{"id":57602,"date":"2020-01-12T09:13:55","date_gmt":"2020-01-12T08:13:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57602"},"modified":"2020-01-12T12:23:09","modified_gmt":"2020-01-12T11:23:09","slug":"merkel-und-putin-ueberraschend-freundliches-treffen-in-moskau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57602","title":{"rendered":"Merkel und Putin \u2013 \u00fcberraschend freundliches Treffen in Moskau"},"content":{"rendered":"<p>Das Treffen der Bundeskanzlerin mit dem russischen Pr&auml;sidenten im Kreml am Sonnabend &ndash; nur wenige Tage nach der Ermordung des iranischen Generals Kassem Soleimani &ndash; hatte etwas von einem Appell gegen weitere Eskalationen. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau<br>\n<!--more--><br>\nMan reibt sich die Augen. War da was? Eine Krise zwischen Russland und Deutschland? Die Abschiebung von Diplomaten? Schwere Vorw&uuml;rfe gegen die russischen Beh&ouml;rden wegen des Mordes an einem Tschetschenen im Berliner Park Tiergarten? Von all dem war am Sonnabend im Kreml nichts zu h&ouml;ren, zumindest nicht auf der Pressekonferenz nach einem dreieinhalbst&uuml;ndigen Gespr&auml;ch zwischen Putin und Merkel. Auf der Pressekonferenz wurde deutlich, dass die beiden Politiker bei allen besprochenen Fragen &ndash; von Iran, Syrien, Libyen, der Ukraine bis Nord Stream 2 &ndash; unterschiedliche Auffassungen jetzt zur&uuml;ckstellen, zugunsten von Zielen, die man gemeinsam erreichen kann. M&ouml;glicherweise wollen die beiden Staatsf&uuml;hrer mit der in Moskau demonstrierten Einigkeit auch den USA ein Signal geben, es mit dem Z&uuml;ndeln im Nahen und Mittleren Osten nicht zu weit zu treiben. <\/p><p><strong>L&ouml;sungen f&uuml;r mehrere Konfliktregionen besprochen<\/strong><\/p><p>Angela Merkel bedankte sich auf der Pressekonferenz &bdquo;f&uuml;r die Gelegenheit zu einem umfassenden Gespr&auml;ch zum Bereich der bilateralen Zusammenarbeit als auch zum Bereich der internationalen Fragen.&ldquo; Trotz &bdquo;einiger Schwierigkeiten in Zusammenhang mit den Sanktionen im Zusammenhang mit der Ukraine&ldquo; &ndash; so die Kanzlerin &ndash; g&auml;be es zwischen Russland und Deutschland eine &bdquo;intensive wirtschaftliche Beziehung, aber auch in dem Bereich Wissenschaft und Universit&auml;ten.&ldquo; <\/p><p>Die Kanzlerin erkl&auml;rte, das Projekt Nord Stream 2 sei ein &bdquo;wichtiges wirtschaftliches Projekt&ldquo;, das &bdquo;durch die europ&auml;ische Rechtsprechung legitimiert&ldquo; sei. Trotz der amerikanischen Sanktionen gegen die Pipeline halte sie es f&uuml;r m&ouml;glich, &bdquo;dass man den Bau von Nord Stream 2 vollenden kann&ldquo;. Nachdem Russland und die Ukraine sich auf Transitlieferungen f&uuml;r die n&auml;chsten f&uuml;nf Jahre geeinigt haben und die Pipeline Turkish Stream er&ouml;ffnet wurde, seien Bef&uuml;rchtungen von einseitiger Abh&auml;ngigkeit bei Gaslieferungen unbegr&uuml;ndet. <\/p><p>Wladimir Putin erkl&auml;rte, er rechne damit, dass Nord Stream 2 Ende dieses, Anfang n&auml;chsten Jahres fertiggestellt wird. Die Bundeskanzlerin erkl&auml;rte, sie hoffe, dass die Bem&uuml;hungen von Putin und Erdogan zur Herstellung eines Waffenstillstands in Libyen Erfolg haben. Sonntag um null Uhr soll in Libyen ein Waffenstillstand in Kraft treten. Weiter sagte Merkel, sie sei sich mit Putin einig, &bdquo;dass man sehr bald zu einer Libyen-Konferenz nach Berlin einladen k&ouml;nne.&ldquo; Auf dieser Konferenz solle &bdquo;unter F&uuml;hrung der Vereinten Nationen&ldquo; ein Frieden in dem nordafrikanischen Land erreicht werden. <\/p><p>Als gr&ouml;&szlig;te Gefahr sieht die Kanzlerin, dass sich andere Staaten in die Angelegenheiten von Libyen einmischen. Welche Staaten das seien, sagte sie nicht. Sie meinte aber offenbar vor allem die T&uuml;rkei. Merkel sagte, an einer Friedensl&ouml;sung in Libyen m&uuml;ssten die Parteien in Libyen, &bdquo;die an der milit&auml;rischen Auseinandersetzung beteiligt sind&ldquo;, einbezogen werden. Dabei ginge es um &bdquo;die Herren Sarradsch und Haftar&ldquo;. Putin begr&uuml;&szlig;te die deutsche Initiative f&uuml;r eine Libyen-Friedenskonferenz.<\/p><p><strong>Merkel lobt Putin und Erdogan<\/strong><\/p><p>Die Bundeskanzlerin erkl&auml;rte, das Gespr&auml;ch zwischen Putin und Erdogan zu Syrien habe &bdquo;wichtige Ergebnisse gebracht&ldquo;. Sie freue sich, dass jetzt zwei Grenz&uuml;berg&auml;nge zu der Region Idlib wieder f&uuml;r humanit&auml;re Lieferungen offen sind. Denn es g&auml;be in dieser Region &bdquo;eine gro&szlig;e Not&ldquo;. &bdquo;Wie in Libyen&ldquo; g&auml;be es auch f&uuml;r Syrien &bdquo;keine milit&auml;rische L&ouml;sung&ldquo;, sondern &bdquo;letztlich nur Verhandlungsl&ouml;sungen&ldquo;. Deutschland setze sich f&uuml;r einen weiteren humanit&auml;ren &Uuml;bergang im Osten Syriens ein. Au&szlig;erdem unterst&uuml;tze Deutschland das Projekt eines Verfassungskonvents f&uuml;r Syrien und werde f&uuml;r dieses Projekt mit Russland, der T&uuml;rkei und Frankreich &bdquo;sehr, sehr eng zusammenarbeiten&ldquo;. Die F&uuml;hrung Syriens erw&auml;hnte Merkel in diesem Zusammenhang nicht. Eine politische L&ouml;sung sei n&ouml;tig, &bdquo;damit auch wieder Menschen, die aus Syrien geflohen sind, zur&uuml;ckkehren k&ouml;nnen.&ldquo;  Besonders viele Fl&uuml;chtlinge seien ja in der T&uuml;rkei, sagte die Kanzlerin.<\/p><p>Zum Iran erkl&auml;rte Merkel, Deutschland wolle das Atomabkommen mit dem Iran erhalten. Der Iran solle &bdquo;keine Atomwaffen haben&ldquo;. Zur Flugzeugkatastrophe bei Teheran sagte die Kanzlerin, der Iran habe bekannt gegeben, dass der Abschuss &bdquo;ein gro&szlig;er Fehler war&ldquo;. Es sei gut, dass &bdquo;die Verantwortlichen jetzt bekannt sind.&ldquo; Jetzt m&uuml;sse der Abschuss &bdquo;schonungslos aufgekl&auml;rt werden&ldquo; und &bdquo;dar&uuml;ber gesprochen werden, was die Folgen sind&ldquo;. Im Irak gehe es darum, die Bek&auml;mpfung des islamischen Terrorismus &bdquo;weiter zu erm&ouml;glichen&ldquo;. Was Merkel damit genau meinte, sagte sie nicht. Offenbar meint die Kanzlerin aber, dass deutsche Milit&auml;r-Ausbilder unbedingt weiter im Irak stationiert sein m&uuml;ssen. Doch auf russische Unterst&uuml;tzung wird sie in dieser Angelegenheit kaum rechnen k&ouml;nnen.  <\/p><p><strong>Putin warnt vor neuen Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;men<\/strong><\/p><p>Der russische Pr&auml;sident erkl&auml;rte, es g&auml;be im Nahen Osten Krieg. Ein gro&szlig;er Krieg sei das bisher aber nicht. Wenn es zu einem gro&szlig;en Krieg komme, werde das &bdquo;zu einer Katastrophe nicht nur f&uuml;r den Nahen Osten, sondern f&uuml;r die ganze Welt.&ldquo; Dann werde es zu neuen Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;men kommen, &bdquo;nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Regionen&ldquo;. Es werde &bdquo;humanit&auml;re, religi&ouml;se und wirtschaftliche Katastrophen&ldquo; geben.<\/p><p>Zur Ukraine erkl&auml;rte Merkel, dass zum Jahresende immerhin ein Gefangenenaustausch erreicht wurde. Sie hoffe, dass beim n&auml;chsten Treffen im Normandie-Format &bdquo;weitere Fortschritte in der Reihenfolge der Minsker Vereinbarungen&ldquo; erreicht werden. <\/p><p><strong>Journalistin fragt: &bdquo;Kooperation EU-Russland gegen die USA?&ldquo;<\/strong><\/p><p>Eine Journalistin des deutschen Privatsenders RTL fragte die Kanzlerin, ob man sich darauf einstellen k&ouml;nne, dass es in Zukunft Kooperationen zwischen der EU und Russland gibt, &bdquo;unter Umst&auml;nden auch in einigen Fragen gegen die USA?&ldquo; Merkel antwortete, wie sie am Beispiel von Nord Stream 2 erl&auml;utert habe, g&auml;be es &bdquo;Meinungsverschiedenheiten mit den USA, obwohl es unsere Verb&uuml;ndeten sind&ldquo;. Deutschland vertrete seine Interessen und Russland vertrete seine Interessen. Mit Russland g&auml;be es gegens&auml;tzliche Meinungen, es g&auml;be aber auch &bdquo;&Uuml;berlappungen&ldquo;. Beim Atomabkommen mit Iran sei man mit Russland &bdquo;im Grundsatz der gleichen Meinung.&ldquo; Ein Gespr&auml;ch &ndash; wie jetzt in Moskau &ndash; habe den Vorteil, &bdquo;dass man miteinander und nicht &uuml;bereinander spricht.&ldquo; Ob es Iran ist, ob es Libyen oder Syrien ist, &bdquo;es wird sich milit&auml;risch ein ganze Weile etwas tun. Aber eine L&ouml;sung wird es zum Schluss nur politisch geben.&ldquo;<\/p><p>Vor dem Treffen von Putin und Merkel nannten russische Medien Gr&uuml;nde, warum die Chancen f&uuml;r eine Wiederann&auml;herung zwischen Russland und Deutschland gutstehen. <\/p><ol>\n<li>Was den Iran betrifft, &bdquo;fallen die Interessen Russlands und Deutschlands zusammen&ldquo;, meint die Nachrichtenagentur Ria Novosti. Russland und Deutschland f&uuml;rchten den Ausbruch eines gr&ouml;&szlig;eren Krieges in der N&auml;he ihrer L&auml;nder. Die USA seien von so einem Krieg geographisch weniger betroffen.<\/li>\n<li>Das europ&auml;ische Business habe ein gro&szlig;es Interesse am iranischen Markt, schreibt Ria Nowosti weiter. Das Atom-Abkommen mit dem Iran &ouml;ffnete die M&ouml;glichkeit, in Iran zu investieren. Doch diese M&ouml;glichkeit wird jetzt versperrt durch die einseitige Aufk&uuml;ndigung des Atom-Abkommens durch die USA.<\/li>\n<li>Die Prognosen f&uuml;r die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands seien mit ein Prozent Wachstum schlecht. Der Handel zwischen Russland und Deutschland sei in den ersten zehn Monaten von 2019 um zw&ouml;lf Prozent zur&uuml;ckgegangen. Die deutsche Wirtschaft dr&auml;nge deshalb &ndash; so die Nesawisimaja Gaseta &ndash; darauf, die Sanktionen gegen Russland zu beenden.<\/li>\n<li>Das Blatt zitiert ausf&uuml;hrlich aus einer Studie der Berliner Stiftung f&uuml;r Wissenschaft und Politik, nach welcher der Konflikt zwischen dem Iran und den USA auch Konflikte in anderen islamischen Staaten von Afghanistan bis zum Irak und Libanon nach sich f&uuml;hren kann. Der Strom von Fl&uuml;chtlingen aus diesen Staaten nach Europa k&ouml;nne zunehmen.<\/li>\n<\/ol><p>Russische Medien hatten vor dem Treffen von Putin und Merkel berichtet, die Initiative zu dem Treffen sei vom Kreml ausgegangen, und zwar unmittelbar nach dem Mord an dem iranischen General Soleimani. Sp&auml;ter erkl&auml;rte Putins Sprecher Dmitri Peskow, die Vereinbarung f&uuml;r ein Treffen von Putin und Merkel sei schon im letzten Jahr getroffen worden. <\/p><p><strong>Russland mit gro&szlig;er Delegation vertreten<\/strong><\/p><p>Die russische Seite war beim Treffen mit Angela Merkel mit einer gro&szlig;en Delegation vertreten. W&auml;hrend Putin mit Merkel sprach, konferierten parallel die Au&szlig;enminister von Russland und Deutschland, Sergej Lawrow und Heiko Maas. In dem Kreml-Saal, wo nach dem Treffen von Putin und Merkel die Pressekonferenz stattfand, sah ich Gasprom-Chef Aleksej Miller in fr&ouml;hlicher Unterhaltung mit dem russischen Au&szlig;enminister Sergej Lawrow und dem russischen Minister f&uuml;r wirtschaftliche Entwicklung, Maksim Oreschkin. Au&szlig;erdem im Saal anwesend war der stellvertretende russische Energieminister Pawel Sorokin und der russische Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew. <\/p><p>Von deutscher Seite sah ich au&szlig;er der Bundeskanzlerin nur deren Sprecher Steffen Seibert. Heiko Maas stellte sich w&auml;hrend der Pressekonferenz demonstrativ nicht zu der Gruppe der russischen Delegationsmitglieder &ndash; wo schon der deutsche Botschafter in Moskau, G&eacute;za Andreas von Geyr, stand &ndash; sondern ging, ganz alleine und unverdrossen zur anderen Seite des Saales, wo sich Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau und deutsche Journalisten versammelt hatten. Der einsame Marsch des deutschen Au&szlig;enministers wirkte irgendwie merkw&uuml;rdig.<\/p><p>Ulrich Heyden, Moskau, 11.01.19<\/p><p>Titelbild: Ulrich Heyden<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a7786a95014541f7893130f65c4c19bf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Treffen der Bundeskanzlerin mit dem russischen Pr&auml;sidenten im Kreml am Sonnabend &ndash; nur wenige Tage nach der Ermordung des iranischen Generals Kassem Soleimani &ndash; hatte etwas von einem Appell gegen weitere Eskalationen. 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