{"id":5882,"date":"2010-06-14T08:36:45","date_gmt":"2010-06-14T06:36:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5882"},"modified":"2019-03-02T12:46:14","modified_gmt":"2019-03-02T11:46:14","slug":"das-falsche-zur-falschen-zeit-am-falschen-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5882","title":{"rendered":"Das Falsche \u2013 zur falschen Zeit am falschen Ort"},"content":{"rendered":"<p>Das sogenannte Sparprogramm der schwarz-gelben Regierung wird in die Geschichte eingehen. Aber nicht als der endg&uuml;ltige Durchbruch in Sachen Staatsverschuldung, sondern als Beginn einer verlorenen Dekade. Es wird als klassischer Ausdruck f&uuml;r den Tunnelblick einer Regierung betrachtet werden, die im entscheidenden Jahr 2010 nicht einmal im Ansatz begriffen hatte, was die Stunde geschlagen hatte. Von Heiner Flassbeck<br>\n<!--more--><br>\nSeit mindestens zwei Jahren wird international mit Verve diskutiert, wie man die globalen Ungleichgewichte bek&auml;mpfen kann, ohne die globale Konjunktur abzuw&uuml;rgen. Und siehe da, es hat sich ein weitgehender Konsens herausgebildet, der darauf hinausl&auml;uft, mit verteilten Rollen zu arbeiten. Auf der einen Seite die L&auml;nder, die weit unter ihren Verh&auml;ltnissen gelebt haben, das sind all diejenigen, bei denen das gesamte Land einen &Uuml;berschuss gegen&uuml;ber dem Rest der Welt aufweist, die L&auml;nder mit Leistungsbilanz&uuml;berschuss also. Auf der anderen stehen diejenigen, die Leistungsbilanzdefizite aufweisen, also &uuml;ber ihren Verh&auml;ltnissen gelebt haben, weil sie als Land insgesamt mehr ausgeben als eingenommen haben. <\/p><p>Nimmt man die Verschuldung des Staates, also das &ouml;ffentliche Haushaltsdefizit und die gesamte Staatsverschuldung als weiteres Kriterium mit hinzu, lautet die Regel f&uuml;r vern&uuml;nftiges Verhalten, dass diejenigen Staaten, die Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse aufweisen und zudem eine relativ geringe Staatsverschuldung wesentlich mehr zur Anregung der Binnennachfrage tun sollten als diejenigen, die bei beidem hoch im Defizit sind. Nach diesem einfachen Muster gibt es genau zwei L&auml;nder auf dieser Welt, die pr&auml;destiniert w&auml;ren f&uuml;r eine Anregung der Binnennachfrage und auch gro&szlig; genug w&auml;ren, um das zu leisten: China und Deutschland. Da China mit einem unglaublich massiven staatlichen Anregungsprogramm und boomender Binnennachfrage sowie explodierender Importe seinen Teil schon getan hat, gab es zuletzt nur noch einen Kandidaten auf der Liste, der die &bdquo;Welt h&auml;tte retten k&ouml;nnen&ldquo;. <\/p><p>Nun ist das vorbei. Ohne einmal links oder rechts zu schauen, ohne die internationalen Warnungen, wie sie zuletzt der amerikanische Finanzminister Tim Geithner in Berlin in aller Deutlichkeit ausgesprochen hatte, noch einmal h&ouml;ren zu wollen, hat sich die Bundesregierung ein Wochenende lang aufs staatliche Sparen gest&uuml;rzt und &bdquo;das gr&ouml;&szlig;te Sparprogramm der deutschen Geschichte&ldquo; geboren. Dieses Programm ist aber nicht nur, wie viele beklagen, ungerecht, einseitig und Ausdruck reinster Klientielorientierung. Nein, dieses Programm ist weltwirtschaftlich einer der gr&ouml;&szlig;ten Fehler, die je gemacht wurden. <\/p><p>Deutschland lebt n&auml;mlich schon wieder vom Export allein. Alles, was jetzt Aufschwung genannt wird, ist der Tatsache zu verdanken, dass die deutsche Wirtschaft immer noch extrem wettbewerbsf&auml;hig ist, oder sogar wegen der Euro-Schw&auml;che noch wettbewerbsf&auml;higer geworden ist. Der &Uuml;berschuss in der Leistungsbilanz, der in den vergangenen beiden Jahren etwas gesunken war, wird wieder massiv steigen.  Alle Prognosen f&uuml;r das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr unterstellen, dass der weitaus gr&ouml;&szlig;te Wachstumsbeitrag vom Au&szlig;enhandel kommt. Was wiederum bedeutet, das in anderen L&auml;ndern der gleiche Beitrag vom Wachstum abgezogen werden muss, weil es auf der Welt insgesamt keinen Wachstumsbeitrag vom Au&szlig;enhandel gibt, denn die Welt als Ganzes kennt nun mal keinen externen Handel und schon gar keine Salden aus diesem Handel.<\/p><p>Das mindeste, was man trotz all der anderen Fehler h&auml;tte erwarten k&ouml;nnen, w&auml;re eine einfache Rechnung nach dem Motto gewesen, wenn wir schon Menschen belasten, die nicht unmittelbar mit dem Desaster der Finanzkrise zu tun hatten, dann belasten wir wenigstens die, die es leicht verkraften und deswegen ihre Ausgaben nicht einschr&auml;nken werden. Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;genssteuer oder Wiederanhebung des Spitzensteuersatzes w&auml;ren einfache Ma&szlig;nahmen zur Umsetzung eines solchen Konzepts gewesen. Aber selbst das ging nicht durch die ideologische Zensur. Nicht einmal wirtschaftliche Vernunft konnte die ideologische Barriere &uuml;berwinden. Warum man nicht wenigstens eine B&ouml;rsenumsatzsteuer eingef&uuml;hrt hat, wo man doch vorgibt, eine Finanztransaktionssteuer einf&uuml;hren zu wollen, wird ohnehin ein R&auml;tsel f&uuml;r den bleiben, der versucht, nicht bei allem und jedem an die gro&szlig;e Konspiration des Finanzkapitals zu glauben. <\/p><p>Deutschland macht mit diesem Paket unbeirrt weiter, was es seit 30 Jahren als allein selig machend erkannt hat, obwohl es in der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion damit gerade mal wieder gegen die Wand gefahren ist: Es schnallt selbst den G&uuml;rtel enger und macht die Handelspartner zu Schuldnern. Wenn sie dann zu viele Schulden haben, zeigt man mit Fingern auf sie und fordert sie auf, doch das Gleiche wie Deutschland zu tun. Die kleine logische H&uuml;rde, dass es schlicht unm&ouml;glich ist, dass alle ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessern und Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse haben, k&uuml;mmert uns nicht. Wir werden uns doch bei ideologisch bedeutsamen Fragen nicht von der Logik st&ouml;ren lassen.<\/p><p>So ist das Ergebnis ganz einfach. Die Europ&auml;er gehen gemeinsam in die Deflation, weil &uuml;berall der G&uuml;rtel enger geschnallt und L&ouml;hne gesenkt werden. Die kurzfristigen Gewinne an Wettbewerbsf&auml;higkeit gegen&uuml;ber dem Rest der Welt durch die Lohnsenkung und den schwachen Euro werden sie eine Weile in dem Glauben best&auml;rken, den richtigen Weg gefunden zu haben. Dann, wenn es eigentlich schon endg&uuml;ltig zu sp&auml;t ist, werden sie sich noch &uuml;ber die Aufwertung des Euro freuen, der steigt, weil die ganze restliche Welt einschlie&szlig;lich Chinas zum Superschuldner des Eurolandes geworden ist. Erst in der gro&szlig;en Krise des Jahres 2015 werden sie endg&uuml;ltig feststellen, dass dieses Europa keine Zukunft hat. Dann wird man den einfachen Menschen in Deutschland, die schon 15 Jahre keinerlei Einkommenszuwachs und keinen Konsumzuwachs mehr gesehen haben, wieder erkl&auml;ren, dass sie zu lange &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt haben. <\/p><p><em>Quelle: Wirtschaft und Markt, Juli 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das sogenannte Sparprogramm der schwarz-gelben Regierung wird in die Geschichte eingehen. Aber nicht als der endg&uuml;ltige Durchbruch in Sachen Staatsverschuldung, sondern als Beginn einer verlorenen Dekade. Es wird als klassischer Ausdruck f&uuml;r den Tunnelblick einer Regierung betrachtet werden, die im entscheidenden Jahr 2010 nicht einmal im Ansatz begriffen hatte, was die Stunde geschlagen hatte. 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