{"id":57406,"date":"2020-01-03T09:45:39","date_gmt":"2020-01-03T08:45:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57406"},"modified":"2026-01-27T12:00:45","modified_gmt":"2026-01-27T11:00:45","slug":"fall-buback-hat-der-staat-mit-terroristen-kooperiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57406","title":{"rendered":"Fall Buback: Hat der Staat mit Terroristen kooperiert?"},"content":{"rendered":"<p>Wie nahe sind sich Staat und Terroristen eigentlich in der Vergangenheit gekommen? Der Fall des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback und seiner beiden Begleiter Wolfgang G&ouml;bel und Georg Wurster wirft auch Jahre nach der Verurteilung der ehemaligen RAF-Frau Verena Becker wegen Beihilfe viele Fragen auf. Bubacks Sohn Michael hat zusammen mit seiner Frau aus den w&auml;hrend des Prozesses von ihr angelegten Protokollen nun ein Buch ver&ouml;ffentlicht, das mit Genauigkeit das Verfahren gegen Becker beleuchtet und eindringlich aufzeigt, wie schwer die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39496\">Verwerfungen<\/a> in Sachen &bdquo;Karlsruher Attentat&ldquo; noch immer sind. Im NachDenkSeiten-Interview betont <strong>Michael Buback<\/strong>, dass die Zusammenarbeit zwischen Staat und Becker vermutlich der Aufkl&auml;rung des Verbrechens im Wege steht. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2678\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-57406-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200103_Fall_Buback_Hat_der_Staat_mit_Terroristen_kooperiert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200103_Fall_Buback_Hat_der_Staat_mit_Terroristen_kooperiert_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200103_Fall_Buback_Hat_der_Staat_mit_Terroristen_kooperiert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200103_Fall_Buback_Hat_der_Staat_mit_Terroristen_kooperiert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=57406-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200103_Fall_Buback_Hat_der_Staat_mit_Terroristen_kooperiert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200103_Fall_Buback_Hat_der_Staat_mit_Terroristen_kooperiert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Buback, wie viele der 34 Morde, die der RAF zugeschrieben werden, hat der Staat eigentlich umfassend aufgekl&auml;rt?<\/strong><\/p><p>Bislang wurde nur der Mord an J&uuml;rgen Ponto vollst&auml;ndig gekl&auml;rt, bei dem die Ehefrau des Opfers allerdings Tat und T&auml;ter von einem Nebenzimmer aus beobachtet hat, sodass keine aufw&auml;ndige Kl&auml;rung erforderlich war.<\/p><p><strong>Das ist eine erstaunlich schlechte Aufkl&auml;rungsquote.<\/strong><\/p><p>Ja, vor allem angesichts der Tatsache, dass Morde normalerweise zu &uuml;ber 90 Prozent aufgekl&auml;rt werden.<\/p><p><strong>Auch beim Mord an Ihrem Vater und seinen beiden Begleitern gibt es L&uuml;cken in der Aufkl&auml;rung.<\/strong><\/p><p>&bdquo;L&uuml;cken&ldquo; scheint mir eine sehr wohlwollende, eigentlich unpassende Bezeichnung der Situation zu sein. Was ist denn &uuml;berhaupt aufgekl&auml;rt, wenn der Senat des OLG Stuttgart 2012 im zuletzt ergangenen Urteil zum Karlsruher Attentat einr&auml;umt, f&uuml;r ihn w&uuml;rden die Tatbeteiligten nicht feststehen? <\/p><p><strong>Ihr Vater w&auml;re heute 100 Jahre alt geworden. Was kann man einem Staat sagen, der sich bei der Aufkl&auml;rung des Mordes an seinem obersten Aufkl&auml;rer so verh&auml;lt, wie er es getan hat?<\/strong><\/p><p>Wenn es den Experten schon nicht gelungen ist, den Generalbundesanwalt zu sch&uuml;tzen, w&uuml;rde man doch erwarten, dass seine und die Ermordung seiner beiden Begleiter aufgekl&auml;rt werden.<\/p><p><strong>Das Verfahren gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker ging 2012 zu Ende. Sie wurde damals wegen Beihilfe zum Mordanschlag auf Ihren Vater verurteilt. Sie haben nun ein Buch geschrieben, worin Sie sich sehr detailliert mit diesem Prozess auseinandersetzen. Warum?<\/strong><\/p><p>Meine Frau und ich halten den Stuttgarter Prozess &uuml;ber das spezielle Karlsruher Verbrechen hinaus f&uuml;r wichtig. Da es keine andere M&ouml;glichkeit gibt, sich angemessen &uuml;ber diese Hauptverhandlung zu informieren, sehen wir es als unsere Aufgabe an, den Prozess auf der Grundlage der genauen Protokolle meiner Frau zu schildern.<\/p><p><strong>Was sind aus Ihrer Sicht denn die gr&ouml;&szlig;ten Auff&auml;lligkeiten?<\/strong><\/p><p>Da sind einige zu nennen: (a) Es wurden &ndash; bereits in den 1980er Jahren &ndash; nur drei Personen als Mitt&auml;ter zu lebensl&auml;nglich verurteilt. Sie waren aber alle nicht unmittelbar tatbeteiligt, also nicht am Tatort. (b) Die zahlreichen, in ihren Autos an der Tatortkreuzung wartenden Augenzeugen wurden bald nach dem Verbrechen ohne Registrierung ihrer Namen und Autokennzeichen &uuml;ber die Kreuzung gewinkt. (c) Den Augenzeugen, die bereits damals eine weibliche Person auf dem Soziussitz des Tatmotorrads erkannt hatten, wurde keine Frau gegen&uuml;bergestellt, auch nicht Verena Becker, nachdem sie und Sonnenberg bei ihrer Verhaftung in Singen die Tatwaffe besa&szlig;en und einen Suzuki-Schraubenzieher mit sich f&uuml;hrten, wie er als einziges Werkzeug im Tatmotorrad fehlte. (d) Eine von der Polizei beim Abstellort des Tatmotorrads durch Gipsabdruck gesicherte Schuhspur der Gr&ouml;&szlig;e 40 wurde nicht mit der Sohle des Sportschuhs der Gr&ouml;&szlig;e 40 verglichen, den Verena Becker bei ihrer Verhaftung trug.<\/p><p><strong>Was noch?<\/strong><\/p><p>Der Fluchtwagen der Attent&auml;ter, der sich in der Obhut der Ermittler befand, ist spurlos verschwunden. Die darin enthaltenen DNA-Spuren h&auml;tten sicher Hinweise auf die T&auml;ter geliefert, die wohl keine Ma&szlig;nahmen gegen diese ihnen zum Tatzeitpunkt unbekannte Analysentechnik getroffen h&auml;tten. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r das Tatmotorrad, das von der Justiz Anfang der 1980er Jahre an eine Privatperson verkauft wurde.<\/p><p><strong>Ihnen ist auch etwas aufgefallen im Zusammenhang mit den Fotos vom Dienstwagen Ihres Vaters.<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend des Prozesses ist eine gr&ouml;&szlig;ere Zahl aussagekr&auml;ftiger Fotografien des Dienstwagens aus der Zeit kurz nach dem Attentat aufgetaucht. Die Bilder lagerten beim Bundeskriminalamt und wurden jetzt &ndash; &uuml;ber 35 Jahre nach dem Attentat &ndash; auf Initiative eines pensionierten BKA-Beamten erstmals dem Gericht vorgelegt.<\/p><p><strong>Was schlie&szlig;en Sie daraus?<\/strong><\/p><p>Der Vorgang spricht nicht f&uuml;r eine sorgf&auml;ltige, umfassende Vorbereitung der Anklage. Nachdem der Dienstwagen spurlos verschwunden war, sollten den Verfahrensbeteiligten alle verf&uuml;gbaren Bilder dieses Wagens bereits bei Prozessbeginn vorgelegt werden.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch klingt auch Medienkritik an. So schreiben Sie: &bdquo;Sehr schnell haben sich die Medien mit der Behauptung zufriedengegeben, das Karlsruher Attentat sei ohne Mithilfe der Terroristen nicht aufzukl&auml;ren und es sei ja alles so lange her.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Das Interesse der Presse geht meist rasch zur&uuml;ck und wendet sich anderen Themen zu. Mir erschiene es w&uuml;nschenswert, dass Medienvertreter in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden nach dem Stand der Aufkl&auml;rung fragen, bis eine Kl&auml;rung erreicht ist.<\/p><p><strong>Zur Er&ouml;ffnung des Verfahrens und zum Ende waren zahlreiche Medienvertreter anwesend. Wie sah es denn zwischendrin aus?<\/strong><\/p><p>Das Medieninteresse war dann hoch, wenn fr&uuml;here Topterroristen geladen waren, obwohl nicht damit zu rechnen war, dass sie Angaben zur Sache machen w&uuml;rden. An normalen Verhandlungstagen war das Interesse gering. Bereits im damaligen Baader-Meinhof-Prozess gab es Sitzungstage, an denen die Zahl anwesender Journalisten Null war. <\/p><p><strong>Im Buch schildern Sie ein Treffen mit den Kindern von Franz Josef Strau&szlig; am ehemaligen Wohnhaus der Familie. Die Strau&szlig;-Kinder zeigten Ihnen, welche R&auml;ume die RAF damals ausgesp&auml;ht haben soll. Das Treffen wurde von einer &bdquo;gro&szlig;en Tageszeitung&ldquo;, wie Sie schreiben, begleitet, fotografiert, gefilmt. Der Beitrag ist allerdings nie erschienen. Wissen Sie, warum?<\/strong><\/p><p>Hier kann ich nur Vermutungen anstellen. Vielleicht l&auml;sst eine Redaktion lieber die Finger von Berichten, die Fragen aufwerfen, auf die betroffene staatliche Stellen keine zufriedenstellenden Antworten geben k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Hat das Verhalten der Beh&ouml;rden im Fall Buback einen exemplarischen Charakter?<\/strong><\/p><p>Das Hauptproblem bei der Kl&auml;rung des Karlsruher Verbrechens sehe ich in der Kooperation staatlicher Stellen mit zumindest einer RAF-Terroristin. Ein solches Zusammenwirken stellt in meinen Augen ein Grund&uuml;bel f&uuml;r beide Seiten dar und behindert &ndash; oder verhindert sogar &ndash;  die Aufkl&auml;rung. In diesem Sinne ist das Vorgehen im Fall Buback exemplarisch f&uuml;r Verbrechen, bei denen staatliche Stellen mit Terroristen kooperierten. <\/p><p><strong>Nach einem der Prozesstage sind Sie auf dem Stuttgarter Bahnhof Verena Becker begegnet und haben Sie angesprochen. Was hat sich zugetragen?<\/strong><\/p><p>Auf dem Bahnsteig stand ich pl&ouml;tzlich Frau Becker gegen&uuml;ber. Wenn sie irgendwann den Wunsch habe, mit mir zu sprechen, sei ich dazu bereit, sagte ich ihr. Sie antwortete: &bdquo;Ich wei&szlig;, ich wei&szlig;.&rdquo; Verena Becker hat danach kein Gespr&auml;ch mit mir gesucht.<\/p><p><strong>Glauben Sie daran, dass irgendjemand von denjenigen, die wissen, was sich damals zugetragen hat, doch noch den Mut aufbringen wird, mit Ihnen zu reden?<\/strong><\/p><p>Das erwarte ich nicht. Es gab so viele Chancen zu sprechen. Vor allem h&auml;tten die bereits &bdquo;wegen Karlsruhe&ldquo; Verurteilten, die h&ouml;chstwahrscheinlich wissen, wer die Tat ausgef&uuml;hrt hat, ohne das Risiko einer weiteren Verurteilung reden k&ouml;nnen. Allerdings ist es auch bedauerlich, dass noch 40 Jahre nach dem Attentat auf staatlicher Seite Informationen zu den damaligen Geschehnissen zur&uuml;ckgehalten werden.<\/p><p><em>Lesetipp: &bdquo;Der General muss weg!&ldquo;: Siegfried Buback, die RAF und der Staat. Osburg Verlag. 404 Seiten. 19. Dezember 2019. 26 Euro.<\/em> <\/p><p>Titelbild: lonndubh\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie nahe sind sich Staat und Terroristen eigentlich in der Vergangenheit gekommen? Der Fall des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback und seiner beiden Begleiter Wolfgang G&ouml;bel und Georg Wurster wirft auch Jahre nach der Verurteilung der ehemaligen RAF-Frau Verena Becker wegen Beihilfe viele Fragen auf. Bubacks Sohn Michael hat zusammen mit seiner Frau aus den w&auml;hrend<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57406\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":57407,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,209,166],"tags":[1276,2793,930,2520,2105],"class_list":["post-57406","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-terrorismus","tag-attentat","tag-buback-michael","tag-justiz","tag-mord","tag-raf"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/shutterstock_707418079.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57406","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=57406"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57406\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81480,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57406\/revisions\/81480"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/57407"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=57406"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=57406"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=57406"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}