{"id":58625,"date":"2020-02-19T13:29:34","date_gmt":"2020-02-19T12:29:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58625"},"modified":"2020-02-19T14:10:40","modified_gmt":"2020-02-19T13:10:40","slug":"rudolf-hickel-erinnert-daran-dass-joerg-huffschmid-heute-80-jahre-alt-geworden-waere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58625","title":{"rendered":"Rudolf Hickel erinnert daran, dass J\u00f6rg Huffschmid heute 80 Jahre alt geworden w\u00e4re"},"content":{"rendered":"<p>J&ouml;rg Huffschmid war Mitbegr&uuml;nder der &bdquo;Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik&ldquo; und hat zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen viel zur wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatte in Deutschland beigetragen. Auch wenn wir, die &Ouml;konomen bei den NachDenkSeiten, nicht immer mit seinen Analysen &uuml;bereinstimmten, ver&ouml;ffentlichen wir gerne diese W&uuml;rdigung von Rudolf Hickel. Danke vielmals.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Rudolf Hickel<\/strong><br>\n<strong>Bremen, den 19.2. 2020<\/strong><\/p><p>zusammen mit J&ouml;rg Huffschmid und Herbert Schui Mitbegr&uuml;nder der &bdquo;Arbeits&shy;gruppe Alternative Wirtschaftspolitik&ldquo; <\/p><p>J&ouml;rg Huffschmid w&auml;re am 19. 2. achtzig Jahre alt geworden<br>\n(* 19.2. 1940 in K&ouml;ln; &dagger; 5. 12. 2009 in Bremen)<\/p><p><strong>Ein genial-universaler Politischer &Ouml;konom f&uuml;r eine nachhaltig gerechte Gesellschaft <\/strong><\/p><p>Im letzten Jahr der &bdquo;Gro&szlig;en Koalition&ldquo; mit Karl Schiller als Wirtschaftsminister und Franz Josef Strau&szlig; als Finanzminister erschien in der &bdquo;Edition Suhrkamp&ldquo; 1969 ein Buch mit dem programmatischen Titel &bdquo;Politik des Kapitals&ldquo;. Darin wurde messerscharf nachgewiesen, dass auch mit der neu entdeckten Globalsteuerung das &bdquo;Allgemeininteresse&ldquo; den Gewinninteressen von machtvollen Gro&szlig;unternehmen untergeordnet wird. Dieses Buch wurde schnell zur &bdquo;Bibel&ldquo; weit &uuml;ber Studentenbewegung hinaus. Es stammt aus der Feder von J&ouml;rg Huffschmid der am Samstag, dem 5. Dezember 2009 nach einer schweren Erkrankung verstorben ist. Aus der riesigen F&uuml;lle seiner Publikationen sollte ein zweites Buch epochale Bedeutung erhalten. 2002 legte er seine &bdquo;Politische &Ouml;konomie der Finanzm&auml;rkte&ldquo; vor. Damit geh&ouml;rte J&ouml;rg Huffschmid zu den wenigen, die belegt den Absturz des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus und damit die heutige Finanzmarktkrise nachlesbar vorhergesehen haben. W&auml;re dieses geniale Werk von den von den politischen Verantwortlichen und vor allem von Bankern nicht totgeschwiegen worden, h&auml;tte die Finanzmarktkrise zumindest Deutschland einged&auml;mmt werden k&ouml;nnen. <\/p><p>J&ouml;rg Huffschmid steht heute mehr denn je f&uuml;r eine kompromisslose, exzellent fundierte Analyse der &ouml;konomisch, sozial und &ouml;kologisch selbstzerst&ouml;rerischen Kr&auml;fte einer entfesselten Profitwirtschaft. Durch seine substanzielle Kritik am Marktfundamentalismus mit einem willf&auml;hrigen, antidemokratischen Staate hat er fr&uuml;hzeitig die gef&auml;hrliche Ideologie Neoliberalismus dechiffriert. Dieser Einsatz als Forscher und Publizist hat ihn weit &uuml;ber die Grenzen Deutschlands ber&uuml;hmt gemacht. Er war ein gefragter Wissenschaftler im In- und Ausland. <\/p><p>Er bleibt aber auch vielen Studierenden als begnadeter Hochschullehrer in Erinnerung. 1973 wurde er Professor f&uuml;r Politische &Ouml;konomie und Wirtschaftspolitik. Erinnert sei daran, wie nach seiner Anh&ouml;rung vor der Berufungskommission Walter Jens, der dem Senat der Universit&auml;t<br>\nBremen angeh&ouml;rte, aus dem Raum st&uuml;rmte, um seine Begeisterung &uuml;ber diesen Wirtschaftswissenschaftler zu verk&uuml;nden. Zu jeder Vorlesung, zu jedem Seminar legte er vor Beginn eine Orientierungsskizze vor. Seine so produktive, interdisziplin&auml;re Ausrichtung glich gelegentlich einem &bdquo;Studium generale&ldquo;, das heute (leider) ein Fremdwort an deutschen Universit&auml;ten ist. <\/p><p>Im Jahr 1975 hatte er ma&szlig;geblich die Idee, die &bdquo;Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik&ldquo; zusammen mit Herbert Schui und mir zu gr&uuml;nden. Diese sog. &bdquo;Alternativ&ouml;konomen&ldquo; sind immer wieder ausgegrenzt worden. Dennoch, ohne staatliche Finanzierung und ohne Sponsoring aus der Wirtschaft wurden ihre Memoranden zu einem wichtigen Zentrum kritischer Wirtschaftswissenschaft. Von J&ouml;rg Huffschmid stammte das Credo: Es gibt Alternativen gegen die soziale Spaltung der Gesellschaft und die Umweltvernichtung. Mit Ernst Bloch gesprochen: Wenn die wirtschaftlichen Machtverh&auml;ltnisse durch demokratische Kr&auml;fte geb&auml;ndigt werden, dann ist die Utopie der Hoffnung auf eine bessere Welt realisierbar.<\/p><p>Der &Ouml;konom Huffschmid nahm die Erkennungsmarke &bdquo;Politisch&ldquo; sehr ernst. Er lie&szlig; sich trotz inhaltlicher Anfeindungen nicht entmutigen, auch auf der politischen B&uuml;hne in Bonn und dann Berlin Einfluss zu nehmen. Seine wohl wichtigste Beratert&auml;tigkeit brachte er in die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestag zur &bdquo;Globalisierung der Wirtschaft&ldquo; ein. Wenn heute auch von den ehemaligen Globalisierungsfanatikern in Politik und Wissenschaft die Gefahren gesehen werden, dann h&auml;tten sie das schon viel fr&uuml;her durch J&ouml;rg Huffschmid, den sie verachtet haben, bek&auml;mpft hatten, begreifen k&ouml;nnen. In den Botschaften, die unmittelbar nach seinem Ableben im Internet kursierten, fiel eine Wertsch&auml;tzung besonders auf. Eine Kollegin aus Berlin lobt ihn daf&uuml;r, dass er in den Abschlussbericht dieser Bundestagskommission an vielen Stellen die Position der Frauen in der Globalisierung wie &uuml;berhaupt in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht hat. Gleichberechtigung nicht nur auf den Chefetagen, sondern bei der Lohnarbeit sowie eine &Ouml;konomie, die sich besonders der &Uuml;berwindung der Diskriminierung stellt, war ihm eine Herzensangelegenheit.<\/p><p>J&ouml;rg Huffschmid war mit seinem unerbittlichen Einsatz f&uuml;r eine gerechtere Welt im pers&ouml;nlichen Umgang hartn&auml;ckig und damit nicht immer einfach. Wer ihn jedoch n&auml;her kannte, der sch&auml;tzte seine Freundlichkeit. Seine Lust zum Kochen konnten die G&auml;ste auf seinem Bauernhof bei Bassum genie&szlig;en.<\/p><p>In Erinnerung gehalten wir sein erkl&auml;rungsrelevante Politische &Ouml;konomie mit der Vergabe des Huffschmid-Preises durch ATTAC. &bdquo;In Gedenken an das wissenschaftliche Werk und das gesellschaftspolitische Engagement des kritischen &Ouml;konomen J&ouml;rg Huffschmid&ldquo;, wie es in der Begr&uuml;ndung hei&szlig;t, ist &bdquo;2019 zum f&uuml;nften Mal der nach ihm benannte Preis f&uuml;r herausragende Arbeiten aus dem Feld der Politischen &Ouml;konomie ausgeschrieben&ldquo; worden. Er soll insbesondere junge Wissenschaftler*innen dazu ermutigen, Wissenschaft im Sinne seines Wirkens zu f&ouml;rdern. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J&ouml;rg Huffschmid war Mitbegr&uuml;nder der &bdquo;Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik&ldquo; und hat zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen viel zur wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatte in Deutschland beigetragen. Auch wenn wir, die &Ouml;konomen bei den NachDenkSeiten, nicht immer mit seinen Analysen &uuml;bereinstimmten, ver&ouml;ffentlichen wir gerne diese W&uuml;rdigung von Rudolf Hickel. 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