{"id":57619,"date":"2020-01-13T10:15:56","date_gmt":"2020-01-13T09:15:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57619"},"modified":"2020-01-13T11:13:39","modified_gmt":"2020-01-13T10:13:39","slug":"eine-kleine-betrachtung-ueber-ordnungsmaechte-aus-gegebenem-anlass-von-heiko-flottau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57619","title":{"rendered":"&#8230;.eine kleine Betrachtung \u00fcber &#8220;Ordnungsm\u00e4chte&#8221; &#8211; aus gegebenem Anlass. Von Heiko Flottau"},"content":{"rendered":"<p>Seit der Ermordung des iranischen Generals  Qassem Suleimani durch die USA erlebt ein politisches Zauberwort  eine Art Wiedergeburt &ndash; in den Stellungnahmen einiger Politiker und in den Kommentaren mancher Zeitungen.  Die USA sollten ihre Rolle als &bdquo;Ordnungsmacht&ldquo; wieder erf&uuml;llen und &bdquo;Ordnungspolitik&ldquo;  betreiben.<br>\n<!--more--><br>\nOrdnungsmacht. Man muss die beiden Wortteile kurz analysieren, dann wird man schnell gewahr, dass beides eigentlich nicht zusammen geht. Ordnung suggeriert etwas Geordnetes, auf das sich die Beteiligten friedlich und gemeinsam geeinigt haben.  Macht aber bedeutet Gewalt. Wie also gehen Ordnung und Gewalt zusammen? Gut, Kinder werden mit sanftem Zwang von ihren Eltern zur Ordnung erzogen. Im Deutschen Bundestag ergeht  vom amtierenden Parlamentspr&auml;sidenten ein &bdquo;Ordnungsruf&ldquo; an einen Abgeordneten, der in seiner Rede die als allgemein anerkannten g&uuml;ltigen Regeln des Anstandes verletzt.<\/p><p>Aber politische Ordnungsmacht? Die Geschichte lehrt , dass in den meisten F&auml;llen eine f&uuml;hrende imperiale Macht eine &bdquo;Ordnung&ldquo;  hergestellt hat, die ihren eigenen Interessen entsprach, den Vorstellungen  der  zur Ordnung gerufenen V&ouml;lker aber meistens zuwiderlief. Schauen wir uns diese fatale Entwicklung an Hand  der Geschichte des Iran an. <\/p><p>Ja, Herr Markus Lanz, Sie haben in Ihrer ZDF-Sendung vom 8. Januar 2020 einem Ihrer Gespr&auml;chspartner vorgehalten, man solle in der Diskussion &uuml;ber die Ermordung des Generals Suleimani nicht zu weit zur&uuml;ck in der Geschichte des Iran graben. Falsch. Wissen Sie, was der franz&ouml;sische General Henri Gouraud im Jahr 1920 nach der Eroberung von Damaskus am Grab Saladins (arabisch Salah ed Din) sagte? &ldquo;Wach auf Saladin. Wir sind wieder da. Meine Anwesenheit hier vollendet den Sieg des Kreuzes &uuml;ber den Halbmond&rdquo;.   Salah ed-Din hatte im Jahre 1187 die Kreuzfahrer aus Jerusalem vertrieben. Gouraud war in die Levante entsendet worden, um dort die Interessen der Franzosen zu vertreten, die sich aus dem Sykes-Picot-Geheimabkommen von 1916 ergaben.  In dem Abkommen hatten Gro&szlig;britannien und Frankreich  den Nahen Osten unter sich aufgeteilt und somit f&uuml;r die Region  &uuml;ber die K&ouml;pfe der V&ouml;lker hinweg eine &bdquo;Ordnung&ldquo; diktiert, die sich  bis heute als fatal  erwiesen hat.<\/p><p>Aber zur&uuml;ck zum Iran und der f&uuml;r diesen Staat von diversen Ordnungsm&auml;chten vorgesehenen Ordnungen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg sicherten sich die Briten zu einem Spottpreis die Ausbeutung des iranischen Erd&ouml;ls rund um die Stadt Abadan in der Provinz Khusistan.  Die reiche Beute erm&ouml;glichte es den Briten, den Antrieb ihrer Kriegsflotte von Kohle auf Erd&ouml;l umzustellen &ndash; ein finanzieller und strategischer Gewinn. Diese Ordnung gefiel den Iranern auf Dauer nicht, 1953 verstaatlichte Premierminister Mohammed Mossadegh die &Ouml;lindustrie des Landes, er war der schlichten Meinung, dass iranisches &Ouml;l den Iranern geh&ouml;re.<\/p><p>Diese neue Ordnung  lief den Interessen der alten &bdquo;Ordnungsmacht&ldquo; Gro&szlig;britannien zuwider. Mit Hilfe des CIA-Agenten Kermit Roosevelt und des amerikanischen Generals H. Norman Schwarzkopf st&uuml;rzte die Weltmacht  Mossadegh und stellte die alte imperiale Ordnung wieder her.<\/p><p>H. Norman Schwarzkopf? Ja, der Name klingt bekannt. Es war kein anderer als der Sohn, H. Norman Schwarzkopf jr., der im Jahr 1991 auf Befehl von Pr&auml;sident George Bush Vater Saddam Hussein aus Kuwait vertrieb und dort die alte Ordnung wieder herstellte. Die vom Westen bestimmte imperiale Ordnung hat sich, sozusagen,  in den politischen Genen der Familie Schwarzkopf eingenistet.<\/p><p>Bitte, Herr Markus Lanz, abermals aufgemerkt. Hier ein ganz unverd&auml;chtiger Zeuge daf&uuml;r, wie das historische Ged&auml;chtnis V&ouml;lker und, ja,  auch deren Regime pr&auml;gt. Die Macht&uuml;bernahme von Ayatollah Chomeini im Iran im Jahre 1979 kommentierte  kein  anderer als Nelson Mandela im Jahr 2002 so:  &bdquo;Die  Vereinigten Staaten haben ernsthafte Fehler in der F&uuml;hrung ihrer Au&szlig;enpolitik gemacht. &hellip; Diese Fehler hatten verh&auml;ngnisvolle Auswirkungen, lange nachdem Entscheidungen getroffen wurden. &hellip; Denn die unqualifizierte Unterst&uuml;tzung des Schahs des Iran f&uuml;hrte direkt zur islamischen Revolution von 1979.&ldquo;<\/p><p>Dieses &bdquo;Regime der Mullahs&ldquo;, wie es politische Kenner wie Claus Kleber im ZDF und andere gerne nennen und damit gleich eine Menge von Vorurteilen beim Zuschauer  hervorrufen, w&auml;re wom&ouml;glich zu verhindern oder doch zu z&auml;hmen gewesen, h&auml;tten sich die USA, wie Nelson Mandela meinte, etwas mehr mit der Psyche und der Geschichte des Landes befasst. So aber t&ouml;tete es k&uuml;rzlich etwa 300 gegen Korruption und Misswirtschaft protestierende Menschen, um seine Macht zu sichern;  und nach dem Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeuges muss es sich in diesen Tagen von Tausenden Demonstranten vorhalten lassen, es habe zuwenig Empathie mit den Opfern gezeigt. <\/p><p>Die &bdquo;unqualifizierte Unterst&uuml;tzung des Schahs&ldquo; (Nelson Mandela) war ein Baustein im geostrategischen Geb&auml;ude der USA. Diese Strategie nahm auf die Interessen der Menschen wenig R&uuml;cksicht, verkannte zudem, dass nicht nur die USA &bdquo;Interessen&ldquo; haben, sondern andere V&ouml;lker auch.<\/p><p>Eine wirkliche &bdquo;Ordnungsmacht&ldquo; w&auml;re gehalten, beide Interessen gegeneinander abzuw&auml;gen und dann zu Beschl&uuml;ssen zu kommen. <\/p><p>Daf&uuml;r haben die Staaten jeweils einen meistens gut ausgebildeten Beamtenapparat namens Au&szlig;enministerium und ein Mittel namens Diplomatie. Doch Donald Trump hat viele  Fachleute gefeuert und das Wort Diplomatie durch den Terminus Deal ersetzt. Gut, wenn man den Iran als riesige Immobilie betrachten w&uuml;rde, h&auml;tte das Wort seine Berechtigung. Nur: Der Iran ist ein Land mit einer gro&szlig;artigen, Jahrtausende alten  Kultur, in der, etwa, das Schachspiel erfunden wurde. Mit  politischem Poker ist dem nicht  beizukommen.<\/p><p>Doch  die USA versuchten auf andere Weise, Ordnung in der Region zu schaffen. Nachdem etwa der neue irakische Machthaber Saddam Hussein 1980 den Iran &uuml;berfallen hatte &ndash; vermutlich mit stiller Duldung der USA &ndash; unterst&uuml;tzen die Vereinigten Staaten mal den Irak, mal den Iran. Das Kalk&uuml;l: Sollen sich doch beide Staaten am Golf bekriegen, dann wird keiner von ihnen zu m&auml;chtig. Dem diabolischen Machtspiel &ndash; und nat&uuml;rlich den Waffen auf beiden Seiten &ndash; fiel eine Million Menschen zum Opfer. Nachdem der Iran 1986 die Halbinsel Fao &ndash; Iraks einzigen Zugang zum Meer &ndash; erobert hatte, f&uuml;rchteten die USA, der Krieg k&ouml;nne sich zugunsten Irans entwickeln. Mit Hilfe der  von ihren  Geheimdiensten gesammelten und an den Irak gelieferten  Informationen &uuml;ber die Stellungen der iranischen Truppen auf Fao gelang es Saddam Hussein 1988, Fao zur&uuml;ckzuerobern. Kurz darauf war der Krieg zu Ende. Einen Friedensvertrag, also eine Friedensordnung, gibt es bis heute nicht. Es gab  keine &bdquo;Ordnungsmacht&ldquo;.<\/p><p>Die trat 2003 auf den Plan, aber ganz anders, als man h&auml;tte hoffen d&uuml;rfen. George Bush junior beseitigte den &bdquo;Schurken&ldquo; Saddam Hussein, um die Despotie durch eine  demokratische Ordnung  zu ersetzen. Der Versuch ging gr&uuml;ndlich schief, anstelle einer westlichen  Demokratie entstand ISIS und mit dem &bdquo;Islamischen Staat&ldquo;  kamen alle heutigen Probleme. Nach der Besetzung des Irak durch die USA fragten wir Journalisten in Bagdad damals, wer nun von diesem Krieg am meisten profitieren werde. Die einm&uuml;tige Antwort war: der Iran. Das Regime in Teheran nahm dann tats&auml;chlich die Gelegenheit wahr, seinen Einfluss in der Region massiv auszubauen &ndash; mit tatkr&auml;ftiger Hilfe von Qassem Suleimani.<\/p><p>Abermals  war nun eine Ordnungsmacht gefragt. Aber die traditionellen  westlichen Ordnungsm&auml;chte strichen die Segel. Sie hatten sich politisch diskreditiert, weil sie stets nur die eigenen Interessen vertreten hatten.<\/p><p>Alles verstaubte Geschichte, heute nicht mehr relevant?  Ein Leser hat mir einmal gesagt: &bdquo;Ihr Journalisten tut immer so, als sei die Welt gestern erst erfunden worden.&ldquo; Recht hat er, oft tun wir so, als ob es ein Gestern und  ein Vorvorgestern in der Politik nicht g&auml;be. Aber das ist falsch. Das historische und kulturelle Ged&auml;chtnis  ist besonders im Nahen Osten tief verwurzelt.  Und dieses Ged&auml;chtnis kann man &ndash; nat&uuml;rlich &ndash; auch missbrauchen &ndash; wie Sonja Zekri in einem wegweisenden Beitrag in der SZ vom 8. Januar (SZ Online vom 7. Januar) anhand der alten persischen Kaiserstadt Persepolis bewiesen hat. Dort hatte Schah Reza Pahlawi im Jahr 1971 100 Millionen Dollar ausgegeben, um 2500 Jahre persischer Monarchie zu feiern. 25.000 Flaschen Wein wurden herangeschafft, mit 50.000 importierten Singv&ouml;geln wollte der Schah die Welt beeindrucken. Aber, Sonja Zekri schreibt: &bdquo;Die Iraner &auml;chzten unter der Terrorherrschaft des Gottgleichen, aber sie tobten auch &uuml;ber die Prasserei, und so beschleunigte die Party in Persepolis den Untergang der Pahlawis. Wollte  man es zuspitzen, k&ouml;nnte man sagen: Respektlosigkeit gegen&uuml;ber dem kulturellen Erbe birgt immer ein Risiko.&ldquo;<\/p><p>Und: Respektlosigkeit vor dem politischen Erbe f&uuml;hrt zu Fehlentscheidungen, Terror und Krieg &ndash; besonders dann, wenn &bdquo;Ordnungsm&auml;chte&ldquo; tats&auml;chlich einmal ihr diplomatisches Werkzeug benutzen, einen Vertrag mit den Betroffenen aushandeln &ndash; und diesen dann grundlos k&uuml;ndigen. So geschehen mit dem noch unter der Regierung Barack Obamas ausgehandelten Vertrag, in dem sich der Iran verpflichtete, auf bestimmte Zeit  die Entwicklung von Kernwaffen  einzustellen. Der Vertrag war vielleicht nicht ideal, aber er funktionierte, der Iran kooperierte mit der Internationalen Atomenergieagentur. Die erkl&auml;rte mehrmals, der Iran halte sich an alle von ihm geforderten Auflagen.<\/p><p>Doch Donald Trump mochte den Vertrag nicht, vielmehr mochte er, so sagen manche, vor allem Barack Obama nicht, der den Vertrag zusammen mit Russland, China, Frankreich, Gro&szlig;britannien und Deutschland ausgehandelt hatte. Der Vertrag kann als eines der seltenen Beispiele  von gelungener &bdquo;Ordnungspolitik&ldquo; gelten, er h&auml;tte, zumindest zeitweise, eine gewisse Ruhe garantiert &ndash;  doch im Handstreich zerst&ouml;rte jene Ordnungsmacht, die jetzt manche wieder herbeisehnen, die sch&ouml;ne neue Ordnung.<\/p><p>Daher steht die Region wieder am Rande des Chaos &ndash; und  niemand ist in Sicht, der Ordnung schaffen k&ouml;nnte. Mit der Ermordung f&uuml;hrender K&ouml;pfe des Regimes ist eine solche Ordnung nicht herzustellen. Das zeigt auch ein Blick in eine andere Krisenregion. Die israelische Armee hat &uuml;ber Jahre hinweg f&uuml;hrende K&ouml;pfe der Hamas get&ouml;tet. Ruhe hat diese Politik der Gewalt dem Land nicht gebracht.  In dem Dokumentarfilm &bdquo;T&ouml;te zuerst&ldquo;  (einer Produktion von  ARTE-Frankreich und dem NDR aus dem Jahr 2012) bezeugen verschiedene Shin-Bet-Direktoren, dass die Politik der Gewalt gegen die Hamas und den Islamischen Dschihad den Frieden in keiner Weise n&auml;hergebracht habe. Karmi Gillon, Schin-Bet-Direktor von 1994-1996,  fordert ernsthafte Verhandlungen mit den Pala&#776;stinensern, er sagt: &bdquo;Israel kann sich den Luxus nicht leisten, nicht mit dem Feind zu reden.&ldquo; <\/p><p>Die Schlussfolgerung f&uuml;r den Iran liegt nahe: sprechen statt schie&szlig;en, gemeinsam Ordnung schaffen, statt der Region einseitig eine Ordnung zu diktieren. Dann k&auml;me auch niemand in Versuchung, M&auml;nner wie Qassem Suleimani zu ermorden.<\/p><p>PS: Bleibt die Frage, wer eigentlich die Drohne gesteuert hat, deren Geschoss Suleimani und seine Begleiter zerfetzt hat. Waren es US-Milit&auml;rs auf Drohnenbasen am Horn von Afrika oder auf der Arabischen Halbinsel?  Oder waren es Milit&auml;rs auf dem US-Luftwaffenst&uuml;tzpunkt Ramstein in der Pfalz, der eigentlich f&uuml;r Eins&auml;tze im Irak vorgesehen ist?  W&auml;re die Drohne aus Ramstein gesteuert worden,  w&auml;re  Deutschland &ndash; v&ouml;lkerrechtlich gesehen &ndash; am Tod Qassem Suleimanis mitschuldig.  <\/p><p>Titelbild: Joseph Sohm \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Ermordung des iranischen Generals Qassem Suleimani durch die USA erlebt ein politisches Zauberwort eine Art Wiedergeburt &ndash; in den Stellungnahmen einiger Politiker und in den Kommentaren mancher Zeitungen. 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