben. Wir haben die Irritationen bei der Ver&ouml;ffentlichung dokumentiert  und wir haben die Frage nach der Vereinbarkeit der Umdeutung der Bundeswehr von einer Verteidigungs- zu einer imperialen Interventionsarmee mit dem Grundgesetz aufgeworfen. Wir haben uns gewundert, dass die &Auml;u&szlig;erungen K&ouml;hlers von den Medien zun&auml;chst kommentarlos zur Kenntnis genommen wurden. <\/p><p>Erst Tage danach gab es kritische Stimmen in den Medien und auch von <a href=\"http:\/\/www.trading-house.net\/news\/politik\/opposition-watscht-koehler-ab-linke-nennt-aeusserungen-zu-auslandseinsaetzen-unverantwortlich-trittin-zieht-vergleich-zu-luebke-21350046.html\">Politikern der Oppositionsparteien<\/a>. Die Bundeskanzlerin lie&szlig; &uuml;ber eine Sprecherin erkl&auml;ren, dass sie zu K&ouml;hlers &Auml;u&szlig;erungen keine Stellung nehmen will, schlie&szlig;lich habe der Bundespr&auml;sident seine &Auml;u&szlig;erungen  pr&auml;zisiert &bdquo;und dem ist nichts hinzuzuf&uuml;gen&ldquo; (laut dpa). R&uuml;ckhalt sieht anders aus.<\/p><p>K&ouml;hler reagierte auf die Vorhalte und auf die mangelnde Unterst&uuml;tzung durch die Bundesregierung erkennbar beleidigt. Es sei eine Unterstellung, dass er einen grundgesetzwidrigen Einsatz der Bundeswehr zur Sicherung von Wirtschaftsinteressen bef&uuml;rwortet habe. Diese Unterstellung &bdquo;entbehre jeder Rechtfertigung&ldquo;, meinte K&ouml;hler. <\/p><p>Dazu noch einmal das einschl&auml;gige Zitat:<\/p><blockquote><p>&ldquo;In meiner Einsch&auml;tzung sind wir insgesamt auf dem Wege, in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Gr&ouml;&szlig;e, mit dieser Au&szlig;enhandelsabh&auml;ngigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch milit&auml;rischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren &ndash; zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilit&auml;ten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch negativ auf unsere Chancen zur&uuml;ckschlagen, bei uns durch Handel Arbeitspl&auml;tze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden &ndash; und ich glaube wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Wir haben auf den NachDenkSeiten K&ouml;hler sozusagen zugute gehalten, dass er sich mit dieser &Auml;u&szlig;erung, die ja die unausgesprochene und verbreitete Stimmung in konservativen und Milit&auml;rkreisen wiedergibt, einfach &bdquo;verplappert&ldquo; hat, da ja auch das ganze Interview ziemlich unausgeschlafen wirkte. Aber dass er den &bdquo;milit&auml;rischen Einsatz &bdquo; zur Sicherung von Wirtschaftsinteressen f&uuml;r &bdquo;notwendig&ldquo; halte, ist alles andere als eine &bdquo;Unterstellung&ldquo;. Was hei&szlig;t denn die Wahrung &bdquo;unserer Interessen&ldquo; um &bdquo;zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilit&auml;ten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch negativ auf unsere Chancen zur&uuml;ckschlagen, bei uns durch Handel Arbeitspl&auml;tze und Einkommen zu sichern&ldquo; anderes als die Wahrung von Wirtschaftsinteressen?<\/p><p>Man k&ouml;nnte K&ouml;hlers Entschluss ja noch nachvollziehen, wenn er auch schon in der Vergangenheit so sensibel reagiert h&auml;tte. Hat er aber nicht  den Satz <a href=\"http:\/\/www.n24.de\/news\/newsitem_693056.html\">&ldquo;Offen will ich sein, notfalls auch unbequem.&rdquo;<\/a> nicht  geradezu zu seinem Leitspruch erhoben, lie&szlig; er nicht sogar vom Berliner Hofschreiber und Bild-Kolumnisten Hugo M&uuml;ller-Vogg ein Buch unter diesem Titel erscheinen? <\/p><p>Hat er sich w&auml;hrend der Gro&szlig;en Koalition nicht geradezu als der <a href=\"?p=2864\">&bdquo;schwarz-gelbe Pr&auml;sident&ldquo;<\/a> zu profilieren versucht, dem die neoliberalen &bdquo;Reformen&ldquo; <a href=\"?p=3848\">nicht weit genug gehen konnten<\/a>? Hat er sich nicht, wie kein anderer Bundespr&auml;sident vor ihm in die aktuelle Politik eingemischt? K&ouml;hler war w&auml;hrend seiner ersten Amtszeit alles andere als ein &uuml;berparteilicher Repr&auml;sentant des gesamten Volkes, sondern &ndash; und das als h&ouml;chstes Staatsorgan &ndash; <a href=\"?p=709\">ein Parteig&auml;nger der neoliberalen &bdquo;Reformer&rdquo;<\/a>. <\/p><p>Auf den NachDenkSeiten k&ouml;nnen Sie Dutzende von Artikeln &uuml;ber K&ouml;hlers Reden nachlesen, wo wir kritisiert haben, dass sich das Staatsoberhaupt mit seinen &Auml;u&szlig;erungen  weit von seiner Rolle als Integrationsfigur und Wahrer der Interessen Aller entfernt hatte. Hat er z.B. am 21. Juli 2005 bei  seiner Erkl&auml;rung zur Aufl&ouml;sung des Deutschen Bundestags nicht in v&ouml;llig &uuml;berzogener Weise geradezu einen nationalen <a href=\"?page_id=1083\">Notstand als Begr&uuml;ndung herangezogen<\/a> (&bdquo;Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel.&ldquo;), um seine Entscheidung verfassungsfest zu machen?<\/p><p>Warum also pl&ouml;tzlich diese Empfindlichkeit? <\/p><p>Wohlgemerkt, K&ouml;hler tritt nicht wegen seiner &Auml;u&szlig;erungen zu Auslandseins&auml;tzen der Bundeswehr zur&uuml;ck, sondern weil sie zu Missverst&auml;ndnissen h&auml;tten f&uuml;hren k&ouml;nnen und er daf&uuml;r kritisiert wurde, und weil er sich und das Amt damit beleidigt f&uuml;hlt. K&ouml;hler h&auml;tte ja seine Kritiker in der Sache widerlegen und seine Position zu Bundeswehreins&auml;tzen klarstellen k&ouml;nnen.<br>\nAber au&szlig;er bl&auml;ssliche Dementis seiner Pressestelle und nachgeschobene Erkl&auml;rungsversuche h&ouml;rte man nichts. Pers&ouml;nlich hat er jetzt nur noch seinen sofortigen R&uuml;cktritt erkl&auml;rt. Eine Klarstellung ist das nicht. <\/p><p>Das ist ein Amtsverst&auml;ndnis nach dem Motto: Ich darf &bdquo;offen und unbequem&ldquo; alles sagen, aber ich verbitte mir jede Kritik, weil ich Bundespr&auml;sident bin: das Amt als Schutzschild gegen Kritik also.<br>\nWas ist das f&uuml;r ein Amtsverst&auml;ndnis eines Pr&auml;sidenten in einem demokratischen Staat. Einem Staat der doch vom Meinungsstreit lebt und in dem auch das h&ouml;chste Staatsamt nicht sakrosankt &uuml;ber den B&uuml;rgern schwebt und selbst das Staatsoberhaupt nicht f&uuml;r alle verbindliche Wahrheiten verk&uuml;nden darf und kann. <\/p><p>Man wei&szlig;, aus vielen Indizien, die aus dem Schloss Bellevue an die &Ouml;ffentlichkeit gelangt sind, dass K&ouml;hler offenbar oftmals zu unkontrollierten, ja j&auml;hzornigen Reaktionen neigt. Man muss angesichts des Anlasses und der abrupten Vorgehensweise K&ouml;hlers hinter dem R&uuml;cktritt eher eine unpolitische Reaktion verletzter Eitelkeit und des Verlustes an Selbstbeherrschung sehen.<\/p><p>Die missgl&uuml;ckte &Auml;u&szlig;erung zu den Bundeswehrein&auml;tzen d&uuml;rfte allerdings bei K&ouml;hler wohl nur das &bdquo;Fass zum &Uuml;berlaufen&ldquo; gebracht haben. Seine zweite Amtszeit musste bislang eine Entt&auml;uschung f&uuml;r den st&auml;ndig um Anerkennung ringenden Staatsmann gewesen sein. St&auml;ndig wurde im vorgehalten, dass er sich angesichts der tiefsten Krisen, in denen das Land steckt, nicht mit richtungsweisenden Worten eingeschaltet habe.<br>\nIdeenlosigkeit, ja sogar Amtsm&uuml;digkeit wurde ihm nachgesagt. <\/p><p>Und K&ouml;hler schien tats&auml;chlich ratlos. Wie sollte aber auch jemand die Richtung weisen k&ouml;nnen, der  als ehemaliger Finanzstaatsekret&auml;r und sp&auml;terer Chef des Internationalen W&auml;hrungsfonds zutiefst mit <a href=\"?p=194\">den Rezepten verhaftet war<\/a>, die mit der Finanz- und Wirtschaftskrise eklatant gescheitert sind?<\/p><p>K&ouml;hler sah offenbar keinen Ausweg mehr und hat deshalb mit seinem R&uuml;cktritt die Konsequenzen gezogen. Der R&uuml;cktritt ist auch ein Eingest&auml;ndnis des Scheiterns. Des Scheiterns eines Politikkonzepts, das K&ouml;hler verk&ouml;rperte.<\/p><p>Das immerhin ehrt ihn, im Gegensatz zu vielen anderen Spitzen des Staates, die sich und uns noch immer vormachen, sie k&ouml;nnten weiter machen, wie bisher. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Ein Bundespr&auml;sident tritt aus seinem Amt zur&uuml;ck, nicht etwa aus Alters- oder Gesundheitsgr&uuml;nden sondern offenbar aus politischen Gr&uuml;nden. Die <a href=\"?p=5645#h15\">Kritik an seinen &Auml;u&szlig;erungen zum Bundeswehreinsatz zur Sicherung von Wirtschaftsinteressen<\/a> lasse &bdquo;den notwendigen Respekt vor dem h&ouml;chsten Staatsamt vermissen&ldquo;, gab K&ouml;hler zur <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2010-05\/koehler-ruecktritt\">Begr&uuml;ndung<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5718\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,1,50,171],"tags":[358,1010,418,531,315,603],"class_list":["post-5718","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-das-kritische-tagebuch","category-finanzkrise","category-militaereinsaetzekriege","tag-bundeswehr","tag-deutschlandradio","tag-grundgesetz","tag-koehler-horst","tag-merkel-angela","tag-ruecktritt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5718","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5718"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5718\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20989,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5718\/revisions\/20989"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5718"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5718"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5718"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}