{"id":57251,"date":"2019-12-20T08:53:39","date_gmt":"2019-12-20T07:53:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57251"},"modified":"2019-12-23T14:37:03","modified_gmt":"2019-12-23T13:37:03","slug":"kolumbien-der-volksaufstand-gegen-die-40-dauphins-und-die-jahrzehnte-alte-gewaltherrschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57251","title":{"rendered":"Kolumbien \u2013 Der Volksaufstand gegen die 40 Dauphins und die Jahrzehnte alte Gewaltherrschaft"},"content":{"rendered":"<p>Sogenannte &ldquo;Analysten&rdquo; in den beherrschenden Medien und Akademiker verschiedener Couleur hatten den am vergangenen 21. November in verschiedenen St&auml;dten Kolumbiens ausgebrochenen Massenprotesten nur ein kurzlebiges Aufbegehren vorausgesagt. Doch knapp vier Wochen sp&auml;ter war am Montag, den 16. Dezember, Bogot&aacute;s Plaza de Bol&iacute;var, Sitz des Parlaments, erneut von Menschenmassen eingenommen. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4320\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-57251-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191220-Kolumbien-der-Volksaufstand-gegen-die-40-Dauphins-und-die-Jahrzehnte-alte-Gewaltherrschaft-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191220-Kolumbien-der-Volksaufstand-gegen-die-40-Dauphins-und-die-Jahrzehnte-alte-Gewaltherrschaft-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191220-Kolumbien-der-Volksaufstand-gegen-die-40-Dauphins-und-die-Jahrzehnte-alte-Gewaltherrschaft-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191220-Kolumbien-der-Volksaufstand-gegen-die-40-Dauphins-und-die-Jahrzehnte-alte-Gewaltherrschaft-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=57251-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/191220-Kolumbien-der-Volksaufstand-gegen-die-40-Dauphins-und-die-Jahrzehnte-alte-Gewaltherrschaft-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"191220-Kolumbien-der-Volksaufstand-gegen-die-40-Dauphins-und-die-Jahrzehnte-alte-Gewaltherrschaft-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Diesmal, um gegen die Steuerreformpl&auml;ne der Regierung des jungen, konservativen Staatschefs Iv&aacute;n Duque mit einem tosenden <em>Cacerolazo<\/em> (T&ouml;pfe- und Pfannenrasseln) zu protestieren. Und wieder skandierten Ch&ouml;re Parolen wie &bdquo;Widerstand!&rdquo; und &bdquo;Parar para avanzar!&ldquo;, was wortw&ouml;rtlich &uuml;bersetzt so viel hei&szlig;t wie &bdquo;Stoppen, um vorw&auml;rts zu kommen!&rdquo;, ein Widersinn, der als Oxymoron missverstanden werden k&ouml;nnte. Doch das spanische Wort paro &ndash; Stillstand &ndash; ist ein Synonym von Streik, und damit erh&auml;lt die Anweisung sehr wohl eine dynamische Bedeutung.<\/p><p>Zigtausende Demonstrantinnen und Demonstranten waren dem Aufruf des gewerkschaftlichen Dachverbandes CUT gefolgt, der den Aufruf mit einem unzul&auml;ssigen und unakzeptablen Vorgang begr&uuml;ndete: der Steuerreform-Entwurf der Regierung sei dem Parlament mit Dringlichkeitscharakter aufgen&ouml;tigt worden und solle noch vor Ende 2019 genehmigt werden. Gewerkschaften und soziale Bewegungen gewannen jedoch die Zustimmung des Arbeitslosenausschusses im Kongress. Dessen Abgeordnete sprachen sich gegen die Billigung der Regierungspl&auml;ne aus. Der Entwurf enthalte Artikel, die die Reichen im Lande steuerlich bevorteilen und die <a href=\"https:\/\/www.publimetro.co\/co\/noticias\/2019\/12\/16\/cacerolazo-congreso-la-reforma-tributaria.html\">kolumbianische Mittelschicht bestrafe<\/a>.<\/p><p>Doch der eigentlich &bdquo;Vorbestrafte&ldquo; in der Fehde ist der Pr&auml;sident selbst; daher auch seine Eile. In der Pr&auml;sidentschafts-Stichwahl vom Juni 2018 besiegte Duque seinen progressiven Herausforderer und ehemaligen B&uuml;rgermeister von Bogot&aacute;, Gustavo Petro, mit 54 gegen 42 Prozent der Stimmen. Der Dauphin des ultrakonservativen Ex-Pr&auml;sidenten &Aacute;lvaro Uribe soll bis August 2022 regieren, doch in weniger als 18-monatiger Amtszeit ist seine nicht gerade triumphale Popularit&auml;t bei Regierungsantritt von knapp 54 Prozent <a href=\"https:\/\/www.semana.com\/nacion\/multimedia\/duque-baja-su-popularidad-de-538-a-272\/590929\">auf genau die H&auml;lfte (27,2 Prozent) eingebrochen<\/a>.<\/p><p>Iv&aacute;n Duque ist der Dritte im Bund der Schl&uuml;sselfiguren s&uuml;damerikanischer konservativer bis rechtsradikaler Machthaber, deren Popularit&auml;t innerhalb weniger Monate nach Amtseinf&uuml;hrung in den Keller st&uuml;rzte &ndash; so Brasiliens Jair Bolsonaro auf 32 Prozent und Chiles Sebastian Pi&ntilde;era gar auf 4,6 Prozent &ndash; und eine kontinentalweite massive Ablehnung ultraliberaler Staatsf&uuml;hrung mit sozialen und rechtlichen Einbu&szlig;en signalisiert. Plastischer ausgedr&uuml;ckt: 68 Prozent der Brasilianer f&uuml;hlen sich nicht von Bolsonaro, 73 Prozent der Kolumbianer nicht von Duque und nahezu 100 Prozent der Chilenen nicht von Pi&ntilde;era vertreten.<\/p><p>Die Ursachen und der Fortgang des Aufstands<\/p><p>Nach Angaben des Verwaltungsamtes f&uuml;r Statistik (DANE) befanden sich 2018 im Landesdurchschnitt 19,6 Prozent der Kolumbianer im Zustand <a href=\"https:\/\/www.portafolio.co\/economia\/colombia-es-cada-vez-mas-desigual-asegura-el-dane-531503\">&ldquo;multidimensionaler&rdquo; oder vielseitiger Armut<\/a>. Doch die Armutsstatistik erreicht in unterschiedlichen Landesteilen geradezu groteske Ausma&szlig;e und signalisiert ein alarmierendes soziales Gef&auml;lle zwischen Hauptstadt und Hinterland. In Caquet&aacute; erreicht der Armutsindikator 28,7 Prozent, in Norte de Santander 31,5 Prozent, gefolgt von Choc&oacute; und Guajira mit je 45,1 und 51,4 Prozent. Den Gipfel der Verelendung bildet die Provinz Guain&iacute;a mit 65 Prozent Armen in der Bev&ouml;lkerung. Im Gegensatz dazu brilliert die Hauptstadt Bogot&aacute; im Glitzerlicht der amtlichen Werbung mit lediglich 4,4 Prozent Armen unter ihren 7 Millionen Einwohnern.<\/p><p>Kolumbien ist &bdquo;&hellip; ein Land, in dem fast jeder den Gini-Koeffizienten (zur Darstellung der Ungleichverteilung) auswendig kennt und mit dieser Kenntnis verk&uuml;ndet, dass er in einem der ungleichsten, aber auch gef&auml;hrlichsten L&auml;nder der Welt lebt, in dem Grundrechte beansprucht werden k&ouml;nnen. Das ist der Grund, warum diese endlosen Mobilisierungen (stattfinden), die die Regierung ignoriert, aber sie dazu aufruft, Gewalt zu verhindern, wo doch die Menschen auf der Stra&szlig;e genau wissen, dass der Hauptfaktor und Ausl&ouml;ser von Gewalt der Staat selbst ist&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.alainet.org\/es\/articulo\/203830\">kommentierte j&uuml;ngst Manuel H. Restrepo Dom&iacute;nguez<\/a>, Professor an der P&auml;dagogischen und Technischen Universit&auml;t von Kolumbien (UPTC) und Mitglied des kolumbianischen Observatoriums f&uuml;r Menschenrechte.<\/p><p>&bdquo;Die Menschen haben es satt, dass Eliteregierungen, die als Bef&uuml;rworter des Neoliberalismus und des Krieges erkannt werden, die Menschenw&uuml;rde herabsetzen und verschlechtern, Selbstschutzmechanismen schaffen, die nicht mehr als 500 Familien und ihren &acute;Blutpakten&acute; zum Schutz von Ehre und Schweigen zugutekommen, damit die Geheimnisse vom Ursprung ihres enormen Verm&ouml;gens und Machtmissbrauchs nicht gel&uuml;ftet werden. Sie sind sich darin einig, ihr Ideal der &acute;Eigent&uuml;merrepublik&acute; zu verteidigen, kolonialistisch und mit einem ausschlie&szlig;lichen Berechtigungsanspruch ausgestattet, ohne R&uuml;cksicht auf die Marginalisierung von Jung und Alt, die an Stra&szlig;enecken, Abwasserkan&auml;len, Parks oder &ouml;ffentlichen R&auml;umen ihre Dasein fristen, zerrissen zwischen Informalit&auml;t, Kriminalit&auml;t, Hunger und dem Elend der Einheimischen oder dem der Fremden aus der Nachbarrepublik (Venezuela)&ldquo;, emp&ouml;rte sich Dom&iacute;nguez.<\/p><p>Der Aufstand gegen die Regierung Duque mobilisierte mindestens 2 Millionen Menschen aus 300 Landkreisen und schmiedete zum ersten Mal in der j&uuml;ngeren Geschichte des Landes ein spontanes B&uuml;ndnis zwischen Gewerkschaften, Landwirten, indigenen Gemeinden, Sch&uuml;lern, Studenten und einem breiten Spektrum sozialer und Umweltschutz-Bewegungen. Das B&uuml;ndnis entsprang dem Schattendasein am Rande des &uuml;ber 50 Jahre andauernden bewaffneten Konfliktes zwischen Staat, Guerilla, Narcos und Paramilit&auml;rs, und wird vom Ex-Pr&auml;sidentschafts-Kandidaten und amtierenden Senator Gustavo Petro der <a href=\"https:\/\/actualidad.rt.com\/programas\/conversando-correa\/335026-conversando-correa-entrevista-gustavo-petro\">Aufstand der &bdquo;Menschenmengen&ldquo;<\/a> genannt.<\/p><p>Die Hauptforderungen der Bewegung sind umfassendere Investitionen im Bildungsbereich, insbesondere in &ouml;ffentliche Universit&auml;ten, Abbau der Arbeitslosigkeit, ein entschiedenes &sbquo;Nein&lsquo; zu den geplanten Arbeitsmarkt- und Rentenreformen und die sofortige Einstellung und S&uuml;hne der Morde an Aktivisten sozialer Bewegungen und der indianischen Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Die Proteste begannen friedlich und feierlich, wurden jedoch unmittelbar nach ihrem Ausbruch von der Regierung Duque am 22. November mit der Verh&auml;ngung der vor&uuml;bergehenden Ausgangssperre und unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;iger Gewaltaus&uuml;bung, Hunderten von Verletzten und einigen Toten beantwortet; Repressalien, die, wie in Chile, bisher jedoch die Proteste nicht aufzuhalten vermochten.<\/p><p>Zun&auml;chst blies Duque ins gleiche Horn seiner ultrarechten Partei Centro Democratico (Demokratisches Zentrum &ndash; Devise: &bdquo;Mano firme, coraz&oacute;n grande \/ Strenge Hand, gro&szlig;es Herz!&ldquo;): Der Streik beruhe auf &bdquo;L&uuml;gen&ldquo;. Doch selbst im Centro gab es starken Gegenwind und Duque distanzierte sich von den Radikalen in der eigenen Partei. Der Aufmarsch mit mehr als 140.000 Polizisten der gef&uuml;rchteten ESMAD-Sondereinheit und des Milit&auml;rs wurde reduziert, der Konflikt deeskaliert und Duque zeigte sich &bdquo;dialogbereit&ldquo;, obwohl er daf&uuml;r bekannt ist, dass er &bdquo;sprechen l&auml;sst, jedoch nicht zuh&ouml;rt&ldquo;. Im Chor mit Chiles Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era posierte Duque als Garant des Rechtsstaats: Sozialer Protest sei ein Grundrecht, doch werde er &bdquo;unerbittlich gegen jene vorgehen, die Chaos und Einsch&uuml;chterung der Gesellschaft hervorrufen&rdquo;; eine Warnung, die sein politischer G&ouml;nner, der fr&uuml;here Pr&auml;sident und amtierende Senator &Aacute;lvaro Uribe mit der <a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/noticias\/politica\/los-detonantes-del-paro-nacional-articulo-892012\">Forderung &bdquo;Vandalen ins Gef&auml;ngnis!&ldquo;<\/a> versch&auml;rfte.<\/p><p>Das Nationale Streik-Komitee (CNP) lie&szlig; sich von den Androhungen nicht beirren und besteht seit Ende November auf einem umfassenden Forderungskatalog:<\/p><ol>\n<li>Zur&uuml;cknahme der angek&uuml;ndigten und dem Parlament zur Abstimmung &uuml;berreichten Steuerreform<\/li>\n<li>Aufhebung des Erlasses 2.111 vom 24. November 2019, der die Gr&uuml;ndung einer Finanzholdinggesellschaft mit Aufhebung der direkten Kontrolle des Staates &uuml;ber die Geldmenge staatlicher Finanzunternehmen angek&uuml;ndigt hat, die ein Massaker mit Massenentlassungen der Angestellten hervorrufen wird<\/li>\n<li>Annullierung des Rundschreibens des Arbeitsministeriums, das die Arbeitsvertrag-K&uuml;ndigung von physisch versehrten Menschen genehmigt<\/li>\n<li>Aufl&ouml;sung des ESMAD (Mobiles Geschwader zur Aufstandsbek&auml;mpfung) und S&auml;uberung des Polizeikorps<\/li>\n<li>Zur&uuml;cknahme der angek&uuml;ndigten Rentenreform, womit das allgemeine Anrecht auf eine Rente aller Arbeitnehmer aufgehoben und (das staatliche Rentenverwaltungssystem) Colpensiones in einen privaten Fonds umgewandelt wird<\/li>\n<li>Zur&uuml;cknahme der geplanten Arbeitsreform, die die Zerst&ouml;rung der Arbeitsplatz-Sicherung, die Zahlungspflicht von 75 Prozent des Mindestlohns an jugendliche Besch&auml;ftigte sowie die Einf&uuml;hrung regional unterschiedlicher Geh&auml;lter und die in Stunden bemessene Zeitarbeit zur Folge h&auml;tte<\/li>\n<li>Zur&uuml;cknahme der Privatisierungspl&auml;ne f&uuml;r staatliche Unternehmen wie Ecopetrol, ISA, CENIT, f&uuml;r regionale und bundesweite Elektrizit&auml;tsunternehmen sowie f&uuml;r s&auml;mtliche Unternehmen, an denen der Staat weniger als 50 Prozent der Anteile besitzt<\/li>\n<li>Einhaltung s&auml;mtlicher Vereinbarungen, die die Regierung mit Studenten, indigenen Organisationen, Beamten, der Lehrergewerkschaft Fecode und den b&auml;uerlichen Sektoren getroffen hat<\/li>\n<li>Die Regierung soll mit dem Bauernverband Dignidad Pecuaria (W&uuml;rde der Landwirtschaft) &uuml;ber die Bed&uuml;rfnisse der landwirtschaftlichen Produzenten &ndash; einschlie&szlig;lich der &Uuml;berarbeitung s&auml;mtlicher Freihandelsabkommen &ndash; und &uuml;ber alles, was mit der landwirtschaftlichen Produktion zu tun hat, verhandeln<\/li>\n<li>Mit der Devise &bdquo;Sch&uuml;tzen wir den Frieden&ldquo; soll die Regierung (endlich) die Einhaltung und Umsetzung des Friedensabkommens sicherstellen<\/li>\n<li>Die Regierung soll sofort dem Parlament ihre Pl&auml;ne &uuml;berreichen, womit die Anti-Korruptions-Konsultationen gestartet werden k&ouml;nnen (in Kolumbien werden 50 Milliarden pro Jahr wegen Korruption gestohlen)<\/li>\n<li>Aufhebung der Steuer oder des &bdquo;Mega-Tarifs&rdquo; zur Finanzierung von Electricaribe<\/li>\n<li>Festlegung einer Umweltpolitik mit Vertretern von Umweltorganisationen zum Schutz der Moore<\/li>\n<\/ol><p>Duques Regierung und die Unterh&auml;ndler der Streikbewegung haben sich seit Ende November mindestens vier Mal an einen Tisch gesetzt, doch keinen Konsens erzielt. Regierungsbeauftragter Diego Molano forderte die Streikbewegung dazu auf, jeden der 13 Punkte &bdquo;zu vertiefen und zu pr&auml;zisieren&ldquo;. Die Hinhalte-Taktik soll f&uuml;r die Regierung Zeit gewinnen und wettet offenbar auf ein langsames Austrocknen der Proteste.<\/p><p><strong>Vierzig Familien regieren Kolumbien seit 200 Jahren<\/strong><\/p><p>Doch wer sitzt den Millionen ihre Rechte einfordernden Kolumbianern gegen&uuml;ber?<\/p><p>Seitdem Graf Guiges IV. de Albon im 12. Jahrhundert sich selbst zum ersten Dauphin ernannte, bezeichnet der Dauphinismus die Verewigung von Familienclans und Cliquen an der Macht &ndash; Macht &uuml;ber ein Territorium, den Staat, das Milit&auml;r, die Justiz, die &Ouml;konomie, kurzum: ausnahms- und l&uuml;ckenlose Macht &uuml;ber ein Volk. So auch in Kolumbien, seit mehreren Jahrhunderten.<\/p><p>Ospina, Lleras, Valencia, Pastrana und Santos sind einige der am h&auml;ufigsten vorkommenden Familiennamen in der kolumbianischen Politik. &bdquo;Allein diese f&uuml;nf Familiennamen ergeben zehn Pr&auml;sidenten, die wiederum die H&auml;lfte derer ausmachen, die im gesamten 20. Jahrhundert gew&auml;hlt wurden&rdquo;, erkl&auml;rte David Racero, ein 31-j&auml;hriger Politiker, der in den Kongress gew&auml;hlt wurde und sich im M&auml;rz 2018 mit der New York Times &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/es\/2018\/03\/19\/las-dinastias-del-poder-en-colombia-de-cara-al-2018\/\">Herrschaft der kolumbianischen Familien-Clans<\/a> unterhielt.<\/p><p>Racero ist Philosoph, Politikwissenschaften-Doktorand und linker Aktivist, der durch eine Koalition mit dem provokanten Titel <em>Lista de la Decencia<\/em> (&bdquo;Liste des Anstands&ldquo;) ins Parlament einzog und zusammen mit einem Forscherteam mehrere Familien-Stammb&auml;ume unter die Lupe nahm, in denen das vielschichtige Gewirr famili&auml;rer Beziehungen, das den kolumbianischen Staat beherrscht, schimmert: &bdquo;Wir haben festgestellt, dass wir in den letzten zweihundert Jahren von nur vierzig Familien regiert wurden.&rdquo;<\/p><p>Bei seiner Besch&auml;ftigung mit dem Thema Eliten und Hegemonie in Kolumbien fiel Racero die wesentliche Frage auf: Warum regieren diejenigen, die regieren?<\/p><p>&bdquo;Die Eliten haben den Staat durch ihre famili&auml;ren Beziehungen oder durch ihre vertraglichen Bindungen an andere Gruppen gekidnappt und entf&uuml;hrt&rdquo;, erkl&auml;rt er. &bdquo;Es herrscht eine institutionelle und rechtliche Modellierung, die nicht von der Nation oder den Mehrheiten, sondern von denjenigen festgelegt wird, die die Macht aus&uuml;ben.&rdquo; Sein Fazit: &bdquo;Vierzig Familien haben uns regiert, doch heute sind wir ein Land mit ungef&auml;hr sieben Millionen Familien. Das ist nicht demokratisch&ldquo;.<\/p><p>Die traditionellen, Jahrhunderte alten und erstarrten Clans verloren jedoch an Boden seit dem Aufkommen des &Aacute;lvaro Uribe; dem ehemaligen B&uuml;rgermeister von Medellin, ehemaligen Gouverneur von Antioquia und ehemaligen Pr&auml;sidenten der Republik. Mit einem B&uuml;ndnis neureicher, regionaler Unternehmer und Viehz&uuml;chter &uuml;berzog der rechtsradikale Uribismus, mit seinen vielf&auml;ltigen Verbindungen und der F&ouml;rderung von Paramilit&auml;rs und der Narco-Szene, Kolumbien mit dem verheerendsten Feldzug gegen die Menschenrechte und der Ver&uuml;bung tausendfacher, immer noch unges&uuml;hnter Morde.<\/p><p>Mitte Dezember 2019 begleitete die Wochenzeitschrift <em>La Semana<\/em> Staatsanwaltschaft und Forensiker bei der Aushebung eines <a href=\"https:\/\/www.semana.com\/nacion\/articulo\/fosa-comun-masiva-de-falsos-positivos-investigada-por-la-jep-en-dabeiba-antioquia\/644974\">anonymen Massengrabes mit 50 Leichen<\/a> sogenannter &bdquo;falscher Positiver&ldquo;. Unter dem Codewort kommandierte Uribes Heer die Hinrichtung von willk&uuml;rlich ausgew&auml;hlten Landarbeitern und Indianern zur Erlangung von &bdquo;Dienstpr&auml;mien&ldquo;; im Krieg gegen die Guerilla verlangte die Regierung &bdquo;Leistungsnachweis&ldquo;.<\/p><p><strong>Die gest&ouml;rte Wahrnehmung des Ausw&auml;rtigen Amtes<\/strong><\/p><p>Der von seinem Nachfolger Juan Manuel Santos Calder&oacute;n (2010-2018) im Jahr 2016 ausgehandelte, jedoch von Uribe und Duque abgelehnte <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40188\">Friedensvertrag mit der Guerilla-Bewegung FARC<\/a> ist drei Jahre nach Inkrafttreten nach wie vor von der Gewalt des Uribismus gepr&auml;gt. &bdquo;Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens &hellip; wurden nach Angaben der Agentur f&uuml;r Wiederaufbau und Wiederherstellung der Normalit&auml;t 129 ehemalige K&auml;mpfer dieser Guerilla in verschiedenen Regionen Kolumbiens get&ouml;tet. In weniger als der H&auml;lfte der F&auml;lle hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben beziehungsweise wurden direkt Involvierte festgenommen&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/es\/2019\/05\/08\/asesinatos-exguerrilleros-colombia\/\">beklagte selbst die New York Times<\/a> am 8. Mai 2019.<\/p><p>Doch dazu findet der entr&uuml;stete Leser und der &uuml;berraschte Tourist, der seinen n&auml;chsten Urlaub in Kolumbien verbringen wollte, wenig Orientierungshilfe in den amtlichen Mitteilungen der deutschen Bundesregierung. Das unter Minister Heiko Maas seit eineinhalb Jahren um Demokratie und Menschenrechte im benachbarten Venezuela besorgte und interventionsbereite Ausw&auml;rtige Amt leidet im Fall Kolumbien offenbar unter Wahrnehmungsst&ouml;rungen. Kaum zu fassen, widmete das AA noch Ende Oktober 2019 Kolumbien <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/aussenpolitik\/laender\/kolumbien-node\/politisches-portraet\/212762\">eine lapidare 12-zeilige Glosse<\/a>, die die Gewalt und T&ouml;tungen &bdquo;kriminellen Banden&ldquo; unterstellt und von der politischen Motivation der Morde ablenkt.<\/p><p>&bdquo;Zunehmende Bedrohung geht heute von neuen kriminellen Banden aus, die sich zum Teil aus fr&uuml;heren Paramilit&auml;rs rekrutieren. Hinzu kommen ELN und Dissidenten der FARC, die sich dem Demobilisierungsprozess nicht angeschlossen haben. Diese Gruppen finanzieren sich gro&szlig;teils durch Drogengesch&auml;fte. Kolumbien z&auml;hlt zu den L&auml;ndern mit der gr&ouml;&szlig;ten Kokainproduktion. Insgesamt ist das Gewaltniveau im Land jedoch stark gesunken. Ein aktuelles Problem stellen Morde von Schwerkriminellen an Personen dar, die sich in den von Drogen- und Gewaltkriminalit&auml;t beherrschten Gebieten f&uuml;r soziale Belange oder Schutz der Menschenrechte einsetzen&ldquo;, hei&szlig;t es im &bdquo;Politischen Portr&auml;t&rdquo; des AA.<\/p><p>&Uuml;ber die Massenmorde an ausgemusterten FARC-K&auml;mpfern kein Sterbenswort.<\/p><p>Titelbild: juangonzalez\/Shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sogenannte &ldquo;Analysten&rdquo; in den beherrschenden Medien und Akademiker verschiedener Couleur hatten den am vergangenen 21. November in verschiedenen St&auml;dten Kolumbiens ausgebrochenen Massenprotesten nur ein kurzlebiges Aufbegehren vorausgesagt. Doch knapp vier Wochen sp&auml;ter war am Montag, den 16. Dezember, Bogot&aacute;s Plaza de Bol&iacute;var, Sitz des Parlaments, erneut von Menschenmassen eingenommen. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57251\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":57252,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,20,132],"tags":[881,282,2576,374,2564,2160,2520,1609,2405,2786],"class_list":["post-57251","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armut","tag-buergerproteste","tag-duque-ivan","tag-eliten","tag-gewalt","tag-kolumbien","tag-mord","tag-rentenreform","tag-steuerreform","tag-uribe-alvaro"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/shutterstock_1584853777.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=57251"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57329,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57251\/revisions\/57329"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/57252"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=57251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=57251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=57251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}