{"id":58399,"date":"2020-02-12T08:37:58","date_gmt":"2020-02-12T07:37:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58399"},"modified":"2026-01-27T11:35:00","modified_gmt":"2026-01-27T10:35:00","slug":"ein-blick-in-die-dunklen-ecken-der-kindeserziehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58399","title":{"rendered":"Ein Blick in die dunklen Ecken der Kindeserziehung"},"content":{"rendered":"<p>Was ist &bdquo;schwarze P&auml;dagogik&ldquo;? Findet sie bei der Erziehung von Kindern im Elternhaus, in den Kinderg&auml;rten oder den Schulen Anwendung? Es gibt &bdquo;dunkle Ecken&ldquo; in unserer Gesellschaft, wenn es um die Erziehung von Kindern geht. Diese R&auml;ume des seelischen Missbrauchs von Kindern hat die Kultur- und Erziehungswissenschaftlerin <strong>Sabine Seichter<\/strong> in einem Buch, das nachdenklich macht, ausgeleuchtet. Seichter, die an der Universit&auml;t in Salzburg lehrt, zeigt auf, wie oftmals in einem perfiden Zusammenspiel zwischen staatlicher Erwartungshaltung und p&auml;dagogischen Fehlgriffen sowohl im Elternhaus als auch in den Institutionen das Kind zu einer Art Ware wird. Weicht das Kind (die Ware) von der Norm ab, hat das schlimme Konsequenzen. Im NachDenkSeiten-Interview erkl&auml;rt Seichter, was unter schwarzer P&auml;dagogik zu verstehen ist und f&uuml;hrt aus, dass Erziehung l&auml;ngst nicht immer nur dem Kindeswohl dient, sondern vielmehr auf die &bdquo;Aufrechterhaltung staatlicher Ordnung setzt&ldquo;. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Das Kind ist im Laufe der Geschichte der Kindheit zur Ware geworden. Zum Produkt von &Ouml;konomie, Wirtschaft, Medizin und &ndash; nicht zuletzt &ndash; von Erziehung.&ldquo; Mit diesen Worten beginnt Ihr Buch, das Einblicke in die &bdquo;schwarze P&auml;dagogik&ldquo; liefert. Das klingt d&uuml;ster. Ist es so schlimm um unsere Kinder bestellt? <\/strong><\/p><p>In meinem Buch blicke ich in die Ecken von Erziehung, die allzu leicht im Dunklen verbleiben, weil niemand gerne in diese hineinschaut. Ecken, in denen Dem&uuml;tigungen und Misshandlungen an K&ouml;rper und Seele des Kindes und damit vor allem an der kindlichen W&uuml;rde ver&uuml;bt werden. Praktiken von Macht und Gewalt geschehen sowohl in famili&auml;ren als auch in institutionellen Bereichen von Erziehung bis heute Tag f&uuml;r Tag. H&auml;tte ich beispielsweise eine Erfolgsgeschichte &uuml;ber die Etablierung der Kinderrechte und von Schutzr&auml;umen ein Buch geschrieben, w&auml;re die Erz&auml;hlung &uuml;ber Erziehung radikal anders ausgefallen. So wurde es eine Dokumentation &uuml;ber Tabus, die zu gerne unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit versteckt  werden. Diesen Mantel ein wenig zu l&uuml;ften, das war meine Intention.<\/p><p><strong>Wann und wodurch ist Ihnen zum ersten Mal aufgefallen, dass im Umgang mit unseren Kindern etwas nicht stimmt?<\/strong><\/p><p>Ich pers&ouml;nlich hatte das gro&szlig;e Gl&uuml;ck einer beh&uuml;teten Kindheit. Eltern, die &ndash; im R&uuml;ckblick betrachtet &ndash; ein gesundes Ma&szlig; von F&ouml;rderung und Fordern praktizierten, und Schulen, die &ndash; freilich ebenso retrospektiv beurteilbar &ndash; mich als Person in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten. All dies ist nicht selbstverst&auml;ndlich. Kindesvernachl&auml;ssigung, Kindeswohlgef&auml;hrdung bis hin zu (sexuellen) Gewalttaten stehen leider an der bundesrepublikanischen Tagesordnung. Schulen, die Kinder nicht in ihrer Individualit&auml;t betrachten, sondern als &bdquo;Rohstoffe&ldquo;, die getrimmt und diszipliniert werden m&uuml;ssen, bis sie jene Kompetenzen verinnerlicht haben, die am n&auml;chsten Tag in einer standardisierten Leistungserhebung getestet werden. Die F&ouml;rderung gilt dann strenggenommen nicht mehr dem einzelnen Kind in seiner vielf&auml;ltigen Besonderheit, sondern mehr und mehr einer objektiven (Alters-) Kohorte, in der unter der sloganhaften Chiffre der &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; alle gleich gemacht werden. Diese Tendenzen kann man von dem Kindergarten bis in die Universit&auml;t beobachten. <\/p><p><strong>Der Vergleich mit einem Produkt, mit einem St&uuml;ck Ware im Hinblick auf das Kind zieht sich durch Ihre Arbeit. K&ouml;nnen Sie uns n&auml;her erkl&auml;ren, was genau Sie damit meinen und wie sich das konkret zeigt?<\/strong><\/p><p>In meinem Buch blicke ich auf die &bdquo;schwarze&ldquo; Seite von Erziehung. Durch diesen Blick erscheint f&uuml;r mich das Kind als Ware, weil das Kind &ndash; &auml;hnlich wie die Ware &ndash; von &auml;u&szlig;eren Eingriffen hergestellt wird und der Tendenz nach verdinglicht wird. Das Kind hat dann seinen (gesellschaftlichen) Marktwert erreicht, wenn seine Leistungs&uuml;berpr&uuml;fungen erfolgreich absolviert werden und es im internationalen Vergleich fehlerfrei bestehen kann. (Genau diese Intention der &Uuml;berpr&uuml;fung tragen beispielsweise die von der OECED turnusm&auml;&szlig;ig durchgef&uuml;hrten PISA-Studien.) Kann das Kind &ndash; genau wie die Ware &ndash; dieser &Uuml;berpr&uuml;fung nicht standhalten und zeigt es Abweichungen von der Norm, wird es ausgelesen und ausgetauscht.  <\/p><p><strong>Nun ist aber eine gewisse Erziehung f&uuml;r Kinder doch wichtig. Sie m&uuml;ssen irgendwie auch in der Gesellschaft, in der sie aufwachsen und vermutlich leben werden, klarkommen. Dazu ist es notwendig, dass bestimmte Werte, Normen, Verhaltensregeln usw. aufgenommen werden. Bis wohin ist Erziehung normal oder angebracht und wo f&auml;ngt die schwarze P&auml;dagogik an?<\/strong><\/p><p>Es besteht &ndash; so hoffe ich &ndash; keinerlei Zweifel daran, dass wir durch Erziehung und Bildung nicht nur zu gesellschaftsf&auml;higen Menschen heranwachsen, sondern vor allem auch zu Partizipierenden einer demokratischen Gemeinschaft werden. Daf&uuml;r muss es allgemeine Normen und Werte geben, die das Grundger&uuml;st demokratischen Lebens und Arbeitens sichern. Von &bdquo;schwarzer P&auml;dagogik&ldquo; ist dann zu sprechen, wenn f&uuml;r das Kind dauerhaft unbegr&uuml;ndete Vorgehensweisen (teilweise) gegen den kindlichen Willen erfolgen, das Kind nicht die M&ouml;glichkeit hat, aktiv &ndash; dem jeweiligen Alter entsprechend &ndash; an Entscheidungen mitzuwirken und &ndash; soweit es die Bedingungen zulassen &ndash; ein autonomes und w&uuml;rdevolles Leben leben darf. Alle Formen von Standardisierung und Objektivierung, die nicht nachweisbar dem Wohle des einzelnen Kindes dienlich sind, sondern aus anderen (meist wirtschaftlichen) Gr&uuml;nden praktiziert werden, sind auf ihre Notwendigkeit bzw. F&ouml;rderlichkeit kindlicher Autonomie und Selbstbestimmung kritisch zu hinterfragen. <\/p><p><strong>Sie sprechen in Ihrem Buch von der &bdquo;Heimt&uuml;cke der Erziehung&ldquo;. Worin liegt diese Heimt&uuml;cke?<\/strong><\/p><p>Zu meinen, Erziehung geschehe nur zum Wohle des Kindes, w&auml;re nicht die ganze Wahrheit. Sicher, es ist &ndash; hoffentlich &ndash; oft der Fall. Allerdings gibt es auch Ma&szlig;nahmen (in Schulen, Heimen oder Universit&auml;ten), die nicht zum Wohle des Kindes bzw. Jugendlichen durchgef&uuml;hrt werden, sondern zur Aufrechterhaltung einer (scheinbar notwendigen) gesellschaftlichen bzw. sozialen Ordnung, zum Management von organisatorischen Herausforderungen, zur Sicherung wirtschaftlicher Prosperit&auml;t, zur Planung administrativer Ressourcen etc. Das ist wohl unausweichlich so, da Erziehung viele &bdquo;Auftraggeber&ldquo; (Wirtschaft, Staat, Medizin u.a.) hat, die Richtlinien und Ausrichtungen &bdquo;p&auml;dagogischen&ldquo; Handelns bestimmen.<\/p><p><strong>Was haben &bdquo;R&auml;ume&ldquo; mit der Erziehung von Kindern zu tun?<\/strong><\/p><p>Organisierte Erziehung (sowohl famili&auml;re als auch institutionelle) findet in (meist geschlossenen) R&auml;umen statt &ndash; zu denken w&auml;re an die R&auml;ume Kindergarten, Schule, Heime, Universit&auml;t, Jugendbildung, Kinderbetreuung etc. Erziehung in R&auml;umen erm&ouml;glicht eine reibungslose und &uuml;bersichtliche Organisation. Pate f&uuml;r institutionelle Erziehungsr&auml;ume (&auml;hnlich wie der Raum Gef&auml;ngnis und Krankenhaus) war das mittelalterliche Kloster: Abgeschiedenheit, Ordnung, Struktur, Zeitplan, Beobachtung und Kontrolle regeln den erzieherischen Alltag und sind der Normalfall. In diesem Zusammenhang muss jedoch erw&auml;hnt werden, dass genau diese Architektur des Raums beispielsweise die M&ouml;glichkeit von Macht, Gewalt und Missbrauch nicht unbedingt hemmt, sondern &ndash; wie die j&uuml;ngsten F&auml;lle sexuellen Missbrauchs in reformp&auml;dagogischen und kirchlichen Musterschulen auf erschreckende Weise belegen &ndash; geradezu f&ouml;rdert. Die &bdquo;Insellage&ldquo; von p&auml;dagogischen R&auml;umen schafft nicht unbedingt Schonr&auml;ume f&uuml;r Kinder, sondern diese k&ouml;nnen gerade aufgrund ihrer Lage (nicht nur geographisch, sondern auch in organisatorischer Hinsicht gemeint) zu ausweglosen Fallen werden. <\/p><p><strong>Wie sollte aus Ihrer Sicht ein Kind aufwachsen? Oder anders gefragt: Haben Sie einen Ratschlag f&uuml;r Eltern? Worauf sollten diese achten, wenn Erziehung auch von au&szlig;en auf das Kind einwirkt, wie etwa in der Schule?<\/strong><\/p><p>Nehmen wir das Recht auf Anerkennung der Vielfalt unserer Kinder ernst, so m&uuml;ssen wir dringend &uuml;berlegen, wie kindliche Vielfalt durch institutionelle Erziehung beachtet und praktiziert wird. Das ist eine riesige Herausforderung und l&auml;sst sich wohl vor allem durch eine reflektierte professionelle Haltung des Erziehers und der Erzieherin erreichen. Neben den notwendigen institutionellen Vorgaben m&uuml;sste meines Erachtens verst&auml;rkt die Frage im Raum stehen (vor allem in der Ausbildung): Wie wollen wir dem Kind begegnen? Welchen Raum k&ouml;nnen wir trotz institutioneller Rahmenbedingungen schaffen, um Vielfalt zu gew&auml;hrleisten und die nicht durch strikte Standardisierung und Kontrolle einzuebnen? Ist das Kind wie ein zu normierendes Produkt herzustellen oder als einmalige Person wertzusch&auml;tzen? All das sind ethische Fragen, die in einer demokratischen Gesellschaft verst&auml;rkt diskutiert werden m&uuml;ssten. <\/p><p><em>Lesetipp: Sabine Seichter: Das &bdquo;normale&ldquo; Kind. Einblicke in die Geschichte der schwarzen P&auml;dagogik.  Beltz Verlag. Weinheim 2020. 189 Seiten. 24,95 Euro.<\/em><\/p><p>Titelbild: GN ILLUSTRATOR \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist &bdquo;schwarze P&auml;dagogik&ldquo;? Findet sie bei der Erziehung von Kindern im Elternhaus, in den Kinderg&auml;rten oder den Schulen Anwendung? Es gibt &bdquo;dunkle Ecken&ldquo; in unserer Gesellschaft, wenn es um die Erziehung von Kindern geht. Diese R&auml;ume des seelischen Missbrauchs von Kindern hat die Kultur- und Erziehungswissenschaftlerin <strong>Sabine Seichter<\/strong> in einem Buch, das nachdenklich macht,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58399\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":58402,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[34,167,209],"tags":[2826],"class_list":["post-58399","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bildung","category-familienpolitik","category-interviews","tag-kindeserziehung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/shutterstock_595646027.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=58399"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81469,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58399\/revisions\/81469"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/58402"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=58399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=58399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=58399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}