{"id":5802,"date":"2010-06-05T00:00:35","date_gmt":"2010-06-04T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5802"},"modified":"2014-03-05T11:39:11","modified_gmt":"2014-03-05T10:39:11","slug":"rolf-dietrich-schwartz-zum-70-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5802","title":{"rendered":"Rolf Dietrich Schwartz zum 70. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p>Wer die &bdquo;Bonner Republik&ldquo; noch bewusst miterlebt hat, der kam an Rolf Dietrich Schwartz nicht vorbei. Der studierte Volkswirt &ndash; seit 1972 als Bonner Parlamentskorrespondent der damals noch wirklich &bdquo;links-liberalen&ldquo; Frankfurter Rundschau &ndash; war &uuml;ber fast drei Jahrzehnte ein mutiger und von den Politikern gef&uuml;rchteter K&auml;mpfer f&uuml;r den Sozialstaat und gegen die damals schon vorangetriebene Umverteilungspolitik der schwarz-gelben Koalition unter Helmut Kohl. Und er war einer der wenigen Wirtschaftsjournalisten, die schon vor langer Zeit der herrschenden neoliberalen Wirtschaftslehre theoretisch fundiert und faktenreich ihr Scheitern vorhersagte. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDie Lekt&uuml;re der mit rds &ndash; so das K&uuml;rzel von Rolf Dietrich Schwartz &ndash; gekennzeichneten Aufmacher waren immer ein Gewinn. Seine Berichterstattung war informativ, differenziert und dennoch verst&auml;ndlich. &bdquo;Blacky&ldquo; &ndash; wie er von allen genannt wird &ndash;  war ein Vertreter der klassischen Schule des Journalismus: saubere und distanzierte Berichterstattung, aber in seinen Leitartikeln und Kommentaren hat er kein Blatt vor den Mund genommen. Kohls Regierungskunst bestehe darin, &bdquo;die Interessen einer Minderheit als n&uuml;tzlich f&uuml;r die Mehrheit auszugeben&ldquo;, <a href=\"http:\/\/www.hopo-www.de\/analyse\/waigel.html\">schrieb er im September 1995 in der FR<\/a>. <\/p><p>Wenn er in der Bundespressekonferenz im Bonner Tulpenfeld eine Frage stellte, so konnte man fast sicher sein, dass er die befragten Politiker in Verlegenheit brachte. Er habe &bdquo;die Schnauze von den (Politiker-)Ritualen gestrichen voll&ldquo; hat er einmal geschrieben und das merkte man seinen heftigen Attacken in der Sache an.<\/p><p>Wenn er etwa im ZDF in die Sendung &bdquo;Journalisten fragen &ndash; Politiker antworten&ldquo; eingeladen war, dann mussten sich die Politiker &bdquo;warm anziehen&ldquo;. Mit seiner Faktenkenntnis und vor allem mit seinem bei Journalisten nur noch selten so ausgepr&auml;gten Ged&auml;chtnis f&uuml;r &ouml;konomische Sachverhalte in der Vergangenheit rechnete er mit den Epigonen von Reagans und Thatchers &bdquo;Kapitalismus pur&ldquo; ab. <\/p><p>Sein 1996 erschienenes Buch &bdquo;Kapitalismus ohne Netz &ndash; Was h&auml;lt die Gesellschaft zusammen?&ldquo; hat nichts an Aktualit&auml;t verloren. Er belegte darin z.B., wie mit der sog. &bdquo;Standortdebatte&ldquo; Deutschland miesgemacht wurde und er fasste zusammen: &bdquo;Die ganze Standort-Debatte ist Ergebnis eines rein interessenpolitisch bedingten Verteilungskampfes.&ldquo; Schon damals bek&auml;mpfte er den Irrglauben, Deutschland k&ouml;nne sein Heil in der Flucht in den Export finden:  &bdquo;Nicht alle Staaten k&ouml;nnen n&auml;mlich gleichzeitig &Uuml;bersch&uuml;sse erzielen und ihre au&szlig;enwirtschaftliche Bilanz aktivieren. Des einen Export ist immer des anderen Import, und die Summe der Leistungsbilanzsalden in der Weltwirtschaft ist notwendigerweise Null&rdquo;, schrieb er. Eine Einsicht, die etwa in der aktuellen Griechenland- und Euro-Krise ihr bitteren Folgen zeitigte. Die neoliberale Politik  &ldquo;bietet keinen Ausweg aus dem Teufelskreis gegenseitigen Niederkonkurrierens mit Sozialdumping und Abwertungswettlauf&rdquo;. Im Zeitalter der Globalisierung biete dieser ,,in veralteten nationalen Bahnen&rdquo; stattfindende Verdr&auml;ngungs- und Vernichtungswettbewerb mit Lohn- und Subventionskonkurrenz und mit Sozial- und &Ouml;kodumping ,,l&auml;ngst keine Penpektive mehr&rdquo;, so seine d&uuml;stere Vorhersage.  Er hat gegen die schon in der &Auml;ra Kohl gebetsm&uuml;hlenartig wiederholten Verzichtsaufrufe angek&auml;mpft und die angebliche &bdquo;Alternativlosigkeit&ldquo; der herrschenden Wirtschaftslehre mit gro&szlig;em Sachverstand    vehement bestritten: &bdquo;Die Erde ist halt eine Scheibe und die Arbeitslosen sind an ihrem freiwilligen Los selber schuld&rdquo;, lautet seine damals schon zornige Kritik an den bis heute nachgebeteten Glaubenss&auml;tzen. <\/p><p>Rolf Dietrich Schwartz hatte als einer der ersten Journalisten den Schwenk der Gr&uuml;nen ins wirtschaftsliberale Lager erkannt. &bdquo;Auch Gr&uuml;ne entdecken Dr&uuml;ckeberger&ldquo; so gei&szlig;elte er in der Frankfurter Rundschau vom 29. Juni 1999 die Vorschl&auml;ge des Gr&uuml;nen Fraktionsvorsitzenden Rezzo Schlauch Niedrigl&ouml;hne und Lohnsubventionen f&uuml;r Geringqualifizierte einzuf&uuml;hren. Er war eben mit seinen Analysen der Zeit immer weit voraus.<\/p><p>Vor gut 10 Jahren hat ihm ein Schlaganfall im Wortsinne seine scharfe Feder aus der Hand genommen. Sein Interesse an Wirtschaftsfragen ist jedoch wach geblieben und sein Engagement f&uuml;r den Sozialstaat hat nicht nachgelassen.<\/p><p>Er ist ein engagierter Leser der NachDenkSeiten und versorgt uns &uuml;ber das Internet mit interessanten Hinweisen und wichtigen Informationen. Er verschickt unsere Beitr&auml;ge, die er f&uuml;r wichtig h&auml;lt, &uuml;ber seinen gro&szlig;en E-Mail-Verteiler. Er hat mitgeholfen, dass die NachDenkSeiten nicht nur in Journalistenkreisen bekannter geworden sind.<br>\nF&uuml;r seine journalistisches Lebenswerk und f&uuml;r sein Engagement f&uuml;r die NachDenkSeiten danken wir Rolf Dietrich Schwartz aus Anlass seines heutigen runden Geburtstags von ganzem Herzen.  <\/p><p>Wir w&uuml;nschen ihm und uns, dass er uns noch lange als wirtschaftspolitischer Weggef&auml;hrte und guter Freund begleiten kann. Wir sind auf Menschen mit einer so unersetzlichen wirtschaftspolitischen Erfahrung und mit einem so enzyklop&auml;dischen Ged&auml;chtnis f&uuml;r die Wirtschaftsgeschichte angewiesen. Dass Rolf Dietrich Schwartz nun schon siebzig wird, f&uuml;hrt einem mit Erschrecken vor Augen, wie lange die wirtschaftspolitische Irrfahrt in Deutschland inzwischen andauert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die &bdquo;Bonner Republik&ldquo; noch bewusst miterlebt hat, der kam an Rolf Dietrich Schwartz nicht vorbei. Der studierte Volkswirt &ndash; seit 1972 als Bonner Parlamentskorrespondent der damals noch wirklich &bdquo;links-liberalen&ldquo; Frankfurter Rundschau &ndash; war &uuml;ber fast drei Jahrzehnte ein mutiger und von den Politikern gef&uuml;rchteter K&auml;mpfer f&uuml;r den Sozialstaat und gegen die damals schon vorangetriebene<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5802\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,212,41,145],"tags":[248,499,295,841,443,842,244],"class_list":["post-5802","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-gedenktagejahrestage","category-medienanalyse","category-sozialstaat","tag-frankfurter-rundschau","tag-handelsbilanz","tag-kohl-helmut","tag-reagan-ronald","tag-standortwettbewerb","tag-thatcher-margaret","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5802","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5802"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5802\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5804,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5802\/revisions\/5804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}