{"id":57682,"date":"2020-01-15T10:00:27","date_gmt":"2020-01-15T09:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57682"},"modified":"2020-01-16T10:51:52","modified_gmt":"2020-01-16T09:51:52","slug":"das-nukleare-fallbeil-schwebt-ueber-unseren-koepfen-wie-lange-noch-ein-denk-und-aktionsanstoss-von-uwe-thomas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57682","title":{"rendered":"Das nukleare Fallbeil schwebt \u00fcber unseren K\u00f6pfen, wie lange noch. Ein Denk- und Aktionsansto\u00df von Uwe Thomas*."},"content":{"rendered":"<p>&ldquo;Die Bundesrepublik wird keine Nuklearmacht sein, sie wird das auch nicht wollen. Im Ernstfall k&ouml;nnen wir uns auch nicht selbst verteidigen&rdquo;, sagt Wolfgang Ischinger, Leiter der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz und Staatssekret&auml;r a.D. <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/interviews\/artikel\/wir-sind-nicht-die-schweiz-3981\/\">im Interview mit der Friedrich-Ebert-Stiftung<\/a>. Schade allerdings, dass Claudia Detsch von der SPD-nahen Stiftung ihn nicht gefragt hat, wie er sich den Ernstfall vorstellt und ob er ihn zu &uuml;berleben gedenkt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1977\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-57682-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115-Das-nukleare-Fallbeil-schwebt-ueber-unseren-Koepfen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115-Das-nukleare-Fallbeil-schwebt-ueber-unseren-Koepfen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115-Das-nukleare-Fallbeil-schwebt-ueber-unseren-Koepfen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115-Das-nukleare-Fallbeil-schwebt-ueber-unseren-Koepfen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=57682-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200115-Das-nukleare-Fallbeil-schwebt-ueber-unseren-Koepfen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200115-Das-nukleare-Fallbeil-schwebt-ueber-unseren-Koepfen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Sie hat ihn auch nicht gefragt, was er von der Stationierung nuklearer Sprengk&ouml;pfe in Deutschland h&auml;lt, die von Bundeswehrpiloten ins Ziel geflogen werden sollen, wenn die USA den Ernstfall ausrufen. Die Bundesregierung hat &uuml;ber diese Bundeswehrpiloten keinerlei Befehlsgewalt. Sie beschafft nur die Flugzeuge und bezahlt die deutschen Piloten. (H&auml;tte sie ihn gefragt, w&auml;re die Antwort gewesen, da&szlig; er das richtig findet.) Sie hat ihn auch nicht gefragt, ob der Ernstfall wom&ouml;glich aus Versehen eintreten k&ouml;nnte.<\/p><p>Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat hat einen Alptraum beschrieben. Er warnt im Spiegel vom 20. Februar 2018 vor einem Atomkrieg aus Versehen durch Cyberattacken, Hacking, technisches Versagen und Mi&szlig;verst&auml;ndnisse. Was f&uuml;r eine Perspektive. L&ouml;scht sich die Menschheit eines Tages wom&ouml;glich aus Versehen selbst aus? <\/p><p>Dazu der Papst bei seinem Japanbesuch im November letzten Jahres: &ldquo;Der Einsatz von Atomenergie zu Kriegszwecken ist unmoralisch, wie ebenso der Besitz von Atomwaffen unmoralisch ist&hellip;wir werden dar&uuml;ber gerichtet werden.&rdquo; (vatican news 14.1.2020). Was f&uuml;r eine d&uuml;stere Prophezeiung spricht der Papst da aus. Und wer wird gerichtet werden? Etwa diejenigen in der amerikanischen Regierung, die beschlossen haben, in den n&auml;chsten 30 Jahren mehr als 1.000 Mrd. Dollar in die Modernisierung ihres Atomwaffenarsenals zu investieren? (Begonnen vom Friedensnobelpreistr&auml;ger Barack Obama.) In der begr&uuml;ndeten Hoffnung, dass derartige Investitionen den Russen nicht m&ouml;glich sind. <\/p><p>Wie ist die Situation heute? Folgt man den Statistiken von SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute, SIPRI-Jahrbuch 2019), so befinden sich heute knapp 15.000 Atomwaffen im Besitz der Atomwaffenstaaten, mehr als 90% davon in amerikanischer und russischer Hand. Fast 4.000 sind sofort einsatzf&auml;hig. Davon sind gesch&auml;tzte 1.800 in st&auml;ndiger H&ouml;chstalarmbereitschaft (Launch-on-Warning), die binnen Minuten abgefeuert werden k&ouml;nnen. Wenn ein Bruchteil dieser Sprengk&ouml;pfe ins Ziel gebracht wird, h&ouml;rt die Menschheit auf zu existieren. Wie k&ouml;nnen wir einen solchen Wahnsinn, der unsere Existenz bedroht, wom&ouml;glich Wahnsinn aus Versehen (s.o), hinnehmen?<\/p><p>Es gibt Menschen und Staaten, die nicht bereit waren, diesen Wahnsinn, ob er nun aus Versehen oder mit Absicht erfolgt, hinzunehmen. Unser Nachbar &Ouml;sterreich und dessen Au&szlig;enminister Kurz, der heute Kanzler ist, hat das Verdienst, eine Initiative mit angesto&szlig;en zu haben, die dazu gef&uuml;hrt hat, dass ein internationales Abkommen, der Atomwaffenverbotsvertrag, am 7. Juli 2017 mit der Mehrheit von 122 Stimmen im Rahmen der Vereinten Nationen angenommen worden ist.<\/p><p>Dieser Erfolg ist vor allem ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) zu verdanken. ICAN startete 2007 anl&auml;sslich einer Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag ihre Kampagne zur Verh&uuml;tung eines Atomkriegs. Der Atomwaffensperrvertrag, ein Vorl&auml;ufer des Atomwaffenverbotsvertrags, war eine Kreation der 5 offiziellen Atomm&auml;chte. In ihm verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, die nicht im Besitz von Atomwaffen sind, auf den Erwerb von Atomwaffen zu verzichten. Von Franz Josef Strau&szlig; wurde das damals als Versailles von kosmischen Ausma&szlig;en gegei&szlig;elt, denn er h&auml;tte gern die Bundeswehr mit eigenen Atomwaffen ausgestattet. <\/p><p>Bemerkenswert ist im Atomwaffensperrvertrag vor allem Artikel VI, wonach sich die offiziellen Atomm&auml;chte salbungsvoll verpflichten, &ldquo;in redlicher Absicht Verhandlungen zu f&uuml;hren &uuml;ber einen Vertrag zur allgemeinen und vollst&auml;ndigen Abr&uuml;stung unter strenger und wirksamer Kontrolle&rdquo;. Insofern h&auml;tte der Sperrvertrag zum Vorl&auml;ufer eines Verbotsvertrags werden sollen. Mit der redlichen Absicht war es jedoch nicht weit her und so begann die Kampagne von ICAN. <\/p><p>Inzwischen haben sich 468 Organisationen aus 101 L&auml;ndern der Kampagne angeschlossen. ICAN erhielt im Oktober 2017 den Friedensnobelpreis, was der Initiative vor&uuml;bergehend mediale Aufmerksamkeit verschaffte. W&auml;hrend sonst die deutschen Medien es vorziehen, vornehm Zur&uuml;ckhaltung zu &uuml;ben in ihrer Berichterstattung &uuml;ber dieses existenzielle Thema. <\/p><p><strong>Doch dann scherten ganz unverhofft Teile der Politik in Deutschland aus.<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst aber, was ist der Atomwaffenverbotsvertrag? Er ist ein Vertrag, der seinen Unterzeichnern Entwicklung, Produktion, Test, Erwerb, Lagerung, Transport, Stationierung und den Einsatz von Atomwaffen verbietet. Inzwischen haben (Stichtag 27. September 2019) 79 Staaten den Vertrag f&ouml;rmlich unterzeichnet und von 32 Staaten wurde die Ratifizierungsurkunde bei den Vereinten Nationen hinterlegt. Der Vertrag tritt innerhalb von 90 Tagen in Kraft, sobald 50 Staaten ihn ratifiziert haben. <\/p><p>Nun mag man einwenden, was ist so ein Vertrag schon wert, wenn nicht einmal ein Atomwaffenstaat und auch kein NATO-Mitgliedsland ihn unterst&uuml;tzt. Trotzdem f&uuml;rchten die gro&szlig;en Medien in Deutschland und auch anderswo die Berichterstattung dar&uuml;ber wie der Teufel das Weihwasser. Und hier kommt die deutsche Politik ins Spiel. Sie k&ouml;nnte tats&auml;chlich Zeichen setzen. Dadurch, dass eine Mehrheit im Bundestag beschlie&szlig;t, dem Vertrag beizutreten. Denn dann m&uuml;ssten die amerikanischen Nuklearsprengk&ouml;pfe aus Rheinland-Pfalz abgezogen werden. Und die sch&ouml;nen neuen Flugzeuge, welche von Deutschland in den n&auml;chsten Jahren beschafft und finanziert werden sollen, um die alten Tornados als Tr&auml;ger der Nuklearsprengk&ouml;pfe abzul&ouml;sen, sie w&uuml;rden nicht mehr gekauft. <\/p><p>Wie &auml;u&szlig;ert sich zur Zeit die deutsche Politik? Gespalten. Die Bundeskanzlerin schweigt lieber und l&auml;sst andere reden. Zum Beispiel den deutschen Au&szlig;enminister. Er hat eine besonders dumme Position vorgetragen, glaubt man der Berichterstattung in den Medien. Er warnte vor dem Abzug der Atomwaffen aus Deutschland, und zwar mit der originellen Begr&uuml;ndung, er f&uuml;rchte, dass sie dann wom&ouml;glich woanders stationiert werden k&ouml;nnten.&nbsp; <\/p><p>Zum Gl&uuml;ck gibt es auch andere Stimmen in der deutschen Politik, die den Vorstellungen der Mehrheit unserer B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sehr viel n&auml;her kommen. Etwa der gemeinsam von Linken und Gr&uuml;nen eingebrachte Antrag (&uuml;ber den kaum berichtet wurde), wonach Deutschland dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten solle. Er wurde am 18.4.2018 im Ausw&auml;rtigen Ausschuss des Deutschen Bundestags abschlie&szlig;end beraten und stand unter der &Uuml;berschrift &ldquo;Dem Atomwaffenverbotsvertrag&nbsp; beitreten &ndash; Atomwaffen abziehen&rdquo;. Er wurde damals mit den Stimmen der CDU\/CSU, SPD und FDP abgelehnt. Die AfD enthielt sich der Stimme. Bleibt diese Mehrheit nach der n&auml;chsten Bundestagswahl bestehen? Das ist durchaus fraglich. <\/p><p>Denn ganz besonders bemerkenswert&nbsp; und auf der gleichen Wellenl&auml;nge wie Martin Schulz im letzten Bundestagswahlkampf hat sich Rolf M&uuml;tzenich ge&auml;u&szlig;ert, damals immerhin im Fraktionsvorstand der SPD-Bundestagsfraktion zust&auml;ndig f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik. In einem Interview mit rbb-info am 20.9.2017 distanzierte sich der stellvertretende Fraktionsvorsitzende, der inzwischen den Fraktionsvorsitz von Andrea Nahles &uuml;bernommen hat, ausdr&uuml;cklich von dem damaligen Au&szlig;enminister Sigmar Gabriel. Der Atomwaffenverbotsvertrag, so M&uuml;tzenich, sei eine wichtige Initiative, die zum richtigen Zeitpunkt komme. Und er f&uuml;gte hinzu: Diese Position halte er auch in der SPD-Bundestagsfraktion f&uuml;r mehrheitsf&auml;hig. Er bef&uuml;rwortet nachdr&uuml;cklich den Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag und bei seiner erwiesenen Geradlinigkeit, und wenn er sich gemeinsam mit der neuen SPD-Spitze in der SPD durchsetzen kann, w&auml;re das auch ein Hinweis, worum es im n&auml;chsten Bundestagswahlkampf u.a. gehen wird, n&auml;mlich um eine neue Friedenspolitik, &auml;hnlich wie Willy Brandt nach dem damaligen Ende der Gro&szlig;en Koalition, letztlich um unser &Uuml;berleben. <\/p><p>Verb&uuml;ndete hat M&uuml;tzenich unter anderem bereits in den Landesregierungen von Rheinland-Pfalz, Berlin und Bremen. So nahm der Landtag von Rheinland-Pfalz im August 2019 mit den Stimmen von SPD, FDP (!) und Gr&uuml;nen eine Entschlie&szlig;ung an, welche die Ziele der internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen unterst&uuml;tzt und die Unterzeichnung des Atomwaffenverbotsvertrags der Vereinten Nationen durch Deutschland fordert. <\/p><p>Noch gibt es also Hoffnung, auch in Deutschland. Denn ein Bundestagswahlkampf um eine neue Friedenspolitik, gemeinsam gef&uuml;hrt von SPD, Gr&uuml;nen und Linken, w&uuml;rde ganz neue Kr&auml;fte freisetzen und neue Allianzen mit B&uuml;rgerinitiativen schmieden. Wom&ouml;glich w&uuml;rde die CDU\/CSU, wie damals bei Willy Brandt, diese Politik w&uuml;tend beschimpfen. Und der amerikanische Botschafter Grenell, wenn er bis dahin noch im Amt ist, w&auml;re entsetzt. Aber die Kr&auml;fte, die es auch in den USA gibt, welche auf Entspannung setzen, sie w&auml;ren am Ende dankbar f&uuml;r eine solche Initiative. Denn auch sie m&ouml;chten dem Fallbeil entkommen, bevor es Unheil anrichtet. <\/p><p><em>*<strong>Uwe Thomas<\/strong> war Landesminister in Schleswig-Holstein und Staatssekret&auml;r im Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung.<\/em><\/p><p>Titelbild: GlebSStock \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ldquo;Die Bundesrepublik wird keine Nuklearmacht sein, sie wird das auch nicht wollen. Im Ernstfall k&ouml;nnen wir uns auch nicht selbst verteidigen&rdquo;, sagt Wolfgang Ischinger, Leiter der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz und Staatssekret&auml;r a.D. <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/interviews\/artikel\/wir-sind-nicht-die-schweiz-3981\/\">im Interview mit der Friedrich-Ebert-Stiftung<\/a>. 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