{"id":58801,"date":"2020-02-25T11:48:13","date_gmt":"2020-02-25T10:48:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58801"},"modified":"2020-02-26T07:23:56","modified_gmt":"2020-02-26T06:23:56","slug":"nach-hanau-war-schon-vor-hanau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58801","title":{"rendered":"Nach Hanau war schon vor Hanau"},"content":{"rendered":"<p>Was in Hanau geschah, war gewiss nicht die Tat eines isolierten Einzelt&auml;ters, sondern vielmehr das Resultat jenes menschenfeindlichen Diskurses, der seit Jahren in Deutschland stattfindet und mittlerweile zum Alltag geh&ouml;rt. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3789\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-58801-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200225_Nach_Hanau_war_schon_vor_Hanau_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200225_Nach_Hanau_war_schon_vor_Hanau_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200225_Nach_Hanau_war_schon_vor_Hanau_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200225_Nach_Hanau_war_schon_vor_Hanau_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=58801-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200225_Nach_Hanau_war_schon_vor_Hanau_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200225_Nach_Hanau_war_schon_vor_Hanau_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als ich am Donnerstagmorgen wach wurde und die Nachrichten sah, hatte ich ein mulmiges Gef&uuml;hl. Rechter Terror in Hanau. Zehn Tote, neun davon Menschen mit Migrationserfahrungen.<\/p><p>Kurz darauf griff ich zum Telefon und rief meine Cousine an. Sie f&uuml;hrt ein kleines Caf&eacute; in der Hanauer Innenstadt, und sie ist eine deutlich erkennbare Muslimin. &bdquo;Alles ist gut, doch hier ist etwas Schreckliches passiert&ldquo;, sagt sie mir. W&auml;hrenddessen geht mir vieles durch den Kopf. &bdquo;Wir&ldquo;, dachte ich, obwohl ich ungern in diesen Kategorien denke, sind &bdquo;hier&ldquo; nicht mehr sicher. Es war ein reiner Gl&uuml;cksfall, dass das Caf&eacute; meiner Cousine nicht zum Terrorziel geworden ist.<\/p><p>Wenige Minuten sp&auml;ter spreche ich mit ihrem Bruder. Er befindet sich auf dem Weg ins Krankenhaus. Idrees, sein Mitarbeiter, Azubi und Freund, liegt im Koma. Wie durch ein Wunder blieb die Kugel in seinem Kiefer stecken und drang nicht weiter in den Kopf ein. W&auml;hrenddessen hatte Nessar, Idrees&rsquo; Bruder, weniger Gl&uuml;ck und erlag seinen Verletzungen. Sein Name wurde mittlerweile, gemeinsam mit jenen der anderen Opfer, tausendfach geteilt. Idrees&rsquo; und Nessars Familie stammen aus Afghanistan. Ihre Eltern hatten Krieg und Zerst&ouml;rung hinter sich gelassen, um ihren Kindern in Deutschland ein besseres Leben zu erm&ouml;glichen. Dies gelang auch &ndash; bis zum 20. Februar 2020.<\/p><p>W&auml;hrend auch viele Menschen innerhalb Deutschlands mit Hanau wenig anfangen konnten, war dies in meinem Fall anders. Ich kenne die Stadt gut, und aufgrund meiner zahlreichen Verwandten, die dort leben, gab es Zeiten, in denen wir mindestens einmal im Sommer vorbeischauten. In Hanau leben viele Migranten aus den verschiedensten Ecken der Welt. Es gibt T&uuml;rken, Kurden, Afghanen, Araber sowie zahlreiche Menschen aus afrikanischen L&auml;ndern. Alle lebten stets in Harmonie miteinander.<\/p><p>Am Ende konnte ein einzelner Mann, dessen Namen ich in diesem Text gar nicht nennen will, diese Harmonie zerst&ouml;ren. Nachdem er sein Massaker vollbracht hatte, t&ouml;tete er seine Mutter und richtete sich selbst hin.<\/p><p>Es gibt vieles, was mich bereits vor Hanau w&uuml;tend und hoffnungslos gemacht hat. Doch auch in diesem Fall lie&szlig; das mediale D&eacute;j&agrave;-vu nicht lange auf sich warten, und auch diesmal gab es nichts, was mich noch h&auml;tte &uuml;berraschen k&ouml;nnen. Bereits in derselben Nacht hat die BILD-Zeitung fake news verbreitet, indem sie von einer &bdquo;Milieu-Tat&ldquo; berichtete. Konkret bedeutet dies, dass Migranten sich allem Anschein nach gerne gegenseitig abknallen und dass das wohl auch in diesem Fall so gewesen sein muss. Andere Medien, etwa der Focus, berichteten von &bdquo;Shisha-Morden&ldquo;. Dass man das noch nach den bekannten &bdquo;D&ouml;ner-Morden&ldquo; &ndash; so wurde einmal der Terror des NSU genannt, bevor er aufgedeckt wurde &ndash; bringt, ist eine Klasse f&uuml;r sich. Hinzu kamen nat&uuml;rlich noch zahlreiche weitere Dinge, etwa die Tatsache, dass man von einer &bdquo;fremdenfeindlichen&ldquo; Tat berichtete. Der Begriff &bdquo;fremdenfeindlich&ldquo; bringt im Grunde genommen das ganze deutsche Problem auf den Punkt. In vielen anderen Sprachen gibt es gar kein Pendant dazu, so veraltet, schwachsinnig und realit&auml;tsfern ist das Wort mittlerweile geworden.<\/p><p>Doch all dies machte abermals deutlich, dass in vielen deutschen Redaktionen einfach keinerlei Sensibilisierung vorhanden ist &ndash; und daran wird sich wohl auch nichts &auml;ndern.<\/p><p>Das Geschehen in Hanau ist n&auml;mlich keineswegs als isolierte Tat eines rechtsterroristischen Irren zu bewerten, sondern als das Resultat eines jahrelangen Diskurses, der hierzulande zur Normalit&auml;t geworden ist. Aus diesem Grund ist mir auch die geheuchelte Aufmerksamkeit der BILD-Zeitung oder die nervt&ouml;tende Betroffenheit in deutschen Talkshows herzlich egal. Man kann nicht konstant von kriminellen Fl&uuml;chtlingen, extremistischen Muslimen und zwielichtigen Moscheen oder Shisha-Bars berichten, ohne den Gedanken fortzuf&uuml;hren.<\/p><p>Doch der M&ouml;rder von Nessar und den anderen jungen Menschen aus Hanau hat genau diesen Gedanken zu Ende gef&uuml;hrt.<\/p><p>Und es gibt auch andere, die dies tun, etwa die Mitglieder jener rechtsextremen Zelle, die kurz vor der Tat in Hanau festgenommen wurden und mehrere Moscheen in ganz Deutschland zum Ziel gemacht hatten. Ihre Waffenscheine erhielten sie &uuml;brigens dank eines <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/terrorverdaechtiger-polizeimitarbeiter-war-fuer-waffenscheine-zustaendig-a-737769ff-eb64-4ba7-90f3-4b7cda01d50a\">Freundes bei der Polizei<\/a>.<\/p><p>Und hiermit w&auml;ren wir schon beim n&auml;chsten Punkt.<\/p><p>Wenn Angela Merkel vor versammelter Journalisten-Menge vom Gift des Rassismus spricht, kann ich damit so gut wie nichts anfangen. Es ist n&auml;mlich einfach falsch, wenn Merkel und andere etablierte Parteien und Politiker nun so tun, als ob dieser Rassismus einfach so vom Himmel gefallen sei und lediglich mit der AfD zu tun habe. All die t&auml;gliche Hetze gab es n&auml;mlich bereits vor dem Aufstieg der AfD. &bdquo;Mekka Deutschland&ldquo; und Co. titelten keine rechten Ideologen oder Neonazis, sondern die zum Teil linksliberalen Blattmacher f&uuml;hrender deutscher Medien.<\/p><p>Abgesehen vom medialen Diskurs existieren ganz klare, rassistische und neonazistische Strukturen innerhalb deutscher Sicherheitsorgane, sprich, Polizei, Bundeswehr und Verfassungsschutz. Mittlerweile ist all dies derart bekannt, dass man es an dieser Stelle nicht einmal mehr wiederholen muss. Geschehen ist trotzdem nichts. Absolut gar nichts.<\/p><p><strong>&bdquo;Einfach nur weg hier&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wie schlimm das alles ist, kann man nur nachvollziehen, wenn man nicht als Teil der deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachtet wird, sprich, als erkennbarer Mensch mit Migrationserfahrung. In letzter Zeit &ndash; lange vor Hanau &ndash; hatte ich immer wieder Gespr&auml;che mit Freunden und Verwandten. Eine gro&szlig;e Portion von ihnen ist der Meinung, dass man hier, sprich, in Europa (&Ouml;sterreich, Deutschland) nicht mehr leben k&ouml;nne. Der Rassismus sei zu stark, zu gegenw&auml;rtig. Es werde immer unsicherer. Manche bef&uuml;rchten deshalb sogar einen baldigen B&uuml;rgerkrieg.<\/p><p>Einige von ihnen ziehen andere L&auml;nder in Erw&auml;gung, etwa Kanada. Andere wollen &bdquo;zur&uuml;ck&ldquo; in die T&uuml;rkei oder gar nach Afghanistan. Ich muss zugeben, dass ich mittlerweile auch zu jenen geh&ouml;re, die eine Auswanderung erw&auml;gen. Hauptsache, einfach weg von hier.<\/p><p>Die Gr&uuml;nde hierf&uuml;r lassen sich zum Teil auch in meiner Arbeit wiederfinden. Das meiste, wor&uuml;ber ich schreibe, spielt sich n&auml;mlich nicht mehr in Deutschland ab. Der Krieg in Afghanistan, die Friedensgespr&auml;che mit den Taliban, der amerikanische &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo;. Damit verbringe ich den Gro&szlig;teil meiner Zeit, und obwohl all diese Themen ziemlich d&uuml;ster sind, bin ich damit zufrieden.<\/p><p>Rassismus, Migration und der deutschsprachige Mediendiskurs diesbez&uuml;glich besch&auml;ftigen mich immer wieder. Das war nicht immer so, doch mittlerweile frage ich mich, was all das noch bringen soll. Fr&uuml;her st&uuml;rzte ich mich auf diese Themen, mittlerweile bin ich ziemlich pessimistisch geworden. Ein Blick in die deutsche Twitterblase, die BILD-Zeitung oder die Berichterstattung von ZDF oder ARD reichen hierf&uuml;r v&ouml;llig aus.<\/p><p>Ob sich meine gegenw&auml;rtige Haltung noch &auml;ndern wird, wird sich zeigen. Nach Hanau wohl eher nicht.<\/p><p>Ich wei&szlig; allerdings, dass sich mittlerweile viele Menschen in diesem Land so f&uuml;hlen. Sie sind m&uuml;de. Sie f&uuml;hlen sich nicht dazugeh&ouml;rig. Sie wollen weg, doch sie wissen nicht so recht, wohin es gehen soll. Doch auch hier wird es eng. Egal, ob in der Moschee, in der Shisha-Bar oder woanders.<\/p><p>Gleichzeitig sind viele dieser Menschen deutscher (oder in meinem Fall auch &ouml;sterreichischer), als sie es sich vorstellen k&ouml;nnen. Das betrifft auch mich, und genau das ist wohl das Dilemma.<\/p><p>Titelbild: &copy; Westend Verlag<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was in Hanau geschah, war gewiss nicht die Tat eines isolierten Einzelt&auml;ters, sondern vielmehr das Resultat jenes menschenfeindlichen Diskurses, der seit Jahren in Deutschland stattfindet und mittlerweile zum Alltag geh&ouml;rt. 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