{"id":5872,"date":"2010-06-11T09:37:37","date_gmt":"2010-06-11T07:37:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5872"},"modified":"2019-02-15T12:35:20","modified_gmt":"2019-02-15T11:35:20","slug":"aushungerung-des-sozialstaates-sparen-als-neoliberale-ideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5872","title":{"rendered":"Aushungerung des Sozialstaates &#8211; \u201eSparen\u201c als neoliberale Ideologie"},"content":{"rendered":"<p>Die &ouml;ffentliche Armut bildet im neoliberalen Projekt eines &bdquo;Um-&ldquo; bzw. Abbaus des Sozialstaates keinen Kollateralschaden, sondern dient als Mittel zur St&auml;rkung der Wirtschaft, w&auml;hrend der private Reichtum das Lockmittel darstellt, welches die &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; zu besonderen Anstrengungen motivieren soll. H&auml;ufig fordern Neoliberale gleichzeitig die K&uuml;rzung der Staatsausgaben, eine Senkung der Steuern und die Ausweitung der (wirtschaftsnahen) Staatsaufgaben.<br>\nDa gem&auml;&szlig; der Standortlogik vor allem die Gewinnsteuern und die Spitzensteuers&auml;tze immer st&auml;rker gegen Null tendieren m&uuml;ssen, um Gro&szlig;investoren anzulocken und als &bdquo;Wirtschaftsstandort&ldquo; attraktiv zu bleiben, w&auml;hrend die sozialen Probleme wachsen und der Staat immer mehr Aufgaben zu erf&uuml;llen hat, steigt dessen Kreditaufnahme. Gleichzeitig verf&auml;llt die soziale und Verkehrsinfrastruktur &ndash; wie in den USA und Gro&szlig;britannien seit langem zu beobachten ist &ndash;, was Neoliberale wiederum zusammen mit der Staatsverschuldung skandalisieren, obwohl es sich dabei um die Fr&uuml;chte ihrer Konzeption eines &bdquo;schlanken Staates&ldquo; handelt. Von Christoph Butterwegge<br>\n<!--more--><\/p><p>Die popul&auml;re Forderung, der Staat solle &bdquo;sparen&ldquo;, findet gerade nach den &bdquo;Rettungspaketen&ldquo; f&uuml;r die deutschen Banken, Griechenland und den Euro in der (Medien-)&Ouml;ffentlichkeit eine &uuml;berwiegend positive Resonanz, weil dieser Vorgang mit vern&uuml;nftigem &bdquo;Ma&szlig;halten&ldquo; im pers&ouml;nlichen Bereich gleichgesetzt wird, wenngleich er dort ganz anders zu bewerten ist: Hat der legend&auml;re Familienvater oder die ber&uuml;hmte schw&auml;bische Hausfrau wenig Geld zur Verf&uuml;gung, m&uuml;ssen sie damit tats&auml;chlich m&ouml;glichst sparsam umgehen, w&auml;hrend der Staat die Wirtschaft mittels &ouml;ffentlicher Investitionen gerade dann ankurbeln muss, wenn diese wie gegenw&auml;rtig aufgrund der keineswegs &uuml;berwundenen Weltwirtschafts- und Finanzkrise lahmt.<\/p><p>Eine sparsame Haushaltsf&uuml;hrung des Staates wird heute vielfach mit &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo; in Verbindung gebracht, wohingegen die &ouml;ffentliche Kreditaufnahme als Verletzung des Gebotes der Nachhaltigkeit gilt. H&auml;ufig tun Neoliberale so, als h&auml;tten k&uuml;nftige Generationen hohe Schuldenberge abzutragen, wozu sie weder willens noch in der Lage w&auml;ren. Dabei lastet dieser Schuldendienst nur auf einem Teil der kommenden Generationen; ein anderer erh&auml;lt sehr viel mehr Zinsen aus (geerbten) Schuldverschreibungen des Staates, als er selbst an Steuern zahlt, und profitiert dadurch sogar von heutigen Budgetdefiziten.<\/p><p>Trotzdem verf&auml;ngt die Argumentationsfigur von &bdquo;Zechprellern zu Lasten unserer eigenen Kinder&ldquo; (Bernd Raffelh&uuml;schen). Da die Verschuldung der Gebietsk&ouml;rperschaften &bdquo;unseren Kindern und Enkeln die Chancen f&uuml;r ihre Zukunft&ldquo; raube (Ex-Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der), sei die Konsolidierungspolitik ein Gebot der Generationengerechtigkeit, hei&szlig;t es h&auml;ufig. Aus der Staatsverschuldung resultieren aber sowohl Forderungen wie auch Verbindlichkeiten und beide Gr&ouml;&szlig;en werden an die n&auml;chste Generation &bdquo;vererbt&ldquo;. Blickt man getrennt auf die gegenw&auml;rtige oder auf die folgende Generation, liegt immer ein gesamtwirtschaftliches Nullsummenspiel vor. Durch die Instrumentalisierung der nachwachsenden Generationen unter einem Schlagwort wie &bdquo;Nachhaltigkeit der Finanzpolitik&ldquo; (Papier der Bundesregierung zur &bdquo;Sparklausur&ldquo; im Kanzleramt am 6.\/7. Juni 2010) wird im Grunde eine fragw&uuml;rdige Politik der Haushaltskonsolidierung gerechtfertigt, die gerade f&uuml;r Kinder und Jugendliche verheerende Folgen hat, weil vorrangig den sie betreffenden Bereichen (Schule, Jugendarbeit und Hochschule) nicht mehr die n&ouml;tigen Mittel zuflie&szlig;en. Zwischen &ouml;kologischen und finanziellen Ressourcen besteht n&auml;mlich ein entscheidender Unterschied: Einmal vernutzte fossile Brennstoffen fehlen k&uuml;nftigen Generationen, w&auml;hrend deren Beitr&auml;ge zur Tilgung von Schulden f&uuml;r &ouml;ffentliche Aufgaben n&uuml;tzliche Infrastrukturangebote gegen&uuml;berstehen. Geld wird zwar im Jugendjargon als &bdquo;Kohle&ldquo; bezeichnet, verbrennt oder verschwindet aber nicht, sondern flie&szlig;t nur von einer in die andere Tasche. Geld ist genug da, wenn es sich auch meist in der falschen Tasche befindet!<\/p><p>Nat&uuml;rlich darf sich auch ein Staat nicht ohne jedes Ma&szlig; ver- bzw. &uuml;berschulden. Die extrem starke Thematisierung des &bdquo;Sparens&ldquo; in &ouml;ffentlichen Haushalten lenkt den Blick allerdings zu einseitig auf die Ausgabenseite, obwohl die gegenw&auml;rtigen Probleme des Sozialstaates in erster Linie auf der Einnahmenseite entstehen. Entstanden ist der &bdquo;Schuldenberg&ldquo; in H&ouml;he von 1,7 Billionen Euro nicht, weil &bdquo;wir&ldquo; &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt oder weil der Staat schlecht gehaushaltet hat, sondern weil die etablierten Parteien seit Jahrzehnten die Kapital- und Gewinnsteuern gesenkt und die reichsten B&uuml;rger systematisch entlastet haben. Da wurde die B&ouml;rsenumsatzsteuer abgeschafft, der Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer mehrfach gesenkt, die Verm&ouml;gensteuer seit 1997 nicht mehr erhoben, die K&ouml;rperschaftsteuer f&uuml;r Kapitalgesellschaften zu einer Bagatellsteuer gemacht, die blo&szlig; noch ein Viertel bis ein Drittel des Aufkommens der Tabaksteuer erbringt, und die betriebliche Erbschaftsteuer ab dem 1. Januar 2010 zu einer reinen Phantomabgabe degradiert. Kaum ein Politiker entzieht sich diesem Steuersenkungswettlauf, der f&uuml;r die Allgemeinheit desastr&ouml;se Auswirkungen zeitigt. Gerade die Besserverdienenden und die gro&szlig;en Unternehmen m&uuml;ssten veranlasst werden, ihrer Verantwortung f&uuml;r ein gut funktionierendes Gemeinwesen wieder gerecht zu werden.<\/p><p>H&auml;ufig wird gar nicht &bdquo;gespart&ldquo;, sondern die finanzielle Belastung nur anders verteilt, also von der Bundesebene zu den L&auml;ndern und Kommunen oder der Solidargemeinschaft auf jeden Einzelnen verlagert bzw. von der Gegenwart in die Zukunft verschoben. So will die Bundesregierung j&auml;hrlich 1,8 Mrd. Euro &bdquo;sparen&ldquo;, indem Hartz-IV-Bezieher\/innen aus der Gesetzlichen Rentenversicherung ausgeschlossen und keine Beitr&auml;ge mehr f&uuml;r sie entrichtet werden. Dadurch erh&ouml;ht sich zwangsl&auml;ufig die Altersarmut, und die Kommunen bzw. k&uuml;nftige Generationen, die angeblich entlastet werden sollen, m&uuml;ssen demn&auml;chst entsprechend mehr f&uuml;r die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung aufbringen. Noch mehr Geld will die schwarz-gelbe Koalition im Bereich der aktiven Arbeitsmarktpolitik &bdquo;einsparen&ldquo;, indem Ma&szlig;nahmen der beruflichen Weiterbildung und Umschulungen f&uuml;r Erwerbslose, die bisher Pflichtleistungen waren, zu Ermessensleistungen der JobCenter werden. Damit zeigt die Bundesregierung, dass sich ihr Bekenntnis zur &bdquo;Bildungsrepublik Deutschland&ldquo; und das Versprechen der Kanzlerin, &bdquo;Bildung f&uuml;r alle&ldquo; zu erm&ouml;glichen, das der 3. Bildungsgipfel am 10. Juni 2010 erneuern d&uuml;rfte, blo&szlig; auf Exzellenzbereiche und die Elitebildung von Privilegierten bezieht, aber Erwerbslose gerade nicht einbezieht, wie sie dadurch auch die (Langzeit-)Arbeitslosigkeit erh&ouml;ht, was wiederum mit Mehrkosten im Bereich der passiven Arbeitsmarktpolitik verbunden ist.<\/p><p>Zu fragen ist, ob eine so reiche Gesellschaft wie die Bundesrepublik leere &ouml;ffentliche Kassen und immer mehr Milliard&auml;re und Multimillion&auml;re haben will oder ob sie einen sozialen Ausgleich und nachhaltige Entwicklung anstrebt. Bekanntlich k&ouml;nnen sich nur die Reichen einen magers&uuml;chtigen Staat leisten. Denn sie schicken ihre Kinder auf Privatschulen und ausl&auml;ndische Eliteuniversit&auml;ten, kaufen alles, was ihr Leben versch&ouml;nert, selbst und sind auf &ouml;ffentliche Schwimmb&auml;der, Bibliotheken oder andere kommunale Einrichtungen, die zunehmend geschlossen werden, gar nicht angewiesen. Alle &uuml;brigen Bev&ouml;lkerungsschichten ben&ouml;tigen jedoch seine Leistungen und kommen ohne &ouml;ffentliche Infrastruktur nicht aus. Wohlfahrtseinrichtungen, Kunst, Kultur, (Weiter-)Bildung, Wissenschaft und Forschung d&uuml;rfen nicht von kommerziellen Interessen oder der Spendierfreude privater Unternehmer, M&auml;zene und Sponsoren abh&auml;ngig werden. Genau das droht uns, wenn der Staat in neoliberaler Manier &bdquo;kaputtsaniert&ldquo; wird.<\/p><p><strong>Der Autor Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln<\/strong><\/p><p>Buchpublikationen des Autors zum Thema:<\/p><ul>\n<li>Butterwegge, Christoph\/Klundt, Michael (Hrsg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demografischen Wandel, 2. Aufl. Opladen (Leske &amp; Budrich) 2003\n<\/li>\n<li>Butterwegge, Christoph: Krise und Zukunft des Sozialstaates, 3. Aufl. Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften) 2006<\/li>\n<li>Butterwegge, Christoph\/L&ouml;sch, Bettina\/Ptak, Ralf: Kritik des Neoliberalismus, 2. Aufl. Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften) 2008<\/li>\n<li>Butterwegge, Christoph: Butterwegge, Christoph: Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdr&auml;ngt wird, Frankfurt am Main\/New York (Campus) 2009<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &ouml;ffentliche Armut bildet im neoliberalen Projekt eines &bdquo;Um-&ldquo; bzw. Abbaus des Sozialstaates keinen Kollateralschaden, sondern dient als Mittel zur St&auml;rkung der Wirtschaft, w&auml;hrend der private Reichtum das Lockmittel darstellt, welches die &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; zu besonderen Anstrengungen motivieren soll. 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