{"id":58038,"date":"2020-01-28T12:44:01","date_gmt":"2020-01-28T11:44:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58038"},"modified":"2020-02-01T12:21:59","modified_gmt":"2020-02-01T11:21:59","slug":"von-der-lippe-greta-und-die-aufmerksamkeitsoekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58038","title":{"rendered":"Von der Lippe, Greta und die Aufmerksamkeits\u00f6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Darf man der Meinung sein, dass Greta nervt? Darf man &uuml;ber die Folgen der #MeToo-Bewegung Witze machen? Zumindest wenn es nach dem selbsternannten Korrektiv der zeitgen&ouml;ssischen Diskurskultur, also dem Twitter-Mainstream, geht, muss man diese Fragen wohl verneinen. Wer den geduldeten Meinungskorridor verl&auml;sst, wird mit einem Shitstorm bestraft und darf sich dann von jungen privilegierten wei&szlig;en M&auml;nnern und Frauen als alter privilegierter wei&szlig;er Mann &bdquo;beschimpfen&ldquo; lassen. Erstaunlich ist dabei vor allem, dass diejenigen, die sich die Toleranz auf ihr Banner geschrieben haben, beim kleinsten Widerspruch selbige vermissen lassen. Der Eine giert nach Einschaltquoten, der Andere nach Likes und die Meinungsvielfalt kommt dabei unter die R&auml;der. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6790\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-58038-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200128_Von_der_Lippe_Greta_und_die_Aufmerksamkeitsoekonomie_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200128_Von_der_Lippe_Greta_und_die_Aufmerksamkeitsoekonomie_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200128_Von_der_Lippe_Greta_und_die_Aufmerksamkeitsoekonomie_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200128_Von_der_Lippe_Greta_und_die_Aufmerksamkeitsoekonomie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=58038-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200128_Von_der_Lippe_Greta_und_die_Aufmerksamkeitsoekonomie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200128_Von_der_Lippe_Greta_und_die_Aufmerksamkeitsoekonomie_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Entertainer J&uuml;rgen von der Lippe kommt mit einer neuen Show ins Fernsehen zur&uuml;ck und da er ein alter Profi ist, wei&szlig; er auch, wie man im Vorfeld kostenlos die Werbetrommel r&uuml;hrt &ndash; man mache ein Interview, &auml;u&szlig;ere sich darin sp&ouml;ttisch &uuml;ber #MeToo und Greta und schon hagelt es auf Twitter den in solchen F&auml;llen vorprogrammierten Shitstorm, &uuml;ber den die Journaille mit aufgesetzter Relevanz berichten kann. Aus PR-Sicht war dies f&uuml;r von der Lippe ein kleiner Coup &ndash; so belegte er nicht nur #1 bei den &bdquo;Twitter-Trends&ldquo;, sondern brachte es auch auf &uuml;ber <a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?q=%22j%C3%BCrgen+von+der+lippe%22+greta\">40 Pressemeldungen<\/a>. Als alter wei&szlig;er Mann m&uuml;sste man jetzt den Hut ziehen. Offenbar wei&szlig; der 71-J&auml;hrige, wie Emp&ouml;rungsrituale in der digital vernetzten Welt funktionieren.<\/p><blockquote><p>\nHamburger Morgenpost:  Sie gelten als Meister des anz&uuml;glichen Humors. Kann man sich frivole Witze in Zeiten von MeToo noch leisten, ohne als alter wei&szlig;er Mann beschimpft zu werden?<\/p>\n<p>von der Lippe: Der alte wei&szlig;e Mann ist eine dreifache Diskriminierung &ndash; wegen der Hautfarbe, des Alters und wegen des Geschlechts. Ich f&uuml;rchte aber in der Tat, dass wir einem Zeitalter der Pr&uuml;derie entgegengehen, wie man es aus den USA kennt, wo sie im Fernsehen vermutlich zeigen k&ouml;nnen, wie eine Frau gevierteilt wird, aber &bdquo;No Nipples!&ldquo;.<br>\nIch stelle allerdings auch fest: Die Leute haben es satt, erzogen zu werden. Und die Leute haben Greta satt.Wenn sich so ein M&auml;del hinstellt und die Weltm&auml;chtigen anschreit &bdquo;How dare you!&ldquo;, und die dann kuschen, ist das f&uuml;r mich Comedy. Max Goldt hat mal gesagt: Wenn die Kritik an Zust&auml;nden mehr nervt als die Zust&auml;nde selber, dann muss man aufpassen, und so weit sind wir gerade.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/berlin\/leute\/article228242437\/Juergen-von-der-Lippe-kein-Fan-von-Metoo-und-Greta-sie-macht-Comedy.html\">Hamburger Morgenpost<\/a>\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200127-Zoten-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Rechtfertigt diese Aussage einen Shitstorm? Ich gebe frank und frei zu, dass mich gewisse Begleitumst&auml;nde am Greta-Hype auch f&uuml;rchterlich nerven. Wenn beispielsweise n-tv <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hiZSpkqZhbI\">eine gro&szlig;e Live-Schalte zur Ankunft Greta Thunbergs auf einem Segelboot in Lissabon<\/a> sendet und mit keinem Wort auf die Klimakrise eingeht, nervt das. Wenn in den Medien ein Tweet der Deutschen Bahn zu ihrem Promi-Fahrgast Greta <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/lebenundlernen\/schule\/greta-thunberg-und-die-deutsche-bahn-wie-kann-man-das-so-verbocken-a-1301413.html\">tagelang Thema Nummer Eins<\/a> ist, nervt das. Wenn man von der &bdquo;Ikonisierung&ldquo; der Klimaaktivisten genervt ist, hei&szlig;t dies &uuml;brigens nicht, dass man vom Thema Klimawandel genervt ist. Ganz im Gegenteil. Ich w&uuml;rde mir vielmehr w&uuml;nschen, dass inhaltlich differenzierter &uuml;ber das Thema Klimawandel diskutiert wird, anstatt daraus eine mediale One-Girl-Show zu machen. Man muss Greta Thunberg dankbar sein, dass sie das Thema auf die &ouml;ffentliche B&uuml;hne gehoben hat, nur droht der mediale &bdquo;Greta-Hype&ldquo; paradoxerweise sogar zusehends das Thema &bdquo;Klimawandel&ldquo; an den Rand zu dr&auml;ngen. <\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200127-Zoten-02.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Genau so geht es mir manchmal mit dem Thema #MeToo. Selbstverst&auml;ndlich ist es ungemein wichtig und &uuml;berf&auml;llig, die Themen sexuelle Bel&auml;stigung, Benachteiligung von Frauen und toxische M&auml;nnlichkeit zu thematisieren. Bin ich aber gleich ein alter privilegierter wei&szlig;er Mann, wenn ich Bedenken habe, dass die Frauenquote in Aufsichtsr&auml;ten die richtige Antwort auf diese Probleme ist? Wird die Welt besser, wenn &ndash; verzeihen Sie mir die Polemik &ndash; nun alte privilegierte wei&szlig;e Frauen in den Aufsichtsr&auml;ten die Positionen der Kapitalseite gegen die Interessen nicht privilegierter alter und junger, wei&szlig;er und farbiger M&auml;nner und Frauen vertreten? <\/p><p>Es ist ohnehin seltsam, dass die rhetorische Figur des alten wei&szlig;en und damit angeblich privilegierten Mannes auf Twitter und sich als jung und hip verstehenden Publikationen wie Bento oder taz derart zelebriert wird. Gerade so, als seien auch all die &auml;lteren Hilfsarbeiter und Armutsrentner das eigentliche Feindbild junger, sich als weltoffen und liberal verstehender, Menschen. Teile und herrsche. Solange junge, prek&auml;r arbeitende Hipster den alten, prek&auml;ren Rentner als Feindbild sehen, kommen sie wenigstens nicht auf die Idee, die gesellschaftliche Spaltung zwischen Oben und Unten als eigentliches Problem zu sehen und zu verstehen. Gesteuerte zahnlose Systemkritik. Diese Methode wirkt. Man arbeitet sich lieber an oberfl&auml;chlichen, aufgeblasenen Petitessen auf, als zum Kern des Problems vorzudringen.<\/p><p>So spielt der &bdquo;Kabarettist&ldquo; Dieter Nuhr in seinem leidlich komischen B&uuml;hnenprogramm sehr gekonnt mit den Emp&ouml;rungsritualen und tr&auml;gt das Label &bdquo;alter wei&szlig;er Mann&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/dieter-nuhr-und-seine-feinde-ich-bin-ein-weisser-alter-mann-a-00000000-0002-0001-0000-000164759191\">nach eigenen Aussagen<\/a> mit Stolz. Auch das ist nat&uuml;rlich ein gutes St&uuml;ck Aufmerksamkeits&ouml;konomie. Welche Zeitung w&uuml;rde sonst schon &uuml;ber Dieter Nuhr berichten? Nicht trotz, sondern dank der zahlreichen Shitstorms hat Nuhr eine Sendung in der ARD und muss nicht durch die Dorfgemeinschaftsh&auml;user in der Provinz tingeln, wie es ihm qua Talent eigentlich zustehen w&uuml;rde. Nuhr wei&szlig; halt, dass ein d&uuml;mmlicher Witz &uuml;ber Greta nicht nur die Emp&ouml;rungswelle der &bdquo;sozialen Netzwerke&ldquo; zum Kochen bringt, sondern auch gleich hunderte Schlagzeilen generiert. <\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/200127-Zoten-03.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Provokationen verkaufen sich und zahlen sich in der einzigen W&auml;hrung aus, die diese Leute interessiert &ndash; Einschaltquoten. Bemerkenswert ist jedoch, wie der geduldete Meinungskorridor heutzutage Provokationen definiert. Auch daf&uuml;r ist Dieter Nuhr ein gutes Beispiel. Jahrelang machte er sich im Stil eines neoliberalen Clowns &uuml;ber den Sozialstaat und Unterprivilegierte lustig. Auf einen Shitstorm wartete er jedoch vergeblich. Solche Themen &bdquo;triggern&ldquo; die jungen, hippen Twitter-Tugendw&auml;chter offenbar nicht. Da kam die Ikone der Klimaproteste nat&uuml;rlich wie gerufen. Ein Druck auf den Greta-Knopf und die Pawlowschen Hunde in den Netzwerken geiferten und generierten Aufmerksamkeit &ndash; f&uuml;r sich und f&uuml;r Nuhr. Eine Win-Win-Situation; nur die Debattenkultur kommt dabei zusehends unter die R&auml;der. <\/p><p>Erstaunlich ist, dass diese Emp&ouml;rungsrituale sehr selektiv sind. Auff&auml;llig viele Tugendw&auml;chter, die Jan B&ouml;hmermanns Schm&auml;hgedicht (&bdquo;Ziegenficker&ldquo;) f&uuml;r Erdogan unter Verweis auf die Meinungsfreiheit verteidigten, sind vor Emp&ouml;rung vollkommen aus dem H&auml;uschen, wenn ein Dieter Nuhr oder nun ein J&uuml;rgen von der Lippe es sich anma&szlig;en, einen Witz &uuml;ber Greta zu machen und geh&ouml;rten auch zu denen, die lautstark <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56954\">gegen den Kabarettisten Uwe Steimle<\/a> polterten. Offenbar gilt die Meinungsfreiheit nur f&uuml;r die &bdquo;richtigen&ldquo; Meinungen. Man fordert f&uuml;r sich Toleranz ein, ist aber selbst intolerant. <\/p><p>Hand aufs Herz: Ist es wirklich so dramatisch, wenn Dieter Nuhr seine d&auml;mlichen Witzchen macht? Ist es relevant, was ein J&uuml;rgen von der Lippe &uuml;ber #MeToo und Greta denkt? An der K&uuml;ste sagt man: Auf jedem Schiff, das schwimmt und schwabbelt, ist einer drauf, der d&auml;mlich sabbelt! Warum sollte es bei den &bdquo;Promis&ldquo; anders sein? Gibt es nichts Wichtigeres, &uuml;ber das man sich emp&ouml;ren k&ouml;nnte? Deutschland hat Fips Asmussen, Bernd Stelter und Mario Barth &uuml;berlebt und wird sicher auch einen Dieter Nuhr &uuml;berleben. Zum Gl&uuml;ck gibt es ja auch noch richtig gutes Kabarett.<\/p><p>Titelbild: VRDII\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/00ec30b6adf041d59916ab0ae4da6fb3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Darf man der Meinung sein, dass Greta nervt? Darf man &uuml;ber die Folgen der #MeToo-Bewegung Witze machen? Zumindest wenn es nach dem selbsternannten Korrektiv der zeitgen&ouml;ssischen Diskurskultur, also dem Twitter-Mainstream, geht, muss man diese Fragen wohl verneinen. 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