{"id":58910,"date":"2020-03-01T13:30:23","date_gmt":"2020-03-01T12:30:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58910"},"modified":"2020-03-01T15:34:08","modified_gmt":"2020-03-01T14:34:08","slug":"leserbriefe-zu-sterbehilfe-ein-sehr-gutes-urteil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58910","title":{"rendered":"Leserbriefe zu \u201eSterbehilfe: Ein sehr gutes Urteil\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Zu dem Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58861\">&bdquo;Sterbehilfe: Ein sehr gutes Urteil&ldquo;<\/a> gab es Zuschriften mit sehr unterschiedlichen Positionen. Wir geben einige der Briefe hier wieder. Zusammengestellt von <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>1. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Liebes Team,<\/p><p>danke f&uuml;r den Artikel von Tobias Riegel &uuml;ber das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil zur Sterbehilfe.<br>\n&nbsp;<br>\nAuch ich habe mich sehr gefreut, dass nun f&uuml;r alle betroffenen Menschen, ob nun Schwerstkranke und deren Angeh&ouml;rige oder &Auml;rzte und Pflegepersonal Klarheit geschaffen worden ist. Jetzt k&ouml;nnen alle beruhigt leben, weil sie wissen, dass den Kranken, denen sie beistehen &ndash; wenn es denn soweit ist und das Leben nur noch reine Qual und Schmerz ist &ndash; geholfen werden darf. Denn auch die Helfer leiden mit, wenn sie hilflos zusehen m&uuml;ssen, wie ein Mensch elendig sterben muss, oftmals bei klarem Bewusstsein und unter unfassbaren Schmerzen.<br>\n&nbsp;<br>\nSo verstehe ich das Verhalten derer nicht, die noch immer unverbesserlich das alte System von Qual und Leid f&uuml;r das Bessere halten und meinen, dass nun ein Ansturm auf diese Hilfen losbrechen w&uuml;rde. Woher kommt diese Fantasie, frage ich mich, denn nichts spricht daf&uuml;r, dass es so sein wird, weil es vorher auch nicht so war. Sie tun so, als w&uuml;rde sich jetzt die professionelle, passive Sterbehilfe zu einem &nbsp;&bdquo;bandenm&auml;&szlig;igen&ldquo; organisierten Gesch&auml;ft entwickeln. So was ist gemein und unterstellt allen ehrlichen, mitf&uuml;hlenden Helfern b&ouml;sartige Verbrechen.<br>\n&nbsp;<br>\nDass es die sog. &bdquo;aktive Sterbehilfe&ldquo; Euthanasie, die mit einer Spritze&nbsp; oder Infusion., hier nicht geben darf, ist manchen im Ausland, wie in Holland, unverst&auml;ndlich.<br>\n&nbsp;<br>\nIch denke, als ich damit in den Niederlanden konfrontiert wurde, dass das ein &Uuml;berrest aus der Nazidiktatur ist, als alle dem System nicht passenden Menschen, insbesondere Menschen j&uuml;dischen &nbsp;Glaubens, per Euthanasie , was &bdquo;sch&ouml;nes Sterben&ldquo; hei&szlig;t, GEGEN ihren Willen sogar fabrikm&auml;&szlig;ig in Konzentrationslagern vergiftet oder vergast, kaltbl&uuml;tig ermordet wurden. Was &nbsp;Euthanasie genannt wurde war in Wahrheit ein Massenmorden auf Befehl eines Politikers, der sich F&uuml;hrer nannte, und dem blind gehorcht wurde.<br>\n&nbsp;<br>\nDamit hat das Wort &bdquo;Euthanasie&ldquo; einen Makel bekommen, der ihm immer noch anh&auml;ngt, aber nicht verdient hat.<\/p><p>Es wird Zeit, dass wir auch diese Verbrechen, die im medizinischen Bereich stattfanden, aufarbeiten, damit diese Fantasien, die jetzt bei einigen bei der passiven Sterbehilfe auftauchen, der Boden genommen wird.<br>\n&nbsp;<br>\nKein Mensch oder Politiker der Welt hat ein Recht &uuml;ber Leben oder Tod eines anderen Menschen oder Gruppen zu bestimmen. Und dennoch passiert es in Kriegen millionenfach, dass Menschen auf Befehl und einem Milit&auml;r in Angriffskriegen durch Bomben oder Drohnen massenweise get&ouml;tet werden. Warum ist der Widerstand in der Politik selbst gegen diese illegalen Massent&ouml;tungen so gut wie nicht vorhanden? Warum wird das immer noch gemacht und gut gehei&szlig;en?<br>\n&nbsp;<br>\nBeide Themen geh&ouml;ren auf irgendeine Art zusammen. Das Eine ist auf eigenen Wunsch, individuell in Richtung Freiheit und Selbstbestimmung wie in Demokratien. Das Andere gegen eigenen Wunsch, das Individuelle wird negiert in Richtung Masse, Unfreiheit und Fremdbestimmung wie in Diktaturen. Die deutsche Politik muss jetzt anfangen zu &uuml;berlegen, wo sie in Wahrheit steht und eindeutig werden. Das BVerfG hat gezeigt, wo es langgeht.<br>\n&nbsp;<br>\nBeste Gr&uuml;&szlig;e<br>\nK.S.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>2. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Sehr geehrte NachDenkSeiten!<\/p><p>Damit Sie meine Position verstehen k&ouml;nnen m&uuml;ssen Sie wissen, dass ich Moral so verstehe: &ldquo;Logik muss nicht moralischen Grunds&auml;tzen folgen; doch Moral muss den Grundprinzipien der Logik folgen um nachvollziehbar zu bleiben.&rdquo;<\/p><p>Ich kann nur vermuten, dass aus diesem Verst&auml;ndnis heraus Kant die Rechtsprechung formulierte. Dabei haben wir noch nicht einmal im Ansatz begriffen: &ldquo;Was ist eigentlich Leben?&rdquo; Wann beginnt es? Wann endet es? Was bedeutet es? <\/p><p>In unserem Zeitalter jedenfalls wurden einige sehr fragw&uuml;rdige Entwicklungen in die Wege geleitet. Die Nichtigerkl&auml;rung des Verbots der &ldquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;igen Sterbehilfe&rdquo; ist eine davon, da es dem Prinzip des &ldquo;Rechts auf Leben&rdquo; widerspricht. Davon ausgehend dass Sterben das Gegenteil von Leben ist: Wie kann das Recht auf Leben ein unver&auml;u&szlig;erliches Gut sein wenn Sterbehilfe gut ist? Erkennen Sie den widerspruch?<\/p><p>Besonders problematisch ist dabei das Adjektiv &ldquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig&rdquo;, da es mehrere Bedeutungen haben kann(1): <\/p><ul>\n<li>Gesch&auml;ftlich<\/li>\n<li>Objektiv<\/li>\n<li>K&uuml;hl<\/li>\n<\/ul><p>Da ich davon ausgehe, dass weder &ldquo;Objektivit&auml;t&rdquo; noch &ldquo;k&uuml;hle N&uuml;chternheit&rdquo; gemeint sind, kann das nur eines bedeuten: Sterben wird zu einem Gesch&auml;ftsmodell. Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie sich widersprechen, wenn Sie auf der einen Seite die &Ouml;konomisierung aller menschlicher Lebensbereiche bejammern und auf der anderen Seite Euthanasie als Gesch&auml;ftsmodell bejubeln?<\/p><p>Mir geht es nicht darum den Menschen die <em>selbstbestimmt<\/em> sterben m&ouml;chten, diese Selbstbestimmung abzusprechen. Doch daf&uuml;r ist die aktuelle Gesetzgebung ausreichend, da sterben privatsache zu sein hat. Rechtsverf&uuml;gungen, wie bspw. das Abschalten &ldquo;lebenswichtiger Maschinen&rdquo; wie z.B. Beatmungsger&auml;te, muss man <em>zu seinen Lebenszeiten in Anspruch nehmen<\/em> um im schlimmsten Fall gewappnet zu sein.<\/p><p>Wenn man einmal einen Schritt in Richtung <em>Verrechtlichung der Euthanasie<\/em> macht, folgen weitere Schritte die nicht konsequent zu Ende gedacht worden sind: Was ist mit Menschen die f&uuml;r Unzurechnungsf&auml;hig erkl&auml;rt worden sind und der Vormund beschlie&szlig;t, die <em>Verrechtlichung der Euthanasie<\/em> f&uuml;r die betreffende Person in Anspruch zu nehmen?<\/p><p>Ich finde befremdlich so einen Artikel bei den NachDenkSeiten zu lesen und kann nur hoffen, dass es der Naivit&auml;t des Autors geschuldet ist, dass er so leichtfertig und tendenzi&ouml;s &uuml;ber ein so heikles Thema zu schreiben. Ich h&auml;tte mir so etwas eher von einem Gr&uuml;nen erwartet, da die Gr&uuml;ne Partei ein Wiederg&auml;nger der NSDAP ist, die sich die Themen von Eugenik, Euthanasie, Zucht und Rasse &ldquo;bewahrt&rdquo; haben, nicht aber von einem selbsterkl&auml;rten Linken.<\/p><p>Mir ist bewusst, dass meine Wortwahl hart ist. Fassen Sie es bitte nicht als Beleidigung auf.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en,<br>\nD.J.<\/p><p><em><strong>Anmerkung Tobias Riegel:<\/strong> Der Ausdruck &bdquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig&ldquo; hat &ndash; im Sinne des Urteils &ndash; eine andere Bedeutung. Im Sinne des Verfassungsgerichts bedeutet es (wie dies auch im Artikel beschrieben ist) &bdquo;auf Wiederholung angelegt&ldquo;:  <strong>Die Vokabel &bdquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig&ldquo; hat also im Kontext der Sterbehilfe zun&auml;chst nichts mit Geld, Kommerzialisierung oder einem &bdquo;Gesch&auml;ftsmodell&ldquo; zu tun.<\/strong> Unzurechnungsf&auml;higkeit muss von der Sterbehilfe ausschlie&szlig;en, wie andere Kriterien auch, die im Artikel beschrieben sind.<\/em> <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>3. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Das Urteil des BVG kann ich nur begr&uuml;&szlig;en und ich hoffe, dass die selbsternannten Lebensbewahrer in der Politik, f&uuml;r die Menschenw&uuml;rde im Rahmen ihrer neoliberalen Politik kein Thema ist, dieses Urteil umsetzen werden. W&auml;hrend meiner T&auml;tigkeit in der Sterbebegleitung im Hospiz bin ich immer wieder mit der Frage der Sterbehilfe konfrontiert worden. In der Sterbebegleitung war f&uuml;r Sterbehilfe kein Raum, zumal Hospize in den allermeisten F&auml;llen von kirchlichen Tr&auml;gern unterhalten werden und das Thema nicht diskutiert wird. Im Grunde aber war und ist die Debatte scheinheilig, weil die Palliativmedizin, wenn auch grenzwertig, in vielen F&auml;llen eben auch eine Form der Sterbehilfe darstellt. Die Gabe von Sedativa und Schmerzmittel kann dosisabh&auml;ngig auch den Tod herbeif&uuml;hren. Allerdings kann sich der Arzt dann hinter dem Begriff palliativ verstecken. Machen wir uns also in diesem Punkt nichts vor.<\/p><p>W&auml;hrend meiner Zeit in der Notfallmedizin hatte ich unz&auml;hlige F&auml;lle von Suizid. Diese Menschen, die sich daf&uuml;r entschieden hatten, aus dem Leben zu scheiden, wurden dann von uns zur&uuml;ck geholt, wobei wir die Folge dauerhafter z.B. Hirnsch&auml;den billigend in Kauf nahmen. Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob wir das Recht haben, den Willen des oder der Betroffenen zu ignorieren und zu reanimieren um jeden Preis. Aber genau an diesem Punkt muss die Diskussion um die Sterbehilfe mit der Frage nach &auml;rztlicher Hilfe bei vollendetem Suizid weiter gef&uuml;hrt werden und der Begriff der unterlassenen Hilfeleistung neu definiert werden, sonst ergibt sich hier ein Widerspruch zum Urteil des BVerfG.<\/p><p>H.L.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>4. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr Riegel,<br>\n&nbsp;<br>\nvielen Dank f&uuml;r diesen deutlichen Beitrag. Der mehrfach genutzte Begriff &bdquo;anma&szlig;end&ldquo; trifft die Haltung der Bundestagsmehrheit ins Mark. Auch nach diesem Urteil ist kein Bedauern zu erkennen. Immerhin hatten die 360 Abgeordneten damals den Boden des &bdquo;verehrten&ldquo; Grundgesetzes verlassen. Vor der Geburt und kurz vorm tod mischt sich der Christ kr&auml;ftig ein. Dazwischen wird der Mensch genutzt, denn der Christ mutiert zum Neoliberalen, wenn es um die Lebenden geht. Ich f&uuml;rchte, der Christenminister wird den Sterbewilligen mit Beratungspflicht und Wartezeit gro&szlig;e Steine in den Weg legen. Dabei kann jeder Tag Verl&auml;ngerung zur Qual werden. Zwei Kl&auml;ger erlebten dieses Urteil nicht mehr. Mit solchen Schicksalen spielen diese &bdquo;Heiligen&ldquo;.<br>\n&nbsp;<br>\nViele Gr&uuml;&szlig;e sendet T.P.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>5. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Zum heutigen Urteil des BVG zur Sterbehilfe:<\/p><p>Das Bundesverfassungsgericht hat das Verbot der &ldquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;igen F&ouml;rderung der Selbstt&ouml;tung&rdquo; in Paragraf 217 Strafgesetzbuch f&uuml;r nichtig erkl&auml;rt. Der Staat und die Gesellschaft m&uuml;ssen akzeptieren, wenn Einzelne nicht mehr leben wollen. (ARD Homepage, 26.2.2020)<\/p><p>Stellungnahme: <\/p><p>Diese Stellungnahme beruht auf der bisher ver&ouml;ffentlichten Urteilsbegr&uuml;ndung nicht auf einer Auseinandersetzung mit dem Urteilstext  im Ganzen. Es ist insofern eher eine Momentaufnahme &ndash; und formuliert einige erste These, die sicherlich einer &Uuml;berpr&uuml;fung bzw. Erweiterung bed&uuml;rfen.<\/p><p>Das Urteil des BVG &ouml;ffnet die T&uuml;r zum Gesch&auml;ft mit dem Tod.  Es ist keine richterliche Sternstunde sondern eher ein Affront f&uuml;r die Gewaltenteilung.<\/p><p>Ich beobachte mit einer gro&szlig;en Sorge das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Es geht von einem aus der Menschw&uuml;rde abgeleiteten freien Willen des Menschen aus, der unbedingt zu beachten sei und letzter Ma&szlig;stab ist. <\/p><p><strong>Das Urteil setzt die Freiheit des Individuums &uuml;ber die staatliche Instanz und &uuml;ber seine gesellschaftliche Beziehung.  Es dr&uuml;ckt einen verabsolutierten Individualismus aus, der &uuml;ber die gesellschaftliche Dimension von Individualit&auml;t hinwegsieht. <\/strong><\/p><p>Aber: Der Mensch ist Individuum und Herdentier zugleich. Er wird erst durch das Du zum Ich (Martin Buber) &ndash; beginnend mit der kindlichen Erfahrung bis hinein in das hohe Alter.  Er ist ein  &bdquo;homo sociologicus&ldquo; (Ralf Dahrendorf), ein durch die Gesellschaft bedingtes Wesen.<\/p><p>Das menschliche Leben ist zwar staatlicher Verf&uuml;gung grunds&auml;tzlich entzogen, der Staat, die Gemeinschaft sollte aber davon gepr&auml;gt sein, dass das Leben ein sch&uuml;tzenwertes Gut ist, das manchmal auch in Grenzsituationen dem &bdquo;Individuum&ldquo; entzogen ist. Der Staat ist auch immer ein &bdquo;Gegen&uuml;ber&ldquo; &ndash; f&uuml;r den Einzelnen.  <\/p><p>Zu Recht verweist das Gericht darauf, dass die Freiheit des Einzelnen auch die M&ouml;glichkeit zu einem der Freiheit entsprechenden Akt gegen&uuml;bersteht. Falsch jedoch ist es aus diesen von der gesellschaftlich vermittelten &bdquo;M&ouml;glichkeiten&ldquo; auch darauf zu schlie&szlig;en, dass die Gesellschaft diese M&ouml;glichkeiten auch wirklich bereitstellen m&uuml;sste, bzw. jede M&ouml;glichkeit (insbesondere die gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ige) erlauben m&uuml;sste. Die Gesellschaft, die Gemeinschaft ist nicht prinzipiell dazu verpflichtet allen Freiheiten der Menschen auch allen ihr entsprechenden M&ouml;glichkeiten bereitzustellen.  <\/p><p>Das Urteil des BVG geht auch von einer sehr umfassend und idealistisch gesehenen Verfassung des menschlichen Individuums und seiner &bdquo;Freiheit&ldquo; aus. Die Wirklichkeit der individuellen Freiheit, die ja eben letztlich auch nur im Umfeld mit der Gesellschaft und den Au&szlig;enbedingungen zur &bdquo;Freiheit&ldquo; und zur freien Wahl werden kann, ist jedoch vielen Einschr&auml;nkungen unterworfen.  Ich frage mich, wie frei ein &bdquo;Wille&ldquo; eines Menschen ist, der Leidensdruck (psychisch oder physischer Erkrankung) oder gesellschaftlichem Druck ausgesetzt ist. Erkrankung ist per se eine &bdquo;Beeintr&auml;chtigung&ldquo; der Freiheit. Sie ist per se ein Zwang, dem ein Mensch unterworfen ist &ndash; die letztlich bis hin zu einer Vergewaltigung der &bdquo;Freiheit&ldquo; des Menschen f&uuml;hren kann- bis dahin, dass er sich in seiner W&uuml;rde beeintr&auml;chtigt sieht.  Es ist menschlich entw&uuml;rdigend, alt, krank, gebrechlich oder dement zu werden, weil Alter und Krankheit und letztlich der Tot, das Ende von eben dieser Freiheit und &bdquo;W&uuml;rde&ldquo; bedeuten. Wobei auch hier gilt &ndash; es ist gerade die Freiheit des Menschen jene, die sich &uuml;ber diese entw&uuml;rdigenden, freiheitsberaubenden Bedingungen hinwegsetzt und in paradoxer Weise ein Leiden und Leben und Sterben in h&ouml;chster &bdquo;Freiheit&ldquo;  (oft vermittelt durch oder versanden als &bdquo;Transzendenzerfahrung&ldquo;) erm&ouml;glicht.<\/p><p>Zwar ist anzuerkennen, dass das Individuum und das individuelle Erleben letztlich dem &bdquo;Verst&auml;ndnis&ldquo; des Anderen entzogen ist (individuum est ineffabile). Der Mensch steht in einer autonomen Einzigaritkeit und Entzogenheit und Individualit&auml;t in der Welt. Insofern ist dieser Wille des Menschen immer letztlich zu achten und letztentscheidend.<\/p><p>Andererseits aber ist der Mensch eben immer schon ein gesellschaftliches Wesen, von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gepr&auml;gt und ein &bdquo;Gewordener,&ldquo; ein  Geworfener (Heidegger).  So kann es dazu kommen, dass Menschen, ihre &bdquo;Entscheidung&ldquo; als eine freie, ureigene betrachten, diese aber letztendlich einem &Uuml;ber-Ich, einer gesellschaftlichen Mode, einer Konvention, einem Zeitgeist entsprungen sind und nur diese reflektiert.  Es gibt das Autonome Subjekt in seiner v&ouml;lligen Autonomie, so wie es der Annahme des Urteils des BVG unterstellt\/voraussetzt nicht.  Der freie Wille ist immer auch ein durch die Umst&auml;nde bedingter und (gesellschaftlich\/zeitgeistlich) vermittelter freier Wille.  Je h&ouml;her dieser Druck &ndash; etwa das psychische oder physische Leiden sind &ndash; desto weniger &bdquo;frei&ldquo; ist der Wille. Je &auml;lter und gebrechlicher ein Mensch wird, desto mehr fehlen ihm (etwa wenn noch Demenz hinzukommt) die Freiheit, seine M&ouml;glichkeiten und Wirklichkeit zu &uuml;bersehen und dieser entsprechend zu handeln. Es gibt auch den &bdquo;eingetunnelten&ldquo; freien Willen, wo ein Mensch nur noch den Tod als letzte M&ouml;glichkeit sieht und w&uuml;nscht.  Diesem &bdquo;eingetunnelten&ldquo; Willen das Andere des Du, der Gesellschaft entgegenzusetzen ist sozusagen sogar dessen ethische Verpflichtung und manchmal notwendig, wenn anders &bdquo;Mitleiden&ldquo;(Sympathein)  in seiner heilenden Wirkung nicht v&ouml;llig aus dem Blick ger&auml;t.<\/p><p>Die Kehrseite des Urteils des BVG liegt darin, dass es unter Verabsolutierung der freien Autonomie des Einzelnen m&ouml;glicherweise einer Gesellschaft das Wort redet, das diese aus ihrer Verantwortung f&uuml;r den Einzelnen entl&auml;sst. Ergebnis w&auml;re eine kalte, mitleidslose Gesellschaft, die Leiden versucht weg zu rationalisieren und &bdquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig zu beenden&ldquo;. Warum soll ich f&uuml;r einen und um einen depressiv kranken Menschen k&auml;mpfen, wenn sein Wille doch letzter Ma&szlig;stab ist? Wenn sich jemand fallen gelassen, aufgegeben hat, mu&szlig; ich ihn dann nicht auch fallen lassen? M&uuml;sste ich dann als Mitmensch als &bdquo;Betreuer&ldquo;, als Verwandter nicht diesem (unfrei) freien Willen nachkommen und ihm die Hoffnung auf einen schnellen und reibungslosen Tot nachgeben und ihm einer &bdquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig&ldquo; auf Reibungslosigkeit und (professionell, gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig, aber zutiefst kalten)  Wohlf&uuml;hlatmosph&auml;re ausgelegten Sterbehilfeorganisation zuf&uuml;hren? Ist das nicht eine zutiefst neoliberal durchdrungene Freiheitsvorstellung, die aus Entsolidarisierung hervorgeht, die in Verantwortungslosigkeit endet und in der zu guter letzt die besten &bdquo;Marktangebote&ldquo; und das pers&ouml;nliche Verm&ouml;gen (ausgedr&uuml;ckt durch die M&uuml;nze Geld) letztlich &uuml;ber Leben und Tot eines Menschen entscheiden werden?  <\/p><p>Ein letzter Gedanke noch: Die derzeitige Rechtssprechung des BVG ist in sich stringent und konsequent, weil sie auf einem gewissen, stark individualistisch-autonom gepr&auml;gtem Menschenbild beruht (und vielleicht dem Selbstbild eines von  gesellschaftliche Unabh&auml;ngigkeit und wirtschaftliche Potenz  hochdotierten Richters entspricht). Der Pendel zwischen Einzelnem und Gesellschaft schl&auml;gt hier stark zugunsten des Einzelnen aus. Die Kehrseiten dieses Denkens werden sich erst in der umgesetzten Praxis erweisen. Es wird, wenn es an seine Grenzen gelangt ist, auch wieder Raum geben f&uuml;r andere Auffassungen, die das Gesellschaftliche Gef&uuml;ge mehr in den Mittelpunkt stellen.<\/p><p>Gef&auml;hrlich wird das Urteil aber dann,  wenn es ein gesellschaftliches Klima von Beliebigkeit und Verantwortungslosigkeit pr&auml;gt und von einer neoliberal durchdrungenen Verzweckung  und einem Utilitarismus des menschlichen Lebens (und Leidens)  angeeignet wird. Dann w&uuml;rde das hohe Lied von der freien Selbstbestimmung und Selbsterm&auml;chtigung bis in den Tod hinein in einem gesellschaftlichen und menschlichen Fiasko enden.  Es wird damit auch zum Ausdruck gebracht, dass unser &ouml;ffentliches Gesundheitssystem (Krankenhauswesen, Medizin) mehr und mehr als &bdquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig&ldquo; kommerzialisiert wird und nicht mehr als Daseinsvorsorge\/Allgemeingut des Staates bzw. der Gemeinschaft gilt. Denn nur so k&ouml;nnen &bdquo;&Auml;rzte&ldquo; sich durch &sect; 217 gef&auml;hrdet sehen.  Insofern h&auml;tte das urspr&uuml;ngliche Gesetz geholfen das Krankenhaussystem und &Auml;rzte wieder der &bdquo;Gewinnorientierung&ldquo; und Kommerzialisierung zu entziehen. Eine solche Klarstellung w&uuml;rde erm&ouml;glichen, dass Krankenh&auml;user in Notf&auml;llen Sterbehilfe leisten k&ouml;nnen &ndash; es w&uuml;rde aber den Suizid einer &bdquo;gewinnorientierten&ldquo; Praxis entziehen. Da das Gesetz aber ausdr&uuml;cklich eigentlich nur die gewinnorientierte Sterbehilfe ausschlie&szlig;en wollte und Einzelentscheidungen (von &Auml;rzten) durchaus erm&ouml;glichte ist es m.E. grundgesetzkonformer, als die jetzige Entscheidung des BVG, die m.E. zu Unrecht davon ausgeht, dass eine &bdquo;gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ige Bereitstellung von suizidalen Mitteln&ldquo; die &bdquo;einzige realistische M&ouml;glichkeit&ldquo; von Suizid sei.  Das ist faktisch nicht wahr. Hier werden &bdquo;Dritte&ldquo; also allgemein umfassend definiert &ndash; w&auml;hrend im Gesetz &bdquo;Dritte&ldquo; unterschieden wurden &ndash; n&auml;mlich u.a. nach &auml;rztlichen Einzelentscheidungen nach Angeh&ouml;rigen (f&uuml;r beide wurde Suizidhilfe eben nicht strafrechtlich verfolgt) und gewinnorientierten Suizidorganisationen.<\/p><p>Dieses Urteil k&ouml;nnte auch den Weg dazu ebnen, dass sich der Mensch selbst (in seiner Unvollkommenheit und Gebrechlichkeit)  mehr und mehr abschafft, was ja durch  das maschinisiert- technifizierte &ndash; digitalisierte Zeitalter K&uuml;nstlicher Intelligenz und Cyborgs zum Ausdruck kommt. Zynisch gesehen, kann das Urteil auch als Erlaubnis zum Gesch&auml;ft mit dem Tod (und als Kommerzialisierung des Todeswunsches) verstanden werden &ndash; was dem Grundgesetz grunds&auml;tzlich zuwider l&auml;uft. Der Gesetzgeber hat m.E. zu Recht versucht dieser &bdquo;Kommerzialisierung&ldquo; einen Riegel vor zu schieben. <\/p><p>Das Urteil ist in sofern ausgewogen, als es den Gesetzgeber darauf hinweist, dass es Leitplanken &ndash; also Beratungsvorschriften, &Uuml;berpr&uuml;fungen von Organisationen  vorschl&auml;gt bzw. auf diese M&ouml;glichkeiten hinweist. Wobei  eine weitere &bdquo;B&uuml;rokratisierung&ldquo; des Sterbens und des Todeswunsches letztlich auch wieder in einem die menschliche Freiheit und Unverf&uuml;gbarkeit zuwiderlaufendem System b&uuml;rokratischer Akte enden kann (wie dies seinerzeit mit der &bdquo;Gewissenspr&uuml;fung&ldquo; der Kriegsdienstveweigerung geschehen ist). Und es bleibt die Frage, ob die kalte kapitalistische Profitlogik wirklich, wie die Verfassungsrichter meinen, &bdquo;geregelt&ldquo; bzw. &bdquo;gez&auml;hmt&ldquo; werden kann und nicht letztlich zu einem System wird, das t&ouml;tet (Papst Franziskus).<\/p><p>Bonn 26.2.2020<br>\nS.H.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>6. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr Riegel,<\/p><p>die Probleme liegen auch woanders. Jahrelang haben die Krankenkassen den Begriff &ldquo;Aktive Sterbehilfe&rdquo; durchgekaut, um Patienten loszuwerden, mit denen man keinen Profit mehr erzielen kann. Man gab es auf, weil man keinen Weg fand, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Der n&auml;chste Tenor lag bei &ldquo;sozialvertr&auml;glichem Fr&uuml;hableben&rdquo;, was ebenfalls zu keinem Ergebnis f&uuml;hrte. Man hat lediglich daf&uuml;r &ldquo;gesorgt&rdquo;, das beim Arzt, Facharzt so wenig wie m&ouml;glich gemacht wird. Stellen sie sich vor sie gehen mit einer blutigen, eitrigen Entz&uuml;ndung im Mund zum Zahnarzt und der macht nur eine Mund Sp&uuml;lung, keine Diagnose, keinen weiteren Termin. Beim Hausarzt sieht es genauso aus. Genau den &ldquo;Status&rdquo; habe ich wie unz&auml;hlige Andere auch. Arzthopping ist f&uuml;r Kranke und Alte ein Unding und so geht man nicht mehr zum Arzt. Man verreckt irgendwie halt zu Hause.<\/p><p>Wo ist das Problem bei der Sterbehilfe? Beispiel: &ldquo;Wieso sollte es Sie interessierten, das ich in einer Woche sterben will? Wir kennen uns als Menschen nicht und ich bin ein Niemand.&rdquo; Beim Arzt bin ich meist sauer: &ldquo;Entweder kriege ich Hilfe, oder sie leiten mein Sterben ein.&rdquo; Das Ende vom Lied ist &ldquo;unhuman&rdquo; aus der Praxis entfernt zu werden. Man kann heute nicht Human leben, kein Schwein hilft einem, Humanes Sterben ist auch nicht drin, wegsehen und sich nur um den eigenen Mist k&uuml;mmern ist ja Gesellschaftsf&auml;hig. Im Stich lassen ist die bessere Alternative zur Sterbehilfe? Das ist so als h&auml;ngt man jemand an einen Baum und geht einfach weg, verrecken kann er schon alleine irgendwie ?!<\/p><p>Je mehr sich heute entscheiden &ldquo;zu gehen&rdquo; umso besser f&uuml;r die Anderen. Wo sind hier die M&auml;chtigen der Welt, die sogenannte Elite, die angeblich alles steuern und bestimmen? Wieso wird es nutzlosen Menschen wie mir, das sind Millionen, so schwer gemacht zu gehen? Das ergibt doch keinen Sinn. Wenn ich abtreten will, schneide ich also meine Halsschlagader durch. Meine Leiche, wird trotz gesetzlicher Betreuung, erst im verwesten Zustand gefunden. Was stimmt daran nicht? Das uns das Leben und der Tod von anderen Menschen, sogar Nachbarn doch v&ouml;llig schnuppe ist.<\/p><p>K&ouml;nnte jeder in seinem Dorf, Stadt zu einer &ldquo;Institution&rdquo; gehen, wo man ihn um die Ecke bringt, w&uuml;rde das rege Nutzung finden. Schon jetzt sind 60 % weltweit &ldquo;sterbewillig&rdquo;, im Alter von Jung bis alt. W&auml;ren die nun von heute auf Morgen weg, w&uuml;rde sich jedoch eine dicke L&uuml;ge in unseren System offenbaren. Die w&uuml;rde Menschen wie ihnen &uuml;bel aufsto&szlig;en, besonders den humanit&auml;ren Heuchlern, denn die heutige Wahrheit von Human, Ethik &amp; Co liegen ganz woanders.<\/p><p>Auf dieser sollten sie mal gr&uuml;ndlich herumreiten, ich bin sicher sie erfahren &auml;u&szlig;erst interessante Fakten. Es ist grotesk, wir morden weltweit skrupellos Millionen, verdienen damit Milliarden und heulen bei ziviler Sterbehilfe? Der Mensch ist doch ein v&ouml;llig problemloser, nachwachsender Rohstoff. Was also l&auml;uft denn hier wirklich?<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nF.B.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>7. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Ich entnehme der &Uuml;berschrift des Artikels von Tobias Riegel eine positive Voreingenommenheit. Er schreibt nicht, ein &ldquo;gutes Urteil&rdquo; sondern er findet dies ein &ldquo;sehr gutes Urteil&rdquo;. Was an diesem Urteil sehr gut sein soll, ersehe ich aus seinem Artikel nicht, zumal er gegen Ende des Artikel- wenn auch ein wenig zur&uuml;ckhaltend &ndash; auf die nicht zu &uuml;bersehenden &ldquo;gesellschaftlichen&rdquo; Risiken hinweist. Ich habe beim Kollegen Riegel schon bei seinem letzten Artikel zum Thema eine Sehnsucht nach&nbsp; &ldquo;Selbstbestimmung&rdquo; wahrgenommen.<\/p><p>Ich bedaure dieses Urteil &ldquo;sehr&rdquo;, weil ich glaube, das hier eine T&uuml;r ge&ouml;ffnet wird, die sich nie mehr schlie&szlig;en l&auml;sst. Ich bin Atheist und meine Ablehnung der aktiven Sterbehilfe ist weder religi&ouml;s noch irgendwelcher Sympathien f&uuml;r die christlich begr&uuml;ndeten Ablehnungen geschuldet. Ganz im Gegenteil!&nbsp;<\/p><p>Ich betreue demenziell erkrankte Menschen und behaupte, dass ich die aktuelle Situation der Pflege station&auml;r sowie ambulant ganz gut kenne und einsch&auml;tzen kann. Auf den Nachdenkseiten wird ja auch immer wieder recht pr&auml;zise auf den Pflegenotstand in Deutschland hingewiesen. Wenn es stimmt, dass wie es gestern bzw. vorgestern durch die Medien rauschte, in Deutschland 120.000 Pflegekr&auml;fte fehlen, um eine angemessene Pflege der Bed&uuml;rftigen zu gew&auml;hrleisten, dann entnehme ich f&uuml;r mich daraus, dass wir ganz andere Probleme gesellschaftlicher Art in Deutschland haben als die der aktiven\/passiven Sterbehilfe.<\/p><p>Die palliative Versorgung der Menschen in Deutschland f&uuml;r schwerst- oder todkranke Menschen ist in Deutschland auf einem hohen Niveau, wenn auch noch nicht perfekt. Aus meiner Sicht ist das der richtige Weg im Umgang mit schwerstkranken Menschen und sollte noch weiter ausgebaut werden und vor allem &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten der palliativen Pflege informiert werden. Es gibt nur eine verschwindend kleine Anzahl von F&auml;llen, in denen die Palliativversorgung nicht f&uuml;r ein weitestgehend schmerzloses und f&uuml;r ein sogenanntes &ldquo;W&uuml;rdevolles&rdquo; Sterben sorgen kann.&nbsp;<\/p><p>Herr Riegel, den ich als Autor ansonsten sehr sch&auml;tze, propagiert ein &ldquo;selbstbestimmtes&rdquo; Leben und Sterben. Das klingt gut, modern und aufgekl&auml;rt, wer m&ouml;chte nicht &ldquo;selbstbestimmt&rdquo; Leben? Wobei wir&nbsp; uns wahrscheinlich nie auf eine eindeutige Interpretation des sch&ouml;nen W&ouml;rtchen &ldquo;selbstbestimmt&rdquo; einigen werden, weil fast jeder &ndash; und das ist auch richtig so &ndash; unter selbstbestimmt etwas sehr individuelles versteht oder m&ouml;glicherweise unreflektiert Begrifflichkeiten aus den Medien &uuml;bernimmt. Wie das und warum das funktioniert wissen wir ja alle von Professor Mausfeld. Aber die Sterbehilfe ist weder modern und aufgekl&auml;rt. Wenn wir uns die vermeintlich &ldquo;modernen und aufgekl&auml;rten&rdquo; L&auml;nder anschauen, auf die immer hingewiesen wird &ndash; oft mit dem Argument &ldquo;wenn das dort geht,warum nicht auch bei uns?&rdquo; &ndash; nehmen wir vor allem die Benelux-Staaten, die Schweiz in Europa und in den USA weniger als eine Handvoll Staaten an der Westk&uuml;ste wahr.&nbsp;<\/p><p>Es ist kein Zufall, dass in diesen Staaten historisch gesehen bis zum heutigen Tag ein starker calvinistischer Einfluss herrscht bzw. herrschte. Calvin vertrat neben vielen anderen Thesen die Ansicht, dass ein Leben nur dann ein &ldquo;W&uuml;rdevolles&rdquo; Leben ist, wenn es durch Arbeit, Arbeit und Arbeit Gott dem Herrn geweiht sei. Der Calvinismus war f&uuml;r die Holl&auml;nder ein Glauben, auf den man sich leicht einigen konnte, weil er half den verhassten Katholizismus der ebenso verhassten Spanier &ndash; die Holland beherrschten und unterdr&uuml;ckten-&nbsp; aus dem Land zu jagen. F&uuml;r Calvinisten war nur der ein guter Christ, der sein Geld nicht verprasste und sein Leben war nur wertvoll, wenn er es Gott widmete durch ein sehr arbeitsames Leben, weil man sich dadurch den Zugang ins Paradies erhoffte. Wer nicht arbeiten konnte oder wollte, f&uuml;hrte aus Sicht der calvinistischen Anh&auml;nger ein &ldquo;wertloses&rdquo; Leben. Damit fielen Katholiken, andere Protestanten, kranke oder schlicht alte Menschen gesellschaftlich durchs Sieb, weil sie Gott ja nicht mehr gen&uuml;gend durch Arbeit w&uuml;rdigen konnten. Bevor ich Max Webers&nbsp; &ldquo;Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus&rdquo; gelesen habe, fand ich in den stark autobiografischen Romanen und Erz&auml;hlungen von Maarten t`Hart viele Hinweise auf diese Denk- und Lebensweise der Niederl&auml;nder. Etwas vereinfacht ausgedr&uuml;ckt hielt sich die Trauer &uuml;ber verstorbene Eltern oder Gro&szlig;eltern meist in Grenzen, weil sie ja auf Grund ihres Alters oder einer Krankheit doch kein &ldquo;gottesf&uuml;rchtiges Arbeiten&rdquo; mehr leisten konnten.&nbsp;<\/p><p>Aus den von den Spaniern beherrschten Niederl&auml;ndern entstanden sp&auml;ter auch Belgien und Luxemburg. Wenn man die Schweiz als Wirkungsst&auml;tte von Jean Calvin hinzunimmt (wo er in Genf&nbsp; eine Art &ldquo;Gottesstaat&rdquo; errichtete) haben wir einen Bezug zu calvinistischen Ideen, die sich in leicht ver&auml;nderter nicht religi&ouml;ser Version z.T. bis heute gehalten haben. (<em>Daher ist f&uuml;r mich die Sterbehilfe indirekt ein calvinistisches Erbe, obwohl Calvin nie Sterbehilfe gefordert hat. Wobei Sterbehilfe sich tats&auml;chlich erst als Idee mit Bezug auf Calvin in kapitalistischen Strukturen etablieren konnte.<\/em>)&nbsp;<\/p><p>Ebenso die US-Staaten wie z.B. der Staat Washington an der Westk&uuml;ste der USA, wohin viele Anh&auml;nger des Calvinismus geflohen sind, als sie in Europa ihre Religion nicht mehr aus&uuml;ben konnten. In all diesen von mir erw&auml;hnten Staaten geht man mit Sterbehilfe &ndash; ob aktiv oder passiv &ndash; relativ locker um wie nirgendwo sonst in dieser Welt! Und alle diese Staaten sind wirtschaftlich gesehen reiche Staaten! Der kalifornische Gouverneur &uuml;berlegt ebefalls aktuell die Einf&uuml;hrung der Sterbehilfe. Der Grund ist profan, ziehen doch nicht wenige sterbewillige Steuerzahler z.B. nach Washington, deren Steuern dann in Kalifornien fehlen.&nbsp;&nbsp;<\/p><p>Auch wenn die Religion in Holland und den anderen erw&auml;hnten L&auml;ndern heute nicht mehr diese Rolle spielt, hat sich die Einstellung zum Leben oder Tod unter anderen &ndash; hier unter &ldquo;kapitalistischen&rdquo; Vorzeichen erhalten! Etwas &uuml;bertrieben ausgedr&uuml;ckt, nur wer gesund ist und noch arbeiten kann, hat es verdient zu Leben. Nirgendwo sonst in der Welt hat sich die &ldquo;Sterbehilfe&rdquo; so durchgesetzt wie in den ehemals stark calvinistischen &ndash; heute kapitalistischen &ndash; L&auml;ndern! F&uuml;r mich ist die Diskussion um Sterbehilfe nur vordergr&uuml;ndig humanistisch orientiert, es ist ein kapitalistisches Ph&auml;nomen.<\/p><p>Aktuell ist in den Benelux-Staaten ein wachsende Kritik an der Sterbehilfe in der &Ouml;ffentlichkeit zu vermerken. In Belgien haben &ldquo;selbstbestimmt&rdquo; 3 Kinder im Alter von 11-17 Jahren Sterbehilfe beantragt. Verwandte besuchen ihre Angeh&ouml;rigen in Einrichtungen und finden sie nur noch tot vor, weil sie angeblich Sterbehilfe beantragt und erhalten haben. Die vorgesehenen staatlichen Kontrollen funktionieren nur noch zum Teil, es gibt R&uuml;cktritte aus den Vorst&auml;nden der diversen Kontrollorgane, weil die urspr&uuml;ngliche &ldquo;Idee&rdquo; der Sterbehilfe f&uuml;r z.B. todkranke l&auml;ngst ausgedehnt wurde auf depressive Menschen oder z.B. lebensl&auml;nglich verurteilte Straft&auml;ter, die nicht mehr im Gef&auml;ngnis sein wollen und ein selbstbestimmtes Leben fordern.&nbsp;<\/p><p>Sp&auml;testens hier sollte bei den Bef&uuml;rwortern des &ldquo;selbstbestimmten&rdquo; Lebens und Sterbens ein gro&szlig;es rotes Warnblinklicht angehen. Es hat sich erwiesen, dass in den Benelux-Staaten &ldquo;selbstbestimmtes&rdquo; und &ldquo;w&uuml;rdevolles&rdquo; Leben ein vollkommen schwammiger Begriff ist. Na klar,&nbsp;wer bestimmt eigentlich dar&uuml;ber, ob das Leben noch &ldquo;menschenw&uuml;rdig&rdquo; oder &ldquo;selbstbestimmt&rdquo; ist? Ich kann das nicht und sehe mich auch nicht dazu in der Lage. Was dem einen unertr&auml;glich scheint, ist dem anderen kein gr&ouml;&szlig;eres Problem!<\/p><p>Ich betreue alte Menschen, die fern ab von jeder Religion,ihren Angeh&ouml;rigen nicht mehr zur Last fallen wollen und mir sagen, dass es besser sei, wenn sie bald sterben. Dies obwohl sie k&ouml;rperlich und geistig dem Alter angemessen noch fit sind. Viele der alten Menschen haben Depressionen und die winzigen Zimmer in den Einrichtungen, gestresste und &uuml;berlastete Altenpfleger verst&auml;rken dies&nbsp; Ist es dann &ldquo;selbstbestimmt&rdquo;, wenn sie sich den Tod w&uuml;nschen, weil sie keine Lebensqualit&auml;t f&uuml;r sich mehr sehen??<\/p><p>Vor einiger Zeit hatte ich Besuch aus der T&uuml;rkei. Der Kollege musste mal zur Toilette und wunderte sich dass er f&uuml;r einmal pinkeln gehen bezahlen musste. Da erinnerte ich mich, dass ich bei meinem Besuch in den St&auml;dten der T&uuml;rkei &uuml;berall &ouml;ffentliche, kostenlose Toiletten fand.&nbsp;<\/p><p>In einem gesellschaftlichen System, wo alles kommerzialisiert wird, sogar das pinkeln, wird sich zuk&uuml;nftig ein neues Gesch&auml;ftsmodell auftun. Anstatt endlich den Pflegenotstand sozial und menschenw&uuml;rdig zu beheben, gibt es vielleicht bald Zusch&uuml;sse seitens der Krankenkasse an die Angeh&ouml;rigen f&uuml;r die Beerdigung der Senioren. Dabei sparten die (oft privaten!) Kassen sehr viel Geld, wenn Senioren oder Schwerstkranken statt ins Hospiz zu gehen zur Spritze greifen! Viele Angeh&ouml;rige sind jetzt schon mit der Pflege hoffnungslos finanziell und auch psychisch &uuml;berfordert, da ergeben sich doch ganz neue Perspektiven mit erlaubter Sterbehilfe! Sozusagen eine betriebswirtschaftliche Win-Win-Situation f&uuml;r die &Uuml;berlebenden!!&nbsp;<\/p><p>Ich meine es nicht zynisch, wenn ich manchmal anzweifle, wenn&nbsp; bei schwerkranken Menschen gesagt wird, wenn sie sterben, dass es wohl besser f&uuml;r sie gewesen sei zu sterben. Viele der schwerstkranken leben trotz aller Qualen gerne und ich erlebe es oft, dass es eher besser f&uuml;r die Hinterlieben ist, wenn jemand stirbt. Das erleichtert vieles, man muss als Zur&uuml;ckbleibender nicht mehr leiden, wenn man einen geliebten Menschen krank und sterbend sieht. Der Tod ist immer ein Problem f&uuml;r die &Uuml;berlebenden!<\/p><p>Ich befinde mich in einem ethischen Dilemma. Ich kann einerseits nachvollziehen, das es Einzelf&auml;lle gibt, in denen das weiterleben aus gesundheitliche Gr&uuml;nden eine Qual ist und sie sterben wollen. Andererseits will ich keine holl&auml;ndischen oder belgischen Verh&auml;ltnisse, in denen Kindern das Recht zugebilligt wird, Sterbehilfe einzuklagen und aus der verst&auml;ndlichen Qual f&uuml;r Einzelne direkt Gesetze gemacht werden, die der Willk&uuml;r T&uuml;r und Tor &ouml;ffnen werden. Selbst die ach so modernen sozial fortschrittlichen Niederl&auml;nder haben dies nicht geschafft. Ich finde die Diskussion&nbsp; zur Sterbehilfe von den Bef&uuml;rwortern in Deutschland oft verlogen und geheuchelt und in der Regel unehrlich.&nbsp;<\/p><p>Das Thema Altersarmut oder Vereinsamung im Alter wird dabei fast immer ausgespart. Die Selbstmordrate in Deutschland sinkt erfreulicher Weise kontinuierlich, nur bei den &ldquo;Alten&rdquo; steigt sie immer weiter, besonders bei &auml;lteren M&auml;nnern, die keinen Sinn mehr im Leben sehen. Sind M&auml;nner ja auch ein Leben lang daf&uuml;r trainiert worden, zu arbeiten und die Familie zu versorgen und wenn sie das nicht mehr k&ouml;nnen&hellip;&nbsp;&nbsp;<\/p><p>Im Oktober 2020 ist in Mexiko ein Treffen der WFRtDS geplant. Die WFRtDS (= The world federation of right to die societies) ist eine weltweite Lobbyorganisation und organisiert alle 2 Jahre einen Weltkongress um f&uuml;r die Sterbehilfe zu werben. Wer die wohl finanziert, konnte ich noch nicht feststellen. In 2018 fand dieser Kongress in S&uuml;dafrika statt, wo Bischof Tutu sich nicht zu schade war, dort als Redner f&uuml;r die aktive Sterbehilfe zu werben.<\/p><p>Bisher ist aktive Sterbehilfe f&uuml;r mich eine preiswerte Gelegenheit den &ldquo;Pflegenotstand&rdquo; schnell und kosteng&uuml;nstig zu beseitigen. Was bei den Nazis noch &ldquo;unwertes Leben&rdquo; genannt wurde, l&auml;uft bei den Bef&uuml;rwortern der Sterbehilfe unter &ldquo;Humanes Sterben&rdquo;. Damit will ich nicht die Bef&uuml;rworter der Sterbehilfe mit Nazis vergleichen, ganz und gar nicht! Aber die Auswirkungen beider Ideen sind &auml;hnlich. W&auml;hrend die Nazis zumindest zeitweise&nbsp; ohne zu fragen rigoros sogenanntes &ldquo;unwertes Leben&rdquo; per Anordnung vernichtet haben, sollen bei den Bef&uuml;rwortern der Sterbehilfe die Betroffenen &ldquo;Selbstbestimmt&rdquo; bestimmen d&uuml;rfen. Die Nazis haben &uuml;brigens sp&auml;ter aus Imagegr&uuml;nden&nbsp; diese Ma&szlig;nahmen wieder eingestellt!<\/p><p>Wobei es f&uuml;r mich weiter zumindest fragw&uuml;rdig bleibt, ob es unter famili&auml;ren und gesellschaftliche Druck oder der vorgefundenen Lebensumst&auml;nde wirklich eine &ldquo;selbstbestimmte&rdquo; Entscheidung geben kann. Ich glaube das in den meisten F&auml;llen n&auml;mlich nicht! Lasst uns alle intensiver nach Holland und Belgien schauen, um zu sehen, was dort aktuell bei diesem Thema wirklich stattfindet und schiefgeht. Es ist zum Teil haarstr&auml;ubend! Der Gesetzgeber darf es sich da nicht leicht machen und ungepr&uuml;ft die zum Teil sehr misslungenen Ma&szlig;nahmen unserer Nachbarn einfach so &uuml;bernehmen. Bis es so weit ist, pl&auml;diere ich f&uuml;r Aufkl&auml;rung&nbsp; und Information der schon vorhanden M&ouml;glichkeiten wie z.B. die Unterbringung in einem Hospiz und werbe f&uuml;r mehr Solidarit&auml;t, Auseinandersetzung, Hilfe und Empathie mit den Pflegebed&uuml;rftigen im Alltag und im Umgang. Das alleine wird aus meiner Sicht schon viel bewirken k&ouml;nnen, um das Leben der kranken und Alten ertr&auml;glicher zu machen.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nC.H.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkung zur Korrespondenz mit den NachDenkSeiten<\/strong><\/p><p>Die NachDenkSeiten freuen sich &uuml;ber Ihre Zuschriften, am besten in einer angemessenen L&auml;nge und mit einem eindeutigen Betreff.<\/p><p>Es gibt die folgenden Emailadressen:<\/p><ul>\n<li><a href=\"mailto:leserbriefe@nachdenkseiten.de\">leserbriefe(at)nachdenkseiten.de<\/a> f&uuml;r Kommentare zum Inhalt von Beitr&auml;gen.<\/li>\n<li><a href=\"mailto:hinweise@nachdenkseiten.de\">hinweise(at)nachdenkseiten.de<\/a> wenn Sie Links zu Beitr&auml;gen in anderen Medien haben.<\/li>\n<li><a href=\"mailto:videohinweise@nachdenkseiten.de\">videohinweise(at)nachdenkseiten.de<\/a> f&uuml;r die Verlinkung von interessanten Videos.<\/li>\n<li><a href=\"mailto:redaktion@nachdenkseiten.de\">redaktion(at)nachdenkseiten.de<\/a> f&uuml;r Organisatorisches und Fragen an die Redaktion.<\/li>\n<\/ul><p>Weitere Details zu diesem Thema finden Sie in unserer &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=47939\">Gebrauchsanleitung<\/a>&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu dem Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58861\">&bdquo;Sterbehilfe: Ein sehr gutes Urteil&ldquo;<\/a> gab es Zuschriften mit sehr unterschiedlichen Positionen. 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