{"id":579,"date":"2005-05-23T13:18:02","date_gmt":"2005-05-23T11:18:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=579"},"modified":"2016-03-14T16:32:11","modified_gmt":"2016-03-14T15:32:11","slug":"mit-vorgezogenen-neuwahlen-will-schroder-davon-ablenken-dass-er-fur-den-historischen-niedergang-der-spd-verantwortlich-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=579","title":{"rendered":"Mit vorgezogenen Neuwahlen will Schr\u00f6der davon ablenken, dass er f\u00fcr den historischen Niedergang der SPD verantwortlich ist"},"content":{"rendered":"<p>Das Wunder blieb aus. Die SPD erzielt mit 37,1 Prozent in NRW ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 50 Jahren; mit 5,7 Prozent ist sie so weit abgest&uuml;rzt wie noch bei keiner Landtagswahl. Die SPD ist mit ihrem Agenda-Kurs an der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung auf ganzer Linie gescheitert. Schr&ouml;der hat seine Partei bundesweit an die Wand gefahren. Um zu verhindern, dass seine Person und sein Kurs von seiner Partei in Frage gestellt wird, zwingt er wie ein politischer Hasardeur Rot-Gr&uuml;n in vorgezogene Neuwahlen im Herbst dieses Jahres. So hofft er, bei einer voraussehbaren Niederlage der SPD auch noch im Bund sein pers&ouml;nliches politisches Scheitern auf seiner Partei abladen zu k&ouml;nnen.<br>\n<!--more--><br>\nDas &uuml;bliche Gesundbeten bewirkte in Nordrhein-Westfalen f&uuml;r die SPD genauso wenig wie bei den vorausgegangenen Wahlen. Von den 26 Wahlen seit der Regierungs&uuml;bernahme von Rot-Gr&uuml;n im Jahre 1998 hat die SPD 17 verloren. Seit der Verk&uuml;ndung der Agenda im Jahre 2003 hat die SPD in 9 Wahlen nur noch verloren, in Hessen, Niedersachsen und im Saarland zweistellig und in Sachsen ist die SPD unter zehn Prozent als Splitterpartei angekommen.<br>\nDie CDU stellt nun 11 von 16 Ministerpr&auml;sidenten, und in Brandenburg und Bremen ist die Union mit an der Macht. Die zwanzigj&auml;hrige Episode rot-gr&uuml;ner Koalitionen auf L&auml;nderebene ist zu Ende. Die politische Landkarte der Republik hat sich mit kleinen Einsprengseln in Rheinland-Pfalz (rot-blau) und in den &bdquo;Armenh&auml;usern&ldquo; Berlin und Mecklenburg-Vorpommern (rot-rot) in der Regierungszeit Gerhard Schr&ouml;ders schwarz eingef&auml;rbt. <\/p><p>Das einzig tr&ouml;stende am Wahlergebnis in NRW ist, dass niemand mehr sagen kann, die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler h&auml;tten den Agenda-Kurs der SPD best&auml;tigt. Die Legende, dass Schr&ouml;der &ndash; wie angeblich damals Helmut Schmidt &ndash; an der Linken in der SPD gescheitert sei, kann auch nicht weiter gestrickt werden. Selbst einer der gl&uuml;hendsten Bef&uuml;rworter der neoliberalen Wende, der jetzt abgew&auml;hlte Peer Steinbr&uuml;ck musste letztlich eingestehen, dass die Hartz-Reformen bei den SPD-W&auml;hlern &bdquo;eine gr&ouml;&szlig;ere Tiefenwirkung erzielt (haben), als wir uns das vorher vorgestellt haben&ldquo; (BILD v. 20.5.2005).<br>\nDie SPD ist mit ihrem Agenda-Kurs an der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung gescheitert. Dieser bitteren Tatsache konnte sich am Wahlabend der NRW-Wahl &ndash; wollte er sich nicht mit der nach Niederlagen beim SPD F&uuml;hrungspersonal &uuml;blich gewordenen Sch&ouml;nrederei nicht vollends l&auml;cherlich machen &ndash; auch Gerhard Schr&ouml;der nicht mehr entziehen. &bdquo;Mit dem bitteren Wahlergebnis f&uuml;r meine Partei in Nordrhein Westfalen ist die politische Grundlage f&uuml;r die Fortsetzung unserer Arbeit infrage gestellt&ldquo;, erkl&auml;rte er zwei Stunden nach Schlie&szlig;ung der Wahllokale. Er hat offenbar eingesehen, dass ihm die &uuml;blichen politischen Ablenkungsspielchen wie Kabinettsumbildungen oder die Erh&ouml;hung der &bdquo;Reform-Dosis&ldquo; nicht mehr weiter helfen k&ouml;nnen. Um blo&szlig; keine Fragen nach den Ursachen f&uuml;r das Infragestellen der &bdquo;politischen Grundlagen&ldquo; aufkommen zu lassen, versucht er &ndash; &auml;hnlich wie beim unabgesprochenen Abgang vom Amt des Parteivorsitzenden der SPD &ndash; einen &Uuml;berraschungscoup zu landen, in dem er Neuwahlen auf Bundesebene ank&uuml;ndigt. Die Medien sind auch prompt auf diesen effekthascherischen Trick hereingefallen: Schon am Abend der Wahlniederlage wurde auf allen Kan&auml;len nicht mehr &uuml;ber deren Ursachen diskutiert, sondern nur noch &uuml;ber anstehende Bundestagswahl. <\/p><p>Die Begr&uuml;ndungen die Schr&ouml;der und M&uuml;ntefering f&uuml;r diesen &bdquo;Befreiungsschlag&ldquo; nannten, sind mindestens so widerspr&uuml;chlich, wie die Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die sonst so viel zitierten &bdquo;unabdingbaren Voraussetzungen&ldquo;, die der Kanzler immer gern f&uuml;r sein Vorgehen heranzieht. Er ist sogar typisch f&uuml;r den Politikstil von Schr&ouml;der, Clement und inzwischen offenbar auch von M&uuml;ntefering: Machohafte Sch&uuml;sse aus der H&uuml;fte, egal wen sie treffen, Hauptsache man bestimmt die Schlagzeilen und lenkt von Zweifeln an der Richtigkeit der eigenen Politik ab.<br>\n&bdquo;Bis sich aber die Reformen auf die konkreten Lebensverh&auml;ltnisse aller Menschen in unserem Land positiv auswirken, braucht es Zeit&ldquo;, sagte Schr&ouml;der in seiner knappen Erkl&auml;rung. Seit der neoliberalen Wende schon durch das Schr&ouml;der-Blair-Papier kurz nach der Regierungs&uuml;bernahme 1999 sind 6 Jahre und seit der Ausrufung der Agenda sind inzwischen mehr als zwei Jahre vergangen, wie sollten die Erfolge dieser &bdquo;Reformpolitik&ldquo; nun pl&ouml;tzlich in wenigen Tagen eintreten? Sollte &uuml;ber Nacht die Konjunktur anspringen, sollten die Unternehmer ihre Steuerersparnisse und ihre Rekordgewinne urpl&ouml;tzlich investieren, sollten die Krankenkassenbeitr&auml;ge abst&uuml;rzen oder sollte irgend ein anderes Versprechen der Agenda wie durch ein Wunder in Erf&uuml;llung gehen?<br>\n&bdquo;Vor allem aber braucht es die Unterst&uuml;tzung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger f&uuml;r eine solche Politik&ldquo; meint Schr&ouml;der. Wohl wahr, aber haben ihm die &uuml;ber 13,2 Millionen Wahlberechtigten in NRW, das ist immerhin ein Viertel der bundesdeutschen Wahlbev&ouml;lkerung, diese Unterst&uuml;tzung f&uuml;r eine &bdquo;solche Politik&ldquo; nicht am gleichen Tag mit aller Deutlichkeit entzogen? <\/p><p>Haben die von den Hartz-Gesetzen Betroffenen und die um ihre Arbeitspl&auml;tze besorgten Arbeitnehmer nicht durch fast alle zur&uuml;ckliegenden Wahlen klar gemacht, dass sie deren Auswirkungen als sozial ungerecht und als leere Versprechung empfinden? Hat eine Mehrheit in der Bev&ouml;lkerung nicht einen Denkzettel nach dem anderen daf&uuml;r verteilt, dass ihr mit der &bdquo;Gesundheitsreform&ldquo; und der &bdquo;Rentenreform&ldquo; einseitig Opfer aberverlangt wurde, ohne dass sich irgendwelche Erfolge einstellten oder dass sie daf&uuml;r wenigstens Sicherheit bek&auml;me? Hat die SPD noch immer nicht verstanden, dass sie mit dem Schr&ouml;der-Kurs ihre Rolle als H&uuml;terin der sozialen Gerechtigkeit einbeb&uuml;&szlig;t hat und dass sie ohne soziales Profil nicht mehrheitsf&auml;hig ist? <\/p><p>Die bisherige Strategie der SPD-F&uuml;hrung,<\/p><ul>\n<li>konsequente Beibehaltung des Schr&ouml;der-Kurses, in der Hoffnung, es w&uuml;rden sich Erfolge einstellen,<\/li>\n<li>durch eine &bdquo;bessere Vermittlung&ldquo; die Skeptiker zu bekehren oder auf den resignativen Gew&ouml;hnungseffekt zu warten und vor allem<\/li>\n<li>mit dem Schreckgespenst einer konservativen Macht&uuml;bernahme zu drohen,<\/li>\n<\/ul><p>stellte sich sp&auml;testens nach der NRW-Wahl endg&uuml;ltig als offensichtlich fehlgeschlagen heraus. Und trotzdem &ndash; so gelobten die sichtlich &uuml;berraschten Vorm&auml;nner der SPD &ndash; soll diese Strategie auch noch bis zu den Neuwahlen im Bund durchgehalten werden. Die pawlowschen Wahlkampfreflexe zur Geschlossenheit, auf die Schr&ouml;der wohl spekuliert hat, funktionierten. <\/p><p>Die Wahl in Nordrhein-Westfalen war bei allen bundespolitischen Einfl&uuml;ssen auch eine Landtagswahl, aber wo war das Angebot der Landesregierung, geschweige denn das der SPD an das Land? Steinbr&uuml;cks Hauptbotschaft im Wahlkampf war &bdquo;Kurs halten&ldquo; und den Agenda-Kurs in allen Details gar noch als politische Leistung der SPD herauszustellen. Das war so absurd, wie wenn Tony Blair in seiner Wahlkampagne noch einmal faktenreich und mit Einzelheiten den Einsatz britischer Soldaten im Irak-Krieg begr&uuml;ndet h&auml;tte.<br>\nDa konnte sich Steinbr&uuml;ck noch so abm&uuml;hen und die CDU als Mitt&auml;terin in die Pflicht nehmen, er hat nicht erkannt, dass die Mehrheit der CDU-W&auml;hlerinnen und W&auml;hler keine pers&ouml;nlichen Probleme mit dem Sozialabbau hat, die meisten Anh&auml;nger der Gr&uuml;nen auch nicht und die FDP-Klientel sowieso nicht. Wie kann man als Sozialdemokratische Partei darauf hoffen, gerade bei ihrer potentiellen Stammw&auml;hlerschaft um Zustimmung werben zu k&ouml;nnen, wenn man inzwischen durch jede Umfrage best&auml;tigt bekommt, dass bei der gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung sich der Eindruck verfestigt hat, wir alle m&uuml;ssen uns bescheiden, nur die Unternehmer nicht, die d&uuml;rfen sogar zweistellig zulegen? Wenn inzwischen evident ist, dass Arbeitslose nur gefordert, die Unternehmer aber immer nur gef&ouml;rdert werden? Wenn Arbeitssuchenden alles zugemutet, das Kapital aber wie ein &bdquo;scheues Reh&ldquo; behandelt wird? Deshalb glaubte eine &uuml;berwiegende Mehrheit dem verbalen Gepoltere von Franz M&uuml;ntefering &uuml;ber die kapitalistischen &bdquo;Heuschrecken&ldquo; auch nicht mehr, weil es folgenlos bleibt und weil sich Schr&ouml;der auf moralische Appelle an die Unternehmerseite beschr&auml;nkt und gleichzeitig die K&ouml;rperschaftssteuer auf das historisch niedrigste Niveau senken will und die Erbschaftssteuer abschafft, wissend dass dies allenfalls symbolische Bedeutung hat. Symbolisch f&uuml;r wen wohl? <\/p><p>Die Wahlbeteiligung auch in der NRW-Wahl &ndash; mit 63 Prozent die zweitschlechteste aller Landtagswahlen &ndash; zeigt: Alle im Bundestag und im nordrhein-westf&auml;lischen Landtag vertretenen Fraktionen haben mit den Hartz-Gesetzen ein gutes Drittel der Gesellschaft abgeschrieben. CDU, FDP und Gr&uuml;ne k&ouml;nnen sich mit der &bdquo;Belle &Eacute;tage&ldquo; der Gesellschaft zufrieden geben, die SPD muss sich auch um das &bdquo;Souterrain&ldquo; (Franz Walter) k&uuml;mmern, wenn sie Mehrheiten gewinnen will.<br>\nDie CDU hatte in Nordrhein-Westfalen auch in Zeiten absoluter SPD-Mehrheiten ihre Erfolge in den katholisch gepr&auml;gten l&auml;ndlichen Gebieten. Die SPD siegte, weil sie in den bev&ouml;lkerungsreichen Ballungsgebieten gewann, vor allem im Ruhrgebiet. Bei 20 bis 25 Prozent Arbeitslosigkeit in den St&auml;dten des Reviers und bei einer Mehrheit der Menschen, die sich dort reale Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen, kann man in diesen f&uuml;r die SPD wahlentscheidenden Regionen keine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r eine Partei mehr erwarten, die die Menschen nach einem harten Arbeitsleben zu Hilfsbed&uuml;rftigen macht, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Das gro&szlig;spurige Versprechen des ehemaligen Gewerkschaftskollegen und jetzt mit abgew&auml;hlten &bdquo;Nur-noch-Wirtschaftsministers&ldquo; Harald Schartau auf &bdquo;F&ouml;rderung&ldquo; wird t&auml;glich auf der Arbeitsagentur als zynischer Wortbruch erfahren. <\/p><p>Mit ihrem Schwenk zu einer eindimensional angebotsorientierten Wirtschafts- und Sozialpolitik hat die SPD ihre bisherige Stellung im Parteienwettbewerb preisgegeben, ohne gleichzeitig ihren W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern eine neue Hoffnung oder auch nur ein Gef&uuml;hl der Sicherheit zu geben. Die SPD hat das B&uuml;ndnis zwischen denen, die Solidarit&auml;t zu geben bereit sind, und denjenigen, die auf Solidarit&auml;t angewiesen sind, mutwillig aufgek&uuml;ndigt. Wenn man &ndash; wie es Steinbr&uuml;ck getan hat &ndash; nicht mehr anbietet, als abstrakt an den &bdquo;sozialen Zusammenhalt&ldquo; zu appellieren, kann man diejenigen, die Solidarit&auml;t brauche, nicht vom &bdquo;Sofa&ldquo; an die Wahlurne locken. <\/p><p>Die NRW-SPD h&auml;tte sich vermutlich beim besten Willen nicht vom Bundestrend abkoppeln k&ouml;nnen. Dem rot-gr&uuml;nen B&uuml;ndnis in D&uuml;sseldorf f&uuml;r sich genommen fehlte aber gleichfalls jede eigene Strahlkraft gegen&uuml;ber dem Bund. Was die Gr&uuml;nen zu wenig sozial waren, waren die Roten zu wenig &ouml;kologisch und seit der Agenda nicht einmal mehr sozial. In der zehnj&auml;hrigen gemeinsamen Regierungszeit ist es nicht einmal dem Spitzenpersonal gelungen, einen pers&ouml;nlichen oder menschlichen Zugang zueinander zu finden, auf der parlamentarischen oder auf der Beamtenebene beharkte man sich bis zur pers&ouml;nlichen Feindschaft. Bei der Bildung der Koalition im Jahre 1995 gab es in der SPD-Fraktionsf&uuml;hrung starke Kr&auml;fte, die Rot-Gr&uuml;n zu Gunsten einer gro&szlig;en Koalition platzen lassen wollten. Clement und auch Steinbr&uuml;ck lieb&auml;ugelten mehrfach mit der FDP. Die Fraktion der Gr&uuml;nen war jahrelang in drei unvers&ouml;hnliche Fl&uuml;gel aufgespalten und es gab bis in die letzte Zeit immer wieder Alleing&auml;nge einzelner Gr&uuml;nenpolitiker, von denen man nie vorher sagen konnte, wo sie enden w&uuml;rden. Es ist in zehn Jahren kaum gelungen, sich anbahnende Konflikte ohne gro&szlig;es Get&ouml;se intern in kleinem Kreis zu l&ouml;sen, h&ouml;chst selten konnte man sich auf ein faires do ut des und schon gar nicht auf ein &bdquo;rot-gr&uuml;nes Projekt&ldquo; verst&auml;ndigen. Ein solches Hick-Hack konnte keine Sympathie ausstrahlen. Kein Wunder, dass die Union mit &bdquo;Genug ist genug&ldquo; punkten konnte. <\/p><p>Mit der Parole &bdquo;Menschlich bleiben&ldquo; oder gar &bdquo;Kurs halten&ldquo; konnte Steinbr&uuml;ck die Stammw&auml;hlerschaft beim besten Willen nicht erreichen. Mit seinem hanseatisch verbr&auml;mten Understatement &bdquo;Ich verspreche nichts&ldquo; oder &bdquo;Ich behaupte nicht, dass wir alles richtig gemacht haben&ldquo; konnte er bei den Nordhein-Wesf&auml;lingern kaum einen Mobilisierungsschub ausl&ouml;sen. Die Plakate &bdquo;NRW ist wo&hellip;&ldquo; gingen wohl auch eher von der &uuml;berholten Annahme aus, dass ein unter Johannes Rau einstmals gestiftetes Identit&auml;tsgef&uuml;hl mit dem Land und mit seiner Landesregierung noch vorhanden w&auml;re. Dieses Landesbewusstsein mag es einmal gegeben haben, es ist aber sp&auml;testens mit der Regierungs&uuml;bernahme des &bdquo;Machers der NRW AG&ldquo;, Wolfgang Clement, in der Landesregierung gr&uuml;ndlich in Vergessenheit geraten. Auch in diese emotionale L&uuml;cke konnte R&uuml;ttgers mit seinem menschelnden &bdquo;aus Liebe zum Land CDU&ldquo; hineinsto&szlig;en.<br>\nMit Parolen &bdquo;Gemeinsam f&uuml;r NRW&ldquo;, &bdquo;Jobs statt B&uuml;rokratie&ldquo;, &bdquo;Unterrichtsgarantie statt Stundenausfall&ldquo;, &bdquo;Wechsel tut gut&ldquo; oder einfach &bdquo;NRW kommt wieder&ldquo; und &bdquo;Wir machen es besser&ldquo; hat die CDU einen Tiefstpunkt inhaltlicher Aussagen bei einem Wahlkampf erreicht. R&uuml;ttgers hat in seinen TV-Duellen so viel &bdquo;Kreide gefressen&ldquo;, dass ihm das schon die Bl&auml;sse ins Gesicht trieb. Sein &bdquo;Schattenkabinett&ldquo; hat so wenig Kontur, dass es schon physikalisch keinerlei Schatten werfen kann. Hinterb&auml;nkler wie Uhlenberg, abgehalfterte oder von R&uuml;ttgers selbst abgeschobene Vorruhest&auml;ndler wie Christa Thoben, Linssen (63) oder Reul oder der vielleicht bauernschlaue, aber schlichte Sozialexperte Laumann &ndash; das sind alles Politiker, die ihre Karriere schon einmal hinter sich hatten.<br>\nDas gleiche gilt f&uuml;r R&uuml;ttgers selbst, der es als ehemaliger &bdquo;Zukunftsminister&ldquo; im Kabinett Kohl wohl als einziger Bildungsminister geschafft hat, seinen Etat um knapp eine Milliarde schr&ouml;pfen zu lassen. Ein Neuanfang f&uuml;r NRW sieht anders aus.<br>\nNein, nicht die St&auml;rke von R&uuml;ttgers oder seiner CDU hat die Wahl entschieden, sondern die Schw&auml;che der SPD. Die Union hat zwar einen beachtlichen Zuwachs von 7,9 Prozent beim Prozentanteil verbuchen k&ouml;nnen, trotz einer gegen&uuml;ber der Landtagswahl 2000 &uuml;ber 6 Prozent h&ouml;heren Wahlbeteiligung hat die Union in der absoluten Zahl aber nur um neunhundertachtzigtausend Stimmen bei &uuml;ber 13 Millionen Wahlberechtigten zugelegt. Das reichte, um eine sozialdemokratische Epoche zu beenden, weil die SPD nichts dagegen zu setzen hatte und leider auch auf lange Zeit nichts dagegen zu setzen haben wird &ndash; weder personell noch konzeptionell. Steinbr&uuml;ck hat schon Recht, er liegt mit seinem Ergebnis immerhin noch achtbar gute acht Prozent &uuml;ber den Umfrageergebnissen f&uuml;r SPD im Bundesdurchschnitt. In einer Blitzumfrage am Wahlabend ermittelte Infratest-diamap f&uuml;r die ARD, dass zwar zwei Drittel der Bev&ouml;lkerung die vorgezogenen Neuwahlen f&uuml;r richtig halten, aber nur 29 Prozent SPD w&auml;hlen w&uuml;rden. Wie will also M&uuml;ntefering mit dieser Wahl &bdquo;das strukturelle Patt zwischen Bundestag und Bundesrat&ldquo; aufheben&ldquo;? Mit einem v&ouml;lligen Durchmarsch der Union etwa? In welche Richtung d&uuml;rfte also nach aller Wahrscheinlichkeit diese &bdquo;Richtungsentscheidung&ldquo; gehen? Will etwa Schr&ouml;der mit aller Gewalt die SPD nur deshalb in eine rasche Niederlage zwingen, damit sie ihn nicht bis 2006 wom&ouml;glich noch vorher aus dem Amt jagt? Tut er das vielleicht alles nur deshalb, damit er in die Geschichte eingehen kann als einer, der alles riskiert hat, um Deutschland vom Kurs der sozialen Markwirtschaft in die pure Marktwirtschaft &uuml;berf&uuml;hrt zu haben? Und von wem will er sich daf&uuml;r anschlie&szlig;end loben oder gar honorieren lassen? <\/p><p>Die einzig rationale Erw&auml;gung, die hinter der Ank&uuml;ndigung vorgezogener Neuwahlen stecken k&ouml;nnte, ist vielleicht, dass Schr&ouml;der wie ein Absteiger in der Bundesliga, der es nicht mehr selbst in der Hand hat, den Klassenerhalt zu schaffen, auf ein Straucheln der Union bei der Auswahl ihrer Kanzlerkandidatin oder ihres Kanzlerkandidaten setzt, um wenigstens noch eine theoretische Chance zu haben, sich retten zu k&ouml;nnen. Damit w&auml;re aber weder Deutschland noch der SPD geholfen. Um das &bdquo;strukturelle Patt zwischen Bundestag und Bundesrat&ldquo; aufzul&ouml;sen, sollte er dann lieber gleich ank&uuml;ndigen, bei der gegnerischen Mannschaft unter Vertrag gehen zu wollen.<br>\nVielleicht k&ouml;nnte ihn aber auch noch der chauvinistische Gedanke umtreiben, dass er gegen&uuml;ber &bdquo;der Merkel&ldquo; als wahrscheinlicher Kanzlerkandidatin beim W&auml;hler besser ankommt. Gerade die Wahlschlappen von Peer Steinbr&uuml;ck oder noch mehr von Heide Simonis sollten ihm vor Augen gef&uuml;hrt haben, dass auch der gr&ouml;&szlig;te pers&ouml;nliche Popularit&auml;tsvorsprung nichts hilft, wenn die W&auml;hler von der SPD nichts mehr halten &ndash; und daf&uuml;r hat Schr&ouml;der nun selbst wirklich ausreichend gesorgt. Wenigstens das sollte die SPD-Bundestagsfraktion bei einer f&uuml;r Neuwahlen notwendigen Vertrauensabstimmung heimzahlen und, statt Schr&ouml;der das Vertrauen zu entziehen, einfach zusammen mit den Gr&uuml;nen einen anderen SPD-Kandidaten zum Bundeskanzler w&auml;hlen, der dann noch ein Jahr Zeit h&auml;tte, der SPD wieder eine Chance auf einen Sieg bei der regul&auml;ren Bundestagswahl im September 2006 zu er&ouml;ffnen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wunder blieb aus. Die SPD erzielt mit 37,1 Prozent in NRW ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 50 Jahren; mit 5,7 Prozent ist sie so weit abgest&uuml;rzt wie noch bei keiner Landtagswahl. Die SPD ist mit ihrem Agenda-Kurs an der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung auf ganzer Linie gescheitert. Schr&ouml;der hat seine Partei bundesweit an die Wand gefahren.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=579\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,191,11,190],"tags":[754,274,312,411,253],"class_list":["post-579","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-spd","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-nrw","tag-ruettgers-juergen","tag-reformpolitik","tag-schroeder-gerhard","tag-steinbrueck-peer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/579","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=579"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/579\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32116,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/579\/revisions\/32116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=579"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=579"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=579"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}