{"id":57741,"date":"2020-01-16T14:39:28","date_gmt":"2020-01-16T13:39:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57741"},"modified":"2020-01-17T07:52:55","modified_gmt":"2020-01-17T06:52:55","slug":"krieg-buergerkrieg-oder-militaerdiktatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57741","title":{"rendered":"Krieg, B\u00fcrgerkrieg oder Milit\u00e4rdiktatur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Entwicklung des US-Iran-Konflikts nach der Ermordung von Ghassem Soleimani.<\/strong> Die Ermordung von Ghassem Soleimani auf Befehl von Donald Trump war eine offene Kriegserkl&auml;rung der USA an Iran. Dieser von vielen Kommentatoren geteilten Einsch&auml;tzung kann man ohne Wenn und Aber zustimmen. Mit der Ermordung des hochrangigen iranischen Generals verfolgen Kriegstreiber und Hegemonialkr&auml;fte der USA weiterhin, ihr Projekt des amerikanischen Jahrhunderts voranzubringen. Dazu geh&ouml;rt das Ziel, die vollst&auml;ndige Kontrolle &uuml;ber den Mittleren Osten und dessen f&uuml;r die US-Hegemonie existenziellen &Ouml;lressourcen niemals aus der Hand geben zu wollen. Dass die Ermordung des iranischen Generals eine v&ouml;lkerrechtswidrige und menschenrechtsverletzende Handlung war, steht au&szlig;er Zweifel. Von <strong>Mohssen Massarrat<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSeit der Macht&uuml;bernahme der US-Neokonservativen mit George W. Bush sind wirkungsm&auml;chtige Kr&auml;fte aus dem Umfeld des milit&auml;risch-hegemonialen Komplexes der USA sehr zielstrebig dabei, die gro&szlig;en &ouml;lreichen Zentralstaaten im Mittleren und Nahen Osten, ohne R&uuml;cksicht auf die Folgen f&uuml;r die V&ouml;lker der Region und den Weltfrieden &ndash; wie unten n&auml;her dargelegt &ndash; buchst&auml;blich zu zerschlagen. In diesem Kontext erscheint mir die Annahme von Thomas R&ouml;per plausibel, dass der US-Au&szlig;enminister Mike Pompeo Donald Trump zur Ermordung von Ghassem Soleimani gedr&auml;ngt und diesen gar aufs Glatteis gef&uuml;hrt hat. R&ouml;per zeichnet &uuml;berzeugend nach, wie seit Oktober 2019 auf Putins Initiative hin ein Erfolg versprechender Entspannungsprozess zwischen Saudi Arabien und Iran in Gang gekommen war, in dem Soleimani wie der irakische Ministerpr&auml;sident Abid Abd Al Mahdi eine zentrale Vermittlungsrolle &uuml;bernehmen sollten[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Dass nach Darstellung des FR-Journalisten Karl Doemens selbst das Pentagon &uuml;ber Trumps pl&ouml;tzliche Kehrtwendung nach offensichtlich anf&auml;nglicher Ablehnung der Ermordung Soleimanies &bdquo;perplex war&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], unterst&uuml;tzt R&ouml;pers These. Es ist tats&auml;chlich kein Geheimnis mehr, dass auch Mike Pompeo &ndash; au&szlig;er dem geschassten, ebenso Trump zu einem Iran-Krieg permanent dr&auml;ngenden John Bolton &ndash; den m&auml;chtigen Kr&auml;ften des milit&auml;risch-hegemonialen Komplexes sehr nahe steht. Dass gerade John Bolton zu den ersten geh&ouml;rte, der dem Pr&auml;sidenten zu seiner Tat begl&uuml;ckw&uuml;nschte, spricht B&auml;nde. Offensichtlich haben die ganz pers&ouml;nlichen Motive Trumps, vor allem Ablenkung von seinem Amtsenthebungsverfahren und auch der Verbesserung seiner Chancen zur Wiederwahl, bei seiner Entscheidung eine wichtige Rolle gespielt. F&uuml;r diese Vermutung spricht m. E., dass der US-Pr&auml;sident an beiden US-Kammern vorbei gehandelt hat, um einer sehr wahrscheinlichen Blockade seiner Entscheidung vorzubeugen. Trumps Handlung wirft angesichts seiner un&uuml;bersehbaren Folgen f&uuml;r den Weltfrieden &uuml;brigens ein Licht auf das politische System eines die Welt beherrschenden Staates, das es dem Pr&auml;sidenten erm&ouml;glicht, aus rein egoistischen innenpolitischen Motiven heraus den Weltfrieden aufs Spiel zu setzen.<\/p><p><strong>USA wollen h&ouml;rige Kleinstaaten im Mittleren Osten<\/strong><\/p><p>Dass es nach der Ermordung von Soleimani bisher nicht zu einem fl&auml;chendeckenden Krieg zwischen USA und Iran gekommen ist, hat mit der moderaten Reaktion von Irans Machthabern zu tun, die vermieden haben, sich zu einer un&uuml;berlegten und den Krieg befl&uuml;gelnden Aktion hinrei&szlig;en zu lassen. Eine aus Rachegef&uuml;hlen geleitete milit&auml;rische Reaktion Irans h&auml;tte den Kriegstreibern in den USA in die H&auml;nde gespielt und w&auml;re geeignet gewesen, die gesamte Region in Chaos und Anarchie zu st&uuml;rzen.<\/p><p>Der Mittlere Osten stand schon immer wegen seiner immensen &Ouml;lressourcen im Visier von hegemonialpolitischen Interessen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts sahen die politischen Eliten des British Empire in der St&auml;rkung von Zentralstaaten mehr Vorteile, um f&uuml;r die gesamten Territorien dieser Staaten neokolonialistische Vertr&auml;ge zur Ausbeutung der &Ouml;lressourcen zu schlie&szlig;en, als m&uuml;hevoll mit den regionalen Stammesf&uuml;rsten Gesch&auml;fte zu machen. Diese Intention mag auch erkl&auml;ren, warum die Kolonialstaaten Gro&szlig;britannien und Frankreich nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches 1916 im Sykes-Picot-Abkommen zahlreiche von Stammesf&uuml;rsten beherrschte arabische und kurdische Regionen in &uuml;berwiegend k&uuml;nstlich zusammengebastelte Zentralstaaten zusammengefasst haben. Irak, Syrien, Jordanien, Libanon und Saudi Arabien wurden mit genau dieser Intention gegr&uuml;ndet.<\/p><p>Unter den ver&auml;nderten Bedingungen der Aufk&uuml;ndigung von alten neokolonialistischen Knebelvertr&auml;gen und der Entstehung der OPEC hat die neue Hegemonialmacht USA um die Wende des 20. zum 21. Jahrhundert dagegen ein dezidiertes Interesse daran, starke zentralistische &Ouml;lstaaten in konkurrierende und sich gegenseitig bekriegende Kleinstaaten zu zerst&uuml;ckeln. Die USA verfolgen im Mittleren Osten, was oft &uuml;bersehen wird, weit &uuml;ber die eigene Energieversorgung hinaus umfassende hegemonialpolitische Interessen: Die Kontrolle dieser Region setzt die USA in die ungemein starke Position, ihre eigenen westlichen Verb&uuml;ndeten, vor allem die EU, Japan, S&uuml;dkorea u. a., die von den &Ouml;limporten aus dem Mittleren Osten abh&auml;ngig sind, mit dem Vorwand der milit&auml;rischen Sicherheit der Energieversorgung in Schach zu halten. Die massive Ablehnung von North Stream 2 durch die USA beruht auch auf deren Bef&uuml;rchtung, sie k&ouml;nnten ihre Kontrollm&ouml;glichkeiten der EU-Energieversorgung schrittweise aus der Hand geben. Des Weiteren ist die Kontrolle der mittel&ouml;stlichen &Ouml;lstaaten die Grundvoraussetzung f&uuml;r die Abwicklung des &Ouml;lhandels in Dollar und die Zementierung der US-W&auml;hrung als Weltw&auml;hrung. Durch diese mehrschichtig wirkenden hegemonialpolitischen Hebel verf&uuml;gen die USA &uuml;ber umfassende Interventionsm&ouml;glichkeiten in mehrere Richtungen und sind in der Lage, ihre Politik von divide et impera sehr wirkungsvoll durchzusetzen[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>].Aus diesen Gr&uuml;nden werden sich die USA aus dem Mittleren Osten, entgegen anderweitigen Behauptungen, aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht zur&uuml;ckziehen.<\/p><p>Die Zerschlagung starker &Ouml;lstaaten im Mittleren Osten dient im Lichte dieser Analyse, wie oben erw&auml;hnt, der mittel- und langfristigen Festigung der weltweiten US-Hegemonie. Die aktuelle Entwicklung in Libyen und Irak belegen eindrucksvoll diese These. Durch die Zerschlagung des zentralistischen Gaddafi-Staates und die Schaffung von zwei rivalisierenden Machtzentren in Libyen wurden die &Ouml;lkonzerne in eine h&ouml;chst komfortable Position gehievt, diese neuen Machtzentren wirkungsvoll gegeneinander auszuspielen. Diese Machtzentren nehmen hinreichend &Ouml;lrenten ein, um Waffen zu kaufen und gegeneinander Krieg zu f&uuml;hren. Damit ist also eine unsichtbare Zwangsjacke eines sich selbst steuernden teuflischen Kreislaufs &Ouml;l gegen Waffen etabliert, dem die innerlibyschen Kontrahenten auf absehbare Zeit nicht werden entrinnen k&ouml;nnen.<\/p><p>Dieses Modell funktioniert in einer noch schrecklicheren Weise auch im Irak, einem Land, in dem Saddam Husseins zentralistischer Staat zerschlagen und durch einen g&auml;nzlich instabilen und von den USA vollst&auml;ndig abh&auml;ngigen schwachen Staat ersetzt wurde. In diesem neuen Irak funktioniert die &Ouml;lausbeutung unter der Regie der US-&Ouml;lkonzerne blendend, w&auml;hrend die Iraker unter erb&auml;rmlichen Armutsbedingungen leben m&uuml;ssen. Auch hier wetteifern zwei Machtzentren um die Gunst der &Ouml;lkonzerne, das schiitische Machtzentrum in Bagdad und die kurdisch-nationalistischen Kr&auml;fte im Nordirak. Die Gefahr einer Abspaltung von Irakisch Kurdistan, die da lauert und die fragile Beziehung zwischen den Machtzentren st&auml;ndig in Mitleidenschaft zieht, ist mit H&auml;nden zu greifen.<\/p><p>Zu dieser Strategie der Zerst&uuml;ckelung geh&ouml;rt auch das massive Wettr&uuml;sten zwischen Saudi Arabien und Iran, das die USA in den letzten 10 Jahren mit aller Macht gesch&uuml;rt haben und weiter aufrechterhalten. Im Grunde ist dieses Wettr&uuml;sten die Fortsetzung des Wettr&uuml;stens zwischen dem monarchistisch regierten Iran und dem Irak von Saddam Hussein, das die USA nach dem ersten &Ouml;lpreissprung in der zweiten H&auml;lfte der 1970er Jahre akribisch gesch&uuml;rt haben. Auch w&auml;hrend des achtj&auml;hrigen Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren, der m.E. nahezu zwangsl&auml;ufig aus diesem Wettr&uuml;sten hervorging, haben die USA und Israel beide Kriegsparteien systematisch mit Waffen beliefert, um den Krieg m&ouml;glichst lange aufrechtzuerhalten und damit beide Staaten zu schw&auml;chen und zu Verlierern zu machen.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>Es war und ist immer noch der vielfach dokumentierte Plan der US-Hegemonialkr&auml;fte, nach Afghanistan, Irak und Libyen auch den syrischen  und vor allem den iranischen Zentralstaat &ndash; einem den US-Interessen im Mittleren Osten am st&auml;rksten entgegengesetzten Staat &ndash; in m&ouml;glichst viele schwache regionale Kleinstaaten zu zerst&uuml;ckeln. Der Umstand, dass alle diese Staaten Vielv&ouml;lkerstaaten sind, befl&uuml;gelt diese heimt&uuml;ckische Politik, die f&uuml;r die Region jedoch Umweltzerst&ouml;rung, B&uuml;rgerkriege und Millionen von Toten hervorbringt.<\/p><p>Nicht nur die USA, sondern auch Israel verfolgt aus anderen Gr&uuml;nden weitestgehend dieselbe Spaltungspolitik im Mittleren und Nahen Osten. Zu dieser Strategie geh&ouml;rt, dass Israel bisher alle Versuche zu einem nachhaltigen Frieden mit den Pal&auml;stinensern torpedierte, die Spaltung innerhalb von deren Reihen forcierte und auch alle Bem&uuml;hungen zur Ann&auml;herung und Einigung aller politischen Gruppen f&uuml;r einen Staat in Gesamt-Pal&auml;stina erfolgreich unterminierte. Zu Israels Spaltungspolitik geh&ouml;ren auch die andauernden Versuche, die Volksgruppen im Libanon &ndash; Moslems gegen Christen, Sunniten gegen Schiiten u.a.m. &ndash; aufzuwiegeln und durch mehrere Kriege das Land in seine ethnischen Teile zu zerlegen. Dazu geh&ouml;ren auch B&uuml;ndnisse auf Zeit, die Israel mit den arabisch-sunnitischen Despoten in &Auml;gypten und Saudi Arabien gegen den syrischen Vielv&ouml;lkerstaat &ndash; &uuml;brigens den einzigen laizistischen Staat im Mittleren und Nahen Osten &ndash; geschlossen hat. In dieses Schema passen auch Israels Versuche, die kurdisch-nationalistischen Separatisten bei der Abtrennung von Irakisch-Kurdistan vom irakischen Staatsverband kr&auml;ftig zu unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Zu einer objektiven Analyse geh&ouml;rt, trotz komplexer Konfliktstrukturen im Mittleren Osten, die Ber&uuml;cksichtigung von hausgemachten Ursachen f&uuml;r den Erfolg der imperialistischen Interventionen in den letzten zwei Jahrhunderten. Die V&ouml;lker und Staaten dieser Region sind durchaus nicht nur Opfer des Kolonialismus und Imperialismus. Interne nationalistische und religi&ouml;se Ideologien, Klasseninteressen reicher Eliten und mafi&ouml;se Machtstrukturen waren und sind heute noch f&uuml;r das Desaster und die blutigen Interventionen mitverantwortlich<\/p><p><strong>Ghassem Soleimani als Architekt einer Gegenstrategie<\/strong><\/p><p>Die Eliten der Islamischen Republik h&auml;tten rein theoretisch diese menschenverachtende westliche Zerst&ouml;rungsstrategie mit der Politik der regionalen Kooperation und gemeinsamen Sicherheit &ndash; was m.E. eine eindeutig friedlichere und so gut wie keine sozialen und &ouml;kologischen Kosten verursachende Strategie darstellt &ndash; durchkreuzen k&ouml;nnen, was freilich unter den realpolitischen Bedingungen von diktatorischen Herrschaftsverh&auml;ltnissen in nahezu allen betreffenden Staaten einem weltpolitischen Wunder gleichgekommen w&auml;r.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] So setzte sich unter intensiver Mitwirkung der Regierung der Islamischen Republik Iran eine realpolitische Gegenstrategie durch, die der US-israelischen-Strategie der Zerschlagung zentralstaatlicher Strukturen diametral entgegengesetzt ausgerichtet war. Geboren wurde die Idee einer solchen Gegenstrategie in 2001. Die Al-Kuds-Brigaden &ndash; die Auslandsabteilung der iranischen Revolutionsgarden &ndash; unterst&uuml;tzten, ironischerweise unter aktiver Mitwirkung des jungen Ghassem Soleimani,  den US-Krieg gegen die Taliban in Afghanistan, den die USA und ihre Verb&uuml;ndeten nach dem Terroranschlag vom 9. September 2001 in New York gef&uuml;hrt haben. Gegen die Taliban hatten die USA und der Iran, zwar aus unterschiedlichen Motiven, jedoch immerhin ein gemeinsames Interesse. Ghassem Soleimani und seine Brigade hatten so am Sturz der Taliban in Afghanistan auf jeden Fall einen Anteil. Beinahe unmittelbar nach dem Sieg &uuml;ber die Taliban erkl&auml;rte George W. Bush, der damals amtierende US-Pr&auml;sident, den Iran zum Schurkenstaat und zur Achse des B&ouml;sen, der in der ganzen Welt Terroristen ausbilde und daher bek&auml;mpft werden m&uuml;sse.<\/p><p>Die klerikale Elite des Iran hat diese Botschaft des US-Pr&auml;sidenten als klare Kampfansage an die Islamische Republik interpretiert und angefangen, eine neue milit&auml;rische Gegenmacht gegen die USA im Mittleren Osten zu schaffen. Dazu geh&ouml;rte m.E. das ab 2003 forcierte Atomprogramm und der Aufbau einer paramilit&auml;rischen und mit den Mitteln der asymmetrischen Kriegsf&uuml;hrung ausgestatteten Interventionsmacht f&uuml;r die gesamte Region mit den Al-Kuds-Brigaden als deren ausf&uuml;hrendem Organ. Die zentrale Aufgabe der Al-Kuds-Brigaden bestand darin, einem Zusammenbruch zentralstaatlicher Institutionen in Irans Nachbarstaaten Libanon, Syrien und Irak entgegenzuwirken. Ghassem Soleimani war der Architekt dieser iranischen Gegenstrategie, der bis zu seiner Ermordung die Al-Kuds-Brigaden zu einer schlagkr&auml;ftigen Gegenmacht gegen die USA und ihre Verb&uuml;ndeten, allen voran Israel, im Mittleren und Nahen Osten ausgebaut hat.<\/p><p>Eine objektive Betrachtung der Rolle der Al-Kuds-Brigaden im Mittleren Osten erfordert unweigerlich ihre Einordnung in den historisch realen Kontext, der darin besteht, dass sich der Iran und die USA nach der islamischen Revolution 1979 faktisch in einem unerkl&auml;rten und schleichenden Krieg in der Region gegen&uuml;berstehen. Es handelt sich um eine milit&auml;rische Auseinandersetzung mit ungleichen Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen, in der Iran seine milit&auml;rische Schw&auml;che nur durch die asymmetrische Kriegsf&uuml;hrung ausgleichen kann. Indem jedoch die Kriegstreiber in den USA und ihre Verb&uuml;ndeten in Politik und Medien die Al-Kuds-Brigaden aus diesem historisch realen Kontext herausrei&szlig;en, &ouml;ffnen sie gewollt oder ungewollt ihrer moralischen Verurteilung und der Rechtfertigung der Ermordung von Ghassem Soleimani T&uuml;r und Tor.<\/p><p>Dass eine asymmetrische Kriegsf&uuml;hrung auch eine Kriegsf&uuml;hrung ist, die mit Gewalt und Blutvergie&szlig;en einhergeht, geh&ouml;rt zu den Wahrheiten des Konflikts im Mittleren Osten. Die USA betreiben nach dem Anschlag auf das World Trade Centre in New York im Mittleren Osten einen offenen und blutigen Krieg mit bisher &uuml;ber 3 Millionen Toten. Sie haben zur Entstehung von Zwiespalt, Hass und religi&ouml;sem Fanatismus in einem erheblichen Ausma&szlig; beigetragen. Nicht dieser hegemonial getriebene Staatsterrorismus und die Politik der verbrannten Erde der USA wird, gerade nach Soleimanis Ermordung, in den westlichen Medien als die eigentliche Ursache der meisten Kriege und Konflikte im Mittleren Osten angeprangert, sondern die Al-Kuds-Brigaden, die als Reaktion auf die US-Politik in der Region erst gro&szlig; geworden sind.<\/p><p>Es gibt keine moralische Rechtfertigung f&uuml;r einen wie auch immer gearteten Krieg, weder f&uuml;r den hegemonialen Krieg der USA im Mittleren Osten, noch f&uuml;r den asymmetrischen Krieg der Al-Kuds-Brigaden. Zu einer objektiven Analyse geh&ouml;rt allerdings, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden und die Kriegsauseinandersetzungen v&ouml;lkerrechtlich zu bewerten. Der US-Krieg im Irak 2003 war eindeutig ein V&ouml;lkerrechtsbruch, die subversiven Interventionen der USA zum Sturz der syrischen Regierung ebenso. Nach allem, was man wei&szlig;, haben die Al-Kuds-Brigaden ihre Aktivit&auml;ten in Irans Nachbarstaaten nicht gegen, sondern mit Zustimmung, im Falle Syriens und Irak gar mit dem ausdr&uuml;cklichen Wunsch der jeweiligen Regierungen durchgef&uuml;hrt. Jedenfalls ist bisher nicht bekannt, dass diese Regierungen die Anwesenheit von Soleimanis Brigaden offiziell als illegal und unerw&uuml;nscht erkl&auml;rt h&auml;tten. Ohne eine Zustimmung der Regierungen, ohne enge Kooperation oder gar die Unterst&uuml;tzung der Bev&ouml;lkerungen w&auml;ren milit&auml;rische und politische Erfolge Soleimanis undenkbar gewesen. Ihre Auflistung mag untermauern, dass es dem General in allererster Linie darum gegangen ist, der Spaltungs- und Zerschlagungspolitik der USA und Israels entgegenzuwirken.<\/p><p>Soleimani hat am Aufbau der Hizbollah-Miliz im Libanon und zum Sieg der schiitischen Gotteskrieger im 33-t&auml;gigen Krieg gegen Israel in 2006 und damit zur Beendigung der andauernden israelischen Milit&auml;rinterventionen im Libanon entscheidend beigetragen. Es war auch Soleimani, der durch den Aufbau von schlagkr&auml;ftigen Milizen in Syrien und die intensive &Uuml;berzeugungsarbeit bei Putin den Zusammenbruch vom System Assad verhindert hat. Als die irakischen Kurden dabei waren, unter dem Beifall von Netanjahu den eigenen kurdischen Staat im Nordirak auszurufen und damit die endg&uuml;ltige Zerschlagung des Zentralstaats im Irak zu besiegeln, war es Soleimani, der den Kurdenf&uuml;hrer Barzani von seinen Spaltungspl&auml;nen &ndash; und zwar ohne Gewaltanwendung und durch seinen charismatischen Einfluss &ndash; abbringen konnte. Und schlie&szlig;lich ist es der Verdienst dieses im Westen verhassten Generals aus Iran, dem es 2015 gelang, durch die Zusammenf&uuml;hrung der zersplitterten schiitischen Milizen im Irak und der eigenen Al-Kuds-Brigade den Vormarsch der IS-Truppen, die bis auf wenige hundert Kilometer vor Bagdad vorger&uuml;ckt waren, zu stoppen und zur&uuml;ckzuschlagen.<\/p><p>Aus der Sicht von USA, Israels und des Westens insgesamt war Soleimani der Unruhestifter und Terrorist und jemand, der die Region destabilisierte. Aus der Sicht langfristiger Interessen der nationalen und territorialen Souver&auml;nit&auml;t der Staaten in der Region war er dagegen jemand, der einer von au&szlig;en betriebenen wirklichen Destabilisierung des Mittleren Ostens erfolgreich entgegengetreten ist. Vor allem war es unbestritten ein Verdienst Soleimanis, die gro&szlig;e Gefahr der Ausbreitung der vom Westen und von Erdogans T&uuml;rkei nachweislich finanzierten und milit&auml;risch hochger&uuml;steten IS-K&auml;mpfer Einhalt zu gebieten.<\/p><p><strong>Das Dilemma f&uuml;r die Demokratiebewegung im Iran<\/strong><\/p><p>Es stimmt allerdings auch, dass es der klerikalen Herrschaft im Iran mit ihrer Gegenstrategie in allererster Linie darum geht, den Fortbestand ihrer eigenen Macht zu sichern. Dazu m&uuml;ssen sie jedoch die territoriale Integrit&auml;t und nationale Souver&auml;nit&auml;t Irans verteidigen, regionale Verb&uuml;ndete suchen und robuste Allianzen schlie&szlig;en. Ohne Sicherheit f&uuml;r Iran als Ganzes kann es auch keine Sicherheit f&uuml;r die gegenw&auml;rtige islamische Herrschaft geben. Die Elite der Islamischen Republik nutzt diese Wechselbeziehung f&uuml;r den Fortbestand der eigenen Herrschaft. Die Hunderttausenden Regimegegner, die neben den Regimetreuen an den Trauerfeierlichkeiten von Ghassem Soleimani teilnahmen, taten dies, weil Soleimani nach ihrem Verst&auml;ndnis vor allem wegen der Niederschlagung der IS-Truppen im Irak und Syrien, auch f&uuml;r die Sicherheit Irans sein Leben geopfert hat. Bef&uuml;rworter und Gegner der Islamischen Republik innerhalb von Iran sitzen, wenn es um den Erhalt des Staatsverbandes mit allen darin lebenden V&ouml;lkern geht, ob sie wollen oder nicht, so gesehen im selben Boot &ndash; ein verh&auml;ngnisvolles Dilemma f&uuml;r die inneriranische Demokratiebewegung.<\/p><p>F&uuml;r die Herrschenden im Iran ist es opportun, die Sicherheit des Staates in den Vordergrund zu stellen, um Regimegegner in die Defensive zu treiben. Diese wollen jedoch keine USA-h&ouml;rige Regierung anstelle der gegenw&auml;rtigen Herrschaft. Gleichwohl sind sie dem Risiko ausgesetzt, vor den Karren der USA und ihrer iranischen S&ouml;ldner f&uuml;r einen Regime Change eingespannt zu werden. Trumps Solidarit&auml;tsbekundung per Twitter an die Adresse der Regimegegner auf den Stra&szlig;en von Teheran gehen exakt in diese Richtung. Den Kriegstreibern in den USA geht es darum, den berechtigten Widerstand der Millionen Menschen gegen die klerikale Herrschaft im Iran f&uuml;r die Ver&auml;nderung der inneriranischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zu kanalisieren, koste es, was es wolle. Dass durch ihre propagandistische und vielleicht begleitend auch subversive Intervention von au&szlig;en Iran eher ins Chaos, in B&uuml;rgerkrieg und in die Zerst&uuml;cklung des Landes getrieben werden k&ouml;nnte, steht m. E. nicht im Widerspruch, sondern in &Uuml;bereinstimmung mit den Zielen der US-Hegemonialkr&auml;fte.<\/p><p>Das emp&ouml;rende Verhalten der Verantwortlichen der Islamischen Republik mit ihren drastischen L&uuml;gen nach dem Absturz des ukrainischen Flugzeugs mit 176 Menschen an Bord arbeitet diesen Kr&auml;ften in die H&auml;nde. Angesichts des Fehlens einer politisch organisierten und bei der Bev&ouml;lkerung anerkannten F&uuml;hrung ist es m.E. so gut wie ausgeschlossen, dass der Widerstand auf den Stra&szlig;en zum Systemwechsel f&uuml;hren wird. So oder so, der Spielraum aller gesellschaftlichen Kr&auml;fte des Irans f&uuml;r einen Systemwechsel zur Demokratie ist dramatisch geschrumpft. Es stehen angesichts der gegenw&auml;rtigen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse m. E. zwei Alternativen an: Entweder  errichten die m&auml;chtigen Revolutionsgarden in naher Zukunft eine Milit&auml;rdiktatur, um ihre eigene Macht und die der religi&ouml;sen Herrschaft zu retten. Oder aber es kommt zu einer politischen Vernetzung zwischen den unzufriedenen Str&ouml;mungen im Machtapparat des Systems selbst mit  dem systemkritischen Widerstand. Letztere Alternative d&uuml;rfte mit erheblich geringeren sozialen Kosten einhergehen und w&auml;re m.E. auch f&uuml;r die Demokratieentwicklung im Iran die eindeutig bessere Alternative. Eine demokratische Entwicklung im Iran und dessen Nachbarstaaten kann nur das Werk der eigenen Bev&ouml;lkerungen sein.<\/p><p>Titelbild: Rainer_81\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2020\/waren-geheimverhandlungen-zwischen-dem-iran-und-saudi-arabien-der-grund-fuer-den-us-angriff\/\">anti-spiegel.ru\/2020\/waren-geheimverhandlungen-zwischen-dem-iran-und-saudi-arabien-der-grund-fuer-den-us-angriff\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Die Frankfurter Rundschau v. 6. Januar 2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Ausf&uuml;hrlicher siehe Mohssen Massarrat, Superimperialistische Globalisierung. (im Erscheinen)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Ausf&uuml;hrlicher siehe Mohssen Massarrat, 2018: Neue Entwicklungen im Mittleren Osten: Saudi Arabien und Iran, in: L&uuml;hr Henken (Hrsg), 2018: Abr&uuml;sten statt Aufzur&uuml;sten, Kassel<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Aus dieser zusammen mit den politischen Aktivisten der deutschen Sektion &Auml;rzte gegen den Atomkrieg und f&uuml;r soziale Verantwortung (IPPNW) gewonnenen Einsch&auml;tzung entwickelte eine gemeinsame Arbeitsgruppe das Konzept einer st&auml;ndigen Konferenz der mittel- und nah&ouml;stlichen Staaten f&uuml;r regionale Kooperation und gemeinsame Sicherheit (KSZMNO). <a href=\"https:\/\/www.ippnw.de\/suche.html?tx_n4msearch_pi1%5Bsword%5D=KSZMNO&amp;tx_n4msearch_pi1%5Bresults%5D=10&amp;tx_n4msearch_pi1%5Border%5D=2&amp;tx_n4msearch_pi1%5Bfilter_lang%5D=0&amp;tx_n4msearch_pi1%5Bfiltertab%5D=Date&amp;tx_n4msearch_pi1%5Bfilter_language%5D=0\">Vgl. dazu hier<\/a>.<br>\nGl&uuml;cklicherweise entwickelte sich nach langen Umwegen, jedenfalls im Iran und in der Region, das Bewusstsein f&uuml;r regionale Kooperation, das sich am besten im Vorschlag des iranischen Pr&auml;sidenten Hassan Rouhani in der UN-Vollversammlung im November 2019 f&uuml;r eine gemeinsame Initiative der Anrainerstaaten am Persischen Golf f&uuml;r die Sicherheit der &Ouml;ltransportrouten in der Wasserstra&szlig;e von Hormuz widerspiegelt.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/3db7fdeefbbe4344b0c3d68d9a3dd482\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Die Entwicklung des US-Iran-Konflikts nach der Ermordung von Ghassem Soleimani.<\/strong> Die Ermordung von Ghassem Soleimani auf Befehl von Donald Trump war eine offene Kriegserkl&auml;rung der USA an Iran. Dieser von vielen Kommentatoren geteilten Einsch&auml;tzung kann man ohne Wenn und Aber zustimmen. Mit der Ermordung des hochrangigen iranischen Generals verfolgen Kriegstreiber und Hegemonialkr&auml;fte der USA weiterhin,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57741\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":57742,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,171,178],"tags":[1519,1276,368,1334,1426,641,951,1557,1564,1529,1583,1052,305,2338,1878,2608,303,2333,1418,1054,1553,1800,1556,1703],"class_list":["post-57741","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-militaereinsaetzekriege","category-ressourcen","tag-atomwaffen","tag-attentat","tag-bush-george-w","tag-erdoel","tag-hegemonie","tag-irak","tag-iran","tag-israel","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-kurden","tag-libanon","tag-libyen","tag-menschenrechte","tag-mittlerer-osten","tag-naher-osten","tag-nord-stream","tag-palaestina","tag-pompeo-mike","tag-regime-change","tag-saudi-arabien","tag-syrien","tag-trump-donald","tag-usa","tag-voelkerrecht"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/shutterstock_1617143686.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=57741"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57741\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57751,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57741\/revisions\/57751"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/57742"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=57741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=57741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=57741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}