{"id":57964,"date":"2020-01-24T16:01:24","date_gmt":"2020-01-24T15:01:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57964"},"modified":"2020-01-24T16:24:34","modified_gmt":"2020-01-24T15:24:34","slug":"assange-auf-der-mattscheibe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57964","title":{"rendered":"Assange auf der Mattscheibe"},"content":{"rendered":"<p>Gestern fand am Westminster Magistrates Court in London eine weitere technische Anh&ouml;rung statt, bei der die weitere Verfahrensweise im Fall Assange beraten\/entschieden wurde. Julian Assange war per Videolink zugeschaltet und die Verhandlung lie&szlig; einen nebul&ouml;sen Eindruck zur&uuml;ck. Im Moment sieht es so aus, als w&uuml;rde das eigentliche Auslieferungsverfahren gegen ihn am 24. Februar beginnen, um dann nach einer Woche bis zum 18. Mai unterbrochen zu werden. Ein Bericht aus London von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs war mir gestern gelungen, einen der begehrten Pl&auml;tze im zu kleinen Saal drei des Gerichtsgeb&auml;udes zu ergattern. Ich hatte mich zur Sicherheit um 6 Uhr morgens mit weiteren Unterst&uuml;tzern angestellt und somit einen der 13 Sitze f&uuml;r die Allgemeinheit erhalten, w&auml;hrend von den separat behandelten Journalisten einige nur Stehpl&auml;tze bekamen, so auch Kristinn Hrafnsson, der Chefredakteur von Wikileaks. Zum Gl&uuml;ck war es w&auml;hrend der dreist&uuml;ndigen Wartezeit vor dem Gericht trocken und kurzweilig, mit Gespr&auml;chen &uuml;ber die aktuelle Lage in London.<\/p><p>Nachdem wir um Punkt 9 Uhr eingelassen wurden und uns der &uuml;blichen, flughafen&auml;hnlichen Sicherheitskontrolle unterzogen hatten, hie&szlig; es noch bis 9.45 Uhr vor dem eigentlichen Gerichts&rdquo;saal&rdquo; zu warten, w&auml;hrend die freundlichen, aber bestimmten Gerichtsdiener versuchten, den &Uuml;berblick zu behalten, denn es war auch hier noch nicht klar, wer Einlass erlangen w&uuml;rde und wer nicht. Es fand allerdings keine Kontrolle der Personalien statt, aber wahrscheinlich wird auch in diesem Bereich <a href=\"https:\/\/cvdazzle.com\/\">&uuml;ber automatische Gesichtserkennung<\/a> nachgedacht.<\/p><p>Endlich im Verhandlungsraum angelangt und in der letzten Reihe sitzend, war ich dann doch etwas &uuml;berrascht &uuml;ber die technische und sp&auml;ter auch choreografische Umsetzung der sogenannten Video&uuml;bertragung von Julian Assange. Ich hatte mir hier eine &Uuml;bertragung in der Art eines Public Viewing bei der Fu&szlig;ball-WM vorgestellt, aber dem war nicht so. Man f&uuml;hlte sich eher an die weitwinkligen Bilder einer U-Bahn-&Uuml;berwachungskamera erinnert.<\/p><p>Der f&uuml;r mich sichtbare Bildschirm am anderen Ende des Raumes hatte vielleicht eine Diagonale von 70 cm, w&auml;hrend der Bildschirm an der Seitenwand ca. 100 cm ma&szlig;. Auf dem Bildschirm war in einer Totaleinstellung ein Raum in Belmarsh zu sehen, linkerhand eine T&uuml;r und zur Rechten, mit sehr viel Leere, leicht von oben herab, drei rote St&uuml;hle bzw. eine Bank mit drei Einzelsitzen, im gegenw&auml;rtigen Antiobdachlosenstil.<\/p><p>Noch vor der Richterin Vanessa Baraitser, die gestern recht jung und nicht unsympathisch wirkte, wurde Julian Assange in den Raum mit den drei roten Sitzen gebracht. Soweit man erkennen konnte, bewegte er sich recht z&uuml;gig und steuerte den mittleren Sitz an. Leider war der Bildschirm so klein und der Anteil, den der Untersuchungsh&auml;ftling auf dem Bildschirm einnahm, auch so klein, dass man sich w&uuml;nschte, ein Opernglas mitgenommen zu haben wie einer der Wikileaks-Repr&auml;sentanten zwei Reihen vor mir, denn das Gesicht von Julian Assange ist in diesem Arrangement nicht zu erkennen, geschweige denn Regungen von ihm. Links von Julian Assange, am Bildschirmrand, hat ein Gef&auml;ngnisangestellter Platz genommen, wie man an seinen in den Bildschirm ragenden K&ouml;rperteilen sieht.<\/p><p>Mit dem Eintreten der Richterin begann dann die eigentliche Verhandlung. Als erstes wird Julian Assange gefragt, ob er die Richterin h&ouml;ren kann, und sie bittet ihn wie immer, seinen Namen und sein Geburtsdatum zu nennen. Er nannte sich dann &ldquo;Julian Assange&rdquo;, ohne seinen zweiten Vornamen &ldquo;Paul&rdquo;, und mit seinem Geburtsdatum blieben dies die einzigen Worte, die er w&auml;hrend der Verhandlung sprach.<\/p><p>Danach legte die Ankl&auml;gerin in recht leisen Worten dar, dass Staatsanwalt Lewis w&auml;hrend der Monate M&auml;rz und April nicht verf&uuml;gbar sei, da er dann mit einem Fall in Nordirland besch&auml;ftigt sei. Die Richterin fragte daraufhin, auch ziemlich leise, ob der Staatsanwalt Lewis diese anderweitige Verpflichtung schon lange habe und ob er nicht habe absehen k&ouml;nnen, dass das Assange-Verfahren sich l&auml;nger hinziehen w&uuml;rde. Diese Ansage der Richterin ist insofern erstaunlich, weil sie selber erst im Dezember erkannt hatte, dass dieser komplexe Fall wirklich mehr Zeit brauchen wird als die bis dahin angesetzten 5 Verhandlungstage und dass es stattdessen mindestens 4 Wochen dauern wird. Sie sagte all dies in einem recht robusten Ton. Ich fragte mich, ob Julian Assange, 20 km entfernt, viel verstanden hat. Es war auf jeden Fall f&uuml;r mich nicht zu erkennen.<\/p><p>Dann kam Verteidiger Edward Fitzgerald zu Wort. Er stimmte der Unterbrechung f&uuml;r zwei Monate im Prinzip zu, da der Zugang, den die Verteidigung zu Julian Assange im Gef&auml;ngnis hat, <a href=\"https:\/\/www.rt.com\/news\/479003-assange-lawyer-lack-access-hearing\/\">unzureichend<\/a> sei und es nicht gelungen sei, mit ihm &uuml;ber viele Aspekte des Verfahrens zu reden. Er wiederholte dies mehrmals w&auml;hrend der Verhandlung, aber die Richterin ging nicht darauf ein bzw. Fitzgerald sagte dies nicht nachdr&uuml;cklich genug, vielleicht auch weil er wusste, dass es zwecklos ist, weil Richterin Baraitser schon in vorhergehenden Verhandlungen gesagt hat, dass sie keine Befehlsgewalt &uuml;ber das Gef&auml;ngnisregime hat. Allerdings hat sie sich in der j&uuml;ngsten Vergangenheit auch unbefriedigt gezeigt &uuml;ber die Art und Weise, wie Julian Assange mit seinen Anw&auml;lten (nicht) kommunizieren kann. Ich als Beobachter fragte mich, warum hier, nach 9 Monaten in Haft und nachdem im September auch die Haftstrafe wegen Kautionsvergehen zu Ende ging, noch keine Abhilfe geschaffen worden ist. F&uuml;r mich sieht dies immer noch nach einer nicht hinnehmbaren Nichtbeachtung von Julian Assanges Grundrechten aus.<\/p><p>Die Richterin stellte dann technische Fragen nach der Zahl der Zeugen der Verteidigung und warum viele von diesen anonym oder nur mit Initialen genannt werden und ob alle Zeugen n&ouml;tig seien.<\/p><p>Daraufhin gab es ein schwer verst&auml;ndliches Hin und Her zwischen Anklage und Verteidigung, wo es um Fristen von Vorlagen von Dokumenten und Beweisen und Erwiderungen ging, und es war schwer, den genauen Sinn dieser Absprachen zu verstehen, ohne wie die anwesenden Parteien Einblick in die Akten gehabt zu haben. Die Verhandlung wurde dann f&uuml;r eine Dreiviertelstunde unterbrochen, damit sich Anklage und Verteidigung &uuml;ber diese Punkte beraten konnten. Vor der Unterbrechung fragte die Richterin Julian Assange, ob er alles verstanden habe, aber ich habe keine Antwort von ihm geh&ouml;rt und die Video&uuml;bertragung wurde dann unterbrochen.<\/p><p>Nach der Pause gab es wieder etwas Gedr&auml;nge beim Einlass und es waren pl&ouml;tzlich ein paar andere Personen auf der Besuchergalerie. Einige der Zuschauer schienen noch mehr M&uuml;he zu haben, der Verhandlung zu folgen, und machten daraufhin einen recht schl&auml;frigen Eindruck, oder die Kausalit&auml;t war umgekehrt. Ich frage mich, warum diese Personen ihren Platz niemand Interessierterem zur Verf&uuml;gung gestellt haben.<\/p><p>Das Ergebnis, welches die Richterin verk&uuml;ndete, ist, dass sie widerwillig, aber weil sich Verteidigung und Anklage einig waren, der zeitlichen Aufteilung des Verfahrens zustimmte, immer noch abh&auml;ngig davon, ob es ab dem 18. Mai die n&ouml;tigen Kapazit&auml;ten von Seiten der Gerichtsbarkeit gibt. Der Zeitplan sieht im Moment wie folgt aus:<\/p><p>Die Hauptverhandlung soll vom 24. bis zum 28. Februar stattfinden, dann bis zum 18. Mai unterbrochen werden, um dann mindestens f&uuml;r 3 Wochen weiterzugehen. Dies klingt nach weiteren Entbehrungen f&uuml;r Julian Assange &uuml;ber einen langen Zeitraum. F&uuml;r den 19. Februar setzte die Richterin die f&uuml;r alle 4 Wochen vorgeschriebene technische Anh&ouml;rung an. Sie ordnete auch wieder einen Videolink an, ohne dass von der Verteidigung Einspruch erkennbar erhoben wurde.<\/p><p>Zur Video&uuml;bertragung stellen sich mir die folgenden Fragen: Warum kann Julian Assange nicht in einer Naheinstellung aus Augenh&ouml;he gezeigt werden, sodass man sehen k&ouml;nnte, was in ihm vorgeht? Die Bildschirme sollten viel gr&ouml;&szlig;ere Leinw&auml;nde sein und Herr Assange sollte im Gef&auml;ngnis w&auml;hrend der &Uuml;bertragung einen Rechtsbeistand haben, der ihm die Vorg&auml;nge erl&auml;utern kann. Es gibt im Westminster Crown Court auch noch den viel gr&ouml;&szlig;eren Saal 1, der mehr Platz f&uuml;r diesen Fall von &uuml;berragendem &ouml;ffentlichen Interesse bieten w&uuml;rde. Das Argument, welches das Gericht anscheinend gegen diesen Saal vorbringt, ist, dass dort keine Video&uuml;bertragung m&ouml;glich sei. Ich finde, dass im Jahr 2020, wo man alles irgendwo streamen kann, dieses Argument nicht sehr stichhaltig ist, und man mit wenig Aufwand bzw. Kosten eine angemessene &Uuml;bertragung organisieren k&ouml;nnte, aber noch besser w&auml;re nat&uuml;rlich die wirkliche Anwesenheit von Julian Assange.<\/p><p>Dann beendete die Richterin die Verhandlung, ohne Julian zu verabschieden oder ihn zu fragen, ob er alles verstanden habe. Dies f&uuml;hrte zu lautstarkem Protest einer aus Paris angereisten Zuschauerin und eine Gerichtsdienerin drohte ihr an, dass sie bei der n&auml;chsten Verhandlung nicht eingelassen werde.<\/p><p>Insgesamt l&auml;sst die ganze Veranstaltung einen faden Beigeschmack bei mir zur&uuml;ck. Julian Assange scheint am Geschehen &uuml;berhaupt nicht beteiligt zu werden und es sind, wie oben beschrieben, auch nicht richtig die Gegebenheiten daf&uuml;r da. Ich frage mich, ob diese sehr n&uuml;chterne Verhandlung nicht ein Kasperltheater f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit ist, damit der Anschein von Rechtsstaat gew&auml;hrleistet ist oder der Anschein von Anschein, und ich frage mich weiter, auf welcher Ebene dies alles entschieden wird und inwieweit die Mitwirkenden oder zumindest manche von ihnen wirklich so frei agieren, wie sie sollten.<\/p><p>Vor dem Gericht geben die Vertreter von Wikileaks ihre Einsch&auml;tzung der Lage ab. Kristinn Hrafnsson <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hBNRuHdwWrA\">berichtet<\/a> von der neuesten Entwicklung, n&auml;mlich dass Vertreter der USA erkl&auml;rt haben, dass der 1. Verfassungszusatz der US-Verfassung, der Meinungs- und Pressefreiheit garantieren soll, nur f&uuml;r US-B&uuml;rger gelte. Hrafnnsson beschreibt, dass dies mit dem gleichzeitigen Anspruch der USA, auch Nicht-US-B&uuml;rger weltweit zu verfolgen, eine &auml;u&szlig;erst gef&auml;hrliche Entwicklung ist. Ich kann ihm hier nur voll und ganz zustimmen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200124-AssangeI-1038.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200124-AssangeI-1038.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Au&szlig;erdem wurde auch ich gestern vor dem Gericht interviewt und man kann das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?time_continue=9&amp;v=rmeorryKYSE&amp;feature=emb_logo\">hier auf Englisch<\/a> sehen.<\/p><p>Man wird sehen, und wir werden dar&uuml;ber berichten, was die Zukunft in dieser d&uuml;steren, undurchsichtigen Aff&auml;re bringen wird.<\/p><p>Alles in allem kann man nur immer wieder fordern, dass Julian Assange sofort freigelassen werden muss. <a href=\"https:\/\/www.candles4assange.de\/#start\">Und je mehr Menschen dies tun<\/a>, umso besser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern fand am Westminster Magistrates Court in London eine weitere technische Anh&ouml;rung statt, bei der die weitere Verfahrensweise im Fall Assange beraten\/entschieden wurde. Julian Assange war per Videolink zugeschaltet und die Verhandlung lie&szlig; einen nebul&ouml;sen Eindruck zur&uuml;ck. Im Moment sieht es so aus, als w&uuml;rde das eigentliche Auslieferungsverfahren gegen ihn am 24. 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