{"id":57272,"date":"2019-12-24T16:00:53","date_gmt":"2019-12-24T15:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57272"},"modified":"2019-12-26T12:15:30","modified_gmt":"2019-12-26T11:15:30","slug":"als-sie-1945-als-rucksackgesindel-weihnachten-feierten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57272","title":{"rendered":"Als sie 1945 als \u201eRucksackgesindel\u201c Weihnachten feierten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auszug aus dem Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;<\/strong><br>\nVon <strong>Wolfgang Bittner<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWeihnachten r&uuml;ckt immer n&auml;her. Die Frauen und ihre Kinder hungern und frieren. Die winterliche Natur bietet nichts, was man essen k&ouml;nnte. Allerdings ist der Wald in der N&auml;he. &bdquo;Besorgen Sie sich einen Leseschein!&ldquo;, empfiehlt Herr Kapitzke. &bdquo;Wenn Sie ohne Genehmigung Holz sammeln, bekommen Sie Probleme mit dem Dorfpolizisten.&ldquo; Der Wald geh&ouml;rt dem Bauern, der einen Schein ausstellt, sodass Fallholz, Reisig und Tannenzapfen gesammelt werden d&uuml;rfen und der Herd von Zeit zu Zeit angefeuert werden kann. Heimlich holt die Mutter Kartoffelschalen und Essensreste vom gegen&uuml;berliegenden Misthaufen. (&hellip;)<\/p><p>Dann ist der 24.&nbsp;Dezember gekommen. Edmund hat ein B&uuml;ndel &Auml;ste aus dem Wald geholt, sodass es leidlich warm wird. Immerhin. Nur ist kaum noch etwas vorhanden, was f&uuml;r eine Mahlzeit reicht, die alle satt machen w&uuml;rde. Die Frauen zerbrechen sich den Kopf dar&uuml;ber, was sie kochen k&ouml;nnten. &bdquo;Irgendetwas m&uuml;ssen wir doch tun, sonst verhungern wir&ldquo;, sagt die Mutter. Ihr f&auml;llt ein, dass sie an der Landstra&szlig;e ein Feld mit Zwiebeln gesehen hat, Winterzwiebeln, die im Herbst gepflanzt wurden und im Fr&uuml;hjahr geerntet werden sollen. &bdquo;Heute wird niemand aufpassen&ldquo;, vermutet sie. &bdquo;Wir gehen Zwiebeln klauen&ldquo;, freut sich Edmund, und Tante Franziska meint: &bdquo;Uns bleibt nichts anderes &uuml;brig.&ldquo; Also gehen sie Zwiebeln stehlen.<\/p><p>Der Boden ist zwar hart gefroren und das Lauch rei&szlig;t ab, aber ein Beutel voll Zwiebeln l&auml;sst sich dann doch einsammeln. Wieder zur&uuml;ck, sichten die Frauen nochmals die Vorr&auml;te. Ein paar Kartoffeln sind noch da, und mit Gries und ein wenig &Ouml;l l&auml;sst sich eine Einbrenne machen. Zusammen mit den Zwiebeln und dem Lauch, dazu die p&uuml;rierten Kartoffeln, gibt das zu Mittag eine recht gehaltvolle k&ouml;stliche Suppe. Es schmeckt so gut, dass die Teller abgeleckt werden, um ja nichts zu vergeuden.<\/p><p>Gerade hat Edmund die Abf&auml;lle, also auch die Zwiebelschalen, auf den gro&szlig;en Misthaufen schr&auml;g gegen&uuml;ber der T&uuml;r geworfen, da erscheint der Dorfpolizist. Der Bauer, dem das Zwiebelfeld geh&ouml;rt, hat Anzeige gegen &bdquo;das Polackenpack&ldquo;, wie er es nennt, erstattet, und die Unterk&uuml;nfte werden durchsucht. Bei Kapitzkes wird die Staatsgewalt f&uuml;ndig: Eine ganze Tasche voll Zwiebeln kommt zum Vorschein. Der Polizist l&auml;sst sich durch das Geschimpfe und Gefluche von Herrn Kapitzke nicht beeindrucken, das Diebesgut wird sichergestellt. Als ein Handgemenge entsteht, kommt der Bauer, der vor der T&uuml;r gewartet hat, dem Beamten zu Hilfe. Beiden gelingt es, Herrn Kapitzke mit der Drohung, ihn zu verhaften, zur Ruhe zu bringen. Ein Protokoll wird aufgenommen und dazu eine Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung geschrieben. Danach kann f&uuml;r die Familie Kapitzke der Heilige Abend beginnen.<\/p><p>Die Mutter regt sich f&uuml;rchterlich auf, das Kind ist ganz erschrocken. &bdquo;Diese Verbrecher!&ldquo;, emp&ouml;rt sie sich. &bdquo;Alle waren Nazis und haben friedliche Menschen drangsaliert. Jetzt spielen sie sich schon wieder auf und machen so weiter.&ldquo; Allm&auml;hlich verwandelt sich ihre Aufregung in Zorn. &bdquo;So eine Schande!&ldquo;, schimpft sie. &bdquo;Die haben W&uuml;rste und Speck und essen heute Braten, w&auml;hrend wir hungern m&uuml;ssen.&ldquo; Ein eigenartiger Stolz kommt hinzu, der sich in den Worten ausdr&uuml;ckt: &bdquo;Diese Kerle&ldquo; &ndash; gemeint sind der Polizist und der Bauer &ndash; &bdquo;haben sich die ganze Zeit zu Hause herumgedr&uuml;ckt, w&auml;hrend unsere M&auml;nner an der Front ihre Knochen hinhalten mussten.&ldquo; Nachdem der Polizist fort ist, geht sie kurz entschlossen zusammen mit Tante Franziska in den Wald.<\/p><p>Die D&auml;mmerung bricht schon herein, da kommen die beiden Frauen mit einem Tannenbaum, Reisig und Holz zur&uuml;ck. Der Herd wird nochmals angeheizt und der Weihnachtsbaum geschm&uuml;ckt. Aus dem Silberpapier einer Zigarettenschachtel l&auml;sst sich Lametta machen, aus Watte Engelshaar. Die Frauen backen sogar ein Kuchenblech Pl&auml;tzchen aus Gries und etwas Zucker. Ein paar von den Pl&auml;tzchen h&auml;ngen die Kinder an den Weihnachtsbaum, der ihnen allen wundersch&ouml;n erscheint.<\/p><p>Und w&auml;hrend die Frauen besch&auml;ftigt sind, spielen die Kinder Elektriker. Das neben dem Fenster h&auml;ngende Stromkabel mit den zerfaserten Dr&auml;hten ist immer noch nicht isoliert worden. &bdquo;Wenn du das ber&uuml;hrst, kitzelt es ein bisschen&ldquo;, sagt Edmund. &bdquo;Das ist ein tolles Gef&uuml;hl.&ldquo; Ein tolles Gef&uuml;hl m&ouml;chte das Kind ausprobieren und fasst vorsichtig an. Im selben Moment sp&uuml;rt es im Arm einen heftigen Schlag, der sein Herz einen Moment stillstehen l&auml;sst. Als es wieder zu sich kommt, blickt es in die besorgten Gesichter der Mutter und der Tante. Es vernimmt Edmunds Stimme wie von weither: &bdquo;Ich habe ihm gesagt, dass er das Kabel nicht anfassen soll, aber er h&ouml;rt ja nicht auf mich.&ldquo; Das Kind kommt ins Bett, bis es sich erholt hat.<\/p><p>Endlich Heiliger Abend. Eine Kerze wird angez&uuml;ndet, im Ofen Holz nachgelegt, es gibt hei&szlig;es Wasser mit dem erahnbaren Geschmack von Tee und Zucker, dazu die ziemlich harten Pl&auml;tzchen, die ganz k&ouml;stlich schmecken und jede Delikatesse ersetzen. Sp&auml;ter kommt der Knecht, der oben im Haus ein Mansardenzimmer bewohnt, herunter, um mitzufeiern. Als Geschenk bringt er ein Brot und ein T&ouml;pfchen Griebenschmalz mit. Es ist gem&uuml;tlich wie lange nicht mehr, alle haben frohe Gesichter und schwelgen. Sie singen &bdquo;O du fr&ouml;hliche&ldquo;, &bdquo;Es ist ein Ros entsprungen&ldquo; und &bdquo;Stille Nacht, heilige Nacht&ldquo;. Die Mutter erz&auml;hlte Geschichten vom R&uuml;bezahl und von Ausfl&uuml;gen ins Riesengebirge mit dem Vater, der jetzt verwundet in einem Lazarett in Norddeutschland liegt. Dorthin wollen sich die Frauen mit ihren Kindern in den n&auml;chsten Tagen auf den Weg machen. Sie weinen ein bisschen und beten, dass es ihnen gelingen m&ouml;ge, wohlbehalten in den Westen zu gelangen.<\/p><p><em>(Aus: Wolfgang Bittner, &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;, Roman, zeitgeist Verlag 2019)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Auszug aus dem Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;<\/strong><br \/> Von <strong>Wolfgang Bittner<\/strong><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165],"tags":[1055,2250,849,966],"class_list":["post-57272","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","tag-fluechtlinge","tag-nachkriegszeit","tag-nahrungsmittel","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57272","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=57272"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57272\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57354,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57272\/revisions\/57354"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=57272"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=57272"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=57272"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}