{"id":58306,"date":"2020-02-07T09:48:56","date_gmt":"2020-02-07T08:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58306"},"modified":"2020-02-07T10:42:37","modified_gmt":"2020-02-07T09:42:37","slug":"dieses-buch-ist-eine-abrechnung-mit-der-gluecksindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58306","title":{"rendered":"\u201eDieses Buch ist eine Abrechnung mit der Gl\u00fccksindustrie\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Gl&uuml;ck boomt. Seit den neunziger Jahren explodiert die Zahl der Gl&uuml;cksseminare und Gl&uuml;cksratgeber. In den Medien werden immer wieder gerne Experten zu Fragen von Gesundheit, Sinnfindung, Selbstverwirklichung usw. interviewt. Der Grundtenor: Es liegt in der Verantwortung des einzelnen Menschen, ob er gl&uuml;cklich wird oder nicht. Die international renommierte Soziologin Eva Illouz hat jetzt zusammen mit dem Psychologen Edgar Cabanas ein interessantes Buch &uuml;ber die Gl&uuml;cksindustrie vorgelegt. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> hat es f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Sind Sie schon gl&uuml;cklich oder arbeiten Sie noch daran?<\/strong><\/p><p><strong>Eine Rezension von Udo Brandes<\/strong><\/p><p>Kennen Sie den Film &bdquo;Das Streben nach Gl&uuml;ck&ldquo; mit dem Hollywoodschauspieler Will Smith in der Hauptrolle? Der Film beruht auf den Memoiren von Christoph Gardner, einem afroamerikanischen Handelsvertreter aus der unteren Mittelschicht. Gardner hat sich aus sehr &auml;rmlichen Verh&auml;ltnissen zum erfolgreichen Gesch&auml;ftsmann, B&ouml;rsenmakler und Motivationsredner hochgearbeitet. Und das, obwohl seine Lage zun&auml;chst wirklich schlecht war. Seine Frau ist im Film eine ewige N&ouml;rglerin und Pessimistin. Sie h&auml;lt Gardners Optimismus und seine Karrierepl&auml;ne (er will B&ouml;rsenmakler werden) f&uuml;r absurde Spinnereien. Und verl&auml;sst dann schlie&szlig;lich ihren Mann und ihren Sohn zu einem Zeitpunkt, als es f&uuml;r die Familie scheinbar nicht mehr schlimmer kommen kann. Gardner muss nun seinen Sohn allein aufziehen. Aber ohne die finanzielle Unterst&uuml;tzung seiner Frau ist dies praktisch unm&ouml;glich. Er und sein Sohn fliegen erst aus der Wohnung, dann aus einem Motel und m&uuml;ssen schlie&szlig;lich in einer Obdachlosenunterkunft Zuflucht suchen. Und trotzdem bleibt Gardner optimistisch. Arbeitet in zwei Jobs Tag und Nacht, b&uuml;ffelt f&uuml;r die Abschlusspr&uuml;fung seines Ausbildungsprogramms zum B&ouml;rsenmakler und k&uuml;mmert sich liebevoll um seinen Sohn. Diesem sagt er in einer Szene des Films: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Lass dir von niemanden je einreden, dass du was nicht kannst. (&hellip;) Wenn du einen Traum hast, musst du ihn besch&uuml;tzen. Wenn du etwas willst, dann mach es. Basta&ldquo; (S.10).\n<\/p><\/blockquote><p>Und tats&auml;chlich: Gardner geh&ouml;rt zu den besten Absolventen seines Ausbildungsprogramms und bekommt schlie&szlig;lich seinen Traumjob als B&ouml;rsenmakler. Und alles wird gut. <\/p><p>Der Film lief vor einiger Zeit im Fernsehen. Ich schaute ihn mir erwartungsvoll an, weil ich glaubte, er w&uuml;rde philosophische Fragen unterhaltsam und interessant behandeln. Meine Erwartungen wurden grundlegend entt&auml;uscht. Die Ideologie des Films: Gl&uuml;ck, Ungl&uuml;ck, Arbeitslosigkeit, Armut, Leid und Krankheit sind eine Frage der Wahl. Mit anderen Worten: Jeder kann sich selbst aussuchen, ob er ein ungl&uuml;cklicher oder gl&uuml;cklicher Mensch wird. Weil dies von seiner Einstellung und seinem Verhalten abh&auml;ngt. Also von selbst gew&auml;hlten Faktoren. <\/p><p>Ich war auch gepl&auml;ttet, weil ich kaum glauben konnte, dass K&uuml;nstler wie Will Smith sich f&uuml;r so eine hochideologische und l&auml;cherliche &bdquo;Vom Tellerw&auml;scher zum Million&auml;r&ldquo;- Geschichte einspannen lie&szlig;en. Aber Hollywood ist eben eine Industrie, und auch K&uuml;nstler wollen &bdquo;Geld machen&ldquo;. Wobei man hinzuf&uuml;gen muss, dass der Hollywoodstar Will Smith mit diesem Film wohl nicht seine Seele verkaufen musste. Er scheint tats&auml;chlich so wie Gardner zu denken. Er sagte zum Film dies: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Was Amerika verspricht, ist eine so gro&szlig;artige Idee, weil es das einzige Land ist, in dem Chris Gardner existieren k&ouml;nnte&ldquo; (S. 12).\n<\/p><\/blockquote><p>Er erw&auml;hnte allerdings nicht, dass Christoph Gardner der absolute statistische Ausnahmefall in den USA ist. Und dass f&uuml;r die Mehrheit der US-Bev&ouml;lkerung Wohlstand und sozialer Aufstieg niemals m&ouml;glich sein wird. <\/p><p>Trotz dieses offensichtlichen Widerspruchs zwischen der Ideologie des Films und der sozialen Wirklichkeit in den USA wurde der Film ein weltweiter Kassenerfolg und spielte 307 Millionen US-Dollar ein. Genau deshalb beginnen die international bekannte israelische Soziologin Eva Illouz und der spanische Psychologe Edgar Cabanas ihr Buch &bdquo;Das Gl&uuml;cksdiktat und wie es unser Leben beherrscht&ldquo; mit diesem Film:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der weltweite Erfolg des Films zeigt deutlich, welchen Raum das Ideal des Gl&uuml;cks und das Streben nach Gl&uuml;ck in unserem Leben einnimmt. Das Gl&uuml;ck ist allgegenw&auml;rtig: im Fernsehen, im Radio, in B&uuml;chern und Zeitschriften, im Fitnessstudio, beim Essen und in Ern&auml;hrungsratgebern, im Krankenhaus, bei der Arbeit, im Krieg, in Schulen und Universit&auml;ten, in der Technologie, im Internet, auf dem Sportplatz, zu Hause, in der Politik und nat&uuml;rlich in den Regalen der Gesch&auml;fte&ldquo; (S.10).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Statt Gehorsam Arbeit am Selbst<\/strong><\/p><p>Das Buch ist eine Abrechnung mit der Gl&uuml;cksindustrie. Die Autoren belegen ihre Kritik an der von dem amerikanischen Psychologen Martin Seligman begr&uuml;ndeten Positiven Psychologie und der darauf fu&szlig;enden &bdquo;Gl&uuml;cksforschung&ldquo; vielf&auml;ltig und mit sehr guten Argumenten. Ihr vernichtendes Urteil: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Um es freiheraus zu sagen: Die Gl&uuml;cksforschung ist eine Pseudowissenschaft, deren Postulate und Logik sich durchweg als fehlerhaft erweisen. Der pragmatische Philosoph Charles Peirce hat einmal gesagt, eine Argumentationskette sei nur so stark, wie ihr schw&auml;chstes Glied; die Gl&uuml;ckswissenschaft jedoch st&uuml;tzt sich auf zahllose Annahmen, die jeder Grundlage entbehren&ldquo; (S. 17).\n<\/p><\/blockquote><p>Weiter kritisieren sie, was &bdquo;Gl&uuml;cksforscher&ldquo; predigen, sei ein m&auml;chtiges Instrument f&uuml;r Organisationen und Institutionen, um sich &bdquo;gehorsame Arbeitnehmer, Soldaten und B&uuml;rger schmieden zu k&ouml;nnen&ldquo;. W&auml;hrend im 18. und 19. Jahrhundert der Anspruch auf individuelles Gl&uuml;ck noch auf eine &Uuml;berwindung der bestehenden Verh&auml;ltnisse abzielte, sei es heute genau umgekehrt: Heute sei das Streben nach Gl&uuml;ck &bdquo;ein Werkzeug im Dienst der zeitgen&ouml;ssischen Macht&ldquo;. Was fr&uuml;her der Gehorsam gewesen sei, sei heute die &bdquo;Arbeit am Selbst&ldquo; (alle Zitate S. 203).<\/p><p><strong>Geradezu eine Einladung f&uuml;r Politiker zum Nichtstun<\/strong><\/p><p>Wieso misstrauen die Autoren der Positiven Psychologie und Gl&uuml;cksforschung? Dazu einige Beispiele: Die Positive Psychologie behauptet, dass das menschliche Gl&uuml;ck zu 50 Prozent von der Genetik abh&auml;nge und zu 40 Prozent von willensm&auml;&szlig;igen, kognitiven und emotionalen Faktoren. &Auml;u&szlig;ere Faktoren wie Einkommen, Bildungsniveau und sozialer Status aber w&uuml;rden das pers&ouml;nliche Gl&uuml;ck nur zu 10 Prozent beeinflussen. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diesem Rezept zufolge ist, um gl&uuml;cklicher zu werden, nichts so wirkungsvoll, wie das allt&auml;gliche Denken, F&uuml;hlen und Verhalten zu &auml;ndern&ldquo; (S.73),\n<\/p><\/blockquote><p>kritisieren die Autoren zu Recht. Denn es w&uuml;rde darauf hinauslaufen, dass ein Obdachloser nicht deshalb ungl&uuml;cklich ist, weil er keine Wohnung hat und gezwungen ist, auch bei Minusgraden im U-Bahnhof zu &uuml;bernachten, sondern weil er falsch denkt und f&uuml;hlt &ndash; also die falsche Einstellung hat. Diese Ideen der Positiven Psychologie und Gl&uuml;cksforschung sind geradezu eine Einladung f&uuml;r Politiker, nichts gegen soziale Missst&auml;nde zu tun. So verwundert es auch nicht, dass Martin Seligman, dem Begr&uuml;nder der Positiven Psychologie und Gl&uuml;cksforschung, nach eigenen Aussagen die Forschungsgelder nur so zuflogen. 2002 verf&uuml;gte er f&uuml;r seine Forschungsprojekte &uuml;ber 37 Millionen Dollar. Illouz und Cabanas sehen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dessen Positiver Psychologie und der Gl&uuml;cksforschung und der neoliberalen Ideologie:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auff&auml;llig ist in diesem Zusammenhang, dass die wissenschaftliche Behandlung des Gl&uuml;cks und die Gl&uuml;cksindustrie, die um sie herum entstanden ist und gedeiht, ganz erheblich dazu beitragen, die Annahme durchzusetzen, Reichtum und Armut, Erfolg und Scheitern, Gesundheit und Krankheit l&auml;gen allein in unserer eigenen Verantwortung. Damit wird zugleich der Vorstellung Vorschub geleistet, es gebe keine strukturellen Probleme, sondern ausschlie&szlig;lich psychologische Defizite, es gehe also, um es mit Margaret Thatchers von Friedrich Hayek inspiriertem Ausspruch zu sagen, keine Gesellschaft, sondern nur Individuen. Die Vorstellung von Gl&uuml;ck, wie sie heute von den entsprechenden Forschern und Experten formuliert und gesellschaftlich umgesetzt wird, dient dabei zuallererst der Propagierung eben jener Werte, die f&uuml;r die weltweite neoliberale Revolution Pate standen&ldquo; (S. 18).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wir brauchen auch &bdquo;schlechte&ldquo; Gef&uuml;hle<\/strong><\/p><p>Ein weiterer Kritikpunkt der Autoren: Die Positive Psychologie und Gl&uuml;cksforschung sieht in &bdquo;schlechten&ldquo; Gef&uuml;hlen nur etwas, das vermieden werden sollte. Sie bewertet also Gef&uuml;hle wie Angst, Traurigkeit, Wut, Emp&ouml;rung, Neid usw. einseitig negativ. Dies, so Illouz und Cabanas, sei sehr problematisch. Mir fiel dazu eine Filmszene ein: In dem Film &bdquo;Outbreak &ndash; Lautlose Killer&ldquo; spielt Dustin Hoffman einen amerikanischen Virologen, der mit seinem Team in Afrika eine gef&auml;hrliche Virus-Epidemie untersucht. Wer sich mit dem Virus angesteckt hat, stirbt innerhalb weniger Tage. Als das Team in aufwendiger Schutzkleidung ein Dorf betritt, in dem viele Menschen erkrankt sind, bekommt ein junger Virologe aus dem Team eine Panikattacke und gef&auml;hrdet das ganze Team. Sp&auml;ter bittet er den von Dustin Hoffman gespielten Chefvirologen um Entschuldigung. Dieser antwortet (dem Sinn nach zitiert): &bdquo;Du brauchst dich nicht zu sch&auml;men. Angst ist wertvoll. Sie ist unsere Lebensversicherung f&uuml;r diesen Job. Ich wollte nicht mit jemanden zusammenarbeiten, der keine Angst hat.&ldquo; Mit anderen Worten: Es hat schon seinen Grund, warum die Evolution die Angst erfunden hat. Sie ist notwendig, um zu &uuml;berleben. Oder auf moderne menschliche Lebensverh&auml;ltnisse &uuml;bertragen: Angst oder Unbehagen kann uns zeigen, dass etwas in unserem Leben nicht stimmt, dass etwas uns zu schaffen macht. Ein Beispiel aus meinem sozialen Umfeld: Eine Frau hielt die Beziehung zu ihrem Ehemann nicht mehr aus und wollte diese beenden. Aber gleichzeitig hatte sie genau davor gro&szlig;e Angst. Deshalb verdr&auml;ngte sie ihren Wunsch, die Ehe zu beenden &ndash; und bekam Panikattacken. Oberfl&auml;chlich betrachtet waren diese Panikattacken nur ein l&auml;stiger St&ouml;rfaktor. Tats&auml;chlich aber motivierten diese Panikattacken diese Frau dazu, in sich hineinzuhorchen und ihre verdr&auml;ngten Gef&uuml;hle endlich wahrzunehmen &ndash; und &uuml;ber eine Konfliktl&ouml;sung nachzudenken. Auch negative Gef&uuml;hle haben also einen Sinn und sollten nicht unterdr&uuml;ckt werden. <\/p><p><strong>Es ist nicht sinnvoll, negativ gef&auml;rbte Gef&uuml;hle zu verbannen<\/strong><\/p><p>&Auml;hnliches gilt auch in Bezug auf gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse und Konflikte. Wer keine Angst vor der Klimaerhitzung hat, kommt auch nicht auf die Idee, etwas zu ver&auml;ndern. Aber auch auf individueller Ebene: Wer immer wieder ungerecht behandelt und benachteiligt wird, der braucht Wut und Emp&ouml;rung, um sich dagegen aufzulehnen. Auch Neid ist keineswegs nur schlecht. Dieses Gef&uuml;hl kann zum Beispiel dazu motivieren, sich weiterzuentwickeln, um etwas zu bekommen, um das man jemand anderen beneidet. Es ist also v&ouml;llig einseitig und unter Umst&auml;nden sogar gef&auml;hrlich, negativ gef&auml;rbte oder belastende Gef&uuml;hle aus dem Leben verbannen zu wollen, weil damit reale Konflikte verdr&auml;ngt, aber nicht gel&ouml;st werden. So entsteht mit Sicherheit kein Gl&uuml;ck, weder individuell noch gesellschaftlich. <\/p><p>Ein weiteres wichtiges Argument gegen die Positive Psychologie und Gl&uuml;cksforschung ist, dass sie den Benachteiligten und Opfern sozialer Verh&auml;ltnisse das Recht abspricht, unter ihrem Schicksal zu leiden. Sie werden durch die Sichtweise der Gl&uuml;cksforschung quasi doppelt bestraft: Sie leiden an gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen und werden daf&uuml;r auch noch als im Grunde minderwertige Menschen verurteilt, die selbst Schuld haben an ihrem Leid. <\/p><p><strong>Die Gl&uuml;cksforschung ist die Krankheit, die sie zu bek&auml;mpfen vorgibt<\/strong><\/p><p>Die ganze Gl&uuml;cksindustrie lebt davon, dass Menschen sich nie tats&auml;chlich &bdquo;wirklich&ldquo; gl&uuml;cklich f&uuml;hlen. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ob es um Sch&ouml;nheit, Fitness, Ern&auml;hrung, Sex, Eheleben, Freundschaften oder Arbeitsbeziehungen geht (&hellip;), stets liegt den daf&uuml;r angebotenen Produkten und Dienstleistungen der Gedanke zugrunde, dass niemand attraktiv, athletisch, offen, durchsetzungsf&auml;hig, engagiert, gesund, gut oder gl&uuml;cklich genug ist&ldquo; (S.161).\n<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Die Gl&uuml;cksindustrie produziert systematisch &bdquo;Gl&uuml;cksgest&ouml;rte&ldquo;, den immer etwas fehlt: eine wirksamere Selbststeuerung, eine gr&uuml;ndlichere Selbsterkenntnis, eine optimistischere Einstellung zum Leben. Oder noch mehr Sinn f&uuml;r das eigene Leben. <\/p><p><strong>Kritik und Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Das Buch von Illouz und Cabanas ist f&uuml;r meinen Geschmack streckenweise etwas zu wissenschaftlich abgefasst. Ein etwas popul&auml;rerer Stil h&auml;tte dem Buch sicher gut getan. Trotzdem kann ich es aus vollem Herzen empfehlen. Weil es die ganzen vermeintlich harmlosen Selbstoptimierungsstrategien als das entlarvt, was sie sind: Ideologien, die uns massiv manipulieren und die vor allem denen n&uuml;tzen, die aus der Selbstoptimierung und Gl&uuml;ckssuche ein Gesch&auml;ft gemacht haben. Diese &bdquo;Gl&uuml;cksexperten&ldquo; vertreten einen geradezu totalit&auml;ren Individualismus und leugnen gesellschaftliche Ursachen f&uuml;r Leid, Krankheit und Ungl&uuml;ck. Wer diese individualistischen Gl&uuml;cksideologien (&bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo;) verinnerlicht, f&auml;ngt zwangsl&auml;ufig an, sich defizit&auml;r wahrzunehmen. Denn kein Mensch schafft es, den unrealistischen Normen der Gl&uuml;cksindustrie gerecht zu werden. Und genau das braucht diese Industrie: Menschen, die sich selbst als &bdquo;gl&uuml;cksgest&ouml;rt&ldquo; erleben. Denn nur wenn Menschen sich selbst als defizit&auml;r wahrnehmen, besteht auch ein Grund, Gl&uuml;cks-, Erfolgs- und Motivationsratgeber zu kaufen. Oder noch viel teurere Seminare und Einzelcoachings zu buchen. Das Buch von Illouz und Cabanas kann deshalb eine regelrecht heilsame Wirkung entfalten, weil es den manipulativen Schleier der Gl&uuml;cksindustrie l&uuml;ftet und in unserer Gesellschaft verbreitete Selbstverst&auml;ndlichkeiten in Frage stellt. Anders ausgedr&uuml;ckt: Es kann einem helfen, sich von einer vermeintlichen &bdquo;Gl&uuml;cksst&ouml;rung&ldquo; zu emanzipieren und innerlich ein freierer Mensch zu werden. Und ich meine: Daf&uuml;r lohnt es sich auch, einen manchmal etwas spr&ouml;den Text zu lesen. <\/p><p>Titelbild: kurhan\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Edgar Cabanas, Eva Illouz: Das Gl&uuml;cksdiktat und wie es unser Leben beherrscht, Suhrkamp 2019, 242 Seiten, 15 Euro.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gl&uuml;ck boomt. Seit den neunziger Jahren explodiert die Zahl der Gl&uuml;cksseminare und Gl&uuml;cksratgeber. In den Medien werden immer wieder gerne Experten zu Fragen von Gesundheit, Sinnfindung, Selbstverwirklichung usw. interviewt. Der Grundtenor: Es liegt in der Verantwortung des einzelnen Menschen, ob er gl&uuml;cklich wird oder nicht. 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