{"id":58526,"date":"2020-02-17T08:40:01","date_gmt":"2020-02-17T07:40:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58526"},"modified":"2020-02-17T09:58:50","modified_gmt":"2020-02-17T08:58:50","slug":"hamburger-sumpfgebiete-von-cum-ex-bis-zur-grundsteuer-von-dirk-loehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58526","title":{"rendered":"Hamburger Sumpfgebiete: Von Cum-Ex bis zur Grundsteuer. Von Dirk L\u00f6hr."},"content":{"rendered":"<p>In einem Artikel in den Nachdenkseiten vom 13. Februar forderte Albrecht M&uuml;ller, Bundesfinanzminister Scholz (SPD) m&ouml;ge endlich seinen Hut nehmen und vom Amt des Bundesfinanzministers zur&uuml;cktreten. M&uuml;ller bezog sich auf einen Artikel der Zeit vom selben Tag. Das Thema wurde auch vom Fernsehmagazin Panorama (ARD) am selben Tag aufgegriffen: Es geht um den Cum-Ex-Skandal, bei dem Banken sich auch in Hamburg Steuern erstatten lie&szlig;en, die sie angeblich gezahlt hatten. Der Hamburger Finanzbeh&ouml;rde wird nun vorgeworfen, sie h&auml;tten vers&auml;umt, sich das Geld mit dem gebotenen Druck wieder zur&uuml;ckzuholen.<br>\n<!--more--><br>\nInwieweit dies wirklich zutrifft, wird noch aufzukl&auml;ren sein. Fakt ist indessen, dass der damalige Hamburger B&uuml;rgermeister Olaf Scholz den der Steuerhinterziehung verd&auml;chtigen Banker Olearius zu einem Zeitpunkt empfing, als gegen diesen schon ermittelt wurde. Unabh&auml;ngig davon, ob die Vorw&uuml;rfe gegen die Hamburger Finanzbeh&ouml;rden zutreffen oder nicht, wurden hiermit Grenzen &uuml;berschritten. In Hamburg geh&ouml;rt die N&auml;he der Politik zum gro&szlig;en Geld anscheinend zur &bdquo;guten politischen Kultur&ldquo;. <\/p><p>Ein weiteres Beispiel daf&uuml;r, das sich weitgehend unterhalb des Wahrnehmungsradars der &Ouml;ffentlichkeit ereignete, ist die Rolle des Stadtstaats bei der Grundsteuerreform. Schon Olaf Scholz bef&uuml;rwortete als B&uuml;rgermeister von Hamburg zusammen mit der bayerischen Landesregierung ein sog. Fl&auml;chenmodell (<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/grundsteuer-was-das-urteil-des-verfassungsgerichts-bedeutet-a-1202228.html\">Der Spiegel vom 10.04.2018<\/a>). Hierbei sollte der Wert von Grundst&uuml;cken nicht in die Besteuerungsgrundlage einflie&szlig;en. Der Grundst&uuml;ckswert h&auml;ngt aber v.a. von drei Faktoren ab: Lage, Lage und nochmal die Lage. Und genau diese spielt im Fl&auml;chenmodell keine Rolle, zum gro&szlig;en Gefallen der Immobilienwirtschaft. Versteht diese ihr Gesch&auml;ft, ist sie in guten Lagen investiert. Aus ihrer Sicht ist es vorteilhaft, wenn die Steuerlast im Rahmen einer Fl&auml;chensteuer auf die Nutzer einfacher Lagen verlagert wird &ndash; hier wohnen und arbeiten aber nicht unbedingt die reicheren Leute. Die Hamburger Finanzbeh&ouml;rden sch&uuml;rten jedoch mit methodisch unhaltbaren Berechnungen hinsichtlich der Belastungswirkungen die Angst vor einer wertbezogenen Grundsteuer, die angeblich Wohnen unbezahlbar machen w&uuml;rde (<a href=\"https:\/\/www.mopo.de\/hamburg\/politik\/grundsteuer-reform-senator-warnt--mieten-koennten-explodieren--29492958\">Hamburger Morgenpost vom 16.01.2018<\/a>). War es ein Zufall, dass &auml;hnliche &bdquo;Berechnungen&ldquo; fast zeitgleich auch von der Immobilienlobby in der Presse lanciert wurden?<\/p><p>Als Scholz von der Alster an die Spree umzog, wurde seine wirtschaftsfreundliche Position f&uuml;r ihn jedoch zum Problem &ndash; seine Partei dr&auml;ngte n&auml;mlich auf eine wertbezogene Grundsteuer. Die Koalitionspartner von der Union bevorzugten hingegen als Sachwalter der Immobilienlobby das Fl&auml;chenmodell. Nun konnte Olaf Scholz aber nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Sein Haus l&ouml;ste die schizophrene Situation auf die &bdquo;hamburgische Weise&ldquo;: In die neue Grundsteuer geht nun zwar ein Wert ein; dieser differenziert aber kaum nach Lagen &ndash; eine lageunabh&auml;ngige Durchschnittsmiete bei der steuerlichen Grundst&uuml;cksbewertung macht es m&ouml;glich. Am Ende ergeben sich im &bdquo;Modell Scholz&ldquo; trotz Wertbezug &auml;hnliche Belastungswirkungen wie bei dem von der Immobilienwirtschaft favorisierten Grundsteuermodell. In einer &ouml;ffentlichen Expertenanh&ouml;rung im Finanzausschuss des Deutschen Bundestages am 11.9.2019 warnten Experten davor, dass diese L&ouml;sung verfassungswidrig sei. Dies lie&szlig; den Bundesfinanzminister aber offensichtlich unbeeindruckt. <\/p><p>Dabei w&auml;re die Annahme falsch, Olaf Scholz sei beratungsresistent. Eine Kleine Anfrage der Fraktion der Linken zur Einflussnahme von Interessenvertreterinnen und Interessenvertretern (Drs. 19\/14260 vom 21.10.2019) im Deutschen Bundestag machte vielmehr deutlich, wie sich die Interessenverb&auml;nde der (Immobilien-) Wirtschaft bei den Beratungen zur Grundsteuerreform gegenseitig die T&uuml;rklinke bei der Bundesregierung bzw. im Bundesfinanzministerium in die Hand gaben. Von der Gegenseite durfte lediglich der Deutsche Mieterbund im Bundesfinanzministerium vorsprechen. Wiederholt vorgetragene Gespr&auml;chsw&uuml;nsche der Initiative &bdquo;Grundsteuer: Zeitgem&auml;&szlig;!&ldquo;, die f&uuml;r eine Bodenwertsteuer eintritt, wurden hingegen abgelehnt. Die Bodenwertsteuer zielt auf eine teilweise Entkapitalisierung der Standortvorteile ab, was die Immobilienlobby als Gef&auml;hrdung ihres Gesch&auml;ftsmodells begreift. <\/p><p>Das neue Grundsteuerrecht er&ouml;ffnet allerdings f&uuml;r die Bundesl&auml;nder auch die M&ouml;glichkeit, vom Bundesmodell abzuweichen. Peter Tschentscher (SPD), der fr&uuml;here Finanzsenator und jetzige Hamburger B&uuml;rgermeister, m&ouml;chte diesen Weg im Sinne seines Amtsvorg&auml;ngers Scholz mit einem modifizierten Fl&auml;chenmodell verfolgen. Prompt erh&auml;lt er wieder Ovationen von der Immobilienwirtschaft (<a href=\"https:\/\/www.zia-deutschland.de\/pressemeldung\/zia-begruesst-hamburgs-ueberlegungen-fuer-einfachere-grundsteuer\/\">ZIA vom 22.01.2020<\/a>). Zwar wird mittlerweile unter Finanzsenator Dressel (SPD) ein &ndash; wenngleich grober und abgeschw&auml;chter &ndash; Lagebezug bei der Fl&auml;chensteuer diskutiert. Die Beibehaltung des Fl&auml;chenma&szlig;stabs ist f&uuml;r die Wirtschaft aber nicht zuletzt deshalb wichtig, damit &uuml;ber die Grundsteuer nicht die Grundlagen f&uuml;r eine m&ouml;gliche Wiedereinf&uuml;hrung einer Verm&ouml;gensteuer gelegt werden. Tschentscher macht sich daf&uuml;r stark, dass die fl&auml;chenbezogene Grundsteuer deutschlandweit die einzige Abweichung vom Scholz-Modell sein soll (<a href=\"https:\/\/www.derneuekaemmerer.de\/nachrichten\/haushalt\/grundsteuer-alternative-von-weiteren-laendern-favorisiert-2004971\/\">Der Neue K&auml;mmerer vom 21.01.2020<\/a>).<\/p><p>So bietet die SPD ein zwiesp&auml;ltiges Bild: Einerseits k&auml;mpfen viele exponierte Vertreter gegen die explodierenden Bodenwerte, f&uuml;r bezahlbares Wohnen und gegen ein weiteres Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich. Zu nennen ist hier insbesondere der immer noch einflussreiche fr&uuml;here Bundesminister und SPD-Parteivorsitzende Hans-Jochen Vogel (94), der diesbez&uuml;glich k&uuml;rzlich mit seinem Buch &bdquo;Mehr Gerechtigkeit!&ldquo; eindeutig Position bezog. Doch auch in Hamburg gibt es hier durchaus Lichtblicke, so in Gestalt der Bausenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD). Diese Kr&auml;fte ziehen mit Scholz und Tschentscher zwar am selben Strang, allerdings von unterschiedlichen Enden aus. Wenn es darum geht, die Glaubw&uuml;rdigkeit der Sozialdemokratie weiter zu unterminieren und diese auf geradem Wege in die Bedeutungslosigkeit zu bef&ouml;rdern, muss die SPD nur Scholz und Tschentscher auf ihrem absch&uuml;ssigen Weg folgen. <\/p><p><em><strong>Zur Person:<\/strong> Prof. Dr. Dirk L&ouml;hr, Hochschule Trier, vertritt die Fachgebiete Steuerlehre und &Ouml;kologische &Ouml;konomik. U.a. war er Mitglied der Baulandkommission der Bundesregierung und trat als Sachverst&auml;ndiger bei der &ouml;ffentlichen Anh&ouml;rung zur Grundsteuerreform im Finanzausschuss des Deutschen Bundestages auf. (<a href=\"mailto:d.loehr@umwelt-campus.de\">d.loehr@umwelt-campus.de<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Artikel in den Nachdenkseiten vom 13. Februar forderte Albrecht M&uuml;ller, Bundesfinanzminister Scholz (SPD) m&ouml;ge endlich seinen Hut nehmen und vom Amt des Bundesfinanzministers zur&uuml;cktreten. M&uuml;ller bezog sich auf einen Artikel der Zeit vom selben Tag. 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