{"id":57771,"date":"2020-01-18T11:45:39","date_gmt":"2020-01-18T10:45:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57771"},"modified":"2026-01-27T11:35:03","modified_gmt":"2026-01-27T10:35:03","slug":"schweizer-friedensprojekt-wenn-menschen-zusammen-am-tisch-sitzen-bekriegen-sie-sich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57771","title":{"rendered":"Schweizer Friedensprojekt: \u201eWenn Menschen zusammen am Tisch sitzen, bekriegen Sie sich nicht\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Einsatz f&uuml;r ein friedliches Miteinander geht durch den Magen: Der Schweizer Koch <strong><a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/das\/Norddeutschland-und-die-Welt,sendung964626.html\">David H&ouml;ner<\/a><\/strong> hat ein Friedensprojekt auf die Beine gestellt, bei dem Konflikt- und Kriegsparteien wieder zusammengef&uuml;hrt werden sollen &ndash; beim gemeinsamen Essen an einem Tisch. Dar&uuml;ber hinaus schafft das Vorhaben vor Ort bleibende Betriebe und Initiativen zur Ausbildung. &bdquo;Cuisine sans fronti&egrave;res&ldquo;, also: &bdquo;K&uuml;che ohne Grenzen&ldquo; hei&szlig;t das Projekt. Seine ehrenamtlichen Mitarbeiter gehen in die gef&auml;hrlichen Regionen unserer Welt und machen so auch &bdquo;Politik&ldquo;. Warum dem so ist und was es mit dem Friedensprojekt noch auf sich hat, davon erz&auml;hlt H&ouml;ner im NachDenkSeiten-Interview. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5111\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-57771-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200120_Schweizer_Friedensprojekt_Wenn_Menschen_zusammen_am_Tisch_sitzen_bekriegen_Sie_sich_nicht_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200120_Schweizer_Friedensprojekt_Wenn_Menschen_zusammen_am_Tisch_sitzen_bekriegen_Sie_sich_nicht_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200120_Schweizer_Friedensprojekt_Wenn_Menschen_zusammen_am_Tisch_sitzen_bekriegen_Sie_sich_nicht_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200120_Schweizer_Friedensprojekt_Wenn_Menschen_zusammen_am_Tisch_sitzen_bekriegen_Sie_sich_nicht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=57771-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200120_Schweizer_Friedensprojekt_Wenn_Menschen_zusammen_am_Tisch_sitzen_bekriegen_Sie_sich_nicht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200120_Schweizer_Friedensprojekt_Wenn_Menschen_zusammen_am_Tisch_sitzen_bekriegen_Sie_sich_nicht_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Kochen geht f&uuml;r Sie &uuml;ber das hinaus, was man vielleicht im Allgemeinen darunter versteht, oder?<\/strong><\/p><p>Kochen, Essen, Trinken, Gastfreundschaft, das sind Bestandteile unseres sozialen Lebens. Essen und Trinken ist sozialer Kitt. Und da sind wir dann auch ganz nahe bei der Politik. <\/p><p><strong>Sie sagen, &bdquo;Kochen ist Politik&ldquo;. Wann haben Sie das entdeckt?<\/strong><\/p><p>2003 habe ich eine Reportage in Kolumbien &uuml;ber die Kokainbek&auml;mpfung gemacht. Dabei kam ich in ein B&uuml;rgerkriegsgebiet, wo s&auml;mtliche zivile Strukturen zusammengebrochen waren. Dort gab auch keinen Zusammenhalt mehr zwischen den Leuten. Sie hatten Angst voreinander und sind sich aus dem Weg gegangen. Viele blieben einfach in ihren H&auml;usern, es gab keinen Ort, an dem sie sich treffen konnten. Diese Beobachtungen haben mich zu der Frage bewogen: Warum kann man hier an diesem Ort keine Kneipe, kein Restaurant installieren, so wie bei uns zu Hause? Ein Ort, wo man zusammenkommt, wo man &uuml;ber Probleme redet, diskutiert usw. Solch ein Ort der Begegnung ist immens wichtig &ndash; gerade auch in Regionen, wo Feindschaft herrscht. Ich habe mich weiter gefragt: Wie kann ich dazu beitragen, dass hier wieder eine soziale Struktur entsteht? <\/p><p><strong>Und so entstand dann Cuisine sans fronti&egrave;res?<\/strong><\/p><p>Ja, aber wie bei allen solchen Projekten braucht man Anlaufzeit, man braucht Leute, die mitziehen.<\/p><p><strong>Was genau machen Sie jetzt mit Ihrer Organisation?<\/strong><\/p><p>Wir gehen in die Konflikt- und Kriegsregionen und bauen dort Betriebe auf. Restaurants, aber auch Handwerksbetriebe, die mit Nahrung zu tun haben, wie beispielsweise eine B&auml;ckerei. <\/p><p><strong>Also ein St&uuml;ck Entwicklungshilfe.<\/strong><\/p><p>Ja, nur gehen wir anders vor als die Entwicklungshilfe, wie man sie normalerweise beobachten kann. <\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das?<\/strong><\/p><p>Viele Schritte, die in Sachen Entwicklungspolitik unternommen werden, werden gemacht, um die &bdquo;zu Entwickelnden&ldquo; an unser Wirtschaftssystem anzuschlie&szlig;en. Es wird nicht mit den Menschen &uuml;ber ihre eigentlichen Bed&uuml;rfnisse gesprochen, sondern die eigenen Bed&uuml;rfnisse werden zu ihnen gebracht. Dieser Art von Entwicklungspolitik fehlt die grundlegende Ausgangsbasis&hellip;<\/p><p><strong>&hellip;n&auml;mlich?<\/strong><\/p><p>Kommunikation mit den Menschen. Es ist wichtig, dass Menschen bereit sind, sich zu &ouml;ffnen. Und das funktioniert eben dann, wenn man am Tisch sitzt, um zusammen zu essen, zu trinken. Dann erfahren wir, wie diese Menschen denken, was sie wirklich brauchen, wo es fehlt. In der Kommunikation untereinander fangen diese Menschen pl&ouml;tzlich wieder an, sich ohne Aggression auszutauschen. Der kleinste gemeinsame Nenner &ndash; das Essen und Trinken &ndash; tr&auml;gt zur Befriedung bei. Einfache S&auml;tze zueinander wie: &bdquo;Geben Sie mir bitte mal die Sch&uuml;ssel?&ldquo; sind ein Anfang, um Barrieren zu &uuml;berwinden. Bei diesen Gespr&auml;chen stellen die Konfliktparteien fest, dass es weitere gemeinsame Nenner gibt. Das sind kleine Schritte aufeinander zu &ndash; aber genau diese kleinen ersten Schritte sind sehr wichtig. Wenn Menschen zusammen am Tisch sitzen, bekriegen sie sich nicht! <\/p><p><strong>Wir sprechen &uuml;ber Entwicklungspolitik. K&ouml;nnen Sie bitte etwas n&auml;her beschreiben, was Sie an der westlichen Entwicklungspolitik st&ouml;rt?<\/strong><\/p><p>Ein L&ouml;wenanteil der Entwicklungspolitik flie&szlig;t in Projekte mit wirtschaftlichem Hintergrund. Es ist eine kapitalistische Entwicklungspolitik, deren Credo lautet: &bdquo;Frieden durch Wohlstand&ldquo;.<\/p><p><strong>Was aber doch nicht ganz falsch ist. Tr&auml;gt Wohlstand etwa nicht zumindest zu einer gewissen Befriedung bei?<\/strong><\/p><p>Das stimmt, aber von wessen &bdquo;Wohlstand&ldquo; und wessen &bdquo;Frieden&ldquo; sprechen wir in dem Zusammenhang? Die kapitalistische Entwicklungspolitik zielt darauf ab, die Zug&auml;nge zu wichtigen Rohstoffen, die wir hier im Westen ben&ouml;tigen, zu erleichtern. Ob es um den Export von &Ouml;l, Zink, Alpakawolle, Kakao usw. geht: Wir haben ein Interesse daran, diese Waren so einfach, so kosteng&uuml;nstig wie m&ouml;glich zu bekommen. Die Menschen in den armen L&auml;ndern verdienen zwar dadurch Geld, aber sie werden vom Export abh&auml;ngig. Das ist alles nicht neu, die Abl&auml;ufe sind bekannt. Gewinn l&auml;sst sich eben auch in der Entwicklungspolitik erwirtschaften. Auch bei der so genannten &bdquo;humanit&auml;ren Hilfe&ldquo; geht es nicht nur um reine Barmherzigkeit. <\/p><p><strong>Erkl&auml;ren Sie uns das doch bitte mal an einem Beispiel.<\/strong><\/p><p>In irgendeinem armen Land wird ein Hospital ben&ouml;tigt. Experten von au&szlig;en bestimmen zun&auml;chst den Standort. Vor Ort gibt es kein oder nicht gen&uuml;gend Fachpersonal. Also muss dieses von au&szlig;erhalb kommen. So ein Krankenhaus ben&ouml;tigt nat&uuml;rlich auch die entsprechende Ausstattung, wie R&ouml;ntgenapparate, Prothesen, Medikamente usw. All das wird von ausw&auml;rtigen Firmen geliefert. Hilfspersonal ist vor Ort schnell ausgebildet, dieses wird dann von seinem ausl&auml;ndischen Arbeitgeber so entlohnt, wie es den &bdquo;Mindestl&ouml;hnen&ldquo; des Herkunftslandes entspricht. An allen Stellen achten die Geber peinlich darauf, dass das investierte Geld wieder zur&uuml;ckflie&szlig;t. Allerdings flie&szlig;t es nicht in die Staatskassen zur&uuml;ck, wo es entnommen wurde, sondern in die Kassen der privaten Unternehmer. <\/p><p>W&auml;re ein Herkunftsland mal so weit, dass es in einem durch Entwicklungshilfe unterst&uuml;tzten Teilbereich so weit ist, Produkte nicht nur selbst zu verarbeiten, sondern auch selbst auf den Markt zu bringen, dann w&auml;re es nicht mehr auf die Hilfe der Geberl&auml;nder angewiesen. Aber genau das wollen die Geberl&auml;nder nicht. Und warum die Geberl&auml;nder sich so verhalten, liegt auf der Hand: Sie handeln im Sinne der kapitalistischen Entwicklungspolitik. Es geht darum, mit Gewinnabsicht Entwicklung zu steuern. <\/p><p><strong>Kommen wir nochmal darauf zu sprechen, wie Sie vor Ort vorgehen. Es d&uuml;rfte ja nicht mit einem gemeinsamen Essen getan sein.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich nicht. Man darf sich das auch nicht so vorstellen, dass wir dahin gehen und sagen: &bdquo;Kommt alle her, wir essen jetzt zusammen.&ldquo; Das w&auml;re ziemlich blau&auml;ugig. Wir haben Partner vor Ort, die die Verh&auml;ltnisse genau kennen, die helfen, die Wege f&uuml;r unser Projekt zu ebnen. Wir arbeiten immer an dauerhaften Einrichtungen, die nach einer gewissen Lernzeit von den Einheimischen selbst &uuml;bernommen und betrieben werden. Am Rio Napo, im Amazonasgebiet, ist es uns gelungen, ein Schulschiff aufzubauen. Dort lernen die Indigenen, wie Gastronomie funktioniert, was zu tun ist, um einen Betrieb aufrechtzuhalten.<\/p><p><strong>Wie finanzieren Sie sich? <\/strong><\/p><p>Komplett aus Spenden. Wir sind mit einem Jahresbudget von 12.000 Schweizer Franken gestartet. Mittlerweile betr&auml;gt es 1 Million Schweizer Franken. Alle unsere Mitarbeiter sind ehrenamtlich t&auml;tig. Das sind beispielsweise K&ouml;che, die sich einen Monat oder l&auml;nger unbezahlten Urlaub nehmen. <\/p><p><strong>Bekommen Sie keine Unterst&uuml;tzung von politischer Seite?<\/strong><\/p><p>Politiker finden das Projekt alle ganz &bdquo;toll&ldquo;, sie sagen, es sei eine &bdquo;gro&szlig;artige Idee&ldquo;. Effektiv haben wir aber noch nie etwas von der &ouml;ffentlichen Hand bekommen. Aber das ist auch gut so. Dadurch sind wir unabh&auml;ngig, wir bestimmen selbst &uuml;ber unsere Projekte. <\/p><p><em>Lesetipp: H&ouml;ner, David. Kochen ist Politik. Warum ich in den Dschungel gehen musste, um Rezepte f&uuml;r den Frieden zu finden. Westend Verlag. Oktober 2019. 256 Seiten. 24 Euro.<\/em><\/p><p>Titelbild: Angyalosi Beata \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Einsatz f&uuml;r ein friedliches Miteinander geht durch den Magen: Der Schweizer Koch <strong><a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/das\/Norddeutschland-und-die-Welt,sendung964626.html\">David H&ouml;ner<\/a><\/strong> hat ein Friedensprojekt auf die Beine gestellt, bei dem Konflikt- und Kriegsparteien wieder zusammengef&uuml;hrt werden sollen &ndash; beim gemeinsamen Essen an einem Tisch. Dar&uuml;ber hinaus schafft das Vorhaben vor Ort bleibende Betriebe und Initiativen zur Ausbildung. &bdquo;Cuisine sans fronti&egrave;res&ldquo;,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57771\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":57772,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,170,209],"tags":[1487,2222,849],"class_list":["post-57771","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-friedenspolitik","category-interviews","tag-entwicklungshilfe","tag-humanitaere-hilfe","tag-nahrungsmittel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/shutterstock_1030312150.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=57771"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57771\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81470,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/57771\/revisions\/81470"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/57772"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=57771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=57771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=57771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}