{"id":59086,"date":"2020-03-06T13:46:59","date_gmt":"2020-03-06T12:46:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59086"},"modified":"2020-03-06T13:52:49","modified_gmt":"2020-03-06T12:52:49","slug":"ueberraschungscoup-in-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59086","title":{"rendered":"\u00dcberraschungscoup in Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>Die Drohung lag schon lange in der Luft. &Uuml;berraschend war eigentlich nur der Zeitpunkt. Am Samstagabend, 29. Februar, beschloss der Ministerrat die Anwendung von Artikel 49.3 der franz&ouml;sischen Verfassung, um die Diskussionen im Parlament &uuml;ber das Gesetzesprojekt zur Rentenreform in erster Instanz zu beenden. Von <strong>Marco Wenzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEigentlich war der Ministerrat an diesem Samstag zu einer Krisensitzung einberufen worden, um &uuml;ber Gegenma&szlig;nahmen zur Ausbreitung des Krankheitserregers Covid-19 zu beraten. Keiner hatte damit gerechnet, dass das Kabinett dort auch beschlie&szlig;en w&uuml;rde, die Karte des Art. 49.3 der Verfassung aus der Tasche zu ziehen.<\/p><p>Im Anschluss an die Kabinettssitzung begab sich Premier Philippe sogleich in die Nationalversammlung, das franz&ouml;sische Parlament, um die Entscheidung &ouml;ffentlich kund zu tun. &bdquo;In &Uuml;bereinstimmung mit Artikel 49 Absatz 3 der Verfassung &hellip; und nachdem ich die Genehmigung des Ministerrats am 29. Februar erhalten habe, habe ich beschlossen, die Verantwortung der Regierung f&uuml;r den Gesetzentwurf zur Einf&uuml;hrung eines universellen Rentensystems zu &uuml;bernehmen&ldquo;, erkl&auml;rte er dem Parlament. Damit kamen die Debatten sofort zum Stillstand.<\/p><p>Das &uuml;bliche 49.3-Verfahren sieht vor, dass die Parlamentarier ab dem Moment, es war 17.35 Uhr am Samstagabend, 24 Stunden Zeit haben, um am Sonntag vor 17.35 Uhr einen Misstrauensantrag gegen die Regierung einzureichen. Sobald der Misstrauensantrag eingereicht wird, muss er innerhalb von 48 Stunden in der Nationalversammlung debattiert werden. Wenn der Misstrauensantrag angenommen wird, muss die Regierung zur&uuml;cktreten.<\/p><p>Es wurden auch zwei Misstrauensantr&auml;ge fristgerecht eingereicht, einer von der linken Opposition und einer von den Konservativen. Erwartungsgem&auml;&szlig; wurde keiner der beiden Misstrauensantr&auml;ge am Dienstagabend in der Nationalversammlung angenommen. Die Regierung, die in diesem Fall h&auml;tte zur&uuml;cktreten m&uuml;ssen, hatte das aber nie zu bef&uuml;rchten. Sie hat eine absolute Mehrheit im Parlament. Zudem werden nur die Stimmen gez&auml;hlt, die explizit f&uuml;r den Misstrauensantrag stimmen, alle Stimmen dagegen, Enthaltungen oder nicht anwesende Parlamentarier werden als Vertrauen f&uuml;r die Regierung gewertet.<\/p><p>Damit gilt das Gesetz zur Rentenreform nun in erster Lesung als verabschiedet. Jetzt geht der Text in den Senat und von dort wieder zur&uuml;ck in die Nationalversammlung.<\/p><p>Die Abgeordneten haben am Mittwoch aber noch immer das die Reform begleitende und mit 1.800 &Auml;nderungen versehene dazugeh&ouml;rige Organisationsgesetz auf der Tagesordnung. Seine Pr&uuml;fung bis zum Sonntagabend (8. M&auml;rz) sei aber machbar, so der Fraktionschef der LREM, da der Text nur f&uuml;nf Artikel habe (gegen&uuml;ber 65 f&uuml;r die Hauptrolle).<\/p><p>Es d&uuml;rfte niemandem entgangen sein, dass der Premierminister die Beendigung der Parlamentsdebatte im Anschluss an eine Krisensitzung der Regierung zum Thema des Erregers Covid-19 mitgeteilt hat. Das hat seine Gegner erst recht schockiert. Der Regierungschef beeilte sich darum, noch am Abend auf dem ersten Fernsehkanal TF1 zu versichern, zwischen dem Griff zum 49.3 und dem Covid-19 bestehe &bdquo;keinerlei Verbindung&ldquo;. Eine Aussage, die ihm aber kaum einer abnehmen will. Denn in derselben Sitzung wurde auch beschlossen, Stufe 2 und damit die erste Alarmstufe auszurufen und Versammlungen in geschlossenen R&auml;umen von mehr als 5.000 Personen zu verbieten, wegen Gesundheitsgefahr nat&uuml;rlich. In ganz Frankreich gab es zu dem Zeitpunkt etwa 130 infizierte Personen und 2 Tote. Aber, auch wenn es zynisch klingen mag, aus diesem Blickwinkel betrachtet d&uuml;rfte eine weitere Ausbreitung des Coronavirus der Regierung in die H&auml;nde spielen.<\/p><p>Eine richtige Epidemie, ein paar tausend oder zehntausend Infizierte, und Macron wird die n&auml;chste Alarmstufe ausrufen, alle Versammlungen verbieten, vielleicht sogar eine Ausgangssperre verh&auml;ngen k&ouml;nnen. Polizei und Milit&auml;r werden die Ausgangssperre &uuml;berwachen, w&auml;hrend die Menschen zu Hause auf Entwarnung warten und die Gesetzgebungsmaschine derweil wie geschmiert und ungest&ouml;rt weiterlaufen kann. Und am Ende der Virusepidemie stehen dann vollendete Tatsachen in Sachen Rentenreform sowie eine nicht mehr vorhandene Oppositionsbewegung dagegen.<\/p><p><strong>Rentenreform im Schnellverfahren<\/strong><\/p><p>Wie wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58249\">bereits berichtet<\/a> haben, hat die Regierung Macron beschlossen, das Projekt im Schnellverfahren durchzupeitschen, und daf&uuml;r die notwendigen rechtlichen Ma&szlig;nahmen in die Wege geleitet. Jetzt will Macron es so schnell wie m&ouml;glich hinter sich bringen und zeigen, dass seine Hand dabei nicht zittert.<\/p><p>Macron musste, um in seinem Zeitplan zu bleiben, deshalb unbedingt die erste Lesung in der Nationalversammlung vor den Parlamentsferien f&uuml;r die Kommunalwahlen am 15. und 22. M&auml;rz beenden. Das Parlament stellt seine Arbeit vom 9. bis zum 22. M&auml;rz ein.<\/p><p>Dabei hatte schon der Staatsrat Ende Januar bem&auml;ngelt, dass er wegen der herrschenden Eile &bdquo;nicht die Zeit zum Nachdenken hatte, die notwendig ist, um die bestm&ouml;gliche Rechtssicherheit&ldquo; f&uuml;r die Reform zu gew&auml;hrleisten. Es k&ouml;nnte demnach sogar sein, dass das Projekt im Nachhinein vom Verfassungsgericht als verfassungswidrig erkl&auml;rt werde.<\/p><p>Im April steht das Gesetz auf der Tagesordnung des Senats, in dem die Regierungsparteien keine Mehrheit haben. Die Rentenreform kommt ohne Pause in den Senat. Das Oberhaus wird den Text Ende April pr&uuml;fen m&uuml;ssen, ohne die beantragte zweiw&ouml;chige Frist bis Anfang Mai erhalten zu haben, um die Ergebnisse der Finanzierungskommission abzuwarten, die bis Ende April tagt.<\/p><p>Im Senat kann die Regierung zwar den Artikel 49.3 nicht anwenden, aber sie hat noch andere verfassungsm&auml;&szlig;ige M&ouml;glichkeiten, das Gesetz durchzusetzen, auch wenn keine Einigung im Senat erfolgen sollte. Denn von den beiden Kammern, Nationalversammlung und Senat, ist die Nationalversammlung die st&auml;rkere. Die NDS werden jedenfalls ihre Leser &uuml;ber den weiteren Werdegang auf dem Laufenden halten.<\/p><p>Im Prinzip ist es aber so, dass jetzt der Senat die M&ouml;glichkeit hat, das Gesetzesprojekt zu untersuchen und seinerseits &Auml;nderungsvorschl&auml;ge einzubringen. Laut Premierminister wird den Senatoren nicht die urspr&uuml;ngliche Version des Gesetzes vorgelegt, sondern eine neue Version, in der eine Vielzahl der bisher bereits diskutierten &Auml;nderungsantr&auml;ge ber&uuml;cksichtigt wurde. Von den 65 Artikeln im Gesetzesprojekt waren bis zum 29. Februar gerade einmal die ersten 7 diskutiert und angenommen worden. Die restlichen 58 wurden so wie sie sind an den Senat weitergeleitet. Von den 232 &Auml;nderungsantr&auml;gen, die in der Fassung f&uuml;r den Senat beibehalten wurden, gibt es &Auml;nderungsantr&auml;ge, die von allen Fraktionen des Parlaments vorgeschlagen wurden. Ausgenommen diejenigen von La France Insoumise!<\/p><p>Beide Kammern sollen dem Parlament in zweiter Lesung einen identischen Gesetzestext vorlegen. Um dies zu erreichen, werden jetzt sogenannte &bdquo;navettes&ldquo; (dt. &bdquo;Schiffchen&ldquo;) zwischen Nationalversammlung und Senat ausgetauscht. &bdquo;Die Strategie des Senats besteht normalerweise darin, Texte zu &auml;ndern, aber dieser ist nicht reparierbar&ldquo;, sagt dazu ein Mitglied des Senats. Wenn keine &Uuml;bereinstimmung erreicht werden kann, kann die Nationalversammlung ihren Text trotzdem zur Abstimmung vorlegen. Und auch in der zweiten Lesung hat die Regierung dann wiederum die M&ouml;glichkeit, die Debatte &uuml;ber den Verfassungsartikel 49.3 abzubrechen. Laut Plan der Regierung soll das Gesetz noch vor der Sommerpause in Kraft treten.<\/p><p>Man sieht, es gibt kaum eine rechtliche M&ouml;glichkeit, das Gesetzesprojekt zu verhindern, wenn die Regierung entschlossen ist, es um jeden Preis durchzusetzen. Man kann zwar versuchen, den Prozess in die L&auml;nge zu ziehen, wie die Opposition es machte, indem sie allein etwa 25.000 &Auml;nderungsantr&auml;ge einbrachte, und ihm so viele Steine wie m&ouml;glich in den Weg zu legen. Beschr&auml;nkt auf Praktiken wie Behinderungen oder Misstrauensantrag, sind die Abgeordneten der Linken jedoch machtlos. Verhindern kann man die Rentenreform nur durch Druck von der Stra&szlig;e, indem man den Preis daf&uuml;r f&uuml;r Macron so hochschraubt, dass er entweder nachgibt oder seinen Hut nimmt.<\/p><p><strong>Der R&uuml;ckgriff auf Artikel 49.3<\/strong><\/p><p>Der energische Schritt der Exekutive am Samstag unterstreicht einmal mehr das Fiasko der Macron&lsquo;schen Rentenreform. Bei einem so grundlegenden Text f&uuml;r die Zukunft des Landes mit aller Gewalt vorzugehen, birgt die Gefahr, fr&uuml;her oder sp&auml;ter daf&uuml;r bezahlen zu m&uuml;ssen. Dessen ist sich die Regierung mit Sicherheit auch bewusst. Aber sie will die Sache jetzt so schnell wie m&ouml;glich hinter sich bringen. Realit&auml;t ist auch, angesichts des wachsenden Widerstandes in den eigenen Reihen, dass die Regierung sogar ihre Fassadenmehrheit im Parlament selber anzweifeln muss.<\/p><p>Macron kann die franz&ouml;sische Bev&ouml;lkerung nicht mehr f&uuml;r das Projekt gewinnen. Daf&uuml;r hatte er mehr als 2 Jahre Zeit, es ist ihm nicht gelungen. Viele Skandale und schlechte Handwerksarbeit haben die Reform bisher begleitet. Die Regierung hat in der &ouml;ffentlichen Kommunikation um die Rentenreform v&ouml;llig versagt.<\/p><p>Dabei w&auml;re eine Rentenreform angesichts des Wirrwarrs von 42 verschiedenen Systemen ja nicht einmal so unvern&uuml;nftig gewesen. Die Umwandlung in ein universelles, gerechtes System macht durchaus Sinn. Im Grunde ist es eine sozialdemokratische Reform, die von rechten Technokraten und Politikern falsch umgesetzt wurde und so zum Fiasko f&uuml;hrte.<\/p><p>Kaum eine Franz&ouml;sIn wird heute f&uuml;r sich etwas anderes als eine Rentenk&uuml;rzung von dieser &bdquo;Reform&ldquo; erwarten k&ouml;nnen. &bdquo;Die Franzosen m&uuml;ssen l&auml;nger arbeiten&ldquo;, hatte Premier Philippe gleich zu Beginn erkl&auml;rt. Das hei&szlig;t in der Logik der Macronie: L&auml;nger arbeiten, ohne daf&uuml;r etwas zu bekommen. Oder aber zum selben Zeitpunkt wie bisher auszuscheiden und daf&uuml;r eine K&uuml;rzung der Rente hinzunehmen. Kaum eine Alternative, die sich eine Franz&ouml;sIn in Zeiten von Arbeitslosigkeit und Lohnk&uuml;rzungen bis an den Rand des Existenzminimums noch leisten kann. Arbeiten bis zum Einsargen also.<\/p><p>Der R&uuml;ckgriff auf den Ausnahmeparagrafen 49.3 ist das Eingest&auml;ndnis der Regierung, dass das von den meisten Franz&ouml;sInnen ablehnte Rentenreformgesetz nur mit diesem fragw&uuml;rdigen, undemokratischen Hebel gerettet werden kann. Die Verabschiedung des Gesetzes soll nun per Dekret erfolgen, ein Gesetz, das selbst mit R&uuml;ckgriffen auf Verordnungen durchsetzt ist. Die Verantwortung daf&uuml;r liegt weitgehend bei der Exekutive, die sich wegen selbstgesetzten Fristen zu seiner Durchsetzung, aber auch deshalb, weil die Rentenreform nicht der angeblichen Vereinfachung der Rentengesetzgebung zum Wohle aller Franz&ouml;sInnen, sondern zur weiteren Umverteilung von Arbeit nach (Finanz)kapital dienen soll, in eine unvermeidliche <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57476\">Konfrontation mit der Bev&ouml;lkerung<\/a> verstrickt hat.<\/p><p>Insofern wirft der jetzige R&uuml;ckgriff auf Artikel 49.3 durchaus ein erhebliches demokratisches Legitimit&auml;tsproblem auf. Angesichts der verfahrenen Situation m&ouml;chte Macron es jetzt so schnell wie m&ouml;glich hinter sich bringen und zeigen, dass seine Hand dabei nicht zittert. W&auml;hrend die franz&ouml;sische Bev&ouml;lkerung zusehen muss, wie sich das Vorgehen der Regierung zu einem reinen Akt der Autorit&auml;t entwickelt.<\/p><p>Neben seiner antidemokratischen Frechheit ist dieses Vorgehen auch eine Bankrotterkl&auml;rung der b&uuml;rgerlichen Demokratie, der zufolge es ja angeblich das h&ouml;chste demokratische Gut sei, irgendeine Partei zu w&auml;hlen, die dann im Parlament die Interessen ihrer W&auml;hler vertritt. Wenn Macron aber auf parlamentarischem Weg nicht mehr weiterkommt, dann l&auml;sst er das mit der Demokratie eben weg.<\/p><p><strong>Emp&ouml;rung in der Bev&ouml;lkerung<\/strong><\/p><p>Erste Reaktionen lie&szlig;en nach der Verk&uuml;ndung von Philippe nicht lange auf sich warten. Schon am Abend des 29. Februar versammelten sich spontan Menschen vor der Nationalversammlung und tags darauf vor dem Pariser Rathaus. Wenn auch zun&auml;chst noch wenige, es gab ja kaum Zeit zur Mobilisierung. Insofern war der &Uuml;berraschungscoup der Regierung gelungen. Die Gewerkschaften mussten sich erst einmal zusammenfinden und &uuml;ber die n&auml;chsten Schritte beraten und riefen zu ersten dezentralen Demonstrationen am 3. M&auml;rz auf, dem Tag, an dem auch die beiden Misstrauensantr&auml;ge im Parlament abgelehnt wurden.<\/p><p>Trotzdem war jetzt klar, dass man nicht, wie von der Intersyndicale angek&uuml;ndigt, bis zum 31. M&auml;rz warten konnte, um weitere Schritte in die Wege zu leiten. Das Koordinationskomitee RATP-SNCF, das k&auml;mpferischste Gremium in der Streik- und Protestbewegung, hat f&uuml;r Dienstag, 10. M&auml;rz, zu einer gro&szlig;en Streikversammlung aufgerufen, in der zuerst die Bilanz der bisherigen Streikaktionen gezogen werden soll. Die weitere Tagesordnung der Versammlung besteht haupts&auml;chlich darin, einen substanziellen Schlachtplan f&uuml;r eine m&ouml;glichst massive Streikbewegung in m&ouml;glichst vielen &ouml;ffentlichen und privaten Sektoren zu erstellen sowie die M&ouml;glichkeiten zum Aufruf f&uuml;r einen landesweiten Generalstreik und dessen technische Umsetzung zu diskutieren.<\/p><p>Am 5. M&auml;rz war ein Aktionstag in den Universit&auml;ten, verbunden mit Sperrung und Schlie&szlig;ung derselben. Universit&auml;ten und Labors gingen gegen die Prekarit&auml;t in ihren Berufen auf die Stra&szlig;e. Neben ihrem Unmut &uuml;ber die Rentenreform wehren sie sich auch gegen ein Gesetzesprojekt in ihrem Berufszweig, das zu noch unsichereren und befristeten Besch&auml;ftigungen f&uuml;hren w&uuml;rde. Der Aufruf wurde von allen Gewerkschaften unterst&uuml;tzt.<\/p><p>Zudem werden inzwischen neue Formen des Protestes ausprobiert. Unvergessen die Ballettt&auml;nzerinnen der Pariser Oper am Weihnachtsabend, die die Streikbewegung mit einer Auff&uuml;hrung des Schwanensees unter freiem Himmel unterst&uuml;tzten. Die Neujahrsansprache von Direktorin Sybile Veil von Radio France, die eben dabei ist, den Sender zu &bdquo;rationalisieren&ldquo;, wurde von den Besch&auml;ftigten mit Giuseppe Verdis &bdquo;Gefangenenchor&ldquo; &uuml;bert&ouml;nt. In Caen wollte die Justizministerin eine Rede vor versammelten Anw&auml;lten halten. Diese warfen ihr ihre schwarzen Roben vor die F&uuml;&szlig;e und gingen nach Hause. &Auml;rzte schmei&szlig;en ihre wei&szlig;en Kittel den Rednern vor die Pulte und Lehrer entleeren den Inhalt ihrer Schulranzen vor die F&uuml;&szlig;e von regimetreuen Schulleitern, werfen alte Schulb&uuml;cher vor die Rektorate oder verbarrikadieren damit symbolisch den Zugang zur Schule.<\/p><p>Und nicht nur auf dem franz&ouml;sischen Festland, auch in den &Uuml;berseegebieten regt sich der Protest. Streiks bei den Lehrern auf den Antillen, in Martinique und Guadeloupe sind ebenso an der Tagesordnung wie in Paris. Denn sie sind von Macrons K&uuml;rzungen genauso betroffen. So kam es z.B. zu zwei Monaten Stillstand im Bildungssystem in der Karibik.<\/p><p>Zu erw&auml;hnen sei noch, dass neben den oben genannten Aktionen an jedem Tag, zu jeder Zeit und an allen Orten &uuml;berall in Frankreich lokale Protestaktionen stattfinden. Alle diese Aktionen zu b&uuml;ndeln und sie wie ein Brennglas auf denselben Fokus zu richten, das ist gerade das Bestreben des Aktionskomitees RATP-SNCF, das erkannt hat, dass es aussichtslos ist, mit dieser Regierung noch irgendwelche Verhandlungen zu f&uuml;hren. Der letzte Coup mit dem R&uuml;ckgriff auf Artikel 49.3 war daf&uuml;r Beweis genug.<\/p><p>Auch in den Augen von manchen Funktionstr&auml;gern in der Partei von Macron scheint einiges aus dem Ruder zu laufen. Am Samstag, nach der Verk&uuml;ndung von Philippe im Parlament, verlie&szlig; Senator Amiel die LREM. &bdquo;Es hat eine Reihe von Fehlern gegeben, die sehr, sehr ung&uuml;nstig f&uuml;r fl&uuml;ssige Regierungsma&szlig;nahmen waren. Das Ende ist 49.3, an einem Samstagabend inmitten eines Coronavirus-Ausbruchs, fast hinterh&auml;ltig&ldquo;, sagte er. Zudem verlie&szlig;en zwei Abgeordnete die Partei. Z&auml;hlte die LREM zu Beginn noch 314 Abgeordnete, so sind es nunmehr nur noch 300. Und Ger&uuml;chten zufolge wollen nach dem R&uuml;ckgriff auf Art. 49.3 noch etwa 40 weitere Abgeordnete die Partei verlassen. Das erinnert unwillk&uuml;rlich an das Lied von den zehn kleinen Negerlein&hellip; da waren&lsquo;s nur noch neun.<\/p><p>Auch in den Kommunen laufen die Mitglieder der LREM scharenweise davon und kandidieren auf eigenen oder auf anderen Listen f&uuml;r die Wahlen.<\/p><p>Und endlich hat auch die CGT am 3. M&auml;rz die T&uuml;r zur Finanzierungskonferenz zugeschlagen und will sich nicht mehr an diesem &bdquo;Mummenschanz&ldquo; beteiligen. Ein Tag nachdem bereits die Force Ouvri&egrave;re (FO) ihren R&uuml;ckzug aus diesem Gremium bekanntgegeben hatte.<\/p><p><strong>Die Frauen<\/strong><\/p><p>Am Sonntag ist der Internationale Frauentag und Frauenstreiktag.<\/p><p>&bdquo;Die Frauen werden die gro&szlig;en Gewinner der Reform sein.&ldquo; So log Edouard Philippe am 11. Dezember 2019 die Frauen an. Ein Versuch, seiner zutiefst unsozialen Reform eine feministische Fassade zu geben. Geplant ist aber eine allgemeine K&uuml;rzung der Altersrenten auch f&uuml;r Frauen, bei niedrigen L&ouml;hnen und besonders f&uuml;r all jene, die unter Prekarit&auml;t und zerhackten Karrieren leiden. Ganz zu schweigen von der Nichtber&uuml;cksichtigung der Plackerei, die K&ouml;rper und Geist in den schwierigsten Berufen am unteren Ende der Leiter, die weitgehend feminisiert sind, abnutzt. Wie bei den Zimmerm&auml;dchen in den Hotels oder den Putzfrauen an den Pariser Bahnh&ouml;fen.<\/p><p>&bdquo;Wenn sich also die Macronie eine feministische Fassade geben will, dann ist es an der Zeit, laut und deutlich zu erkl&auml;ren, dass die Emanzipation der Frauen nur mit klassenk&auml;mpferischen Methoden und in v&ouml;lliger Unabh&auml;ngigkeit von den Arbeitgebern, dem Staat und seinen Institutionen erreicht werden kann&ldquo;, so hie&szlig; es j&uuml;ngst auf einem feministischen Treffen in Paris: Lasst uns einen 8. M&auml;rz gegen Macron und seine Welt aufbauen!<\/p><p>Und in der Tat, auch bei den Streiks und Demonstrationen und in den Streikkomitees stehen Frauen inzwischen mit in der vordersten Reihe. An diesem 8. M&auml;rz will auch die Frauenbewegung ihre Ablehnung gegen die Macronie an die &Ouml;ffentlichkeit tragen.<\/p><p><strong>Die Gewerkschaften<\/strong><\/p><p>Angesichts neuer Herausforderungen m&uuml;ssen auch die Gewerkschaften ihre Rolle neu &uuml;berdenken und vor allem auch neu finden. Wir hatten in unserem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58906\">letzten Beitrag<\/a> bereits darauf aufmerksam gemacht, dass die aktuelle Streikbewegung sowie auch die Bewegung der Gelbwesten praktisch ohne Zutun der Gewerkschaftsf&uuml;hrung entstanden ist. Die Basis organisiert sich selbst, die an ihren Arbeitspl&auml;tzen mobilisierten Besch&auml;ftigten treiben die Aktionen voran und organisieren sich anders, als von den nationalen Gewerkschaftsf&uuml;hrern erwartet.<\/p><p>Dasselbe gilt f&uuml;r interprofessionelle Generalversammlungen oder lokale Koordinationen und ihre Aktionen. In Zeiten der sozialen Netzwerke und Smartphones k&ouml;nnen Informationen schneller als fr&uuml;her ausgetauscht und verbreitet und Aktionen an den Gewerkschaftsfunktion&auml;ren vorbei organisiert werden.<\/p><p>Aber die Bewegung der Gelbwesten lehrt uns auch, dass ein langandauernder Protest ohne Organisationen, wie sie die Gewerkschaften haben, nicht aufrechterhalten werden kann. Ein Smartphone allein gen&uuml;gt nicht, eine Protestbewegung auf l&auml;ngere Zeit aufrecht zu erhalten, geschweige denn zu f&uuml;hren, es bedarf dazu auch einer gewissen Infrastruktur. Und nicht zu vergessen, dass die Gelbwesten auch nie das Instrument des Streiks anwenden konnten, da sie in den Betrieben kaum verankert waren. Streiks aber sind ein entscheidender Teil des gewerkschaftlichen Handlungsrepertoires.<\/p><p>Solange Streiks f&uuml;r L&ouml;hne oder Arbeitsbedingungen in verschiedenen Betrieben oder Sektoren gef&uuml;hrt werden, sind sie dort auch erfolgreich. Anders sieht es aber mit politischen Streiks aus. Hier richtet sich der Streik nicht gegen einen Betrieb, sondern gegen die Regierung und deshalb sollten politische Streiks auch auf m&ouml;glichst viele Sektoren ausgeweitet werden. Streiks in einem Betrieb, die sich nicht gegen die Betriebsf&uuml;hrung selber, sondern gegen die Regierung richten, sind aber, besonders im Privatsektor, eine eher heikle Angelegenheit.<\/p><p>Viele Kommentatoren haben Macron mit Thatcher verglichen, und das stimmt in dem Sinne, dass Macron ideologisch der &Uuml;berlegenheit des Marktes verpflichtet und unangreifbar f&uuml;r Zweifel ist. Wir sind aber nicht mehr in der historischen Periode, die Thatcher oder Reagan hervorgebracht hat, in der Periode eines erobernden Neoliberalismus. Im Gegenteil, die Legitimit&auml;t des Marktes wird inzwischen auch in Frankreich in Frage gestellt. Auch deshalb kommt Macrons Vorsto&szlig; versp&auml;tet und st&ouml;&szlig;t auf ganz anderen Widerstand als damals Gerhard Schr&ouml;der in Deutschland.<\/p><p>Die Ausweitung des Streiks auf den privaten Sektor ist bei politischen Streiks immer schwierig. Wenn es schon schwierig ist, in den Streik zu treten, um Druck auf den eigenen Arbeitgeber auszu&uuml;ben, ist es noch schwieriger, dies zu tun, um damit indirekt die Regierung zu erreichen. Daher werden politische Streiks in der Regel auch von Besch&auml;ftigten des &ouml;ffentlichen Dienstes durchgef&uuml;hrt.<\/p><p>In den privaten Betrieben spielen die Gewerkschaften im Allgemeinen nur eine eher untergeordnete Rolle. Je kleiner der Betrieb, desto geringer ihr Einfluss. Und auch in den gro&szlig;en Betrieben wird ihnen die Basis durch Leiharbeit und Werksvertr&auml;ge zunehmend entzogen. Das hat dazu gef&uuml;hrt, dass die Gewerkschaften zunehmend nur noch die &bdquo;Arbeiteraristokratie&ldquo; als Basis haben und sich um das Prekariat nur noch am Rande k&uuml;mmern. Damit verlieren sie aber auch ihre Verankerung in der Bev&ouml;lkerung, in der die gutverdienenden Festangestellten zunehmend zum Ausnahmefall werden. Ihre Bastionen schrumpfen.<\/p><p>Die wichtigste Herausforderung f&uuml;r die Gewerkschaften bleibt daher der Wiederaufbau einer Repr&auml;sentationskapazit&auml;t, die auch das Prekariat und die Arbeitslosen einschlie&szlig;t. Die Gewerkschaften m&uuml;ssen lernen, den Neoliberalismus als Hauptfeind anzuerkennen und ihn als solchen zu bek&auml;mpfen. Und dabei auch die Teile der Arbeitswelt und auch der Bev&ouml;lkerung wieder mit an Bord zu holen und von ihnen als Verteidiger ihrer Interessen angesehen zu werden, die sie in den Jahrzehnten der &bdquo;Sozialpartnerschaft&ldquo; vernachl&auml;ssigt haben.<\/p><p>Die gesellschaftlichen K&auml;mpfe werden zunehmend politischer. Deshalb ist auch eine politische Strategie der Gewerkschaften notwendiger denn je. Mit reinen Lohnverhandlungen wird man langfristig immer unbedeutender. Was wir brauchen, ist eine Gewerkschaft, die wieder anf&auml;ngt, sich als &bdquo;Partei der Arbeit&ldquo; zu verstehen und sich f&uuml;r die Interessen der Arbeiterschaft in ihrer ganzen Vielfalt einsetzt.<\/p><p><strong>Das Coronavirus<\/strong><\/p><p>Zum jetzigen Zeitpunkt, Freitag, 6. M&auml;rz, gibt es laut Informationen des Gesundheitsministeriums in Frankreich 423 registrierte Ansteckungsf&auml;lle, sieben Menschen sind gestorben. Die Regierung hat bisher die Stufe 2 ausgerufen, sozusagen die erste Alarmstufe und ein Versammlungsverbot f&uuml;r mehr als 5.000 Menschen in engen R&auml;umen. Nach Verlautbarungen von Gesundheitsministerin Sibeth Ndiaye wird die Regierung allerdings bald Stufe 3 ausrufen m&uuml;ssen.<\/p><p>Der Paris-Marathon, der f&uuml;r den 5. April geplant ist und bei dem rund 60.000 Personen erwartet werden, wurde auf den 18. Oktober verschoben, der Pariser Halbmarathon, der am vergangenen Samstag stattfinden sollte, wurde am Vorabend des Starts abgesagt und wird auf den 6. September verlegt.<\/p><p>Die Verschiebung der Kommunalwahlen am 15. und 22. M&auml;rz steht aber, entgegen verschiedenen Ger&uuml;chten, nicht auf der Tagesordnung.<\/p><p>Gut 100 Schulen, Colleges und Gymnasien bleiben in Frankreich vorl&auml;ufig geschlossen.<\/p><p>Die Mitarbeiter des gr&ouml;&szlig;ten Museums der Welt, des Louvre, hatten am vergangenen Sonntag das Museum geschlossen, um die Verbreitung des Virus zu verhindern, nachdem die Regierung die Ansammlung von mehr als 5.000 Menschen auf engem Raum verboten hatte. Der Louvre kann bis zu 40.000 Menschen t&auml;glich empfangen.<\/p><p>Laut Arbeitsrecht kann ein Mitarbeiter, wenn er &bdquo;berechtigten Grund zu der Annahme hat, dass [eine Arbeitssituation] eine ernste und unmittelbare Gefahr darstellt&ldquo;, &bdquo;sich aus einer solchen Situation zur&uuml;ckziehen&ldquo;. Bei Covid-19 geht es um das Risiko einer Ansteckung. Die Virusepidemie, aber nicht nur sie allein, kann demnach noch f&uuml;r viele &Uuml;berraschungen und unerwartete Wendungen in diesem Arbeitskampf sorgen.<\/p><p>Titelbild: UlyssePixel\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Drohung lag schon lange in der Luft. &Uuml;berraschend war eigentlich nur der Zeitpunkt. Am Samstagabend, 29. Februar, beschloss der Ministerrat die Anwendung von Artikel 49.3 der franz&ouml;sischen Verfassung, um die Diskussionen im Parlament &uuml;ber das Gesetzesprojekt zur Rentenreform in erster Instanz zu beenden. 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