{"id":57501,"date":"2020-01-08T09:11:27","date_gmt":"2020-01-08T08:11:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57501"},"modified":"2022-03-03T10:45:50","modified_gmt":"2022-03-03T09:45:50","slug":"daumen-hoch-auf-bewaehrung-facebook-schenkt-tu-muenchen-ein-ethikinstitut-solange-die-ergebnisse-passen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57501","title":{"rendered":"Daumen hoch auf Bew\u00e4hrung: Facebook \u201eschenkt\u201c TU M\u00fcnchen ein \u201eEthikinstitut\u201c \u2013 solange die Ergebnisse passen"},"content":{"rendered":"<p>Der Social-Media-Konzern Facebook und die Technische Universit&auml;t M&uuml;nchen sind vor rund einem Jahr eine Kooperation eingegangen. Damals wurde die Unabh&auml;ngigkeit der Uni und der beteiligten Forscher beteuert. Bekannt gewordene Dokumente ziehen das in Zweifel. <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong> sprach mit <strong>Christian Krei&szlig;<\/strong> &uuml;ber Abh&auml;ngigkeiten der Forschung von Konzerninteressen.<br>\n<!--more--><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200108_Kreiss.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><em>&Uuml;ber den Gespr&auml;chspartner: Christian Krei&szlig;, Jahrgang 1962, arbeitete als promovierter Volkswirt jahrelang im Bankwesen, unter anderem als Investmentbanker bei der Bayerischen Landesbank M&uuml;nchen und der Dresdner Bank Gruppe. Seit 2002 ist er Professor f&uuml;r Finanzierung und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen. Von ihm erschien 2015 im Europa-Verlag das Buch &bdquo;Gekaufte Forschung: Wissenschaft im Dienst der Konzerne&ldquo; sowie im Oktober 2019: &bdquo;Blenden Wuchern Lamentieren: Wie die Betriebswirtschaftslehre zur Verrohung der Gesellschaft beitr&auml;gt&ldquo;. Weitere Infos finden sich auf der Hompage von Christian Krei&szlig; <a href=\"https:\/\/menschengerechtewirtschaft.de\">menschengerechtewirtschaft.de<\/a>. <\/em><\/p><p><strong>Herr Krei&szlig;, vor rund einem Jahr waren der Social-Media-Gigant Facebook und die Technische Universit&auml;t M&uuml;nchen (TUM) eine Kooperation eingegangen, in deren Rahmen zum 7. Oktober 2019 ein Institut zur Ergr&uuml;ndung ethischer Grunds&auml;tze bei der Entwicklung von K&uuml;nstlicher Intelligenz (KI) auf Rechnung des US-Konzerns er&ouml;ffnet wurde. Als die Partnerschaft publik wurde, beteuerten beide Seiten, die Unabh&auml;ngigkeit der Uni sowie die der beteiligten Forscher bleibe &bdquo;nat&uuml;rlich&ldquo; unber&uuml;hrt. Nun sind vor Weihnachten Teile der Vertr&auml;ge ans Licht der &Ouml;ffentlichkeit gelangt, die zumindest Zweifel an der Darstellung aufkommen lassen. Oder gehen Sie noch weiter und sagen, der Schwindel ist aufgeflogen?<\/strong><\/p><p>Ja, in dieser Deutlichkeit kann man das sagen. Alle Beteiligten hatten bisher stets behauptet, es gebe keinerlei Auflagen oder Vorgaben, an die das Engagement vom Facebook gebunden w&auml;re. Jetzt, da diese Dokumente aufgetaucht sind, l&auml;sst sich feststellen: Die Darstellung war falsch: Facebook nimmt sich nicht nur das Recht heraus, die Mittel f&uuml;r dieses &bdquo;Institute for Ethics in Artificial Intelligence&ldquo; jederzeit zu stoppen, sondern legt auch die Schl&uuml;sselpersonalie fest. <\/p><p><strong>Was steht dazu konkret in den Vertr&auml;gen?<\/strong><\/p><p>Es sind ja insgesamt drei Dokumente ans Tageslicht gekommen, wovon dieser &bdquo;<a href=\"https:\/\/menschengerechtewirtschaft.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Facebook-TUM-Ethikinstitut-Unrestricted-Gift-Letter-25.Jan_.2019.pdf\">Facebook Unrestricted Gift Letter<\/a>&ldquo;, der nur etwa eineinhalb Seiten lang ist, die gr&ouml;&szlig;te Brisanz birgt. Dieser Brief tr&auml;gt die Unterschriften des ehemaligen TU-Pr&auml;sidenten Wolfgang Herrmann, des Institutsleiters Christoph L&uuml;tge und des bei Facebook f&uuml;r K&uuml;nstliche Intelligenz zust&auml;ndigen Vizepr&auml;sidenten Jerome Pesenti. L&uuml;tge wird darin als der Gr&uuml;ndungsdirektor des Instituts angesprochen beziehungsweise regelrecht dazu ernannt und es wird zugleich festgehalten, dass dies auch so zu bleiben hat. Sollte etwa ein neuer Leiter eingesetzt werden, darf dies nur nach schriftlicher Genehmigung durch Facebook erfolgen. Damit werden die vorangegangenen Ausf&uuml;hrungen, dass die in Aussicht gestellten F&ouml;rdergelder, dieses sogenannte Geschenk, also &bdquo;Gift&ldquo;, v&ouml;llig frei sei und die Mittel g&auml;nzlich unabh&auml;ngig verwendet werden d&uuml;rfen, ad absurdum gef&uuml;hrt. Wenn der Geldgeber bestimmt, wer das Institut anf&uuml;hrt und wer nicht: Wo bleibt da die wissenschaftliche Unabh&auml;ngigkeit der TUM?<\/p><p><strong>Auf der Strecke?<\/strong><\/p><p>Das ist zu bef&uuml;rchten. Dazu kommt noch ein gravierender Eingriff: Die auf f&uuml;nf Jahre bemessenen 7,5 Millionen Dollar erh&auml;lt die Uni nicht auf einen Schlag, sondern blo&szlig; in j&auml;hrlichen Tranchen. &Uuml;ber deren Freigabe entscheidet Facebook aber jedes Jahr von neuem, was bedeutet, die Mittel k&ouml;nnen nach &bdquo;eigenem Ermessen&ldquo; auch einbehalten werden. In dem Schreiben ist dann auch lediglich von einer &bdquo;erwarteten F&uuml;nf-Jahres-Dauer&ldquo; die Rede und einer &bdquo;Soll&ldquo;-Summe, die demnach nicht verpflichtend und damit wohl auch nicht einklagbar ist. Jetzt stelle man sich einen Forscher vor, der damit rechnen muss, dass ihm der Geldhahn jederzeit zugedreht werden kann. Wie frei ist und kann dieser sein in dem, was er erforscht und welche Ergebnisse er abliefert? Und kann unter solchen Bedingungen wirklich freie, ergebnisoffene, unbeeinflusste Ethikforschung stattfinden?  Ich meine nein. <\/p><p><strong>Herr L&uuml;tge findet schon. In der Presse bezeichnete er besagte Klauseln <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-tu-finanzierung-facebook-1.4723566\">als formal und in dieser Form &uuml;blich.<\/a> Wahrscheinlich hat er damit sogar recht, oder? <\/strong><\/p><p>Das glaube ich nicht. Wobei das schwer zu beurteilen ist, weil derlei Vertr&auml;ge immer unter Verschluss bleiben. Ich wei&szlig; aber aus eigener Erfahrung, dass in den Vertr&auml;gen einer normalen Stiftungsprofessur solche Klauseln nicht enthalten sind. Weder kann der Geldgeber Einfluss auf die personelle Besetzung nehmen, noch die Mittel nach Lust und Laune k&uuml;rzen. <\/p><p><strong>Sie haben die Auswahl des Institutsleiters L&uuml;tge wiederholt scharf kritisiert. Sie meinen, mit ihm h&auml;tte Facebook den genau Richtigen zum Leiter dieses sogenannten Ethikinstituts gemacht. Warum?<\/strong><\/p><p>Herr L&uuml;tge steht ja im Ruf, Deutschlands f&uuml;hrender Wirtschaftsethiker zu sein. Was er unter Wirtschaftsethik versteht, hat er sehr eindr&uuml;cklich in seinem gleichnamigen Buch dargelegt. Zum Beispiel ist f&uuml;r ihn selbst Mutter Teresa ein Homo oeconomicus. Sie handelte demnach zu Lebzeiten genauso egoistisch wie ein Konzernvorstand von Monsanto oder eben von Facebook. Weiter schreibt er, &bdquo;man kann das Eigeninteresse &ndash; innerhalb der geeigneten Rahmenordnung &ndash; gewisserma&szlig;en als eine &sbquo;moderne Form der N&auml;chstenliebe&lsquo; begreifen (&hellip;) Es gilt also nicht mehr der traditionelle Gegensatz zwischen gutem, altruistischem Verhalten und schlechtem Egoismus.&ldquo; Damit l&ouml;scht er praktisch alle Ethik aus, denn wenn die unsichtbare Hand des Marktes jeden Egoismus gutmacht, dann muss der Egoismus gepredigt werden. Und das versteht Christoph L&uuml;tge wie kaum ein anderer.<\/p><p><strong>Damit d&uuml;rfte immerhin sicher sein, dass er um seinen Chefposten nicht bangen muss. <\/strong><\/p><p>In der Tat. Herr L&uuml;tge muss gewiss in keiner Weise geg&auml;ngelt werden, er kann sicherlich v&ouml;llig frei forschen, denn man wei&szlig; ja, dass er &auml;u&szlig;erst industriefreundlich ist. Zuletzt hat er im Deutschlandradio ein Interview zum Black Friday gegeben und den grassierenden Kauf- und Konsumrausch ausdr&uuml;cklich begr&uuml;&szlig;t. Auch mit den erb&auml;rmlichen Lohn- und Arbeitsbedingungen in L&auml;ndern wie Bangladesh, Myanmar oder in Afrika hat er keinerlei Problem. Zitat: &bdquo;Diese Vorstellung von manchen Leuten hier in Deutschland, wir beuten hier irgendwelche Leute in Asien aus, das ist einfach kompletter Humbug.&ldquo; F&uuml;r mich dagegen bedeutet Ethik, das Gute, das Wahre, das Sch&ouml;ne zu beherzigen. Das alles kommt bei L&uuml;tge nirgends vor. Und was f&uuml;r den Quasimonopolisten Facebook das Allerbeste ist: Er sagt,  Konzernmacht gibt es im Kapitalismus nicht, vielmehr w&uuml;rde durch die freien Marktkr&auml;fte &bdquo;die B&uuml;ndelung von Macht systematisch verhindert&ldquo;. Wer so einen fanatischen Kapitalismusanh&auml;nger und ultradogmatischen Marktfundamentalisten auf einen Lehrstuhl f&uuml;r Ethik setzt, kann sich sehr genau ausrechnen, was dabei herauskommt. <\/p><p><strong>Was also k&ouml;nnte unter L&uuml;tges Fittichen in puncto K&uuml;nstliche Intelligenz und Ethik alles Neues erforscht werden? <\/strong><\/p><p>Wichtiger erscheint mir die Frage, was nicht erforscht wird. Das hei&szlig;t, in welche Wunden werden die Finger gerade nicht gelegt, zum Beispiel die, dass Facebook eine weltumspannende &Uuml;berwachungsarchitektur unterh&auml;lt, widerrechtlich die Nutzerinformationen von Abermillionen Menschen in Umlauf gebracht hat und durch seine Verwicklung in die Cambridge-Analytica-Aff&auml;re die Wahl von Donald Trump zum US-Pr&auml;sidenten beg&uuml;nstigt haben k&ouml;nnte. All das bleibt unterm Teppich, um stattdessen Dinge zu behandeln wie die Frage, ob ein autonom fahrendes Auto einen Menschen &uuml;berfahren darf, wenn dadurch auf der Stra&szlig;e spielende Kinder vorm Tode bewahrt werden. Diese und andere Forschungsinhalte sind unter ethischen Gesichtspunkten reine Bagatellen verglichen mit all dem, was Facebook schon auf dem Kerbholz hat und noch im Schilde f&uuml;hrt. Diese ganze Liaison mit der TUM ist nichts anderes als ein gro&szlig;artiges Ablenkungsman&ouml;ver von den eigentlich kritischen Fragen und ein reiner Marketingcoup der Konzernmanager, um den angekratzten Ruf aufzum&ouml;beln.    <\/p><p><strong>Gegen&uuml;ber <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2019\/ein-geschenk-auf-raten\/\">dem Portal Netzpolitik.org<\/a> erkl&auml;rte L&uuml;tge zu den Zielen des Instituts, &bdquo;ethische Richtlinien&ldquo; entwickeln zu wollen. Diese eigneten sich besser als Gesetze, um den Bef&uuml;rchtungen der Bev&ouml;lkerung rund um das Thema K&uuml;nstliche Intelligenz beizukommen. &bdquo;Diese Bef&uuml;rchtungen muss man aufgreifen, und das kann Ethik besser leisten als juristische Regulierung.&ldquo; <\/strong><\/p><p>Das ist doch genial f&uuml;r Facebook. Man streicht Milliardengewinne mit allen m&ouml;glichen zweifelhaften Gesch&auml;ften ein, l&auml;sst sich von der Forschung das Label &bdquo;ethisch korrekt&ldquo; anheften und der Gesetzgeber guckt tatenlos zu. Das ist die typische Verschleppungsstrategie. Im Fall der Tabakindustrie wurde auch erst einmal jahrzehntelang &uuml;ber die &bdquo;m&ouml;glichen&ldquo; Folgen des Rauchens diskutiert, bevor die ersten Verbote ausgesprochen wurden. Darum geht es jetzt auch bei der KI. Die Industrie mimt ein bisschen den Verantwortungsbewussten und Verst&auml;ndnisvollen, um die &Ouml;ffentlichkeit und die Politik einzulullen und treibt Technologien voran, deren Folgen f&uuml;r Mensch und Gesellschaft mitunter hochgef&auml;hrlich sind. Nur ein Beispiel: In Australien warben 2017 Facebook-Manager bei einer Gro&szlig;bank mit einer Technik, die &bdquo;emotional verletzliche Teenager&ldquo; in ihren schw&auml;chsten Momenten erreichen k&ouml;nnte, um diesen irgendwelche Kredite aufzuschwatzen. Versteht man das bei Facebook unter Ethik? <\/p><p><strong>Nun ist dieser Fall ja nur einer von vielen, in denen Unternehmen und Hochschulen gemeinsame Sache machen. Sie selbst haben ja in Ihrem Buch &bdquo;Gekaufte Forschung&ldquo; die Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sehr eingehend beleuchtet. Wie weit ist der Ausverkauf der Forschung in Ihren Augen fortgeschritten?<\/strong><\/p><p>Jeder zweite Forschungseuro an deutschen Hochschulen stammt inzwischen aus Drittmitteln. Das hei&szlig;t, praktisch jeder zweite Forschungsauftrag folgt der Agenda von au&szlig;eruniversit&auml;ren Akteuren, sei es von Bund, L&auml;ndern oder der EU, der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG, privaten Stiftungen oder Unternehmen. Was die Forschungsfragestellung angeht, sind die Wissenschaftler also schon zur H&auml;lfte quasi kastriert. Etwa ein F&uuml;nftel der Drittmittel stammt direkt von der Industrie, was sich zun&auml;chst nach wenig anh&ouml;ren mag. Ein gro&szlig;es St&uuml;ck vom Kuchen entf&auml;llt allerdings auf die Staatsb&uuml;rokratie, die wiederum selbst stark durch die Industrielobby beeinflusst ist. L&auml;sst man die DFG-Mittel au&szlig;en vor, die wohl weitestgehend nach streng wissenschaftlichen Kriterien vergeben werden, dann geht es bei zwei Dritteln des Drittmittelaufkommens aus meiner Sicht um industriegesteuerte Forschung. Bei all dem dreht es sich ausschlie&szlig;lich um Gewinninteressen und nicht darum, was der Wahrheit oder dem gesellschaftlichen Wohl dient. Und der Freiraum unabh&auml;ngiger Forschung wird t&auml;glich kleiner, weil der Druck auf die Hochschulen, angesichts der anhaltend r&uuml;ckl&auml;ufigen Grundfinanzierung auf externe Geldgeber zu setzen, weiter zunehmen wird. Leider ist das ein politisch gewollter Prozess. <\/p><p><strong>Politisch gewollt ist auch, dass Unis als &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; agieren und die Wirtschaft mit passenden Arbeitskr&auml;ften versorgen &hellip;<\/strong><\/p><p>Ich halte es lieber mit dem Humboldtschen Bildungsideal. Was sollte Schul- und Hochschulbildung denn heute leisten? Wollen wir Industrie&auml;ffchen heranz&uuml;chten, die nach &bdquo;Schema F&ldquo; funktionieren, zu allem Ja und Amen sagen und dem allm&auml;chtigen Konsum fr&ouml;nen? Oder wollen wir die individuellen Anlagen von Kindern und Jugendlichen f&ouml;rdern und zur Entfaltung bringen und sie zum freien Denken und Handeln bef&auml;higen? Ausgangspunkt sollte der Mensch als soziales Wesen sein, seine W&uuml;rde, seine Bed&uuml;rfnisse, seine geistigen und k&ouml;rperlichen F&auml;higkeiten. Heute bestimmt dagegen weitgehend die Wirtschaft dar&uuml;ber, was Mensch zu sein, zu tun und zu lassen hat. Der Schwanz wedelt l&auml;ngst mit dem Hund, nicht mehr umgekehrt. <\/p><p><strong>So gesehen ist der Fall Facebook schon l&auml;ngst der Normalfall im deutschen Hochschulbetrieb?<\/strong><\/p><p>Leider ja. Ich war ja selbst einmal Investmentbanker und wei&szlig;, wie die Gesch&auml;ftswelt tickt. Was an den Kapitalm&auml;rkten z&auml;hlt, ist einzig und allein der Profit. Wer glaubt, dass ein Konzern oder Unternehmen sein Geld selbstlos an eine Uni verschenkt, damit dort zum Segen der Menschheit geforscht wird, ist schief gewickelt. Deshalb behaupte ich, dass bei fast jeder dieser Kooperationen entweder direkt Einfluss auf die Forschung und die Ergebnisse genommen wird oder es mindestens um eine PR-Ma&szlig;nahme geht. <\/p><p><strong>Herr L&uuml;tge hatte die Partnerschaft, als die Sache vor einem Jahr publik wurde, selbst eine &bdquo;Win-Win-Situation&ldquo; genannt. Das immerhin war offen und ehrlich, oder?<\/strong><\/p><p>Damit hat er recht. Die TUM bekommt ein Institut dazu, frisches Geld, neue Mitarbeiter, vielleicht auch Folgeauftr&auml;ge und weitere Forschungsmillionen. Facebook bekommt im Gegenzug einen Ethikstempel, eine Imagepolitur und in der Person L&uuml;tge einen mutma&szlig;lichen Garanten daf&uuml;r, dass es in den kommenden f&uuml;nf Jahren keine allzu kritischen Publikationen seitens des Instituts geben wird, sondern eher dazu, dass die staatlichen Rahmenbedingungen nicht stimmen und die Politik diese verbessern muss. Aber umgekehrt schaden Win-Win-Beziehungen nat&uuml;rlich dem, der sie nicht hat. Und das ist in diesem Fall eben die Allgemeinheit und ihr Interesse an Wahrheit und Transparenz. <\/p><p><strong>Immerhin sind in diesem Fall Interna ans Licht gekommen, w&auml;hrend das in aller Regel nicht passiert. Zum Beispiel hat die TU M&uuml;nchen vor zwei Jahren eine Partnerschaft mit der Dieter-Schwarz-Stiftung des gleichnamigen Lidl-Gr&uuml;nders besiegelt, der damit mal eben 20 neue BWL-Lehrst&uuml;hle sponsert.<\/strong><\/p><p>Ich habe die TUM um die Herausgabe der fraglichen Vertr&auml;ge gebeten &ndash; ohne Erfolg. Es wird stets mit der Wahrung von Betriebsgeheimnissen argumentiert. Das ist ein durchsichtiger Vorwand. Es w&auml;re kein Problem, die fraglichen Passagen, die Konkurrenten interne Geheimnisse verraten, zu schw&auml;rzen. Viel wichtiger ist es doch zu wissen, ob ein Unternehmen Einfluss auf die Forschungsinhalte nimmt. Wenn dem nicht so ist, wie immer beteuert wird: Warum wird dann aus allem so ein Geheimnis gemacht? Warum ver&ouml;ffentlicht die TUM keinen einzigen Vertrag? <\/p><p><strong>Ebenfalls vor wenigen Wochen unterzeichneten die TU M&uuml;nchen, der Freistaat Bayern und der deutsche Softwarekonzern SAP einen Vertrag zur Errichtung eines Neubaus, unter dessen Dach k&uuml;nftig 600 SAPler mit 130 Forschern Projekte vorantreiben sollen. Der SAP-Beitrag soll sich auf 100 Millionen Euro belaufen. Haben Sie daf&uuml;r noch Worte?<\/strong><\/p><p>Die TU M&uuml;nchen geh&ouml;rt in Sachen Industrien&auml;he zur absoluten Speerspitze in der deutschen Hochschullandschaft. Bei den Drittmitteln liegt nur noch die RWTH Aachen vor ihr. Aber die Penetranz, mit der sich die M&uuml;nchner in j&uuml;ngerer Zeit an den Hals von Konzernen, auch solchen mit eher zweifelhaftem Ruf &ndash; damit meine ich nicht SAP &ndash; heranschmei&szlig;t, ist schon einzigartig. Als ich seinerzeit h&ouml;rte, dass die Uni ein Ethikinstitut auf Rechnung von Facebook einrichten wolle, dachte ich zuerst, das muss ein Witz sein. Aber wirklich ernst meint man es ja auch gar nicht. Wollte Facebook echte ethische Ma&szlig;st&auml;be an sein Handeln anlegen, w&uuml;rden die Anleger sofort in Scharen davonrennen. <\/p><p><strong>Angesichts Ihres Werdegangs wundert man sich ein wenig, dass ausgerechnet Sie sich als Bewahrer des staatlichen Hochschulsystems aufschwingen. Als Investmentbanker standen Sie selbst ja auf Kriegsfu&szlig; mit allem Staatlichen. Was ist passiert?<\/strong><\/p><p>Konrad Adenauer soll mal gesagt haben, &bdquo;es kann mich niemand daran hindern, kl&uuml;ger zu werden&ldquo;. Irgendwann habe ich f&uuml;r mich erkannt, dass das, was ich da mache, nicht richtig ist, und dass die dramatisch steigende Ungleichverteilung des Reichtums ein schlimmes Ende nehmen wird. Mein Vorteil ist der, dass ich das System von innen erlebt habe und es aus eigener Anschauung kritisieren kann. <\/p><p><strong>So geschehen in Ihrem neuesten Buch: &bdquo;Blenden Wuchern Lamentieren: Wie die Betriebswirtschaftslehre zur Verrohung der Gesellschaft beitr&auml;gt&ldquo;. Was steht da drin?<\/strong><\/p><p>Darin steht, dass das Gewinnmaximierungsprinzip, das heute in s&auml;mtlichen BWL-Lehrb&uuml;chern vertreten wird, uns auf allen Ebenen schadet. Beispielhaft zeigt das die Aff&auml;re um die manipulierten Abgaswerte, mit der VW und andere Autobauer die Gesundheit der Menschen, die Umwelt und nicht zuletzt die Wahrheit aus reinem Profitstreben aufs Spiel gesetzt haben. Schaden nimmt durch die Gewinnfixierung aber noch viel mehr: Besch&auml;ftigtenrechte, faire L&ouml;hne, die G&uuml;te von Produkten, ja das ganze menschliche Miteinander.   <\/p><p><strong>M&uuml;sste der Fall Facebook nicht Konsequenzen haben?<\/strong><\/p><p>Auf alle F&auml;lle. Die TUM m&uuml;sste die Kooperation sofort beenden, die erhaltenen Gelder zur&uuml;ckgeben und sich &ouml;ffentlich f&uuml;r die Vorg&auml;nge entschuldigen. Aber nichts dergleichen deutet sich an. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48618\">Facebooks Griff nach der &ouml;ffentlichen Forschung in Deutschland<\/a><\/li>\n<\/ul><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/299000b5b64c46bdb538a989427fd0ce\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Social-Media-Konzern Facebook und die Technische Universit&auml;t M&uuml;nchen sind vor rund einem Jahr eine Kooperation eingegangen. Damals wurde die Unabh&auml;ngigkeit der Uni und der beteiligten Forscher beteuert. 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