{"id":57467,"date":"2020-01-07T08:40:49","date_gmt":"2020-01-07T07:40:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57467"},"modified":"2022-03-03T10:47:54","modified_gmt":"2022-03-03T09:47:54","slug":"der-marktgerechte-mensch-ein-film-von-leslie-franke-und-herdolor-lorenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57467","title":{"rendered":"\u201eDer marktgerechte Mensch\u201c. Ein Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz"},"content":{"rendered":"<p>Mit Crowdfunding, also einer alternativen Finanzierung mittels Spenden einer <a href=\"https:\/\/www.crowdfunding.de\/was-ist-crowdfunding\/\">gr&ouml;&szlig;eren Anzahl von Menschen<\/a> werden Projekte verschiedener Art finanziert, auch sinnvolle Filmprojekte, die keine oder nur eine geringe F&ouml;rderung erhalten. Mit den Filmemachern von &bdquo;Der marktgerechte Mensch&ldquo; konnte sich <strong>Andrea Drescher<\/strong> unterhalten (Interview unten folgend). Dass dieser Film entstehen konnte, daran sind viele Menschen mit ihrem finanziellen Obolus beteiligt. Auch <strong>Udo Fr&ouml;hlich<\/strong>, Koordinator des NachDenkSeiten-Gespr&auml;chskreises in S&uuml;dholstein betrachtet diesen Film als unbedingt unterst&uuml;tzenswert. Er hatte deshalb die Idee, dem Aufruf der beiden Filmemacher zu folgen und f&uuml;r S&uuml;dholstein <a href=\"https:\/\/nachdenken-in-suedholstein.de\/Ausblick\/\">eine Vorf&uuml;hrung zu organisieren<\/a>. &ndash; Wir k&ouml;nnen weiteren Gespr&auml;chskreisen (und nat&uuml;rlich auch anderen Leserinnen und Lesern, die die M&ouml;glichkeit und die Ressourcen haben) nur empfehlen, seiner Initiative zu folgen. Anette Sorg.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Den Trailer zum Film &bdquo;Der marktgerechte Mensch&ldquo; k&ouml;nnen Sie sich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=acu15QiSJ10&amp;feature=youtu.be\">auf YouTube anschauen<\/a>.<\/em><\/p><p>Falls es f&uuml;r den Premierentag zu knapp sein sollte, bietet jeder sp&auml;tere Termin sicher auch noch eine gute Gelegenheit, Aufkl&auml;rungswilligen dieses Angebot zu machen. Die S&uuml;dholsteiner stehen &ndash; falls erforderlich &ndash; beratend zur Verf&uuml;gung.<\/p><p><strong>Interview<\/strong><\/p><p><strong>Die unsichtbare Grenze des Sagbaren<\/strong><br>\n<strong>Von der Freiheit im &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehen und anderen Illusionen<\/strong><\/p><p>Wenn man sich Dokumentationen in den &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien anschaut, findet man immer wieder kritische Berichte. Diese werden zwar meist erst nach 22.00 Uhr und sp&auml;ter ausgestrahlt, es macht aber den Eindruck, dass die Journalisten das jeweilige Thema fundiert hinterfragen. Nur: Wie kritisch sind diese Reportagen? Wird wirklich umfassend recherchiert, werden Probleme und deren Ursachen bis an die Wurzel analysiert oder gibt es da Grenzen, ab denen bestimmte Themen nicht mehr angesprochen werden sollten? Die Erfahrungen von Herdolor Lorenz und Leslie Franke zeigen, dass es diese Grenzen definitiv gibt. Werden Bereiche adressiert, die den politisch M&auml;chtigen im Land nicht genehm sind, ist es aus mit der bis dato guten Auftragslage.<\/p><p>Was bleibt, um den eigenen &Uuml;berzeugungen treu zu bleiben, ist, sich auf eigene F&uuml;&szlig;e zu stellen. Das ist kein Ph&auml;nomen, das erst in den letzten Jahren aufgekommen ist. Spricht man mit Herdolor Lorenz  und Leslie Franke, sieht man, dass das schon l&auml;nger der Fall ist. &bdquo;<strong>Filme von unten<\/strong>&ldquo; &ndash; das war die Antwort der beiden Dokumentarfilmer, die 25 Jahre f&uuml;r das &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen t&auml;tig waren. Andrea Drescher hatte die Gelegenheit, f&uuml;r die NachDenkSeiten mit den beiden Filmemachern zu sprechen, deren neuester Film &bdquo;Der marktgerechte Mensch&ldquo; am 16.1.2020 an den Start geht.<\/p><p><strong>Erz&auml;hlt doch bitte kurz von Euch &ndash; wie wird man Filmemacher?<\/strong><\/p><p>Leslie: Nach meinem Staatsexamen in Geschichte und Russisch ging ich mit einem DAAD-Stipendium 1987 w&auml;hrend der Perestroika-Zeit an die Filmhochschule nach Moskau.  Als Studentin war ich politisch sehr engagiert, fand es spannend, die Sowjet-Union im Umbruch kennenzulernen und konnte mich dort sehr gut vernetzen. Vorher hatte ich bereits gemeinsam mit Herdolor erste Filme f&uuml;r die Gewerkschaft gemacht.<\/p><p>Herdolor: Ich habe bereits w&auml;hrend meines Studiums der Politik, Geschichte, Philosophie, Geschichte und Germanistik erste Videos gedreht. Bildungs- und Gewerkschaftsarbeit lagen mir als ASTA-Vorsitzender in Marburg sehr am Herzen. Unser erster Film 1985 drehte sich um arbeitslose Menschen. Als Leslie dann nach Moskau ging, kam es zu unserem ersten Fernsehfilm &bdquo;Tanja&ldquo;, ein Film &uuml;ber eine sowjetische Frau. Gemeinsam mit Leslie entstand dann jedes Jahr zumindest ein Film, der auch vom Fernsehen finanziert wurde.<\/p><p><strong>Ihr habt lange Zeit aus Russland berichtet, gab es da Probleme bei deutschen TV-Sendern?<\/strong><\/p><p>Leslie: Nein &ndash; eigentlich nie. Wir haben als freie Autoren viele Filme &uuml;ber die Sowjetunion und die postsowjetische Zeit gemacht, es gab nie Probleme, unsere Sachen unterzubringen, kritische Berichterstattung aus Russland war v&ouml;llig ok. Man konnte so kritisch sein, wie man wollte, es wurde nie beanstandet.<\/p><p><strong>Wovon handelten Eure Filme aus der Zeit?<\/strong><\/p><p>Leslie: Wir haben immer sehr nah am Menschen gearbeitet und wollten die gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen in der Umbruchszeit zeigen. Wir waren haupts&auml;chlich in Fabriken unterwegs z.B. in einem gro&szlig;en Stahlkombinat, in einer Motorradfabrik in Minsk oder im Baltikum, wo Transporter herstellt wurden und haben versucht, die Hoffnung der ArbeiterInnen, zu dokumentieren. So war es den Arbeitern eine Zeit lang m&ouml;glich, die Direktoren selbst zu w&auml;hlen.<\/p><p>Herdolor: Die Jahre 1987 bis 1989 waren wirklich eine sehr hoffnungsvolle Phase &ndash; man erwartete sich Kooperation mit dem Westen, aber es zeigte sich schnell, dass das sehr schwierig war. Und dann kam die ruppige Zeit, in der nichts mehr so war wie vorher. Als die Sowjetunion auseinanderfiel, brach auch das wirtschaftliche Netzwerk der Sowjet-Republiken zusammen. Die Wirtschaft lag am Boden. Wir haben in unseren Dokumentationen gezeigt, wie die Menschen damit umgingen. 1995 verlagerten wir unseren filmischen Schwerpunkt wieder nach Deutschland. Da begannen dann unsere Probleme.<\/p><p><strong>Was f&uuml;r Probleme hattet Ihr?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Wie ich es bereits an anderer Stelle einmal gesagt habe: Kritik an anderen L&auml;ndern ist im deutschen Fernsehen immer erw&uuml;nscht, aber wehe, du bist im eigenen Land kritisch. Da wird es wirtschaftlich gef&auml;hrlich, denn dann kommt etwas, was man schon als Zensur bezeichnen muss.<\/p><p><strong>K&ouml;nntet Ihr das konkretisieren?<\/strong><\/p><p>Leslie: Aufgrund des Jugoslawienkrieges waren in den 90er Jahren viele Menschen von Bosnien nach Deutschland geflohen. Die wollte man aber nicht im Land haben, die wollte man schnellstm&ouml;glich loswerden. Unsere erste Dokumentation &uuml;ber den Umgang mit den Fl&uuml;chtlingen passte da nicht wirklich in das gew&uuml;nschte Schema. Unsere Redakteurin lie&szlig; uns v&ouml;llig freie Hand und wir zeigten, was den Menschen alles so passiert war. Man erfuhr von ihrer Lebenssituation in Bosnien und sah dann, wie es in Deutschland &ndash; also bei uns in Hamburg &ndash; zuging. Qualifizierte, moderne Menschen wurden gerne als &bdquo;Putzen&ldquo; missbraucht, wurden von oben herab wie Idioten behandelt, obwohl eigentlich nur die Sprache fehlte. Auch serbische Fl&uuml;chtlinge kamen zu Wort &ndash; und zwar als Menschen und nicht als Feind.  <\/p><p>Herdolor: Die 45 Minuten wurden zwar von der Redaktion abgenommen und um 20.15, also zur besten Sendezeit, ausgestrahlt &ndash; aber dann kam ein Anruf vom NDR. Ein Vertreter des Intendanten teilte uns mit, dass &bdquo;<em>dies unsere letzte Sendung f&uuml;r den NDR gewesen sei. Wir h&auml;tten die Fl&uuml;chtlinge viel zu positiv dargestellt, nicht dar&uuml;ber berichtet, dass diese ja nur an der D-Mark interessiert seien und auch keine Deutschen zu Wort kommen lassen. Das ginge garnicht.<\/em>&ldquo; Das war der Anfang vom Ende. Es dauerte fast 10 Jahre, bis wir wieder etwas f&uuml;r den NDR machen durften. Und das war dann das wirkliche Ende.<\/p><p><strong>Gab es Auftr&auml;ge seitens anderer Sender?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Anfangs ja. Wir haben zun&auml;chst f&uuml;r den WDR, dann f&uuml;r ARTE gearbeitet. Im Auftrag des WDR entstand unsere erste preisgekr&ouml;nte Langzeitdokumentation &bdquo;Mein Herz zerrei&szlig;t&ldquo;. In dieser Langzeitdokumentation haben wir auch hier Menschen, Fl&uuml;chtlinge begleitet. Menschen, die kein Asyl bekamen, aber aufgrund ihrer pers&ouml;nlichen Situation nicht wussten, wohin. Wo sollte ein Serbe, der mit einer Kroatin verheiratet ist, hingehen, wenn sie in Deutschland nicht willkommen sind?<\/p><p>Leslie: Die beiden haben sechs Jahre in Schwerin gearbeitet und waren &ndash; ebenso wie ihre Kinder &ndash; gut integriert. Alle sprachen flie&szlig;end Deutsch, erhielten aber keine Aufenthaltsverl&auml;ngerung. Sie war in Bosnien als Chef&auml;rztin t&auml;tig, durfte bei uns nur in der Altenpflege arbeiten. Da eine R&uuml;ckkehr &bdquo;nach Hause&ldquo; nicht m&ouml;glich war, haben sie beschlossen, in die USA auszuwandern. Dort haben wir die Familie dann 10 Tage mit der Kamera begleitet. Der Film wurde zwar im WDR gezeigt, stie&szlig; aber auf keine gro&szlig;e Gegenliebe, obwohl er ausgezeichnet wurde. Danach waren wir zun&auml;chst nur noch f&uuml;r ARTE t&auml;tig, bis dann unser letzter Auftrag vom NDR kam.<\/p><p><strong>10 Jahre sp&auml;ter?<\/strong><\/p><p>Leslie: Ja. Ein mutiger Redakteur, der kurz vor der Pensionierung stand, wagte sich, mit uns zusammenzuarbeiten. Es entstand der Film &bdquo;Wasser unter dem Hammer&ldquo;, der sich mit der Privatisierung der Wasserversorgung besch&auml;ftigte. Neben den Hamburger Stadtwerken, die kommunal waren und es auch noch sind , wurden die Folgen der Privatisierung in England, wo man unter Thatcher Vorreiter der Privatisierung war, mit Ergebnissen in Deutschland wie z.B. Berlin verglichen. Die Berliner Wasserversorger waren ja bis 2013 zu 49% in den privaten H&auml;nden von RWE und dem internationalen Wasserriesen Veolia. Also eine sogenannte &Ouml;ffentlich Private Partnerschaft, kurz &Ouml;PP. Die Ergebnisse dieses Vergleichs waren aber nicht gewollt.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t denn &bdquo;nicht gewollt&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Der Film wurde das erste Mal im NDR um 22.30 Uhr gesendet. Aufgrund der enorm positiven R&uuml;ckmeldungen sollte er um 20.15 Uhr wiederholt werden. Eine ausf&uuml;hrliche NDR-Webseite wurde extra dazu aufgesetzt &ndash; und dann wurde er von einer Sekunde auf die n&auml;chste abgesetzt. Wir erfuhren vom Redakteur, dass Veolia beim Intendanten interveniert hatte und behauptet h&auml;tte, dass darin enthaltene Aussagen falsch seien. Markus Schreiber, damals Assistent der Gesch&auml;ftsleitung beim NDR, wurde aktiv und warf uns vor, wir h&auml;tten nicht seri&ouml;s recherchiert. In einer Besprechung mit Vertretern des Investors Veolia sowie dem technischen Direktor der Berliner Wasserwerke wurden von diesem jedoch alle monierten Punkte als korrekt best&auml;tigt. Markus Schreiber &uuml;bernahm aber die Argumentation der Investoren und setzte den Film ab. Unser mutiger Redakteur wurde kurzfristig in Pension geschickt, der Leiter der Redaktion durfte zwei Jahre nichts mehr f&uuml;r den NDR machen. Das war dann nicht nur unser endg&uuml;ltiges Aus beim NDR, sondern auch bei allen anderen Redaktionen in der ARD.<\/p><p><strong>Wieso das?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Auf einmal wussten alle in den Redaktionen, dass wir aufgrund unseres letzten Filmes beim NDR gesperrt worden waren. Jeder kannte uns. Wir waren das &bdquo;hei&szlig;e Eisen&ldquo;, das keiner mehr anfassen wollte. Das war wirklich f&uuml;r uns einschneidend. Als wir Ende der 90er erstmals vom NDR gesperrt worden waren, bot sich der WDR f&uuml;r die weitere Zusammenarbeit an. 2005 gab es keine Alternativen mehr. Wir hatten in der Redaktion einen Film &uuml;ber die Privatisierung der Bahn in Vorbereitung, die Filmf&ouml;rderung war daf&uuml;r bereits zugesagt &ndash;  das wurde alles gekippt. Fast kein Sender war mehr bereit, mit uns an den Folgeprojekten zu arbeiten.<\/p><p><strong>So entstand dann &bdquo;Film von unten&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Leslie: Genau. Wir haben Crowdfunding 2005 f&uuml;r uns erst erfinden m&uuml;ssen. &bdquo;Film von unten&ldquo; wird von denen finanziert, die die Filme sehen und zeigen wollen. Jeder, der 20 Euro beisteuert, hat das Recht, den Film &ouml;ffentlich nichtkommerziell aufzuf&uuml;hren. Filme zu produzieren, dauert jetzt nat&uuml;rlich l&auml;nger, wir ben&ouml;tigen gut ein Jahr mehr Vorlauf, um die vollst&auml;ndige Finanzierung auf die Beine zu stellen. <\/p><p>Aber der Multiplikationseffekt darf nicht untersch&auml;tzt werden. Die Menschen, die den Film finanzieren, haben ein echtes Interesse, dass m&ouml;glichst viele ihn auch zu sehen bekommen. Die Spender f&uuml;hlen sich mitverantwortlich, den Film &bdquo;auf die Stra&szlig;e&ldquo; zu bringen. Er wird nicht nur in Kinos, sondern in Schulen, Universit&auml;ten, Kneipen oder Pfarren aufgef&uuml;hrt, erreicht ein ganz anderes Publikum und kann damit auch etwas bewirken. Filme wie &bdquo;Wer Rettet Wen?&ldquo; &bdquo;Water Makes Money&ldquo; und &bdquo;Bahn unterm Hammer&ldquo; haben gezeigt, wie mit Aufkl&auml;rung und Mobilisierung Einfluss genommen werden kann.<\/p><p><strong>Bei Water Makes Money war auch ARTE mit im Boot?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Ja. Bis 2010 haben wir noch mit ARTE zusammengearbeitet, wobei sie in diesen Film erst kurz vor Fertigstellung eingestiegen sind. Das Thema Privatisierung der kommunalen Wasserversorgung haben wir ja schon rund 10 Jahre verfolgt &ndash; WATER MAKES MONEY wurde dann von der Hamburger Filmf&ouml;rderung, verschiedenen Stiftungen wie RLS und &bdquo;Menschenw&uuml;rde und Arbeitswelt&ldquo; mitfinanziert. Den L&ouml;wenanteil brachte aber die Crowd zusammen. Allerdings war die Unterst&uuml;tzung von ARTE extrem wichtig, als Veolia, einer der im Film kritisierten Konzerne, in Frankreich Anklage erhob. ARTE und die Crowd &ndash; die mediale Verbreitung &ndash; haben uns gesch&uuml;tzt.<\/p><p>Leslie: Der Prozess verlief hervorragend, die wichtigsten Protagonisten haben als Zeugen ausgesagt und wir d&uuml;rfen weiterhin das, &bdquo;was korrupt ist, auch als korrupt bezeichnen&ldquo;. Nur eine Bemerkung des Hauptprotagonisten  musste aus der franz&ouml;sischen Fassung entfernt werden. Insgesamt ein gro&szlig;er Sieg, den wir der Riesen&ouml;ffentlichkeit und der Solidarit&auml;t unserer Crowd  in Frankreich und Deutschland verdanken. Der Film hatte auch gro&szlig;en politischen Erfolg: In Frankreich wurde die Wasserversorgung in vielen St&auml;dten und Gemeinden auf den Weg zur Rekommunalisierung gebracht. Auch in Italien nahm er Einfluss auf die Gesetzgebung, ein Gesetz zur Privatisierung konnte gekippt werden, und in Berlin beeinflusste der Film den Volksentscheid zur Rekommunalisierung der kommunalen Wasserversorgung. Was dann kam, war f&uuml;r uns aber weniger positiv.<\/p><p><strong>Welche Folgen gab es denn?<\/strong><\/p><p>Herdolor:  Zum einen war ARTE, obwohl sie die ganze Zeit der Auseinandersetzungen hinter uns standen, nicht l&auml;nger an der Zusammenarbeit interessiert &ndash; wir kamen jetzt bei keinem Sender mehr mit unseren Filmvorschl&auml;gen durch. Zum anderen kam der Angriff auf unser Studio.<\/p><p><strong>Was f&uuml;r ein Angriff?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Drei Tage nach dem Prozess wurde unser Studio gehackt. Alle Rechner wurden von au&szlig;en gekapert, unsere Archive zerst&ouml;rt. Es war eine  professionelle Zerst&ouml;rung s&auml;mtlicher Studiosysteme, alles musste neu aufgesetzt werden und wir hatten keine ausreichenden Backups. Eine echte Katastrophe f&uuml;r unsere Arbeit. Die Polizei hat es dem LKA &uuml;bergeben, aber die T&auml;ter konnten nie identifiziert werden. Das war nat&uuml;rlich reiner Zufall; ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt.<\/p><p><strong>Aber Ihr habt trotzdem weitergemacht?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Nat&uuml;rlich. Jetzt gerade! Und mit Filmf&ouml;rderung und Crowdfunding kamen wir ja eigentlich gut durch &ndash; wobei es bei der Filmf&ouml;rderung auch schon Probleme gab.<\/p><p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Leslie: Als wir unseren neuen Film, &bdquo;Der marktgerechte Mensch&ldquo; 2016 vorschlugen, gab es quasi gleichlautende Antworten von ARTE und der Filmf&ouml;rderung Hamburg. &bdquo;Sie machen nur Agitprop&ldquo;. Es ist schon richtig, wir vertreten in unseren Filmen eine klare Meinung, benennen Ursachen und analysieren die Hintergr&uuml;nde. Wir machen die Filme so, wie wir sie f&uuml;r richtig halten, lassen uns nicht zensieren. Wir stehen allerdings sicher nicht f&uuml;r Agitation und Propaganda, sondern recherchieren sorgf&auml;ltig und arbeiten mit Fakten, die manchem allerdings unangenehm sind.  Aber die Zensur hat auch L&uuml;cken, gottseidank.<\/p><p><strong>Welche L&uuml;cken gibt es denn?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Die Zensur ist nicht perfekt. Wir bekamen den Tipp, dass es sich f&uuml;r uns nicht lohnen w&uuml;rde, nochmals in Hamburg einzureichen, dass wir aber bei der Bundesfilmf&ouml;rderung eine Chance h&auml;tten. Und das hat auch geklappt. Ein Drittel der Finanzierung wurde gef&ouml;rdert. Und dann gibt es noch unsere mutigen Kollegen in den Redaktionen, die man nicht vergessen darf.<\/p><p>Leslie: Die Filme kommen nicht ins Fernsehen. Aber die Kulturjournale machen uns zum Thema. Es gibt Interesse seitens kritisch eingestellter Kollegen in den Redaktionen, im Hamburger Kulturjournal, Kulturzeit oder WDR Westart. Es werden immer lange Interviews gef&uuml;hrt und gesendet. Es gibt kritische und mutige Menschen in den Redaktionen, die im beschr&auml;nkten Rahmen noch arbeiten d&uuml;rfen. Sie k&auml;mpfen, und wenn sie zu intensiv k&auml;mpfen, sind sie ihren Job los. Aber sie setzen sich im Rahmen ihrer M&ouml;glichkeiten aktiv f&uuml;r die Aufkl&auml;rung ein und unterst&uuml;tzen damit unsere Ziele.<\/p><p><strong>Welche Ziele sind das?<\/strong><\/p><p>Herdolor: Wir wollen mit unseren Filmen aufkl&auml;ren. Wer nicht Bescheid wei&szlig;, kann sich nicht wehren. Widerstand muss von unten kommen &ndash; und der kommt nur auf, wenn die Menschen wissen, worum es geht.<\/p><p>Leslie: Mit &bdquo;Der marktgerechte Mensch&ldquo; wollen wir ein Bewusstsein f&uuml;r die Zusammenh&auml;nge von neuen kapitalistischen Arbeitsmodellen auf der einen Seite und den Konsequenzen wie Ausbeutung, Entsolidarisierung, Vereinsamung, der Zunahme von psychischen Krankheiten schaffen. Also welche Auswirkungen hat der herrschende Neoliberalismus auf den einzelnen Menschen und wie ver&auml;ndert das die Gesellschaft? Damit setzen wir Impulse, die die Menschen zum Nachdenken und dann ins Handeln bringen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wann und wo kommt der Film denn in die &Ouml;ffentlichkeit?<\/strong><\/p><p>Premiere und bundesweiter Kinostart ist der 16.1.2020 &ndash; s&auml;mtliche Auff&uuml;hrungen <a href=\"http:\/\/marketable-people.org\/index.php\/de\/filmveranstaltungen\/veranstaltungskarte\">an diesem Tag kann man unter<\/a> finden.<\/p><p><strong>Dann Toi Toi Toi f&uuml;r Eure Premiere!<\/strong><\/p><p>Kasten:<br>\n<strong>Zum Film &ndash; Der marktgerechte Mensch<\/strong><\/p><p>Die Filmemacher gehen an die Arbeitspl&auml;tze der neuen Modelle des Kapitalismus wie der Gig-Economy, der Arbeit auf Abruf. Sie treffen auf Menschen in bisher sicher geglaubten Arbeitsstrukturen an Universit&auml;ten oder in langj&auml;hrigen Arbeitsverh&auml;ltnissen mittlerer und oberer Leitungspositionen. Und beobachten, wie sich die Versch&auml;rfung des Wettbewerbs immer st&auml;rker auf den Einzelnen verlagert &ndash; was Solidarisierung und tragbaren sozialen Beziehungen nur sehr schwer Raum l&auml;sst. Depression und Burnout machen Menschen, die an dieser Last und Unsicherheit zerbrechen, das Leben zur H&ouml;lle. Selbst dann noch glauben viele, an ihrem Schicksal selbst schuld und ein Einzelfall zu sein. Doch dieser Wahnsinn ist nicht alternativlos. Der Film stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften, Besch&auml;ftigte von Lieferdiensten, die einen Betriebsrat gr&uuml;nden und die Kraft der Solidarit&auml;t von jungen Menschen, die f&uuml;r einen Systemwandel eintreten. &bdquo;<strong>Der marktgerechte Mensch<\/strong>&ldquo; ist ein Film, der die Situation hinterfragt und Mut machen will, sich einzumischen und zusammenzuschlie&szlig;en. Denn ein anderes Leben ist m&ouml;glich.<br>\n<a href=\"http:\/\/marketable-people.org\/index.php\/de\/\">Quelle und weitere Informationen<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Crowdfunding, also einer alternativen Finanzierung mittels Spenden einer <a href=\"https:\/\/www.crowdfunding.de\/was-ist-crowdfunding\/\">gr&ouml;&szlig;eren Anzahl von Menschen<\/a> werden Projekte verschiedener Art finanziert, auch sinnvolle Filmprojekte, die keine oder nur eine geringe F&ouml;rderung erhalten. Mit den Filmemachern von &bdquo;Der marktgerechte Mensch&ldquo; konnte sich <strong>Andrea Drescher<\/strong> unterhalten (Interview unten folgend). 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