{"id":58142,"date":"2020-02-02T11:45:00","date_gmt":"2020-02-02T10:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58142"},"modified":"2020-02-03T07:40:14","modified_gmt":"2020-02-03T06:40:14","slug":"deutschland-ein-wirtschaftsmaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58142","title":{"rendered":"\u201eDeutschland, ein Wirtschaftsm\u00e4rchen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die &bdquo;taz&ldquo;-Redakteurin <strong>Ulrike Herrmann<\/strong> schreibt eine Wirtschaftsgeschichte zur Bundesrepublik von den Anf&auml;ngen bis heute und kommt dabei komplett ohne Angela Merkel aus. Bundeskanzler scheint noch immer Ludwig Erhard zu sein. Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSchon seit Jahren ist die &bdquo;taz&ldquo;-Redakteurin Ulrike Herrmann Stammgast in Talkrunden wie dem ARD-Presseclub, &bdquo;Menschen bei Maischberger&ldquo; oder &bdquo;Anne Will&ldquo;. Ihr neues Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/deutschland-ein-wirtschaftsmaerchen\/#book-author\">Deutschland, ein Wirtschaftsm&auml;rchen<\/a>&ldquo; war dem ARD-Kulturmagazin &bdquo;ttt &ndash; titel, thesen, temperamente&ldquo; gar einen eigenen Filmbeitrag wert. Kurz nach Erscheinen erklomm das Buch dann Platz eins der Rangliste der meistverkauften deutschen Wirtschaftsb&uuml;cher. So viel Aufmerksamkeit und Ehr&acute; wird kaum einem anderen linken Wirtschaftsjournalisten zuteil. Grund genug also, sich Herrmanns neues Buch einmal n&auml;her anzuschauen.<\/p><p><strong>Die bundesdeutschen Wirtschaftsmythen<\/strong><\/p><p>2019 gab es f&uuml;r die Deutschen gleich mehrere Jubil&auml;en zu feiern: 70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre Fall der Mauer, 20 Jahre Euro. Die Historikerin Herrmann nahm dies zum Anlass, noch einmal auf die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik zur&uuml;ckzublicken und dabei mit all jenen Mythen aufzur&auml;umen, die bis heute die bundesdeutsche Wirtschaftspolitik leiten &ndash; und oft auch &bdquo;in die Irre&ldquo; leiten, wie sie meint. Dies w&auml;ren zum Beispiel das Wirtschaftswunder, Ludwig Erhard, die soziale Marktwirtschaft, die D-Mark, die Bundesbank, die Exportweltmeisterschaft, die Agenda 2010, die Riester-Rente oder auch Deutschlands Rolle im Euroraum. &bdquo;Den Legenden kann aber nur widersprechen, wer wei&szlig;, was wirklich geschah&ldquo;, meint Herrmann. (S.9)<\/p><p>Und die Legendenbildung reicht weit zur&uuml;ck. So h&auml;lt sich bis heute hartn&auml;ckig der Glaube, dass Ludwig Erhard die D-Mark eingef&uuml;hrt hat und auch f&uuml;r das Wirtschaftswunder verantwortlich war. &bdquo;In diesem Heldennarrativ ist Erhard ein &uuml;berragender &Ouml;konom und Staatsmann, der Deutschland aus tiefster Not errettet hat&ldquo;, schreibt Herrmann. (S.36) Doch nichts von dem ist wahr, meint sie. Erhard ist nicht der Architekt der D-Mark; vielmehr war es der junge US-Verbindungsoffizier Edward A. Tenenbaum, der am &bdquo;Konklave von Rothwesten&ldquo; den W&auml;hrungsplan der Amerikaner durchsetzte. &Auml;hnlich sah es beim Wirtschaftswunder aus. &bdquo;Der starke Aufschwung war nur durch den Marshallplan, die Europ&auml;ische Zahlungsunion und den gemeinsamen Markt m&ouml;glich&ldquo;, schreibt Herrmann weiter. (S.102) &bdquo;Mit Erhard hatte dieses &acute;Wunder&acute; nichts zu tun.&ldquo; (S.44)<\/p><p><strong>Der Selbstdarsteller Ludwig Erhard<\/strong><\/p><p>Schnell wird deutlich, Herrmann hat vor allem Ludwig Erhard im Visier. Dem ersten bundesdeutschen Wirtschaftsminister und sp&auml;teren Bundeskanzler hat sie sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. &bdquo;Ludwig Erhard: Ein talentierter Selbstdarsteller&ldquo;, hei&szlig;t es. Und Herrmanns Urteil f&auml;llt geradezu vernichtend aus. &bdquo;Erhard war jedoch nicht nur ein Opportunist und L&uuml;gner, sondern auch ein &uuml;beraus naiver &Ouml;konom.&ldquo; (S.10) Das Interessante dabei; Herrmann setzt sich auch intensiv mit Erhards Rolle w&auml;hrend der Nazi-Herrschaft auseinander. Demnach hat Erhard nicht nur vom NS-Regime profitiert, sondern sich nach dem Krieg auch noch eine Biografie als Widerstandsk&auml;mpfer zugelegt &ndash; der er aber mitnichten war.<\/p><p>Ironie des Schicksals war es dann, dass Erhard sp&auml;ter als Bundeskanzler von einer Institution zu Fall gebracht wurde, die von Herrmann ebenfalls in die Mangel genommen wird: die Bundesbank. &bdquo;Bis heute wird das M&auml;rchen erz&auml;hlt, dass die Bundesbank f&uuml;r Stabilit&auml;t gesorgt h&auml;tte. In Wahrheit haben die Frankfurter Notenbanker mehrfach schwere Wirtschaftskrisen ausgel&ouml;st, indem sie die Zinsen nach oben trieben und Kredite abstrus verteuerten.&ldquo; (S.11) Unter anderem hatte die Bundesbank Mitte der sechziger Jahre die Zinsen drastisch erh&ouml;ht und damit die erste Rezession der Nachkriegszeit mit rund 500.000 Arbeitslosen erzeugt. Nicht aber die Bundesbank wurde daf&uuml;r kritisiert, vielmehr machte man Erhard f&uuml;r die Krise verantwortlich. &bdquo;Eben noch war er der verehrte &acute;Vater des Wirtschaftswunders&acute; gewesen, jetzt wurde er brutal von seinem Sockel gesto&szlig;en&ldquo;, schreibt Herrmann. (S.139)<\/p><p><strong>Das Ruhrgebiet versinkt in einem giftigen See<\/strong><\/p><p>Die Aufarbeitung der historischen Ereignisse ist Herrmann gut gelungen, so etwa die Anf&auml;nge der Europ&auml;ischen Union in den f&uuml;nfziger Jahren oder auch der Zusammenbruch des Weltw&auml;hrungssystems von Bretton Woods, in das die D-Mark bis Anfang der siebziger Jahre eingebunden war. Auch hat sie das Wegbrechen der Textilindustrie und die Krise des Bergbaus anschaulich beschrieben: &bdquo;Irgendwann wird das Ruhrgebiet in einem giftigen See versinken.&ldquo; (S.129) Und nicht zuletzt gibt es ein Kapitel &uuml;ber die Planwirtschaft der DDR, in dem der SED-Funktion&auml;r Fritz Selbmann die &Uuml;berzeugung &auml;u&szlig;ern darf, den &bdquo;Kapitalismus in der Produktion von Fleisch und Fett&ldquo; doch noch &uuml;berholen zu k&ouml;nnen. (S.178)<\/p><p>Wer die deutsche Wirtschaftsgeschichte seit der Wiedervereinigung aufmerksam verfolgt hat, der wird in den hinteren Kapiteln zwar nicht viel Neues finden, gleichwohl aber ist auch deren Lekt&uuml;re unterhaltsam. Denn der Leser bekommt hier noch einmal geballt die wirtschaftspolitischen Absurdit&auml;ten der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte vor Augen gef&uuml;hrt, etwa die Steuersenkungsorgie f&uuml;r Reiche unter Rot-Gr&uuml;n, die &bdquo;Verarmungspolitik&ldquo; der Agenda 2010 oder auch die Riester-Rente. &bdquo;Rot-Gr&uuml;n k&uuml;mmerte sich also um ein Problem, das es eigentlich gar nicht gab und das zudem weit jenseits der eigenen Legislaturperiode stattfinden sollte&ldquo;, schreibt Herrmann mit Blick auf die Riester-Rente. (S.214)<\/p><p><strong>Das Kapitel &acute;soziale Marktwirtschaft&acute; steht auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en<\/strong><\/p><p>Der an sich positive Eindruck des Buchs wird allerdings durch einige gr&ouml;&szlig;ere und kleinere sachliche Fehler geschm&auml;lert. Besonders gravierend wirken sich diese im Kapitel zur sozialen Marktwirtschaft aus. Denn gleich zu Beginn liefert Herrmann hier eine falsche Begriffsdefinition. So schreibt sie: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die &acute;soziale Marktwirtschaft&acute; strebte n&auml;mlich mitnichten eine ausgebaute Sozialpolitik an, sondern behauptete im Gegenteil, dass der freie Markt an sich schon sozial sei. Man m&uuml;sste nur f&uuml;r ungehinderten Wettbewerb sorgen und schon sei der &acute;Wohlstand f&uuml;r alle&acute; garantiert. Die Idee war: Der Markt hat immer Recht. Das Prinzip der Konkurrenz w&uuml;rde faire und niedrige Preise erzwingen, von denen auch der kleine Mann profitiert. Sozialpolitik w&auml;re daher &uuml;berfl&uuml;ssig und sogar sch&auml;dlich, weil sie die postulierte Harmonie der Marktkr&auml;fte nur st&ouml;ren w&uuml;rde.&ldquo; (S. 104)\n<\/p><\/blockquote><p>Das, was Herrmann hier beschreibt, ist keine soziale Marktwirtschaft, sondern eine libert&auml;re Haltung, wie sie etwa die marktradikale Chicago School vertritt. Zwar glaubt die soziale Marktwirtschaft auch an die Segnungen des Marktes; von den Ordoliberalen um Walter Eucken &uuml;bernahm sie etwa die Vorstellung, dass die &bdquo;beste Sozialpolitik eine konsequente Wirtschaftsordnungspolitik ist&ldquo;, in deren Zentrum ein starker Staat zu stehen hat, der Kartelle und Monopole konsequent bek&auml;mpft und damit verhindert, dass sich der Wettbewerb selbst zerst&ouml;rt. Insofern f&auml;llt im Leitbild der sozialen Marktwirtschaft der Wettbewerbsgesetzgebung eine zentrale Rolle zu.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus erkennt sie aber durchaus noch weiteren sozialpolitischen Handlungsbedarf an. Der geistige Vater der sozialen Marktwirtschaft, der K&ouml;lner National&ouml;konom Alfred M&uuml;ller-Armack, etwa sprach davon, &bdquo;das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden&ldquo;. Die Formulierung ist zwar etwas nebul&ouml;s, heute gelten aber die Ideen der Sozialpartnerschaft sowie die soziale Absicherung gegen Lebensrisiken wie Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit als elementare Bestandteile der sozialen Marktwirtschaft. Von alldem ist bei Herrmann jedoch keine Rede. Insofern steht das ganze Kapitel 5 auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en. Behauptungen wie &bdquo;Erhards &acute;soziale Marktwirtschaft&acute; war nicht sozial und auch keine Marktwirtschaft&ldquo; kommen vielleicht besonders schmissig r&uuml;ber, sind aber schlichtweg falsch.<\/p><p><strong>Die Bundeskanzler in der Kritik<\/strong><\/p><p>Bemerkenswert ist zudem, dass Herrmann mehr oder weniger alle Bundeskanzler einer kritischen W&uuml;rdigung unterzieht. Gerhard Schr&ouml;der bezichtigte sie etwa &bdquo;des Verrats am eigenen Parteiprogramm&ldquo;, nat&uuml;rlich wegen der Agenda 2010. Willy Brandt habe&nbsp;hingegen&nbsp;nichts von &Ouml;konomie verstanden. Hier plappert Herrmann leider nur nach, was zahlreiche andere Journalisten&nbsp;vorgeplappert haben.&nbsp;Albrecht M&uuml;ller hatte sich mit&nbsp;diesem konkreten Fall der Meinungsmache in seinem gleichnamigen Buch bereits <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/130506_mm_kapitel_6.pdf\">auseinandergesetzt<\/a>. Relativ gut kommt hingegen Konrad Adenauer weg. &bdquo;Der erste Bundeskanzler hat die westdeutsche Wirtschaftsordnung bleibend gepr&auml;gt: Er forcierte die Europ&auml;ische Integration und setzte die Rentenreform von 1957 durch. Adenauer war der wohl wichtigste Wirtschaftspolitiker, den Deutschland je hatte.&ldquo; Und selbst Helmut Kohl wird wohlwollend erw&auml;hnt, weil er den Rat der Bundesbank ignorierte, als er die deutsche W&auml;hrungsunion vorantrieb.<\/p><p>Die scharfe Kritik an Ludwig Erhard, die sich im Grunde durch das gesamte Buch zieht, ist zwar durchaus berechtigt, (auch Erhard-Biograph Volker Hentschel beschreibt den fr&uuml;heren Wirtschaftsminister als allenfalls mittelm&auml;&szlig;igen &Ouml;konomen mit Hang zur Selbstdarstellung), am Ende aber wirken Herrmanns st&auml;ndige Angriffe dann doch etwas &uuml;bersteigert. Im Schlusswort etwa schreibt sie: &bdquo;Erhard wird heute zitiert, als sei er ein harmloses Maskottchen, das jedem Parteiprogramm Gl&uuml;ck bringt. Auch Linke und Gr&uuml;ne haben den angeblichen &acute;Vater der sozialen Marktwirtschaft&acute; f&uuml;r sich entdeckt. Es wird verkannt, wie gef&auml;hrlich seine Konzepte sind.&ldquo; Und weiter hei&szlig;t es: &bdquo;Erhards Konzepte waren immer falsch, aber in den n&auml;chsten Jahren k&ouml;nnten sie die Zukunft kosten.&ldquo; (S. 251)<\/p><p><strong>Alle Bundeskanzler in der Kritik?<\/strong><\/p><p>Das sind dramatische Worte, und sie klingen gerade so, als sei Erhard heute noch an der Macht&hellip; dabei&hellip; Moment mal! Wer ist denn heute eigentlich an der Macht?! Ach ja, richtig, das ist ja Angela Merkel!!! Angela Merkel kommt in dem ganzen Buch aber gar nicht vor, und dies obwohl die letzten beiden Kapitel zur Finanz- und Eurokrise in ihre Amtszeit fallen. Dort tritt sie aber nur an einer einzigen Stelle auf, n&auml;mlich als sie 2008 verk&uuml;ndet, dass die Einlagen der Sparer sicher sind. Selbst Kurt Georg Kiesinger, der die gro&szlig;e Koalition von 1966 bis 1969 anf&uuml;hrte, wird &ouml;fter in dem Buch erw&auml;hnt. Einen Beitrag Angela Merkels zur bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte hat es, zumindest wenn man Herrmanns Buch hernimmt, nicht gegeben.<\/p><p>An dieser Stelle h&auml;tte man dann doch gerne einmal gewusst, wieso die Frau, die seit 14 Jahren Bundeskanzlerin ist, in der Euro- und Griechenlandkrise eine ma&szlig;gebliche Rolle gespielt hat und au&szlig;erdem f&uuml;r Austerit&auml;t (&bdquo;schw&auml;bische Hausfrau&ldquo;) und exorbitante Export&uuml;bersch&uuml;sse steht, hier von einer kritischen W&uuml;rdigung komplett verschont bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &bdquo;taz&ldquo;-Redakteurin <strong>Ulrike Herrmann<\/strong> schreibt eine Wirtschaftsgeschichte zur Bundesrepublik von den Anf&auml;ngen bis heute und kommt dabei komplett ohne Angela Merkel aus. Bundeskanzler scheint noch immer Ludwig Erhard zu sein. 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