{"id":58488,"date":"2020-02-15T13:30:13","date_gmt":"2020-02-15T12:30:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58488"},"modified":"2020-02-28T08:43:04","modified_gmt":"2020-02-28T07:43:04","slug":"kampf-gegen-rechts-heisst-kampf-gegen-links","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58488","title":{"rendered":"Kampf gegen Rechts hei\u00dft Kampf gegen Links"},"content":{"rendered":"<p>Die aktuellen &bdquo;Dammbruch&ldquo;-Emp&ouml;rungen zu Th&uuml;ringen sind in weiten Teilen vorgeschoben, sagt <strong>Rainer Mausfeld<\/strong>. Denn rechte bis rechtsextreme Haltungen sind seit Beginn der Bundesrepublik in den Parteien der sogenannten Mitte fest verankert. Der Kampf der politischen Zentren der Macht gegen Rechts war und ist in Wahrheit immer ein Kampf gegen Links. Es ist besch&auml;mend, wie eilfertig weite Teile der Linken auf die ausgelegten Wortk&ouml;der hereinfallen und Arm in Arm mit Merkel und Seehofer ihre Entschlossenheit im Kampf gegen Rechts bekunden &ndash; jeder wirklich Linke m&uuml;sste es als eine Beleidigung empfinden, wenn ihn die M&auml;chtigen zum Kampf gegen Rechts auffordern! Mit dieser Strategie hat es die neoliberale Mitte geschafft, die Linke in permanente Angst zu versetzen, als rechtsoffen zu erscheinen, und sie wichtiger Kernthemen beraubt. Doch in Th&uuml;ringen wendet sich dies nun gegen die Politstrategen selbst.<br>\n<!--more--><br>\nDie heute als populistisch deklarierten politischen Erscheinungsformen lassen sich verstehen als eine Reaktion des Volkes auf die stete erlittene Verachtung durch die Eliten. Heftige Affekte, die aus der erfahrenen Verachtung resultieren, entladen sich nun mit populistischer Wucht und Unberechenbarkeit, oft auch in Formen, die mit dunkleren Seiten der menschlichen Natur verbunden sind. Diese Affekte sind oft als Abwehr gegen die eigenen Ohnmachtsgef&uuml;hle zu verstehen und richten sich nun vor allem gegen die sozial Schw&auml;chsten. Ohnmachtsgef&uuml;hle wurden und werden seit Jahrzehnten in systematischer Weise erzeugt, um das Volk von einer politischen Partizipation fernzuhalten. Das Aufbl&uuml;hen des sogenannten Rechtspopulismus ist also eine direkte Folge der vorhergegangenen Jahrzehnte neoliberaler Politik und Ideologie der Alternativlosigkeit und der damit verbundenen Entleerung des politischen Raumes. Zugleich sucht die neoliberale &bdquo;Mitte&ldquo; den von ihr erst mit hervorgebrachten Rechtspopulismus f&uuml;r eine weitere Angsterzeugung zu nutzen, um sich durch eine solche Drohkulisse bei Wahlen zu stabilisieren. <\/p><p>Der von oben verk&uuml;ndete Kampf gegen den Rechtspopulismus verdeckt, wie gro&szlig; tats&auml;chlich die Gemeinsamkeiten sind mit dem, was es angeblich abzuwehren gilt. Dies betrifft sowohl die Form einer populistischen Rhetorik als auch die den Rechtspopulismus kennzeichnenden Aspekte rassistischer und kulturrassistischer Ressentiments.<\/p><p>Politik und Medien bedienen sich, wenn es darum geht, ihre politische Agenda zu vermitteln, seit jeher einer Form kommunikativer Mittel, durch die sich die adressierten Teile der Bev&ouml;lkerung besonders wirksam mobilisieren lassen. Zu diesen Mitteln geh&ouml;ren insbesondere unzul&auml;ssige und auf schnell aktivierbare Affekte zielende Vereinfachungen, wie sie f&uuml;r eine populistische Sprache charakteristisch sind. Ein Blick auf die Wahlplakate der vergangenen Jahrzehnte sollte gen&uuml;gen, um sich davon zu &uuml;berzeugen, wie aufrichtig und entschlossen sich die Parteien um die Vermeidung populistischer Rhetorik und populistischer Komplexit&auml;tsreduktion bem&uuml;hen. <\/p><p>Die allt&auml;gliche politische Sprache von Politikern und Journalisten geht jedoch in der Regel weit &uuml;ber traditionelle Formen populistischer Kommunikation hinaus. Diese politisch-journalistische Alltagssprache f&auml;llt in eine g&auml;nzlich andere Kategorie als in die Kategorie volkst&uuml;mlicher Vereinfachungen und volkst&uuml;mlicher Affektn&auml;he. Sie f&auml;llt &uuml;berhaupt nicht mehr in eine Kategorie rationaler Kommunikation, denn die Sprache hat hier alle argumentative Struktur eingeb&uuml;&szlig;t. Sie dient gar nicht mehr einer m&ouml;glichst rationalen Vermittlung von &Uuml;berzeugungen und Gesichtspunkten, also argumentativen Bem&uuml;hungen einer Objektivierung subjektiver Interessen, um auf diese Weise eine gemeinsame Basis zur Kommunikation &uuml;ber unterschiedliche Denkwelten bereitzustellen.<\/p><p>Vielmehr artikuliert sich in der von Politikern und Journalisten zumeist favorisierten Sprache ein tiefer Anti-Intellektualismus und mit ihm eine Geringsch&auml;tzung, wenn nicht gar eine Verachtung f&uuml;r das Argument &uuml;berhaupt. In derartigen Diskurssimulationen, wie sie die Medien tagt&auml;glich inszenieren, gibt es nichts mehr, das sich durch Argumente oder empirische Befunde widerlegen lie&szlig;e. Jeder Widerlegungsversuch w&uuml;rde nur ein neues Rauschen an W&ouml;rtern hervorrufen, bei denen l&auml;ngst die Frage bedeutungslos geworden ist, was sie und ob sie &uuml;berhaupt etwas bedeuten. [&hellip;]<\/p><p>Zugleich dient die durch eine Verwendung bedeutungsleerer, doch effektstarker Worth&uuml;lsen hervorgebrachte politische Diskursverm&uuml;llung &ndash; der gegen&uuml;ber sich jedes altmodische Reden &uuml;ber fake news nur noch als l&auml;cherlich erweist &ndash; einem weitergehenden machtstrategischen Ziel. Es geht n&auml;mlich um das machtstrategisch sehr viel tiefere psychotechnische Ziel, bei der Bev&ouml;lkerung &ndash; in Hannah Arendts Worten &ndash; grunds&auml;tzlich die Bef&auml;higung zu blockieren oder zu zerst&ouml;ren, &uuml;berhaupt irgendwelche &Uuml;berzeugungen ausbilden zu k&ouml;nnen. Der US-amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman hat 1985 in seinem Klassiker Wir am&uuml;sieren uns zu Tode pr&auml;gnant aufgezeigt, mit welchen Mitteln die Massenmedien dazu beitragen, grunds&auml;tzlich die Bef&auml;higung zur Ausbildung politischer &Uuml;berzeugungen zu unterminieren. &bdquo;Wir stehen hier vor der Tatsache, dass das Fernsehen die Bedeutung von &sbquo;Informiertsein&lsquo; ver&auml;ndert, indem es eine neue Spielart von Information hervorbringt, die man besser als Desinformation bezeichnen sollte. [&hellip;] Desinformation ist nicht dasselbe wie Falschinformation. Desinformation bedeutet irref&uuml;hrende Information &ndash; unangebrachte, irrelevante, bruchst&uuml;ckhafte oder oberfl&auml;chliche Information &ndash;, Information, die vort&auml;uscht, man wisse etwas, w&auml;hrend sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt.&ldquo; [&hellip;]<\/p><p>F&uuml;r die Stabilisierung der sich im Neoliberalismus herausgebildeten Machtverh&auml;ltnisse ist ein Verfall des &ouml;ffentlichen politischen Diskurses von enormen Vorteil. Da sich das Spannungsverh&auml;ltnis von Kapitalismus und Demokratie in der neoliberalen Extremform des Kapitalismus nicht mehr durch bew&auml;hrte orwell&lsquo;sche Strategien einer Meinungsmanipulation verdecken l&auml;sst, ist der Neoliberalismus darauf angewiesen, dass die Bef&auml;higung blockiert wird, &uuml;berhaupt noch irgendwelche &Uuml;berzeugungen ausbilden zu k&ouml;nnen. Auf diese Weise l&auml;sst sich der gesamte politische Raum entleeren und somit der Demokratie ein f&uuml;r alle Mal das Fundament entziehen. Die &bdquo;Schaffung eines Nebels von Verwirrung&ldquo;, wie er auch durch den von oben verordneten Kampf gegen eine populistische Rhetorik und gegen fake news erzeugt wird, ist eine wirksame Methode, dies zu erreichen. [&hellip;]<\/p><p>Der von oben verordnete Kampf gegen den Rechtspopulismus ist also heuchlerisch. Rechtspopulistische Formen politischer Kommunikation wie auch inhaltliche Positionen rechtspopulistischer Str&ouml;mungen, vor allem kulturrassistische wie auch autorit&auml;re Positionen, finden sich auch in breiten Teilen des politischen Spektrums. Der von oben verordnete Kampf gegen den Rechtspopulismus dient wesentlich zur Erzeugung von Angst, die sich dann &ndash; vor allem bei Wahlen &ndash; f&uuml;r politische Belange einer Stabilit&auml;tssicherung herrschender politischer Gruppierungen nutzen l&auml;sst.<\/p><p><em>Mehr dazu in Rainer Mausfelds Buch &bdquo;Angst und Macht&ldquo; &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Angst-und-Macht.html?listtype=search&amp;searchparam=mausfeld\">Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien<\/a>&ldquo; oder, f&uuml;r alle Leserinnen und Leser aus dem Rhein-Main-Gebiet, bei seinen kommenden beiden Vortr&auml;gen:<\/em><\/p><p><em>25.2., 19:30 Uhr: Vortrag &bdquo;Angst und Macht&ldquo; von Rainer Mausfeld im Rahmen der &bdquo;SWR Tele-Akademie&ldquo;, Evangelische Akademie Frankfurt, R&ouml;merberg 9, 60311 Frankfurt am Main. Eintritt: 8 Euro, um Anmeldung wird gebeten: <a href=\"mailto:veranstaltungen@westendverlag.de\">veranstaltungen@westendverlag.de<\/a> (Hinweis an alle Besucherinnen und Besucher: Der Vortrag wird videoaufgezeichnet!)<\/em><\/p><p><em>26.2., 19:00 Uhr: Vortrag &bdquo;Freiheit als Unterwerfung&ldquo; von Rainer Mausfeld, Aula des Grimmelshausen-Gymnasiums Gelnhausen, In der Aue 3, 63571 Gelnhausen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die aktuellen &bdquo;Dammbruch&ldquo;-Emp&ouml;rungen zu Th&uuml;ringen sind in weiten Teilen vorgeschoben, sagt <strong>Rainer Mausfeld<\/strong>. Denn rechte bis rechtsextreme Haltungen sind seit Beginn der Bundesrepublik in den Parteien der sogenannten Mitte fest verankert. Der Kampf der politischen Zentren der Macht gegen Rechts war und ist in Wahrheit immer ein Kampf gegen Links. 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