{"id":57717,"date":"2020-01-16T09:06:47","date_gmt":"2020-01-16T08:06:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57717"},"modified":"2020-01-16T15:16:40","modified_gmt":"2020-01-16T14:16:40","slug":"russland-regierungsruecktritt-nach-putin-rede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57717","title":{"rendered":"Russland: Regierungsr\u00fccktritt nach Putin-Rede"},"content":{"rendered":"<p>Umbesetzungen in der russischen Machtspitze kommen erfahrungsgem&auml;&szlig; &uuml;berraschend. So auch gestern. Die russische Regierung unter Dmitri Medwedew trat zur&uuml;ck. Die Regierung war wegen ihrer Sparpolitik, einem hohen Leitzins und einer Mehrwertsteuererh&ouml;hung unbeliebt. Doch der R&uuml;cktritt des gesamten Kabinetts kam v&ouml;llig &uuml;berraschend. Wladimir Putin hatte zuvor zahlreiche Ma&szlig;nahmen zum Schutz von Armen, kinderreichen Familien, zur Verbesserung von Bildung und Gesundheit gefordert. Die neoliberal ausgerichtete Regierung hatte abgewirtschaftet. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\nAm sp&auml;ten Mittwochnachmittag ernannte Wladimir Putin einen bisher fast unbekannten Spitzenbeamten zum gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Ministerpr&auml;sidenten. Es handelt sich um den bisherigen Leiter der russischen Steuerbeh&ouml;rde, Michail Mischustin. Beobachter in Moskau munkeln, nun beginne der &bdquo;Transit&ldquo;. &bdquo;Transit&ldquo; nennt man in Russland die &Uuml;bergabe der Macht von Wladimir Putin an einen Nachfolger. Putins Amtszeit endet 2024. Dass Mischustin als Nachfolger von Putin aufgebaut werden soll, ist m&ouml;glich. Vielleicht ist er aber auch nur ein &Uuml;bergangs-Premier.<\/p><p><strong>Der neue Ministerpr&auml;sident leitete zehn Jahre die Steuerbeh&ouml;rde<\/strong><\/p><p>Mischustin ist 53 Jahre alt. Er ist Absolvent des Moskauer Instituts f&uuml;r Werkzeugmaschinen und seit 1998 im Staatsdienst. 2007 wurde er Leiter f&uuml;r Wirtschaftssonderzonen. Seit 2010 leitet Mischustin die russische Steuerbeh&ouml;rde. Er gilt als Modernisierer. Er stellte die Steuerverwaltung auf digitale Verarbeitung um, f&uuml;hrte die &bdquo;elektronische Unterschrift&ldquo; und ein neues Verfahren zur steuerlichen Erfassung von Klein-Unternehmern ein. <\/p><p><strong>Kampf gegen Armut und Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang<\/strong><\/p><p>Der gestrige Tag, der sicher in die Geschichtsb&uuml;cher eingehen wird, begann ohne &Uuml;berraschungen. Wladimir Putin hielt in der &bdquo;Manege&ldquo;, einer Halle nicht weit vom Kreml, seine allj&auml;hrliche Rede (<a href=\"http:\/\/en.kremlin.ru\/events\/president\/news\/62582\">hier auf Englisch<\/a>) zur &bdquo;Lage der Nation&ldquo;. Im ersten Teil der Rede schlug der Kreml-Chef zahlreiche Ma&szlig;nahmen zur Unterst&uuml;tzung von Familien mit Kindern vor. Nach der Stabilisierung der Bev&ouml;lkerungszahl vor einigen Jahren ist diese Zahl jetzt wieder r&uuml;ckl&auml;ufig. Das h&auml;ngt mit den 1990er Jahren unter Pr&auml;sident Boris Jelzin zusammen, als es wegen der katastrophalen Wirtschaftslage nur Wenige wagten, Kinder in die Welt zu setzen. <\/p><p>Putin forderte in seiner Rede au&szlig;erdem Ma&szlig;nahmen gegen die Armut und zur Verbesserung von Bildung und Gesundheitsversorgung. Das war erwartet worden und nicht verwunderlich. Denn die Bev&ouml;lkerung musste in den letzten sechs Jahren Einkommensminderungen hinnehmen. Ein gro&szlig;er Teil der Bev&ouml;lkerung hat ein Einkommen von nur 300 bis 400 Euro. 80 Prozent der Familien mit niedrigem Einkommen seien Familien mit Kindern, stellte der Kreml-Chef in seiner Rede fest. &bdquo;Selbst wenn nicht nur ein, sondern beide Elternteile arbeiten, ist das Einkommen dieser Familien sehr niedrig&ldquo;, so der Pr&auml;sident. <\/p><p>Nun soll die Regierung gegensteuern. F&uuml;r die ersten beiden Kinder soll es r&uuml;ckwirkend ab dem 1. Januar 2020 jeden Monat einen Zuschuss von durchschnittlich 157 Euro geben. Die gleiche Summe soll f&uuml;r Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren gezahlt werden, deren Eltern ein Einkommen unter dem Mindestlohn von 157 Euro haben. <\/p><p>Dass 2007 eingef&uuml;hrte &laquo;Mutter-Kapital&raquo; &ndash; ein Zuschuss f&uuml;r das zweite Kind in H&ouml;he von 6.700 Euro &ndash; soll es nun schon f&uuml;r das erste Kind geben. Bei dem zweiten Kind soll das Mutterkapital die H&ouml;he von 8.800 Euro betragen. Au&szlig;erdem sollen alle Grundsch&uuml;ler ab dem 1. September 2023 ein kostenloses warmes Mittagessen bekommen.  <\/p><p><strong>Putin: &bdquo;Es gibt den Wunsch nach &Auml;nderungen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Putin selbst in seiner Rede: &bdquo;Heute gibt es in unserer Gesellschaft einen eindeutigen Wunsch nach &Auml;nderungen. Die Menschen wollen Entwicklung und streben danach, sich in ihren Berufen, ihrem Wissen und ihrem Wohlstand weiterzuentwickeln.&ldquo; Der Leiter des russischen Rechnungshofes, Aleksej Kudrin, der zum neoliberalen Lager in der russischen Regierung geh&ouml;rt, nannte die angek&uuml;ndigten sozialen Ma&szlig;nahmen mit 6,4 Milliarden Euro &bdquo;ziemlich teuer&ldquo;. <\/p><p><strong>Das Parlament soll den Ministerpr&auml;sidenten w&auml;hlen d&uuml;rfen<\/strong><\/p><p>Im zweiten Teil der Rede von Putin gab es eine gro&szlig;e &Uuml;berraschung. Der Pr&auml;sident schlug vor, die Rolle des Parlaments zu st&auml;rken und die Verfassung zu &auml;ndern. Russland brauche Ma&szlig;nahmen zum Schutz seiner Souver&auml;nit&auml;t. Abgeordnete f&uuml;r das Parlament, Minister und Spitzenbeamte sollen nur noch kandidieren d&uuml;rfen, wenn sie keine zweite Staatsb&uuml;rgerschaft und keine Immobilien im Ausland haben. Nur wer &bdquo;sein Leben mit Russland verbindet&ldquo;, soll f&uuml;r ein hohes Staatsamt kandidieren d&uuml;rfen. Internationale Gesetze sollen in Russland nur dann gelten, wenn sie &bdquo;der russischen Verfassung nicht widersprechen&ldquo;.<\/p><p>Au&szlig;erdem schlug der Kreml-Chef vor, dass nicht &ndash; wie bisher &ndash; der Pr&auml;sident, sondern die Duma den Ministerpr&auml;sidenten und die Minister bestimmt. Der Pr&auml;sident soll diesen Vorschl&auml;gen dann nicht widersprechen, bei Amtsmissbrauch aber abberufen d&uuml;rfen. Au&szlig;erdem soll der Pr&auml;sident wie bisher das Recht haben, die Aufgaben der russischen Regierung zu bestimmen.  Der Kreml-Chef sprach sich daf&uuml;r aus, auch den Status des russischen Oberhauses &ndash; dem F&ouml;derationsrat &ndash; zu erh&ouml;hen. Er soll das Recht haben, Richter des Verfassungsgerichtes abzuberufen. <\/p><p>Au&szlig;erdem schlug der russische Pr&auml;sident vor, den Staatsrat &ndash; ein Gremium, welches regelm&auml;&szlig;ig zu zentralen Fragen der russischen Politik tagt &ndash; in der Verfassung zu verankern. Der Staatsrat &ndash; so vermutet die Novaja Gaseta &ndash; k&ouml;nne die Koordinierung der geplanten Integration von Russland und Wei&szlig;russland &uuml;bernehmen. <\/p><p>Seit einigen Monaten wird in Moskau <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Russland-Praesidentschaftswahlen-schon-im-Sommer-4624380.html\">dar&uuml;ber spekuliert<\/a>, ob Wladimir Putin im Jahr 2024, nach seinem Ausscheiden als Pr&auml;sident, die Leitung der geplanten Union von Russland und Wei&szlig;russland &uuml;bernimmt. &Uuml;ber die von Putin vorgeschlagenen Verfassungs&auml;nderungen soll im Herbst dieses Jahres, nach eingehender Beratung in der Gesellschaft, abgestimmt werden.<\/p><p><strong>Putin: &bdquo;Russland bleibt Pr&auml;sidialrepublik&ldquo;<\/strong><\/p><p>Russland ist bisher eine Pr&auml;sidialrepublik. Und die soll es nach Meinung von Putin auch bleiben. Dem Pr&auml;sidenten &ndash; so der Kreml-Chef &ndash; solle das Recht vorbehalten bleiben, die Leiter der Sicherheitsbeh&ouml;rden zu ernennen.<\/p><p>Das russische Unterhaus (die Duma) hat in der russischen Verfassung vom Dezember 1993 nur eine Randrolle. Das h&auml;ngt mit der nachsowjetischen Geschichte von Russland zusammen. Im Oktober 1993 hatte Boris Jelzin das aufm&uuml;pfige Parlament mit Panzern beschie&szlig;en lassen und dann im Dezember eine Verfassung verabschieden lassen, die dem Pr&auml;sidenten weitgehende Vollmachten gibt. <\/p><p><strong>Ex-Premier Medwedew wird stellvertretender Leiter des Sicherheitsrates<\/strong><\/p><p>Der Kreml-Chef hatte sich am Mittwoch, gleich nach seiner Rede zur Lage der Nation, mit Ministerpr&auml;sident Dmitri Medwedew getroffen. Danach traf sich Putin mit dem gesamten Regierungskabinett. W&auml;hrend dieses Treffens gab Medwedew den R&uuml;cktritt der Regierung bekannt. Putin lobte die Arbeit der Regierung. Nat&uuml;rlich sei &bdquo;nicht alles&ldquo; erreicht worden. &bdquo;Aber man erreicht nie alles.&ldquo; Der Kreml-Chef bat die Minister, die Amtsgesch&auml;fte so lange weiterzuf&uuml;hren, bis eine neue Regierung best&auml;tigt ist.<\/p><p>Der zur&uuml;ckgetretene Ministerpr&auml;sident, Dmitri Medwedew, ist Jurist und kommt aus St. Petersburg. Aus seiner Arbeit in der Stadtverwaltung der Newa-Stadt kennt Medwedew Wladimir Putin. 2008 wurde Medwedew, der in Russland bis dahin unbekannt war, zum Pr&auml;sidenten Russlands gew&auml;hlt. Medwedew &uuml;bte dieses Amt nur eine Periode &ndash; bis 2012 &ndash; aus, um Wladimir Putin f&uuml;r eine weitere Amtszeit Platz zu machen. <\/p><p>Nach Umfragen russischer Meinungsforschungsinstitute hatte Regierungschef Dmitri Medwedew in den letzten Jahren konstant schlechte Umfragewerte. Nach einer <a href=\"https:\/\/fom.ru\/Politika\/10948des\">Umfrage<\/a> des Instituts &bdquo;Gesellschaftliche Meinung&ldquo; hatten im Dezember 2019 zu Medwedew 28 Prozent der Befragten Vertrauen und 61 Prozent kein Vertrauen. Sehr gro&szlig; ist der Abstand zu Wladimir Putin. Nach einer <a href=\"https:\/\/wciom.ru\/news\/ratings\/doverie_politikam_1\/\">Umfrage<\/a> des Meinungsforschungsinstituts WZIOM vertrauten Dmitri Medwedew im Dezember 2019 37 Prozent der Befragten und Wladimir Putin 70 Prozent. Wladimir Putin will Medwedew nun zum stellvertretenden Leiter <a href=\"http:\/\/www.scrf.gov.ru\/\">des russischen Sicherheitsrates<\/a> machen. Diese Funktion gibt es bisher nicht. Vorsitzender des Rates ist Putin. Dem Rat geh&ouml;ren die Leiter der russischen Sicherheitsstrukturen sowie verschiedene Minister und Leiter von russischen Regionen an. <\/p><p>Aleksej Makarkin vom Zentrum f&uuml;r politische Technologie erkl&auml;rte gegen&uuml;ber der Nesawisimaja Gaseta, er vermute, dass Medwedew &bdquo;in Reserve gehalten wird&ldquo;. Weiter vermutet der Politologe, f&uuml;r die in seiner Rede anvisierten Ziele brauche Putin eine Person mit &bdquo;politischen M&ouml;glichkeiten&ldquo; und keine &bdquo;technische Figur&ldquo;. Der neue Ministerpr&auml;sident werde eine &bdquo;popul&auml;re Politik&ldquo; machen und die von Wladimir Putin in seiner Jahresbotschaft bekanntgegebenen sozialen Verbesserungen durchf&uuml;hren. Wenn er sich in seinem Amt bew&auml;hre, sei es m&ouml;glich, dass der neue Ministerpr&auml;sident Putin in das Pr&auml;sidentenamt folgt.<\/p><p>Ob die Beschreibung des Politologen jedoch auf den gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Ministerpr&auml;sidenten Mischustin zutrifft, ist unklar. Mischustin arbeitete im Finanzblock der russischen Regierung. Und der war neoliberal ausgerichtet. <\/p><p><strong>Kommunisten hoffen auf Regierungsbeteiligung<\/strong><\/p><p>Am Mittwoch bei einer Talk-Show im Fernsehkanal Rossija 1 hatte ein Vertreter der Kommunistischen Partei die Hoffnung ge&auml;u&szlig;ert, seine Partei werde die Nutznie&szlig;erin vom R&uuml;cktritt der Regierung sein. Die Duma werde einen Kommunisten zum Ministerpr&auml;sidenten w&auml;hlen. Darauf meinte der stellvertretende Duma-Vorsitzende, Pjotr Tolstoi von der Regierungspartei &bdquo;Einiges Russland&ldquo;, &bdquo;dann m&uuml;sst ihr erst mal die Wahlen gewinnen&ldquo;. Einiges Russland stellt in der Duma 54 Prozent der Abgeordneten, die Kommunistische Partei 13 Prozent und die sozialdemokratische Partei Gerechtes Russland sechs Prozent der Abgeordneten. Die n&auml;chsten Duma-Wahlen finden regul&auml;r im Jahr 2021 statt. Doch angesichts der neuesten Entwicklungen in Moskau kann man nicht ausschlie&szlig;en, dass die Duma-Wahlen vorgezogen werden.<\/p><p>Ob aus den Tr&auml;umen der KPRF etwas wird, ist unsicher. Sicher ist dagegen, dass Wladimir Putin soziale und politische Zugest&auml;ndnisse macht, weil das Vertrauen der Bev&ouml;lkerung in die Regierung rapide gesunken ist. <\/p><p>Ulrich Heyden, Moskau, 15. Januar 2019<\/p><p>Titelbild: YuryKara\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a7786a95014541f7893130f65c4c19bf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umbesetzungen in der russischen Machtspitze kommen erfahrungsgem&auml;&szlig; &uuml;berraschend. So auch gestern. Die russische Regierung unter Dmitri Medwedew trat zur&uuml;ck. Die Regierung war wegen ihrer Sparpolitik, einem hohen Leitzins und einer Mehrwertsteuererh&ouml;hung unbeliebt. Doch der R&uuml;cktritt des gesamten Kabinetts kam v&ouml;llig &uuml;berraschend. 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