{"id":58229,"date":"2020-02-04T11:46:56","date_gmt":"2020-02-04T10:46:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58229"},"modified":"2020-02-04T13:53:41","modified_gmt":"2020-02-04T12:53:41","slug":"debatte-um-lebensmittelpreise-scheinheilig-und-zynisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58229","title":{"rendered":"Debatte um Lebensmittelpreise \u2013 scheinheilig und zynisch"},"content":{"rendered":"<p>Fleisch- und Milchprodukte sind in deutschen Superm&auml;rkten billig &ndash; zu billig, wie zahlreiche Stimmen aus Politik, Gesellschaft und insbesondere der Bauernschaft immer wieder feststellen. Die Kollateralsch&auml;den der Dumpingpreise sind Umweltsch&auml;den, Nitrate im Grundwasser, schlechte L&ouml;hne und nat&uuml;rlich nur noch katastrophal zu nennende Tierwohlbedingungen. All dies ist Fakt, jedoch w&uuml;rde ein h&ouml;herer Preis an diesen negativen Rahmenbedingungen monokausal erst einmal gar nichts &auml;ndern. Geradezu zynisch ist zudem, wie Politik und Handel nun die Armut instrumentalisieren, um den Status Quo zu verteidigen. Zeit f&uuml;r ein grunds&auml;tzliches Umdenken. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6563\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-58229-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200204_Debatte_um_Lebensmittelpreise_scheinheilig_und_zynisch_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200204_Debatte_um_Lebensmittelpreise_scheinheilig_und_zynisch_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200204_Debatte_um_Lebensmittelpreise_scheinheilig_und_zynisch_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200204_Debatte_um_Lebensmittelpreise_scheinheilig_und_zynisch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=58229-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200204_Debatte_um_Lebensmittelpreise_scheinheilig_und_zynisch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200204_Debatte_um_Lebensmittelpreise_scheinheilig_und_zynisch_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&bdquo;In Deutschland leben rund 13 Millionen Menschen in Armut oder an der Armutsgrenze. G&uuml;nstige Lebensmittelpreise erm&ouml;glichen diesen Menschen eine gesunde und sichere Ern&auml;hrung. Das wollen und werden wir als Lebensmittelh&auml;ndler auch in Zukunft sicherstellen&ldquo;, so der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/unternehmen\/2020-02\/supermarkt-gipfel-rewe-chef-lionel-souque-niedrige-lebensmittelpreise\">Rewe-Chef Lionel Souque<\/a>. Sozialpolitik vom Discounter? Das ist schon einigerma&szlig;en grotesk. Demnach sind also die armen Menschen in Deutschland daf&uuml;r verantwortlich, dass viel zu viele Lebensmittel unter den genannten negativen Begleiterscheinungen produziert und vermarktet werden. Gleichzeitig instrumentalisiert man damit Armut als Ausrede f&uuml;r den Missbrauch der Marktmacht der gro&szlig;en Handelskonzerne, die ihrerseits den Bauern Dumpingpreise abpressen, zu denen nun einmal &ouml;konomisch gar keine verantwortungsbewusste Produktion der Lebensmittel m&ouml;glich ist. <\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51572\">Wie schon bei der Klimadebatte wird die Soziale Frage einmal mehr<\/a> als Totschlagargument ins Feld gef&uuml;hrt &ndash; diesmal gegen eine nachhaltigere Agrarpolitik und das Tierwohl. Die naheliegende Alternative wird dabei von den &uuml;blichen Verd&auml;chtigen aus der Politik noch nicht einmal angedacht. Wenn Produkte aus nachhaltiger Produktion an der Ladentheke teurer sind, dann m&uuml;ssen die damit verbundenen Effekte auf die Lebenshaltungskosten nat&uuml;rlich auch in den vom Staat festgelegten S&auml;tzen ber&uuml;cksichtigt werden. Dann muss halt der Regelsatz f&uuml;r Hartz IV, die Grundrente und der Mindestlohn steigen, so dass jeder Verbraucher sich gesund, nachhaltig und mit gutem Gewissen ern&auml;hren kann und die Kollateralsch&auml;den der Agrarindustrie sich minimieren lassen. Den Schwarzen Peter f&uuml;r politische Vers&auml;umnisse einfach den Bed&uuml;rftigen und Niedrigl&ouml;hnern zuzuschieben, die ja ihrerseits ebenfalls ein Produkt politischer Fehler und Vers&auml;umnisse sind, ist ein gesellschaftliches Armutszeugnis.<\/p><p><strong>Teurer ist nicht automatisch gleich besser<\/strong><\/p><p>Diese Fragen spielen beim eilends einberufenen &bdquo;Supermarktgipfel&ldquo; der Kanzlerin jedoch erwartungsgem&auml;&szlig; keine Rolle. Dort geht es nicht um die Soziale Frage und auch nicht um die Kollateralsch&auml;den, sondern um den Preis. Man ist sich vom Bauern bis zum taz-Redakteur offenbar darin einig, dass Agrarprodukte an der Supermarktkasse zu billig sind. Auch das ist grotesk. Aldi, Lidl, Rewe und Co. k&ouml;nnten auch die Preise erh&ouml;hen, ohne dass dies direkte Auswirkungen auf die Produktionsbedingungen hat. Schon heute sind die Margen bei diesen Produkten oftmals verschwindend gering. Discounter und Superm&auml;rkte verzichten bei diesen Produkten sogar h&auml;ufig auf Margen und nutzen Aktionsangebote, um die Kunden in den Markt zu locken und dann &uuml;ber die h&ouml;heren Margen der anderen verkauften Produkte Renditen zu erzielen. Wenn diese M&ouml;glichkeit &ndash; wie beispielsweise durch Gesetze wie neuerdings <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/lebensmittel-preise-frankreich-101.html\">in Frankreich<\/a> &ndash; wegfallen sollte, steigen zwar die Supermarktpreise f&uuml;r Milch, Fleisch und Co. &ndash; an den Einkaufspreisen und den Kollateralsch&auml;den &auml;ndert sich dadurch jedoch erst einmal gar nichts. <\/p><p>Viele Agrarprodukte sind n&auml;mlich nicht zu billig, sondern vor allem zu schlecht; schlecht im Sinne der Qualit&auml;t und vor allem schlecht im Sinne der Nachhaltigkeit. Leider ist der Preis jedoch in sehr vielen F&auml;llen kein geeigneter Indikator f&uuml;r Qualit&auml;t und Nachhaltigkeit, ein teureres Produkt ist nicht automatisch besser oder nachhaltiger. Das macht es vor allem der gar nicht mal so kleinen Zahl von Konsumenten schwer, die gerne gezielt qualitative und nachhaltige Produkte kaufen w&uuml;rden. Hier sind Handel und vor allem die Politik gefragt, neue Konzepte auf den Tisch zu legen. Eine &Uuml;berarbeitung des Tierwohllabels und eine Ausweitung dieses Labels auf alle Produkte mit tierischen Bestandteilen, wie beispielsweise Wurst- und Milchprodukte und vor allem Halbfertig- und Fertigprodukte, w&auml;re ein m&ouml;glicher Ansatz. <\/p><p>Es ist ja richtig, dass viele Kunden f&uuml;r Lebensmittel nicht mehr bezahlen k&ouml;nnen; viele Kunden w&uuml;rden jedoch auch gerne mehr bezahlen, wissen aber nicht wof&uuml;r und ob der Mehrpreis auch wirklich mit einer besseren Qualit&auml;t und Nachhaltigkeit einhergeht. Einfach nur h&ouml;here Lebensmittelpreise zu fordern und dann zu denken, dass sich Qualit&auml;t und Nachhaltigkeit der Produkte schon verbessern wird, ist naiv und nicht sonderlich hilfreich. <\/p><p><strong>Ein Umdenken beim Verbraucher ist n&ouml;tig<\/strong><\/p><p>Auch wenn Handel und Politik die Schuld gerne auf einkommensschwache Konsumenten abw&auml;lzen und sie f&uuml;r die Dumpingpreise instrumentalisieren; es sind ja beileibe nicht nur Einkommensschwache, die zuschlagen, wenn es Nackensteaks f&uuml;r 2,99 Euro das Kilo gibt oder die Milch mal wieder zu Dumpingpreisen verh&ouml;kert wird. Leider haben die Deutschen &ndash; vor allem im Vergleich zu unseren europ&auml;ischen Nachbarn &ndash; vielfach nur sehr geringe qualitative Anspr&uuml;che an Lebensmittel. Da wird dann in der Neubausiedlung das T&ouml;nnies-Discount-Nackensteak vom Lidl auf den 1.000 Euro teuren Weber-Grill geworfen. <\/p><p>Eine befreundete Gro&szlig;handelskauffrau aus der Lebensmittelbranche sagte mir mal, dass die obersten Qualit&auml;ten f&uuml;r Obst auf dem deutschen Markt gar nicht mehr erh&auml;ltlich sind, da es hierzulande abseits kleiner Fachgesch&auml;fte &uuml;berhaupt keinen Markt daf&uuml;r gibt. &bdquo;Wer gibt schon 6 Euro f&uuml;r eine Ananas aus?&ldquo; Im internationalen Kaffeegro&szlig;handel gibt es angeblich sogar den Begriff &bdquo;German Quality&ldquo; f&uuml;r Arabica-Kaffeebohnen, die zwar in gro&szlig;en Mengen lieferbar, aber von der Qualit&auml;t her f&uuml;r andere M&auml;rkte schlichtweg zu schlecht und damit spottbillig sind. Und wer einmal die Superm&auml;rkte in unseren Nachbarl&auml;ndern durchst&ouml;bert, wei&szlig;, wie gro&szlig; die Qualit&auml;tsunterschiede h&auml;ufig sind. Soziale Frage hin, Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit her &ndash; wenn wir nicht lernen, die Qualit&auml;t von Lebensmitteln besser zu sch&auml;tzen, sieht es mit der w&uuml;nschenswerten Verbesserung des Lebensmittelangebots nicht gerade rosig aus. Denn wo keine Nachfrage ist, ist auch kein Angebot. Hier sind Politik, Handel und Verbraucher gefragt. <\/p><p>Titelbild: Angelo Cordeschi\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/876f97ba8b1f4fd1949e6e1c3b30877d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fleisch- und Milchprodukte sind in deutschen Superm&auml;rkten billig &ndash; zu billig, wie zahlreiche Stimmen aus Politik, Gesellschaft und insbesondere der Bauernschaft immer wieder feststellen. 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