{"id":58019,"date":"2020-01-28T09:00:43","date_gmt":"2020-01-28T08:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58019"},"modified":"2020-01-28T10:18:08","modified_gmt":"2020-01-28T09:18:08","slug":"blockade-gedenken-rote-nelken-auf-dem-piskarowskoje-friedhof-in-st-petersburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58019","title":{"rendered":"Blockade-Gedenken: Rote Nelken auf dem Piskarowskoje-Friedhof in St. Petersburg"},"content":{"rendered":"<p>St. Petersburg gedachte gestern einer Million Toter, die bei der Blockade der Stadt durch die deutsche Wehrmacht starben. Leningrad &ndash; die Wiege der russischen Revolution &ndash; wollten die Nazis aushungern und mit Luftwaffe und Artillerie zerst&ouml;ren. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nGestern gab es am Eingang des Piskarowskoje-Friedhof in St. Petersburg gro&szlig;es Gedr&auml;nge. Das Wetter war nasskalt und der Himmel grau. Trotzdem herrschte vor dem Eingang des Friedhofs im Nordosten der Newa-Stadt eine aufgeregt-gesch&auml;ftige Stimmung. Soldaten und Ausbilder von Milit&auml;rhochschulen und Vertreter der St. Petersburger Beh&ouml;rden trugen gro&szlig;e Kr&auml;nze mit farbigen Schleifen. Sch&uuml;ler mit blauen Jacken und dem Aufdruck &bdquo;Freiwillige des Sieges&ldquo; sowie eine ganze Klasse von Lehrlingen einer Fachschule f&uuml;r Schwei&szlig;er standen zusammen mit ihren Leitern und Lehrern im lebhaften Gespr&auml;ch. <\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200127-SPB-02.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><em>In den Massengr&auml;bern auf dem Piskarowskoje-Friedhof liegt eine halbe Million Menschen &ndash; Opfer der Blockade und sowjetische Soldaten \/ Foto Ulrich Heyden <\/em><\/p><p><strong>&bdquo;Wenn sie nicht gek&auml;mpft h&auml;tten, g&auml;be es uns heute nicht&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es waren Jugendliche, welche die Blockade von Leningrad nur aus Erz&auml;hlungen kennen. Man kann nicht sagen, dass sie alle traurige Gesichter machten. Es waren ganz gew&ouml;hnliche Jugendliche. Aber der Gro&szlig;teil von ihnen hat vermutlich verstanden, dass ihre Vorfahren eine gro&szlig;e Leistung vollbracht haben. &bdquo;Wenn sie nicht gek&auml;mpft h&auml;tten, dann g&auml;be es uns heute nicht&ldquo;, sagt mir einer der jungen Leute. <\/p><p>Der 27. Januar ist f&uuml;r St. Petersburg einer der wichtigsten Gedenktage. An diesem Tag im Jahr 1944 wurde der Blockadering, den die deutsche Wehrmacht seit dem 8. September 1941 um die Stadt gelegt hatte, von den Truppen der Roten Armee durchbrochen. <\/p><p>Gestern um elf Uhr begann am Piskarowskoje-Friedhof ein Marsch mit Blumen und Kr&auml;nzen vorbei an den Massengr&auml;bern, in denen 500.000 Menschen beerdigt sind  &ndash; Soldaten und Menschen, die w&auml;hrend der Blockade der Stadt an Hunger, Krankheiten und K&auml;lte gestorben sind. Im Blockade-Museum in der Soljanoi-Gasse sehe ich sp&auml;ter auf gro&szlig;en Tafeln die Befehle deutscher Milit&auml;rs, Phillip Kleffel und Franz Halder, welche belegen, dass die NS-F&uuml;hrung den Plan hatte, die Stadt Leningrad &ndash; die Wiege der russischen Revolution &ndash; auszuhungern und zu zerst&ouml;ren.<\/p><p>Bereits zwei Monate nach Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion, am 28. August 1941, schrieb Franz Halder, Generalstabschef des deutschen Heeres, &bdquo;jeder Versuch der Zivilbev&ouml;lkerung, die Umzingelung zu durchbrechen, muss verhindert werden&ldquo;.<\/p><p><strong>Kommandeur Phillip Kleffel: &bdquo;Nicht das kleinste Mitleid mit Frauen und Kindern&ldquo;<\/strong><\/p><p>Am 13. Dezember 1941 schrieb der Kommandeur der 1. Infanterie-Division Phillip Kleffel in einem Befehl, &bdquo;dieser Kampf fordert, dass wir nicht das kleinste Mitleid mit der hungernden Bev&ouml;lkerung haben, auch nicht mit Frauen und Kindern.&ldquo; Man werde sie nicht durch die Front lassen. Die Frauen und Kinder seien Russen, die &bdquo;&uuml;berall wo es m&ouml;glich war, Verbrechen begangen haben.&ldquo;<\/p><p>Der Marsch &uuml;ber den Piskarowskoje-Friedhof endete vor dem Denkmal &bdquo;Mutter Heimat&ldquo;. Das Denkmal zeigt eine trauernde Frau mit ausgebreiteten Armen. Vor dem Denkmal wurden rote Nelken und Kr&auml;nze abgelegt.  Auch ich habe dort zusammen mit einer Gruppen von Journalisten und Politikern aus Tschechien Blumen niedergelegt.  W&auml;hrend der Zeremonie klang &uuml;ber den Friedhof mit seinen gro&szlig;en, viereckigen, leicht erh&ouml;hten Massengr&auml;bern getragene Orgel-Musik.<\/p><p><strong>77.000 &bdquo;Blokadniki&ldquo; leben noch<\/strong><\/p><p>Nicht weit von dem Denkmal &bdquo;Mutter Heimat&ldquo; komme ich mit der Leiterin der Organisation der &Uuml;berlebenden der Blockade, Jelena Tichomirowa, ins Gespr&auml;ch. Sie erz&auml;hlt, dass in der Stadt heute noch 77.000 &Uuml;berlebende der Blockade leben.  Der 27. Januar sei f&uuml;r sie ein Tag der Freude, aber auch ein Tag der Trauer. Sie habe 13 Monate der Blockade in der Stadt verbracht. Dann wurde sie in das sibirische Altai-Gebiet evakuiert.  Jelena wurde 1934 geboren und war zu Beginn der Blockade acht Jahre alt. Leningrad hatte 1941 3,2 Millionen Einwohner. Bis zum Februar 1943 wurden 1,7 Millionen Menschen evakuiert.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200127-SPB-01.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><em>&Uuml;berlebende der Blockade mit Angeh&ouml;rigen \/ Foto: Ulrich Heyden<\/em><\/p><p>Jelena Tichomirowa erinnert sich, dass nach Luftangriffen im September 1941 die Lager f&uuml;r Lebensmittel brannten. Sie erinnert sich auch, dass der Zoo brannte und eine Elefantenkuh schrie.  Ihre Gro&szlig;mutter und Mutter seien w&auml;hrend der Blockade gestorben. Freundinnen von ihr fielen pl&ouml;tzlich auf der Stra&szlig;e um und starben. Der Grund war der Hunger und Temperaturen von 30 Grad Minus. Wer in den R&uuml;stungsbetrieben der Stadt arbeitete, bekam 250 Gramm Brot am Tag. Wer nicht arbeitete, bekam nur 125 Gramm am Tag. Ja, sie habe immer Angst gehabt, selbst zu sterben, &bdquo;insbesondere wenn die Beschie&szlig;ungen anfingen. Das ist das nat&uuml;rliche Gef&uuml;hl eines Kindes,&ldquo; erz&auml;hlt die 86-J&auml;hrige.<\/p><p>Die Kinder h&auml;tten besonders unter der Blockade gelitten. Kinder br&auml;uchten bis zum Alter von sieben Jahren eine bestimmte Ern&auml;hrung, damit sich ihre inneren Organe entwickeln. Es g&auml;be Frauen, die nach der Blockade keine Kinder mehr geb&auml;ren konnten. Andere h&auml;tten wegen des Hungers damals nur sehr kleine Herzen. Wie die Unterst&uuml;tzung der Blockade-Opfer heute aussehe, frage ich Jelena. Fast alle, die noch in Gemeinschaftswohnungen wohnten, h&auml;tten eigene Wohnungen bekommen, erkl&auml;rte die Verbandsvorsitzende.<\/p><p>Um zu verhindern, dass sich das Grauen des Faschismus wiederhole, m&uuml;sse man aufkl&auml;ren und geschichtliche Kenntnisse in der Jugend verankern, sagt Jelena. Leider sei diese Aufkl&auml;rung in Russland weniger geworden. &bdquo;Warum wurde das deutsche Volk so verf&uuml;hrt? Weil es seine eigene Geschichte nicht kannte.&ldquo;<\/p><p><strong>In der ganzen Stadt Veranstaltungen<\/strong><\/p><p>Auf zahlreichen Friedh&ouml;fen von St. Petersburg wurden gestern Kr&auml;nze und Blumen niedergelegt. Auf dem Platz vor der Ermitage wurden Milit&auml;rfahrzeuge und Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg und modernes Milit&auml;rger&auml;t der russischen Armee ausgestellt.<br>\nAuf dem Platz vor der Ermitage gab es auch ein Zelt, wo Aktivisten f&uuml;r einen Film Geld sammelten. Der Film soll &uuml;ber die Arbeit des russischen Balletts aufkl&auml;ren, das w&auml;hrend der Blockade &ndash; zwar mit verminderter Kraft &ndash; aber immerhin weiterarbeitete. In dem Zelt der Aktivisten hingen Plakate von Ballett-Auff&uuml;hrungen und Konzerten, die w&auml;hrend der Blockade stattfanden. Am Abend gab es &uuml;ber der Newa ein grandioses Feuerwerk. <\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200127-SPB-03.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><em>Blockade-Gedenken auf dem Piskarowskoje-Friedhof  \/ Foto Ulrich Heyden<\/em><\/p><p><strong>ARD-Korrespondentin st&auml;nkert gegen Aufstellung eines Blockade-Denkmals<\/strong><\/p><p>F&uuml;r mich als Deutscher war es ein sehr merkw&uuml;rdiges Gef&uuml;hl, an diesem 27. Januar in St. Petersburg zu sein. Oft versagte meine Stimme, wenn ich mit Kriegsveteranen sprach. Ich war den Tr&auml;nen nahe. Es ist weniger ein Schuldgef&uuml;hl, das mich plagt, sondern die Tatsache, dass die von der deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion begangenen Kriegsverbrechen heute wieder verschwiegen, kleingeredet und mit den Verbrechen Stalins aufgerechnet werden. Man f&uuml;hlt sich an die 1950er und 1960er Jahre erinnert. <\/p><p>Ersch&uuml;ttert war ich <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/kommentar\/yad-vashem-gedenken-kommentar-101.html\">&uuml;ber den Kommentar<\/a> der ARD-Korrespondentin Sabine M&uuml;ller. Sie monierte, Putin und Netanjahu h&auml;tten mit der Aufstellung eines Denkmals zur Erinnerung an die Blockade von Leningrad in Tel Aviv nicht w&uuml;rdevoll gehandelt. Diese Denkmalsaufstellung sei eine &bdquo;Privatparty&ldquo; gewesen und die &Uuml;berlebenden von Auschwitz bei der Hauptveranstaltung zu Auschwitz in Tel Aviv h&auml;tten auf Putin und Netanjahu warten m&uuml;ssen. <\/p><p>Ich halte es f&uuml;r verh&auml;ngnisvoll, wenn man Opfer des deutschen Faschismus gegeneinander ausspielt. Solange wir nur um Juden, aber nicht auch um die Blockade-Opfer von Leningrad und die in deutschen Kriegsgefangenenlagern verhungerten sowjetischen Soldaten trauern, haben wir unsere Geschichte als Deutsche nicht aufgearbeitet und nicht die n&ouml;tigen Lehren gezogen.<\/p><p>Ulrich Heyden, St. Petersburg<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a675f48157cf47008ef73d0495993c0c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>St. Petersburg gedachte gestern einer Million Toter, die bei der Blockade der Stadt durch die deutsche Wehrmacht starben. Leningrad &ndash; die Wiege der russischen Revolution &ndash; wollten die Nazis aushungern und mit Luftwaffe und Artillerie zerst&ouml;ren. 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