{"id":59,"date":"2004-02-02T14:44:18","date_gmt":"2004-02-02T12:44:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=59"},"modified":"2016-04-02T12:48:08","modified_gmt":"2016-04-02T10:48:08","slug":"reformchaos-die-neue-ablenkungsstrategie-von-einer-verfehlten-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59","title":{"rendered":"\u201eReformchaos\u201c \u2013 die neue Ablenkungsstrategie von einer verfehlten Politik"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Reformchaos&ldquo; oder &bdquo;Chaos in der Regierung&ldquo; so oder so &auml;hnlich lauten die Stichworte, die jetzt in Zeitungskommentaren und die Polit-Talkshows geliefert werden, um von den Fehlentwicklungen der angeblich so zwingend notwendigen &bdquo;Reformen&ldquo; abzulenken und gleichzeitig eine Erh&ouml;hung der &bdquo;Reform&ldquo;- Dosis anzumahnen. Achten Sie mal drauf.<br>\n<!--more--><br>\nWer in diesen Tagen die Medien verfolgt, von der S&uuml;ddeutschen Zeitung &uuml;ber den Spiegel bis zu Sabine Christiansens sonntagabendlichem Polit-Stammtisch kann einen Stimmungsumschwung feststellen. Bis zur Verabschiedung der Gesundheitsreform und der Hartz-Module zum Vorjahresende galten diese Gesetze unisono als unausweichliche erste Schritte auf dem Weg zu einer &ldquo;grundlegenden Strukturreform&rdquo;. Der politische Meinungsstreit ging eigentlich nur noch dar&uuml;ber, ob die &ldquo;Reformen&rdquo;, wie etwa bei der Steuerentlastung weit genug gingen oder ob man nicht gleich eine &bdquo;radikale Steuerreform&ldquo; mit noch geringeren Staatseinnahmen und noch h&ouml;herer Senkung der Spitzensteuers&auml;tze durchsetzen sollte.<\/p><p>Nachdem man aber auf fast allen &ldquo;Reform&rdquo;-Feldern allm&auml;hlich erkennt, dass Ank&uuml;ndigung und Wirklichkeit weit auseinander klaffen, m&uuml;ssen all diejenigen die ins &ldquo;Reform&rdquo;-Horn geblasen haben, davon ablenken, dass sie falsche Ratschl&auml;ge gegeben haben und nun selbst ihre Glaubw&uuml;rdigkeit verlieren k&ouml;nnten. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, d&uuml;rfen jetzt nicht die Reformen in die falsche Richtung gegangen sein, sondern das &ldquo;Reformchaos&rdquo; (BILD) ist Schuld am &ldquo;Reformblues&rdquo; (SPIEGEL).<\/p><p>Die Sparpolitik darf nicht etwa daran gescheitert sein, weil man sich im konjunkturellen Abschwung nur kaputt sparen kann. Die Hartz-Versprechen &ndash; &ldquo;2 Millionen weniger Arbeitslose bis 2005&rdquo; &ndash; mussten sich nicht etwa deshalb weitgehend als leere Versprechen erweisen, weil man &uuml;ber den Druck auf Arbeitslose kaum neue Arbeitspl&auml;tze schaffen kann. Die Senkung der Beitr&auml;ge f&uuml;r die Krankenkassen muss nicht etwa deshalb auf die lange Bank geschoben werden, weil vorhersehbar war, dass es dem Gesundheitssystem nicht hilft, wenn man fast ausschlie&szlig;lich die Patienten zur Kasse bittet und die &Auml;rzte- und Pharmakartelle ungeschoren l&auml;sst.<br>\nOder das aktuellste Beispiel: Erinnern wir uns noch, wie die Ladenschlusszeiten als eines der gr&ouml;&szlig;ten Konsumhemmnisse dargestellt und das Rabattgesetz als Lieblinsbeispiel f&uuml;r die grassierende Regulierungswut genannt wurde. Die Laden&ouml;ffnungszeiten sind jetzt l&auml;nger und Rabatte gibt es jetzt das ganze Jahr. Die Ank&uuml;ndigungen haben sich nicht erf&uuml;llt.Der Einzelhandel klagt &uuml;ber Umsatzr&uuml;ckg&auml;nge und der Einzelhandelsverband fordert die Wiedereinf&uuml;hrung des Winterschlussverkaufs.<br>\nDar&uuml;ber, dass die B&uuml;rger das Weihnachtsgeld nicht mehr ausgeben konnten, das ihnen gek&uuml;rzt oder gestrichen worden ist, spricht keiner.<br>\nWas wirklich ist, darf eben nicht sein. Und dass der eingeschlagene neoliberale Reformkurs uns nicht aus der wirtschaftlichen Misere hilft, das darf auf keinen Fall zugegeben werden. Diese Erkenntnis w&auml;re aber so ziemlich das einzige, was uns aus eigener Kraft aus der Misere helfen k&ouml;nnte. Das Warten auf den Konjunkturaufschwung bleibt eine ziemlich zaghafte Hoffnung auf einen Stimmungsumschwung.<\/p><p>Alle Umfragen beweisen, dass die betroffenen B&uuml;rger die Kluft zwischen Versprechen und eingetretener Wirklichkeit schon l&auml;ngst erkannt haben. Dass da blo&szlig; keiner ruft &ldquo;Schaut, die Reform-Kaiser stehen ja nackt da&rdquo;, dagegen m&uuml;ssen nun die Meinungsmacher ihre Ablenkungsman&ouml;ver starten. Das Stichwort f&uuml;r diese Manipulation hei&szlig;t &ldquo;Reformchaos&rdquo;. Und damit blo&szlig; kein Nachdenken &uuml;ber die &ldquo;Grenzen der Belastbarkeit&rdquo; der kleinen Leute aufkommen kann, warnt der Gr&uuml;ne Koalitionspartner vorsorglich vor einem &ldquo;Reform&rdquo;-Stillstand&rdquo; und die Opposition vor &ldquo;Feigheit&rdquo;.<\/p><p>Nun kann nat&uuml;rlich niemand behaupten, die Umsetzung etwa der Praxis-Geb&uuml;hr sei ein Meisterst&uuml;ck administrativer Kunst. Aber gehen die B&uuml;rger deswegen seit Januar weniger zum Arzt, weil die Definition der chronisch Kranken nicht klar war oder deshalb, weil ihnen der Arztbesuch zu teuer geworden ist? Und wer hat denn so zur Eile gedr&auml;ngt, dass manches mit hei&szlig;er Nadel gen&auml;ht werden musste? Und war es nur die Regierung, die das Gesundheits-Reform-Gesetz geschaffen hat oder war es nicht vielmehr eine gro&szlig;e Allparteienkoalition? <\/p><p>Also: Rette sich wer kann. Ein Alibi muss her: Das &ldquo;Reformchaos&rdquo; ist Schuld.<br>\nDamit hat man die politische Auseinandersetzung wieder da, wo man den Streit um die besseren Konzepte am Einfachsten ausklammern kann, n&auml;mlich auf der Ebene der Regierungstechnik und der Technik der &ouml;ffentlichen Darstellung. Da spielt es dann keine Rolle mehr, ob SPD oder CDU\/CSU die Regierung stellen. Es kommt nur noch darauf an, wer so tut, als k&ouml;nne er es besser.<br>\nUnd wenn man sich nicht mehr &uuml;ber den richtigen Weg streiten muss, dann kann man auch den scheiternden &bdquo;Reformkurs&ldquo; stur beibehalten. Noch mehr: Man muss ihn forcieren und noch radikaler vorw&auml;rts treiben, denn die bisherige Dosis hat ja offenbar noch nicht gewirkt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Reformchaos&ldquo; oder &bdquo;Chaos in der Regierung&ldquo; so oder so &auml;hnlich lauten die Stichworte, die jetzt in Zeitungskommentaren und die Polit-Talkshows geliefert werden, um von den Fehlentwicklungen der angeblich so zwingend notwendigen &bdquo;Reformen&ldquo; abzulenken und gleichzeitig eine Erh&ouml;hung der &bdquo;Reform&ldquo;- Dosis anzumahnen. 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