{"id":57458,"date":"2020-01-06T13:10:52","date_gmt":"2020-01-06T12:10:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57458"},"modified":"2020-01-06T14:51:48","modified_gmt":"2020-01-06T13:51:48","slug":"der-milliardaer-schenkt-uns-ein-museum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57458","title":{"rendered":"Der Milliard\u00e4r schenkt uns ein Museum"},"content":{"rendered":"<p>Die Stiftung des SAP-Mitgr&uuml;nders Hasso Plattner er&ouml;ffnet mit einem Museum f&uuml;r zeitgen&ouml;ssische Kunst bereits das zweite Kunsthaus in Potsdam. Neue Kulturorte sind sehr zu begr&uuml;&szlig;en, auch sollte privates Kultur-Engagement nicht pauschal diffamiert werden &ndash; aber der Vorgang wirft Fragen auf: In welchem Ma&szlig; darf privates Geld die Kulturszene einer Stadt pr&auml;gen? Wie intensiv darf Kultur-Engagement f&uuml;r Werbung in eigener Sache genutzt werden? Warum holt sich die Gesellschaft nicht die n&ouml;tigen Mittel, um das Kulturleben selbstbestimmt zu organisieren? Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas in der DDR er&ouml;ffnete Potsdamer Restaurant &bdquo;Minsk&ldquo; soll im Herbst 2021 als Museum f&uuml;r zeitgen&ouml;ssische Kunst wieder &ouml;ffnen. Das Ziel sei ein weiterer &bdquo;kultureller Hotspot&ldquo; in Potsdam, in dem Werke zeitgen&ouml;ssischer K&uuml;nstler pr&auml;sentiert werden, deren Schaffen unter anderem bis in die DDR zur&uuml;ckreiche, teilte die Stiftung des SAP-Mitgr&uuml;nders Hasso Plattner am Donnerstag mit, <a href=\"https:\/\/www.pnn.de\/potsdam\/umbau-zum-museum-die-arbeiten-am-minsk-beginnen\/25382016.html\">wie Medien berichten<\/a>. Die Stiftung des Milliard&auml;rs betreibt bereits das Museum Barberini in Potsdam im wiederaufgebauten gleichnamigen Palais am Stadtschloss. Die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung hatte im vergangenen Jahr gr&uuml;nes Licht f&uuml;r das neue Museum im &bdquo;Minsk&ldquo; gegeben, lange Zeit war geplant, das Geb&auml;ude abzurei&szlig;en, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/zwei-ebenen-900-quadratmeter-hasso-plattner-eroeffnet-weiteres-museum-in-potsdam\/25384816.html\">schreibt etwa der &bdquo;Tagesspiegel&ldquo;<\/a>. <\/p><p><strong>Haben reiche &bdquo;M&auml;zene&ldquo; das Recht, Kulturlandschaften zu pr&auml;gen?<\/strong><\/p><p>Der Vorgang ist widerspr&uuml;chlich: Einerseits ist sowohl die Er&ouml;ffnung eines neuen Museums als auch der Erhalt eines beliebten DDR-Baus sehr zu begr&uuml;&szlig;en. Andererseits ist zu kritisieren, dass die Stadt Potsdam damit ein weiteres St&uuml;ck seiner kulturellen Landschaft von einem privaten Unternehmer pr&auml;gen l&auml;sst. Dagegen wiederum l&auml;sst sich einwenden, dass das geplante Museum ohne die private Initiative sehr wahrscheinlich gar nicht entstehen w&uuml;rde und dass es noch gar nicht Teil der Potsdamer Kulturlandschaft ist. Zum widerspr&uuml;chlichen und teils aber auch destruktiven Charakter von privatem Kultur-&bdquo;Engagement&ldquo; haben die NachDenkSeiten k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51115\">diesen Artikel<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Darin werden etwa folgende Fragen gestellt, die sich auch nun in Potsdam aufdr&auml;ngen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Haben private Gro&szlig;spender das Recht, die Kulturlandschaften zu pr&auml;gen, nur weil sie wohlhabend sind? Haben Sie das Recht, sich als besonders &sbquo;freigiebige&lsquo; Mitglieder der Gesellschaft darzustellen und mit diesem ungerechtfertigten Status zu werben? Muss man ihnen gar f&uuml;r ihr &sbquo;kulturelles Engagement&rsquo; dankbar sein? Und: Hat der Staat das Recht, die Konzerne durch seine Unt&auml;tigkeit erst in die Lage zu versetzen, sich als &sbquo;kulturelle Wohlt&auml;ter&lsquo; produzieren zu k&ouml;nnen?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Solche Fragen sehen aber etwa die <a href=\"https:\/\/www.pnn.de\/potsdam\/das-war-2019-positive-und-negative-ueberraschungen-in-potsdam\/25377048.html\">&bdquo;Potsdamer Neuesten Nachrichten&ldquo;<\/a> bei den aktuellen Museumspl&auml;nen nicht, wenn sie mit ungetr&uuml;bter Begeisterung schreiben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das ehemalige Terrassenrestaurant Minsk am Brauhausberg, um dessen Schicksal jahrelang gestritten wurde, bleibt erhalten &ndash; und wird sogar wieder der &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich. Potsdam-M&auml;zen Hasso Plattner will das Haus mit seiner Stiftung restaurieren und zum Museum f&uuml;r ostdeutsche Kunst machen. Diesen Coup konnte Oberb&uuml;rgermeister Schubert nach Gespr&auml;chen mit Plattner im M&auml;rz verk&uuml;nden, die Stadtverordnetenversammlung f&auml;llte die notwendigen Beschl&uuml;sse in Windeseile. Die Begeisterung f&uuml;r die Pl&auml;ne in der Stadt war nahezu einhellig. Eine Sternstunde f&uuml;r Potsdam.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Eilige Beschl&uuml;sse f&uuml;r den &bdquo;Potsdam-M&auml;zen&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Dass den Pl&auml;nen Plattners <a href=\"https:\/\/www.pnn.de\/potsdam\/grosse-mehrheit-fuer-minsk-plaene-freie-bahn-fuer-ddr-kunst-und-guenstige-wohnungen\/24178920.html\">laut Medienberichten<\/a> ohne Gegenstimme zugestimmt wurde, ist einerseits nachvollziehbar: Welcher Politiker m&ouml;chte die Medienreaktionen aushalten, wenn er der Stadt Potsdam dieses &bdquo;Geschenk&ldquo; des Milliard&auml;rs verwehren w&uuml;rde? Und es ist auch ein wichtiger Unterschied, ob ein privates Museum ganz neu entsteht (wie nun in Potsdam) oder ob sich bereits bestehende kulturelle Institutionen aus Geldmangel f&uuml;r die Privaten &bdquo;&ouml;ffnen&ldquo; m&uuml;ssen. Dennoch sollte es auch im Fall Potsdam zu denken geben, wenn es angesichts der Pl&auml;ne eines privaten Unternehmers (&bdquo;Potsdam-M&auml;zen&ldquo;) hei&szlig;t, &bdquo;die Stadtverordnetenversammlung f&auml;llte die notwendigen Beschl&uuml;sse in Windeseile&ldquo;. Bedenklich ist auch die dominierende Wirkung, die eine Einzelperson nach Fertigstellung des neuen Museums in der Kulturszene Potsdams entfalten wird. <\/p><p>Ganz deutlich: Privates Kultur-Engagement soll nicht grunds&auml;tzlich diffamiert werden. Wenn es ohne Bedingungen und ohne egoistische Motive geschieht, ist es sehr zu begr&uuml;&szlig;en. Aber es darf nicht als Vorwand f&uuml;r staatliche K&uuml;rzungen und R&uuml;ckz&uuml;ge dienen, es darf nicht zur Werbung missbraucht werden und es darf nicht mit politischer Einflussnahme verbunden sein. <\/p><p>Wie Plattner sein Engagement f&uuml;r das neue Museum tats&auml;chlich ausgestaltet &ndash; und ob er es etwa f&uuml;r indirekte Werbung f&uuml;r sich oder sein Unternehmen oder f&uuml;r politische Ambitionen ausnutzen wird &ndash; das bleibt abzuwarten. Dass aber privates Engagement in die Kultur zumindest das Potenzial hat, f&uuml;r die eigene Person oder das Unternehmen zu werben, erkl&auml;rt etwa Nikolaus Reichert vom Autobauer Skoda, der <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/kultursponsoring-auf-der-suche-nach-dem-kunsttriebtaeter-11867114.html\">laut Medien<\/a> sagt, dass &bdquo;die weichen Werte&ldquo;, die bei der Kulturf&ouml;rderung &uuml;ber die Jahre entstehen w&uuml;rden, &bdquo;sich auf lange Sicht bezahlt machen&ldquo;: Wiedererkennbarkeit als &bdquo;engagierter Kulturf&ouml;rderer&rdquo;, das k&ouml;nne er belegen, leiste mehr als die schnelle Rabattaktion. Diese Sicht schw&auml;cht die Darstellung der &bdquo;selbstlosen&ldquo; Position vieler privater &bdquo;M&auml;zene&ldquo;. <\/p><p><strong>Kommunen sollten unabh&auml;ngig von Privaten bleiben<\/strong><\/p><p>Der Erhalt des &bdquo;Minsk&ldquo; und die Nutzung als Museum sind prinzipiell sehr zu begr&uuml;&szlig;en, wie hier nochmals betont werden soll. Den Wermutstropfen bei dem Vorgang bildet die Tatsache, dass Kommunen kaputtgespart wurden und damit ihre Wahlfreiheit eingeschr&auml;nkt wurde: Sind sie &ndash; angesichts der finanziellen Knappheit &ndash; nicht fast schon &bdquo;gezwungen&rdquo;, private &bdquo;Wohltaten&ldquo; anzunehmen, anstatt das Kulturleben f&uuml;r die B&uuml;rger unabh&auml;ngig von Einflussnahme durch Konzerne selber zu organisieren und zu finanzieren? Und h&auml;tten die Stadtverordneten &ndash; bei ausreichender finanzieller Ausstattung &ndash; nicht vielleicht noch bessere Ideen f&uuml;r das &bdquo;Minsk&ldquo; gehabt?<\/p><p>F&uuml;r diese unabh&auml;ngige Organisation (nicht nur) des kommunalen Kulturlebens m&uuml;sste die &ouml;ffentliche Hand wieder in angemessenem Umfang Steuern bei Wohlhabenden eintreiben &ndash; das w&auml;re allerdings nicht nur und nicht zuerst Sache der Kommunen, darum liegt die Verantwortung f&uuml;r die Potsdamer Entscheidungen, das st&auml;dtische Kulturleben in Teilen von Hasso Plattner dominieren zu lassen, auch nicht allein bei der dortigen Stadtverordnetenversammlung. Vor die Frage gestellt, ob das &bdquo;Minsk&ldquo; privat erhalten oder &ouml;ffentlich abgerissen werden sollte, w&auml;re die erste Variante zu w&auml;hlen. <\/p><p><strong>Der &bdquo;reiche Onkel&ldquo; und die Reichensteuer<\/strong><\/p><p>Diese Fragestellung beinhaltet wegen der teilweisen finanziellen Handlungsunf&auml;higkeit von Kommunen jedoch bereits ein gro&szlig;es Potenzial an Abh&auml;ngigkeiten. Um diese Abh&auml;ngigkeit von privaten (oft gutmeinenden) &bdquo;M&auml;zenen&ldquo; zu minimieren, m&uuml;ssten die Kommunen mit angemessenen finanziellen Mitteln ausgestattet werden &ndash; damit sie private &bdquo;Geschenke&ldquo; auch ablehnen k&ouml;nnen. Diese Mittel k&ouml;nnten unter anderem durch eine (bundesweite) &bdquo;Reichensteuer&ldquo; beschafft werden. Diese Steuer wurde k&uuml;rzlich erneut debattiert &ndash; und es war der &bdquo;Kunstf&ouml;rderer&ldquo; und &bdquo;Potsdam-M&auml;zen&ldquo; Hasso Plattner, der sich in der Diskussion besonders weit aus dem Fenster gelehnt hat, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/hasso-plattner-und-die-vermoegensteuer-unfair-zum-milliardaer-kolumne-a-1302587.html\">wie der &bdquo;Spiegel&ldquo; beschreibt<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Bei einer zweiprozentigen Verm&ouml;gensteuer muss ich Deutschland verlassen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In dem Artikel wird auch Plattners gesellschaftliche Rolle anhand des Bildes eines famili&auml;ren Weihnachtsessens beschrieben. Dabei wird etwa die ungesunde, aus dem Reichtum Plattners erwachsende Unterw&uuml;rfigkeit der &bdquo;Familie&ldquo; (also der Gesellschaft) deutlich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Familienessen vorher muss halt sein, auch wenn der Onkel wieder mal das gro&szlig;e Wort schwingt, da m&uuml;ssen alle durch, er ist ja schlie&szlig;lich reich, der alte Onkel, und ab und zu l&auml;sst er was springen. Also blo&szlig; nicht widersprechen. Wenn er gegangen ist, k&ouml;nnen die anderen ja immer noch machen, was sie wollen. W&auml;re Deutschland eine Familie, ihr reicher Onkel hie&szlig;e Hasso Plattner.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Solche &bdquo;reichen Onkel&ldquo; k&ouml;nnen im &Uuml;brigen auch Stimmungsschwankungen unterliegen, die sich in Willk&uuml;r &auml;u&szlig;ern k&ouml;nnten &ndash; oder aber in Unzuverl&auml;ssigkeit. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53647\">In diesem Artikel<\/a> haben die NachDenkSeiten k&uuml;rzlich am Beispiel Notre Dame beschrieben, dass auf gro&szlig;e Ank&uuml;ndigungen von Superreichen im Kulturbereich nicht immer Verlass ist.<\/p><p>Titelbild: Denis Kuvaev \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stiftung des SAP-Mitgr&uuml;nders Hasso Plattner er&ouml;ffnet mit einem Museum f&uuml;r zeitgen&ouml;ssische Kunst bereits das zweite Kunsthaus in Potsdam. Neue Kulturorte sind sehr zu begr&uuml;&szlig;en, auch sollte privates Kultur-Engagement nicht pauschal diffamiert werden &ndash; aber der Vorgang wirft Fragen auf: In welchem Ma&szlig; darf privates Geld die Kulturszene einer Stadt pr&auml;gen? Wie intensiv darf Kultur-Engagement<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57458\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":57459,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,917,85,132],"tags":[1406,2434,2795,1625,520],"class_list":["post-57458","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-finanzpolitik","category-kultur-und-kulturpolitik","category-pr","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-charity","tag-kommunalpolitik","tag-plattner-hasso","tag-stiftungen","tag-vermoegensteuer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/shutterstock_159444323.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=57458"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57458\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57465,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57458\/revisions\/57465"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/57459"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=57458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=57458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=57458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}