{"id":58717,"date":"2020-02-23T11:45:29","date_gmt":"2020-02-23T10:45:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58717"},"modified":"2020-02-25T07:17:27","modified_gmt":"2020-02-25T06:17:27","slug":"die-neuen-kleider-der-stadt-der-kaiser-ist-nackt-und-bedeckt-seine-bloesse-mit-einem-leitbild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58717","title":{"rendered":"Die neuen Kleider der Stadt \u2013 Der Kaiser ist nackt und bedeckt seine Bl\u00f6\u00dfe mit einem Leitbild"},"content":{"rendered":"<p>Viele mittelgro&szlig;e St&auml;dte wie Gie&szlig;en suchen h&auml;nderingend nach Einnahmequellen und ihrer Identit&auml;t. Im betriebswirtschaftlichen Jargon, der seit dem Anbruch des neoliberalen Zeitalters die &ouml;ffentliche Rede beherrscht, nennt man Bestrebungen, die diesen Zustand beheben sollen, &bdquo;Branding&ldquo;. Es bezeichnet das Bem&uuml;hen, eine &bdquo;Marke&ldquo; zu entwickeln, die &bdquo;Wiedererkennung&ldquo; f&ouml;rdert und das jeweilige Produkt von Konkurrenzprodukten abhebt. Im Interview mit dem Gie&szlig;ener Anzeiger vom 11. Januar 2020 spricht der B&uuml;rgermeister davon, eine &bdquo;Marke Gie&szlig;en&ldquo; entwickeln zu wollen. Um diesen Prozess voranzutreiben, sei ein &bdquo;Leitbild&ldquo; vonn&ouml;ten, das &bdquo;m&ouml;glichst alle gesellschaftlichen Gruppen ins Boot holt und dahinter versammelt.&ldquo; Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5868\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-58717-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200224_Die_neuen_Kleider_der_Stadt_Der_Kaiser_ist_nackt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200224_Die_neuen_Kleider_der_Stadt_Der_Kaiser_ist_nackt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200224_Die_neuen_Kleider_der_Stadt_Der_Kaiser_ist_nackt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200224_Die_neuen_Kleider_der_Stadt_Der_Kaiser_ist_nackt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=58717-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200224_Die_neuen_Kleider_der_Stadt_Der_Kaiser_ist_nackt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200224_Die_neuen_Kleider_der_Stadt_Der_Kaiser_ist_nackt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir brauchen ein Haus, von dem wir wissen, wer es vor uns bewohnt hat, ein M&ouml;belst&uuml;ck, in dessen kleinen Unregelm&auml;&szlig;igkeiten wir den Handwerker erkennen, der daran arbeitete. Wir brauchen ein Stadtantlitz, das zumindest schwache Erinnerungen erweckt an den alten Kupferstich im Museum.&ldquo; (Jean Am&eacute;ry)\n<\/p><\/blockquote><p>Gie&szlig;en ist also eine Ware, die sich auf dem Markt gegen Konkurrenten behaupten muss. Wenn man diese Pr&auml;misse teilt, kann man es so angehen, wie der B&uuml;rgermeister es in diesem Interview skizziert. Es braucht ein m&ouml;glichst geschicktes &bdquo;Stadtmarketing&ldquo;, um die &bdquo;Vision der Stadt&ldquo; unter die Leute zu bringen und m&ouml;glichst zahlreiche Unternehmen anzulocken. Denn das ist nat&uuml;rlich des Pudels Kern. Da man das so aber nicht sagen will, wird das krude &ouml;konomische Motiv hinter einem Schwurbel vernebelnder Begriffe verborgen. Vor etlichen Jahren hat mir ein Freund eine sogenannte Phrasendreschmaschine geschenkt, die den &ouml;konomistischen Neusprech karikieren wollte. In eine Verkleidung aus Pappe waren drei doppelseitige Drehscheiben montiert, die mit Begriffen aus der Welt des damals aufkommenden Qualit&auml;tsmanagements beschriftet waren. In drei Sichtfeldern konnte man durch Drehen der Scheiben Begriffe beliebig kombinieren und mit ein paar F&uuml;llw&ouml;rtern zu wohlklingenden, aber inhaltsleeren S&auml;tzen aneinanderreihen. Die Antworten des B&uuml;rgermeisters wirken so, als sei auch er im Besitz einer solchen Phrasendreschmaschine. Das funktioniert so lange, wie niemand auftaucht, der analog zum kleinen Kind in Andersens M&auml;rchen <em>Des Kaisers neue Kleider<\/em> ausruft: &bdquo;Das hat ja gar keinen Sinn!&ldquo; <\/p><p>Wie im M&auml;rchen best&uuml;nde dann die Gefahr, dass die B&uuml;rger sich untereinander zufl&uuml;stern, was das Kind gesagt hat, und sich Unruhe ausbreitet. Das Leitbild w&uuml;rde als das erkannt, was es ist: Ein Feigenblatt, das die Bl&ouml;&szlig;e des nackten Kaisers bedecken soll. Noch besitzen die Grundannahmen des Neoliberalismus den Status einer zivilen Religion, deren Glaubensbekenntnis der freie Markt, der schrankenlose Wettbewerb und das ewige Wachstum ist. Dass es genau dieses Glaubensbekenntnis ist, das den Planeten gegen die Wand f&auml;hrt, diese Lektion bekommt die Menschheit gerade im Rahmen eines katastrophenp&auml;dagogischen Curriculums beigebracht. Eine verzweifelte Lerntheorie setzt darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen Ungl&uuml;ck und Einsicht gibt. Wer die Reaktion der Masse der Bev&ouml;lkerung in diesem Lande auf die Katastrophenmeldungen der letzten Zeit beobachtet, wird an der Wirksamkeit der Katastrophendidaktik zweifeln. Die Absatzzahlen der SUVs und die Zahl der Flugreisen erreichen ein neues Rekordniveau und auch am sonstigen Konsumverhalten sind keine nennenswerten Ver&auml;nderungen zu beobachten. Pro Jahr trinken die Deutschen &uuml;ber drei Milliarden Mal im Gehen einen Kaffee aus plastikbeschichteten Bechern, essen rund eine Milliarde Tiefk&uuml;hlpizzen und jede Menge anderes Junkfood und lassen sich 3,6 Milliarden Pakete zuschicken. Das Verhalten der Leute l&auml;sst sich nur als verschwiegene Apokalypse-Sehnsucht deuten, die eine Spielart der von Erich Fromm beschriebenen Nekrophilie darstellt. Eine den ganzen Planeten bedrohende Katastrophe scheint deswegen eine so reizvolle Option zu sein, weil mit ihrem Eintreten jedes Leben erlischt, nicht nur meines.<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zur Krise der St&auml;dte. Das Sterben der St&auml;dte begann, als die gro&szlig;en Ketten den lokalen Einzelhandel zu vertreiben begannen. Die Spekulation bl&uuml;hte, die Mieten stiegen ins Unermessliche, immer mehr inhabergef&uuml;hrte Gesch&auml;fte kapitulierten. In diesen Ph&auml;nomenen manifestiert sich nicht der schlechte Charakter oder die &bdquo;Gier&ldquo; der Ketten-Inhaber, sondern die Konzentrationstendenz des Kapitals. Die Enteignung der kleinen Ladenbesitzer und Kapitaleigner, hei&szlig;t in Marx&lsquo; <em>Kapital<\/em>, &bdquo;vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schl&auml;gt viele tot.&ldquo; Das sei der Dynamik der kapitalistischen Akkumulation geschuldet, Ausdruck des &bdquo;Wolfsgesetzes&ldquo; der kapitalistischen Konkurrenz. Personalisiert man diese im Kern anonyme Tendenz, landet man schnell bei irgendwelchen Verschw&ouml;rungstheorien oder bei &bdquo;den Juden&ldquo; und &bdquo;ihren Banken&ldquo;, die hinter alldem stecken sollen. <\/p><p>Alle Fu&szlig;g&auml;ngerzonen gleichen sich inzwischen, sie unterscheiden sich nur noch durch die unterschiedliche Anordnung der gleichen L&auml;den. Je homogener die St&auml;dte werden, desto mehr ist von Diversit&auml;t die Rede. Der Onlinehandel wird den St&auml;dten den Rest geben. Er kann Waren billiger anbieten, weil er keine Mieten zu zahlen hat. Den St&auml;dten bringt er gar nichts, weil er seine Steuern, wenn &uuml;berhaupt, woanders zahlt und vor Ort auch keine Menschen besch&auml;ftigt und keine Geh&auml;lter zahlt. Er bringt nur Ver&ouml;dung und menschenunw&uuml;rdige Arbeitsverh&auml;ltnisse. Paketboten sind die Woyzecks unserer Tage. Richard David Precht hat vorgeschlagen, die Mehrwertsteuer auf den Onlinehandel drastisch zu erh&ouml;hen. Dann w&uuml;rde der Onlinehandel, der ja auch aus einer &ouml;kologischen Perspektive &auml;u&szlig;erst fragw&uuml;rdig ist, so teuer, dass der lokale Einzelhandel wieder eine Chance h&auml;tte und das urbane Element der St&auml;dte wiederbelebt werden k&ouml;nnte, das auf die Existenz kleiner L&auml;den angewiesen ist. Stattdessen wollen die St&auml;dte sich durch allerhand Schnickschnack attraktiver machen. Man f&ouml;rdert sogenannte Startups und m&ouml;chte, dass sie sich ansiedeln. Diese besitzen allerdings dieselbe Goldgr&auml;ber-Mentalit&auml;t wie die Ketten und ziehen, nachdem sie die lokale Anschubfinanzierung mitgenommen haben, schnell weiter in die Metropolen. <\/p><p>Wer im Kampf gegen die Ver&ouml;dung der St&auml;dte auf <em>Branding<\/em>, Leitbilder und eine sogenannte Startup-Kultur setzt, schickt sich an, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Auf die verheerenden Folgen der neoliberalen Praktiken antwortet man mit noch mehr Neoliberalismus.  Manche Kommunen f&ouml;rdern sogar die Ansiedlung von Online-Lagern und Logistikzentren auf ihrem Grund und Boden. Die St&auml;dte konkurrieren gegeneinander, wer ihren Totengr&auml;bern die lukrativsten Angebote unterbreitet, statt ihnen gemeinsam Paroli zu bieten.<\/p><p>Wenn Gie&szlig;en nach einem Alleinstellungsmerkmal sucht, das mehr meint als ein albernes Gie&szlig;kannen-Museum (es gibt in Gie&szlig;en tats&auml;chlich eins), k&ouml;nnte es darin bestehen, dass die Stadt sich zu einem wahren Gemeinwesen entwickelt, in dem Demokratie tats&auml;chlich zur dominierenden Lebensform w&uuml;rde und R&uuml;cksichtnahme, H&ouml;flichkeit, Mitgef&uuml;hl und Respekt das Alltagsleben bestimmten. Man k&ouml;nnte die Stadt als gemeinsames Projekt all derer begreifen, die in ihr leben und wohnen, als &bdquo;unser aller Ding&ldquo;. Das h&auml;tte dann allerdings eine derart ansteckende Wirkung, dass es bald kein Alleinstellungsmerkmal mehr w&auml;re. Die Botschaft, dass man auch anders leben kann, in einer st&auml;dtischen Umgebung, in der Geld nicht alles ist, bes&auml;&szlig;e eine gro&szlig;e Strahlkraft. Genau deswegen wird man alles daransetzen, dass es zu einem solchen Projekt nicht kommt. Es wird wohl bei einem aufgemotzten Stadtmarketing bleiben. Weil dem Geld, salopp gesagt, alles egal ist, geht die Durch&ouml;konomisierung der Gesellschaft mit ihrer moralischen Verwilderung einher. Oskar Negt hat deswegen im zweiten Band seiner Autobiographie &bdquo;Erfahrungsspuren&ldquo; zu einer gewissen Eile gemahnt: &ldquo;Wir d&uuml;rfen nicht warten, bis das Gemeinwesen verrottet ist und die moralische Verkr&uuml;ppelung ein gesellschaftliches Betriebsklima geschaffen hat, das die M&uuml;he um Anstand und politische Urteilskraft immer beschwerlicher und vielfach aussichtslos werden l&auml;sst.&ldquo;<\/p><p>Titelbild: CC 3.0 Magadan<\/p><p><em><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er ist Mitinitiator des Gie&szlig;ener Georg-B&uuml;chner-Clubs. Eisenberg arbeitet an einer &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;, deren dritter Band unter dem Titel &bdquo;Zwischen Anarchismus und Populismus&ldquo; 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gie&szlig;en erschienen ist. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele mittelgro&szlig;e St&auml;dte wie Gie&szlig;en suchen h&auml;nderingend nach Einnahmequellen und ihrer Identit&auml;t. Im betriebswirtschaftlichen Jargon, der seit dem Anbruch des neoliberalen Zeitalters die &ouml;ffentliche Rede beherrscht, nennt man Bestrebungen, die diesen Zustand beheben sollen, &bdquo;Branding&ldquo;. Es bezeichnet das Bem&uuml;hen, eine &bdquo;Marke&ldquo; zu entwickeln, die &bdquo;Wiedererkennung&ldquo; f&ouml;rdert und das jeweilige Produkt von Konkurrenzprodukten abhebt. Im Interview<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58717\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":58718,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,85,161],"tags":[373,1288,2434,1973,690],"class_list":["post-58717","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-pr","category-wertedebatte","tag-oekonomisierung","tag-einzelhandel","tag-kommunalpolitik","tag-monopolisierung","tag-neusprech"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/20023_Mk_Giessen_Stadt.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58717","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=58717"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58717\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58781,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58717\/revisions\/58781"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/58718"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=58717"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=58717"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=58717"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}