{"id":57678,"date":"2020-01-15T09:00:51","date_gmt":"2020-01-15T08:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57678"},"modified":"2026-01-27T11:35:06","modified_gmt":"2026-01-27T10:35:06","slug":"florian-zollmann-ueber-auslandsberichterstattung-das-fuehrt-zum-versagen-der-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57678","title":{"rendered":"Florian Zollmann \u00fcber Auslandsberichterstattung: \u201eDas f\u00fchrt zum Versagen der Demokratie\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wie sieht es aus, wenn Medien mit zweierlei Ma&szlig; messen? Darauf gibt der Journalismusforscher <strong>Florian Zollmann<\/strong> im NachDenkSeiten-Interview Antworten. Unter anderem anhand der Beispiele Afghanistan, Frankreich und Syrien zeigt Zollmann, der an der Newcastle University in England lehrt, wie Medien die Realit&auml;t auf den Kopf stellen. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7534\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-57678-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115_Florian_Zollmann_ueber_Auslandsberichterstattung_Das_fuehrt_zum_Versagen_der_Demokratie_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115_Florian_Zollmann_ueber_Auslandsberichterstattung_Das_fuehrt_zum_Versagen_der_Demokratie_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115_Florian_Zollmann_ueber_Auslandsberichterstattung_Das_fuehrt_zum_Versagen_der_Demokratie_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115_Florian_Zollmann_ueber_Auslandsberichterstattung_Das_fuehrt_zum_Versagen_der_Demokratie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=57678-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115_Florian_Zollmann_ueber_Auslandsberichterstattung_Das_fuehrt_zum_Versagen_der_Demokratie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200115_Florian_Zollmann_ueber_Auslandsberichterstattung_Das_fuehrt_zum_Versagen_der_Demokratie_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Wenn wir Medien konsumieren, sehen wir Korrespondenten &uuml;ber Ereignisse in Frankreich, Hongkong, Afghanistan usw. berichten. Die Auslandsberichterstattung spielt in unseren Medien eine gro&szlig;e Rolle. Offensichtlich wollen Medien ihre Nutzer dar&uuml;ber unterrichten, was im benachbarten Ausland, in der Welt sich abspielt.  Was ist das aber f&uuml;r eine Berichterstattung, Herr Zollmann? K&ouml;nnen wir ihr vertrauen?<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nDie Medien berichten nicht objektiv und nicht ausgewogen &uuml;ber globale Ereignisse. Wie wir in unserem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47396\">letzten Interview<\/a> festgestellt haben, sind Nachrichten das Resultat einer vorherrschenden Ideologie und Kultur. Miteinander verbundene Interessen aus Politik und Wirtschaft beeinflussen die Medien in ihrer Eigenschaft als Quellen des &bdquo;objektiven&ldquo; Journalismus. Aber auch  Eigentumsstrukturen, Anteilseignung, Werbeabh&auml;ngigkeit, Netzwerke und Lobbying spielen eine Rolle. Diese Faktoren f&uuml;hren zu einer allgemeinen ideologischen Sto&szlig;richtung der Nachrichteninhalte: Bestimmte Sachverhalte und Fakten werden hervorgehoben, andere bagatellisiert.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns bitte an konkreten Beispielen aufzeigen, wo die Schieflagen in der Auslandsberichterstattung liegen. Beginnen wir mit Afghanistan und dem so genannten &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo;. Die NachDenkSeiten haben dazu schon viele kritische Beitr&auml;ge gebracht. Wo setzt Ihre Kritik an? <\/strong><\/p><p>In gro&szlig;en Teilen der deutschen Medienkultur gilt die Auffassung, dass der von den USA angef&uuml;hrte Westen beim &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; in Afghanistan und anderen L&auml;ndern mit grunds&auml;tzlich &bdquo;guten&ldquo; Absichten auftritt. Demnach ginge es bei dem Einsatz, an dem sich ja auch Deutschland seit Dezember 2001 beteiligt, darum, Terroristen zu bek&auml;mpfen und beispielsweise in Afghanistan f&uuml;r Frieden, Sicherheit und Stabilit&auml;t zu sorgen. Auch konzentriert sich die Berichterstattung auf die Taliban, die in den Medien als <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article109816231\/Die-Taliban-Killer-sind-Feinde-der-Menschlichkeit.html\">&bdquo;Killer&ldquo; und &bdquo;Feinde der Menschlichkeit&ldquo;<\/a> bezeichnet und daher, so wird es suggeriert, von unseren Soldaten bek&auml;mpft werden m&uuml;ssen. Es mag erstaunlich klingen: Die in der deutschen Medienberichterstattung &uuml;ber Afghanistan verwendeten ideologischen Erkl&auml;rungsmuster &auml;hneln zum Teil den Diskursen der sowjetischen Staatspresse. Das zeigt eine <a href=\"https:\/\/www.medialens.org\/2007\/invasion-a-comparison-of-soviet-and-western-media-performance\/\">Studie<\/a> des britischen Medienwachhundes <em>Media Lens<\/em>, die die sowjetische Medienberichterstattung &uuml;ber die sowjetische Intervention in Afghanistan in den 1980er Jahren mit der westlichen Medienberichterstattung der US-angef&uuml;hrten Intervention in Afghanistan in den 2000er Jahren vergleicht. 1979 marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein, um einen Aufstand militanter Gruppen, der auch zuk&uuml;nftige F&uuml;hrer der Taliban miteinbezog, zu bek&auml;mpfen. Die auf den Einmarsch folgende Besatzung dauerte bis 1989 und hatte verheerende Folgen f&uuml;r das Land. Staatsgesteuerte sowjetische Presseorgane wie <em>Krasnaya Zvezda<\/em> oder <em>Pravda<\/em> bezeichneten die sowjetische Milit&auml;rkampagne in Afghanistan als eine friedenssichernde Mission. Laut der Sowjetpresse sei es bei der Intervention darum gegangen, afghanische Zivilisten vor Jihadisten und Terroristen zu sch&uuml;tzen und f&uuml;r Sicherheit in der Region und in der russischen Heimat zu sorgen. &Uuml;ber die enorme Zahl get&ouml;teter Afghanen, die auf 1,5 Millionen <a href=\"https:\/\/www.medialens.org\/2007\/invasion-a-comparison-of-soviet-and-western-media-performance\/\">gesch&auml;tzt<\/a> wird, berichteten die Sowjetmedien kaum. <\/p><p><strong>Auch bei &bdquo;unseren&ldquo; Kriegen gibt es viele Tote.<\/strong><\/p><p>So ist es, aber auch bei uns werden solche Zahlen unter den Teppich gekehrt. <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2018\/11\/19\/civilian-casualties-us-war-on-terror\/\">Konservative Sch&auml;tzungen<\/a> gehen davon aus, dass seit Beginn des &bdquo;Krieges gegen den Terror&ldquo; 480.000 Menschen durch direkte Gewalt in Afghanistan, Pakistan und Irak get&ouml;tet wurden, wobei die Zahl der indirekten Todesf&auml;lle (durch Krankheit, Vertreibung und Zerst&ouml;rung vitaler Infrastruktur) wohl im Millionenbereich liegt. Durch das von US-Pr&auml;sident Barack Obama durchgef&uuml;hrte Drohnen-Programm wurden innerhalb von f&uuml;nf Jahren <a href=\"https:\/\/www.thebureauinvestigates.com\/stories\/2014-02-03\/january-2014-update-us-covert-actions-in-pakistan-yemen-and-somalia\">2.400 Menschen in Pakistan, Jemen und Somalia get&ouml;tet<\/a>, viele davon Zivilisten. Nach Angaben der <em><a href=\"https:\/\/www.huffpost.com\/entry\/obama-drones_b_2427030\">New American Foundation<\/a><\/em> handelte es sich nur bei etwa 3 Prozent (51 Personen) der Get&ouml;teten in Pakistan um &bdquo;F&uuml;hrer der Militanten&ldquo;, von denen 30 Mitglieder von Al-Qaida waren. <\/p><p><strong>Wie gehen Medien nun mit diesen Fakten um?<\/strong><\/p><p>Sie spielen sie runter. Genauso wie die Frage, ob es sich beim &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; um ein global-hegemoniales Projekt des Westens handeln k&ouml;nnte. Daten des <em><a href=\"https:\/\/www.thebureauinvestigates.com\/stories\/2014-02-03\/january-2014-update-us-covert-actions-in-pakistan-yemen-and-somalia\">Costs of War Projects<\/a><\/em> zeigen: US-amerikanische &bdquo;Antiterror&ldquo;-Einheiten sind derzeit <a href=\"https:\/\/www.thenation.com\/article\/a-new-map-shows-the-alarming-spread-of-the-us-war-on-terror\/\">weltweit in 76 L&auml;ndern (39% des Erdballs) stationiert<\/a>. Von dort aus werden Drohnen- und Luftschl&auml;ge koordiniert und paramilit&auml;rische Milizen ausgebildet. Ein Netz von 700-800 <a href=\"https:\/\/www.politico.com\/magazine\/story\/2015\/06\/us-military-bases-around-the-world-119321\">US-Milit&auml;rbasen<\/a> dient der Projektion und Sicherung westlicher Macht. Und genau diese Politik erh&ouml;ht die Wahrscheinlichkeit f&uuml;r Terroranschl&auml;ge im Westen. Das belegt eine der wohl bisher <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.com\/books\/126478\/dying-to-win-by-robert-a-pape\/\">umfangreichsten Studien &uuml;ber Selbstmordterroristen<\/a>, durchgef&uuml;hrt von Robert A. Pape, Professor f&uuml;r Politikwissenschaft an der University of Chicago. Pape verweist auf eine eindeutige Beziehung zwischen westlichen Milit&auml;rbesatzungen und Selbstmordterrorismus (Pape hat in seiner Studie 315 Selbstmordattentate zwischen 1980 und 2003 untersucht). Demnach sei das Hauptmotiv des Selbstmordterrorismus ein s&auml;kulares und strategisches Ziel: Moderne Demokratien sollen gezwungen werden, ihre milit&auml;rischen Kr&auml;fte von dem Hoheitsgebiet abzuziehen, das die Terroristen als ihr Heimatland ansehen. Dennoch h&ouml;ren wir in den Medien immer wieder, die westliche Staatengemeinschaft und insbesondere Deutschland m&uuml;ssten mehr Pr&auml;senz zeigen, um in anderen L&auml;ndern f&uuml;r Frieden und Stabilit&auml;t zu sorgen. <\/p><p><strong>In den Medien war immer wieder zu h&ouml;ren, der Westen habe nicht genug getan, um das Blutbad in Syrien zu stoppen.<\/strong><\/p><p>Diese Sichtweise stellt die Realit&auml;t auf den Kopf. <\/p><p><strong>Warum?<\/strong><\/p><p>Bereits im Oktober 2011 initiierten die USA <a href=\"https:\/\/maximechaix.info\/?cat=6\">Operation <em>Timber Sycamore<\/em><\/a> (das Programm wurde offiziell im Juni 2013 von Obama genehmigt), ein verdecktes Programm der CIA, das <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2017\/08\/02\/world\/middleeast\/cia-syria-rebel-arm-train-trump.html\">eine Milliarde US-Dollar<\/a> verschlang, und bei dem es darum ging, mit Hilfe der saudischen und katarischen Geheimdienste, die Anti-Assad-Rebellen zu unterst&uuml;tzen und mit Waffen zu beliefern. Viele dieser Waffen landeten dann in den H&auml;nden von <a href=\"http:\/\/archive.is\/rjZLG#selection-1991.0-1999.179\">jihadistischen Hardlinern<\/a>. Leider sind nur selten Stimmen in den Medien zu h&ouml;ren, die auf diese Politik des Westens und seiner Verb&uuml;ndeten hinweisen.<\/p><p><strong>Das w&uuml;rde nicht mit der einseitigen Erz&auml;hlung vom &bdquo;guten Westen&ldquo; zusammenpassen.<\/strong><\/p><p>Ja, aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel der renommierte britische Nahostkorrespondent Robert Fisk. In einem <a href=\"https:\/\/www.independent.co.uk\/voices\/syria-civil-war-rebellion-isis-assad-western-intervention-arms-a7921526.html\">Bericht<\/a> f&uuml;r die Tageszeitung <em>The Independent<\/em> schreibt Fisk, der Westen und seine Verb&uuml;ndeten h&auml;tten Syrien mit Waffen zugesch&uuml;ttet und dabei versucht, die bewaffnete syrische Opposition von der T&uuml;rkei und von Jordanien aus zu steuern. Das seien genug Waffen gewesen, um Syrien zu zerst&ouml;ren, so Fisk, aber nicht genug, um das &bdquo;Assad-Regime&ldquo; zu st&uuml;rzen. Fisk <a href=\"https:\/\/www.independent.co.uk\/voices\/syria-civil-war-rebellion-isis-assad-western-intervention-arms-a7921526.html\">zitiert den niederl&auml;ndischen Diplomaten Nikolaos van Dam<\/a>, einen ausgewiesenen Kenner Syriens: &bdquo;Es ist besser, nichts zu tun, als das Falsche mit schrecklichen Folgen &hellip; Aber westliche Demokratien glauben, sie m&uuml;ssen etwas tun &hellip; Ohne westlichen Einfluss h&auml;tte es nur ein Zehntel der Gewalt [in Syrien] gegeben, das Land w&auml;re nicht in Tr&uuml;mmern, so viele w&auml;ren nicht gestorben, es h&auml;tte nicht so viele Fl&uuml;chtlinge gegeben.&ldquo;<\/p><p><strong>Wie sieht es aus, wenn Medien &uuml;ber die Gelbwesten in Frankreich berichten, und wie, wenn sie &uuml;ber die Proteste in Hongkong berichten? Was stellen Sie fest?<\/strong><\/p><p>In diesen F&auml;llen berichten die Medien mit zweierlei Ma&szlig;. <\/p><p><strong>Woran machen Sie das fest?<\/strong><\/p><p>Die Proteste in Frankreich richten sich gegen die Regierung von Staatspr&auml;sident Emmanuel Macron, die enge Verbindungen zu Deutschlands Staatselite unterh&auml;lt und eine &auml;hnlich neoliberale Politik verfolgt. In Hongkong, auf der anderen Seite, richten sich die Proteste gegen die zunehmende Einflussnahme Chinas in Hongkongs Angelegenheiten und damit gegen einen &bdquo;Feindesstaat&ldquo;. <\/p><p><strong>Auch wenn hier nicht der Platz ist, die Berichterstattung umfassend zu analysieren: Was beobachten Sie?<\/strong><\/p><p>Auf einer sehr allgemeinen Ebene l&auml;sst sich Folgendes sagen: Was die in Frankreich demonstrierenden Gelbwesten betrifft, gehen die Medien auf Distanz. Macrons Politik wird in der Berichterstattung durchaus auf einer taktischen Ebene kritisiert, aber nicht substantiell hinterfragt. Es wird aus einer Beobachterperspektive &uuml;ber die Proteste berichtet, ohne die Polizeigewalt in ihrer ganzen Tragweite darzustellen. Vielmehr wird eher den Gelbwesten ein anti-demokratisches und gewaltt&auml;tiges Verhalten zugeschrieben. So hei&szlig;t es beispielsweise im <em>Spiegel<\/em> (Heft 50, 8\/12\/2018, Seite 78): &bdquo;Sie [die Gelbwesten] sind Pessimisten, vertrauen niemandem, schon gar nicht l&auml;ngeren Prozessen. Und Demokratie dauert nun einmal. Sie verlassen sich nur noch auf sich selbst &ndash; und, wenn es sein muss, auf die eigene Gewalt.&ldquo; Schaut man sich die Berichterstattung &uuml;ber die Proteste in Hongkong an, dann wird eine andere Herangehensweise von den Journalisten gew&auml;hlt. <\/p><p><strong>Welche?<\/strong><\/p><p>Den Anliegen der Demonstranten wird mehr Raum in der Berichterstattung gegeben. Die &bdquo;demokratisch&ldquo; motivierten Ziele der Demonstranten, die mit den Zuschauern im Westen resonieren, werden beleuchtet. Und es f&auml;llt auf: Westliche Journalisten begleiten die Menschen in Hongkong, um mittels journalistischer Reportagen ein pers&ouml;nliches Bild von den Protesten zu zeichnen. Dazu kommt, dass die Berichterstattung den Schluss nahelegt, Gewalt ginge eher von der Polizei und nicht von den Demonstranten aus. <\/p><p><strong>Haben Sie ein Beispiel?<\/strong><\/p><p><em>Der Spiegel<\/em> schreibt (Heft 40, 28\/09\/2019, Seite 92): &bdquo;Sie [die Protestbewegung] entfaltet &uuml;ber die nun folgenden Monate eine gesellschaftliche Kraft und internationale Sichtbarkeit, die selbst im historischen Vergleich &auml;hnlicher Bewegungen bemerkenswert ist. Das verdankt sie drei Faktoren: dem Zorn und der Kreativit&auml;t der Protestierenden, der Plumpheit der Regierung und der oft exzessiven Gewalt der Polizei.&ldquo; <\/p><p>Objektiv betrachtet k&ouml;nnte argumentiert werden, dass die Protestbewegungen in Frankreich und Hongkong gleicherma&szlig;en auf reale Missst&auml;nde hinweisen. Aber die deutschen Medien nehmen eine unterschiedliche Gewichtung dieser Proteste vor. Und das erweckt den Eindruck, die Anliegen der Gelbwesten h&auml;tten weniger Legitimit&auml;t, als die der Demonstranten in Hongkong. <\/p><p><strong>Zeigt die Berichterstattung &uuml;ber <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=assange-julian\">Julian Assange<\/a> ein &auml;hnliches Muster?<\/strong><\/p><p>Ja, auch hier werden Doppelstandards angelegt. Im Vergleich zu der oft positiven Berichterstattung &uuml;ber Dissidenten aus &bdquo;Feindesstaaten&ldquo; wie China oder Russland wurde Julian Assange, der Gr&uuml;nder der Enth&uuml;llungsplattform Wikileaks, in den letzten Jahren vorwiegend als ein zwielichtiger Exzentriker dargestellt. Eine <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2019\/11\/24\/john-pilger-the-lies-about-assange-must-stop-now\/\">internationale Kampagne<\/a>, die auch von den Medien mitgetragen wurde, versuchte des Weiteren, Assange und Wikileaks zum Schweigen zu bringen, damit die Wahrheit &uuml;ber von westlichen Staaten begangene Kriegsverbrechen nicht an eine breitere &Ouml;ffentlichkeit gelangt. <\/p><p><strong>Was stellen Sie fest?<\/strong><\/p><p>Gegen Assange wurde ja im November 2010 wegen eines Anfangsverdachtes zu Vorw&uuml;rfen von Vergewaltigung und sexueller N&ouml;tigung in Schweden ein internationaler Haftbefehl ausgestellt. Diese von zwei Frauen vorgebrachten Vorw&uuml;rfe, die Assange bestreitet, konnten allerdings nicht gekl&auml;rt werden. Und das lag insbesondere daran, dass Schweden und Gro&szlig;britannien keine Garantien aussprechen wollten, Assange nicht an die USA auszuliefern, wo er von der US-Justiz wegen der angeblichen Ver&ouml;ffentlichung von Geheimdokumenten unter dem US-Spionagegesetz angeklagt ist und wo ihm eine lebenslange Haftstrafe oder sogar die Todesstrafe drohen k&ouml;nnten. Deshalb floh Assange ja in die ecuadorianische Botschaft. Lisa Longstaff von der britischen Frauenrechtsorganisation <em>Women Against Rape<\/em> schrieb in einem am 20. Mai 2019 <a href=\"https:\/\/againstrape.net\/letter-on-arrest-of-julian-assange\/\">ver&ouml;ffentlichten Brief<\/a>, beim Fall Assange ginge es nicht um Vergewaltigungsvorw&uuml;rfe, so schwerwiegend diese auch seien, sondern um die besch&auml;menden Informationen, die Wikileaks &uuml;ber die Aktivit&auml;ten des US-amerikanischen Milit&auml;rs ver&ouml;ffentlicht habe. Demnach habe Whistleblower Chelsea Manning dank Wikileaks eine umfangreiche Verschleierung von Vergewaltigung, anderer sexueller Gewalt und Mord, auch an Frauen und Kindern, durch das US-Milit&auml;r in Afghanistan, Irak und Bosnien, aufgedeckt. In dem Brief fragt Longstaff, warum es kaum Aufrufe nach Gerechtigkeit f&uuml;r die Vergewaltigungen und Morde, die Wikileaks ans Licht gebracht habe, gebe. <\/p><p><strong>Auch der UN-Sonderberichterstatter &uuml;ber Folter hat sich sehr deutlich zu Wort gemeldet.<\/strong><\/p><p>Ja, Nils Melzer stellte fest, nachdem er Assange am 9. Mai 2019 im Londoner Belmarsh-Gef&auml;ngnis (das normalerweise nur f&uuml;r Schwerstverbrecher zust&auml;ndig ist, wobei Assange lediglich seine Bew&auml;hrungsauflagen verletzt hat) besucht hatte, dass dieser einer &bdquo;psychologischen Folter&ldquo; ausgesetzt sei. Melzer schrieb Folgendes &uuml;ber das Verhalten der westlichen Staatengemeinschaft: &bdquo;In 20 Jahren Arbeit mit Opfern von Krieg, Gewalt und politischer Verfolgung habe ich noch nie eine Gruppe von demokratischen Staaten gesehen, die sich zusammenrottet, um ein einziges Individuum f&uuml;r so lange Zeit absichtlich zu isolieren, d&auml;monisieren und missbrauchen und das mit so wenig Respekt f&uuml;r Menschenw&uuml;rde und Rechtsstaatlichkeit.&ldquo; In einem <a href=\"https:\/\/medium.com\/@doctors4assange\/open-letter-to-the-australian-government-e19a42597e45\">offenen Brief<\/a> an die australische Regierung, ver&ouml;ffentlicht am 16. Dezember 2019, &auml;u&szlig;erten &uuml;ber 100 &Auml;rzte das Bedenken, Assange k&ouml;nne wegen seines Gesundheitszustandes im Gef&auml;ngnis sterben. Die &Auml;rzte fordern daher, Assange sofort vom Belmarsh-Gef&auml;ngnis in London in ein Krankenhaus nach Australien zu verlegen, damit er dort die n&ouml;tige Gesundheitsversorgung bek&auml;me. Denn als ein Opfer von psychologischer Folter k&ouml;nne Assange nicht angemessen medizinisch behandelt werden, solange er eben diesen Bedingungen der psychologischen Folter ausgesetzt sei, hei&szlig;t es in dem <a href=\"https:\/\/medium.com\/@doctors4assange\/open-letter-to-the-australian-government-e19a42597e45\">Brief<\/a>. <\/p><p><strong>F&uuml;r Assange sieht es demnach ziemlich schlecht aus.<\/strong><\/p><p>Jetzt ist vielleicht die letzte M&ouml;glichkeit, Druck auf westliche Regierungen auszu&uuml;ben. Dadurch k&ouml;nnte nicht nur Assanges Leben gerettet werden, sondern auch die Pressefreiheit. Denn es ist das Ziel der Administration von US-Pr&auml;sident Donald Trump, an Assange ein Exempel zu statuieren und damit den letzten Rest journalistischer Freiheit zu sabotieren.<\/p><p><strong>Wir haben &uuml;ber die Berichterstattung der Medien zu Afghanistan, Syrien, Assange geredet, Sie haben die Drohnentoten angef&uuml;hrt, Somalia und Pakistan erw&auml;hnt. Es geht bei all dem um sehr viel. Es geht um Menschen, Schicksale, aber auch die viel beschworenen Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit usw. Was bedeutet es f&uuml;r Mediennutzer, wenn medien&uuml;bergreifend und dauerhaft bei derartig gewichtigen Themen Journalisten &bdquo;nicht sagen, was ist&ldquo;, wenn die Realit&auml;t verdreht und gebogen wird, um bestimmte, regierungsnahe Erz&auml;hlungen zu erzeugen oder aufrechtzuhalten?<\/strong><\/p><p>Der Journalismus und die Medien nehmen eine wichtige Rolle als sogenannte &bdquo;vierte Gewalt&ldquo; in der Demokratie ein. Unsere Medien sind allerdings wegen politischer und kommerzieller Vereinnahmung nicht in der Lage, die von der Gesellschaft gew&uuml;nschte Kritik- und Kontrollfunktion auszu&uuml;ben. Das f&uuml;hrt zum Versagen der Demokratie, denn die Mediennutzerinnen und -nutzer werden nur unzureichend informiert, was die wichtigsten gesellschaftlichen Fragen zu Themen wie Krieg und Frieden, Klimawandel oder politische und wirtschaftliche Korruption betrifft.&nbsp;Journalismus und Medien sind &ouml;ffentliche G&uuml;ter, genauso wie zum Beispiel die Gesundheitsversorgung, und m&uuml;ssen daher unter demokratischer Aufsicht stehen und &ouml;ffentlich finanziert werden. Daher ben&ouml;tigen wir dringend eine Medienreform, die umfassende strukturelle Ver&auml;nderungen im Mediensystem vornimmt. <\/p><p>Titelbild: Mopic \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sieht es aus, wenn Medien mit zweierlei Ma&szlig; messen? 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