{"id":59190,"date":"2020-03-11T10:30:19","date_gmt":"2020-03-11T09:30:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59190"},"modified":"2020-03-12T07:37:24","modified_gmt":"2020-03-12T06:37:24","slug":"die-erfolgsleere-der-funktionaere-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59190","title":{"rendered":"Die Erfolgsleere der Funktion\u00e4re \u2013 eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wieso der Multimillion&auml;r und CDU-Politiker Friedrich Merz offenbar wie unter einem inneren Zwang unbedingt CDU-Vorsitzender und Kanzlerkandidat werden muss? Und Ursula von der Leyen sofort bereit war, ihr ganzes Leben umzubauen, um EU-Kommissionspr&auml;sidentin zu werden? Und warum umgekehrt eine Politikerin wie Sahra Wagenknecht dazu in der Lage ist, ein Amt (in ihrem Fall das Amt der Fraktionsvorsitzenden) wieder abzugeben? Der Industriemanager und Philosoph Dr. Michael Andrick befasst sich in seinem Buch &bdquo;Erfolgsleere. Philosophie f&uuml;r die Arbeitswelt&ldquo; mit dem Ph&auml;nomen des Ehrgeizes und meint: Ehrgeiz ist der h&ouml;chste Ausdruck von Systemkonformit&auml;t. Und ganz und gar nichts Positives. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat das Buch f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen und meint: eine ausgesprochen lohnende Lekt&uuml;re.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Es geht nicht darum, Sie als Pers&ouml;nlichkeit zu &auml;ndern. Es geht nur darum, Ihr Verhaltensrepertoire zu erweitern&ldquo;<\/strong><\/p><p>Das obige Zitat stammt nicht aus einem Roman von George Orwell. Es ist auch kein Zitat aus einer Sitzung von Scientologen. Und es stammt auch nicht aus einer Gruppentherapie f&uuml;r Gewaltt&auml;ter. Sondern aus dem Buch von Michael Andrick. Er zitiert hier einen Coach, der f&uuml;r gro&szlig;e Konzerne arbeitet und gerne Mitarbeitern zugeteilt wird, deren innere Haltung noch nicht optimal an das betriebliche Wunschprofil angepasst ist. Und es ist ein gutes Beispiel f&uuml;r die vielen geradezu literarischen Perlen, die man im Buch von Michael Andrick findet. Selten habe ich eine so pr&auml;zise und entlarvende Beschreibung unserer gesellschaftlichen Realit&auml;t gelesen. Hier das Zitat im ganzen Zusammenhang: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wer aufgrund &uuml;bersch&uuml;ssiger Bildung nicht gedankenlos genug f&uuml;r eine fraglose Funktion&auml;rskarriere ist, stellt f&uuml;r jedes System zun&auml;chst eine Irritation dar. Die Funktion&auml;rs- und W&uuml;rdentr&auml;ger der diversen Apparate m&uuml;ssen dann seine Gedanken und Fragen ertragen und sich f&uuml;rchten, dass er &sbquo;unabgestimmt&rsquo; mit ihren Standardinteressen &sbquo;etwas tun&rsquo; k&ouml;nnte. Doch es gibt auch f&uuml;r notorische Selbstdenker und Neinsager ein &sbquo;Friedensangebot&rsquo; des Establishments, eine Art zweiten Bildungsweg ins Funktion&auml;rsdasein: Wo die Ressourcen es zulassen und die Investition betrieblich lohnenswert erscheint, wird dem Delinquenten gern ein Coach zugeteilt &ndash; also ein Gespr&auml;chspartner, mit dem man kl&auml;rt, welche Art und welche Abfolge von Kompromissen mit den Konformisten die eigene Identit&auml;t gerade noch zul&auml;sst. Einleitend sagt der Coach beim ersten Treffen: &sbquo;Es geht nicht darum, Sie als Pers&ouml;nlichkeit zu &auml;ndern. Es geht nur darum, Ihr Verhaltensrepertoire zu erweitern.&rsquo; Der Subtext ist klar &ndash; nicht jeder &sbquo;Meilenstein&rsquo; des Aufstiegs ist im aufrechten Gang zu erreichen&ldquo; (S. 54-55).\n<\/p><\/blockquote><p>Dass Andrick nicht &bdquo;nur&ldquo; Philosoph ist, und die Arbeitswelt nicht nur aus der Perspektive der &bdquo;besch&uuml;tzenden Werkstatt&ldquo; einer Universit&auml;t kennt, sondern ihm auch die harte Realit&auml;t der kapitalistischen Praxis jenseits theoretischer Wolkenschl&ouml;sschen vertraut ist: das macht den besonderen Reiz seines Buches aus. <\/p><p>Der Ausgangspunkt zu seinem Buch war eine Frage, die ihn besch&auml;ftigte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Warum geschieht in der Welt so vieles, das die einzelnen Menschen je f&uuml;r sich verabscheuen und bedauern?&ldquo; (S. 11).\n<\/p><\/blockquote><p>Und weiter: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wie erreicht die Industriegesellschaft unseren Konformismus &ndash; unser praktisch vorbehaltloses Tun zu allen nur m&ouml;glichen Zwecken? Deprimierend wenige Menschen, die unter dem Einfluss moderner Verwaltungen standen, haben in den Massenverbrechen und Kriegen des 20. Jahrhunderts moralische Eigenst&auml;ndigkeit gewahrt. Schaffen wir das heute?&ldquo; (S. 69).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Was ist ein Konformist?<\/strong><\/p><p>Andrick verweist in diesem Zusammenhang auf die Philosophin Hannah Arendt. F&uuml;r Arendt bestand das R&auml;tsel der deutschen Verbrechen <em>nicht<\/em> darin, dass fanatische Antisemiten, Sadisten und andere psychisch gest&ouml;rte Personen schlimmste Verbrechen an wehrlosen Opfern begingen. F&uuml;r sie waren vielmehr diejenigen r&auml;tselhaft, die sich &bdquo;nur&ldquo; gleichschalteten und nicht aus &Uuml;berzeugung handelten &ndash; und die ebenso erstaunlich bruchlose R&uuml;ckverwandlung dieser T&auml;ter in unauff&auml;llige B&uuml;rger nach der totalen Niederlage Deutschlands. Damit ist Andrick bei der Frage angekommen, was das Wesen eines Konformisten ist:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aber was ist ein Konformist? Sicherlich nicht schon jemand, der bis zu einem gewissen Punkt mit den vorgefundenen Verh&auml;ltnissen und Menschen konform geht; das tun wir alle, und w&uuml;rden wir alle deshalb zu Recht &sbquo;Konformist&rsquo; genannt, so w&auml;re der Begriff &uuml;berfl&uuml;ssig, denn er w&uuml;rde nichts mehr unterscheiden. Der Konformist muss also jemand sein, der die Konformit&auml;t planvoll zum Prinzip seines Denkens und Tuns erhoben hat &ndash; gerade so, wie wir denjenigen einen Sozialisten nennen, der planvoll die soziale Frage zum Prinzip seines Denkens und Tuns macht&ldquo; (S. 47).\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Konformisten verhalten sich geordnet nach Zwecken, die andere festgelegt haben, und hinterfragen diese Zwecke nicht &ndash; sie verinnerlichen sie. Konformismus ist zweckgerichtetes Denken und Tun, und dieses ist gerade nicht Nachdenken und Handeln einer moralischen Person und sollte davon klar unterschieden werden. Denn Zweckdenken spielt erlernte Muster und Verbindungen von Gedanken und T&auml;tigkeiten ab, sobald ein Schl&uuml;sselreiz wahrgenommen wird (der ebenfalls Teil des erlernten Musters ist)&ldquo; (S. 47-48).\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Verinnerlichung von Zwecken, die andere festgelegt haben, bleibe nicht ohne Folgen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dem Konformisten wird das Selbst schwach &ndash; sein Wille und damit seine F&auml;higkeit, die eigene Erfahrung durch Nachdenken zu verarbeiten, wird schwach; seine Moralit&auml;t, der Vorbehalt des Nachdenkens gegen das Tun, wird nicht kultiviert, und so festigt sich mit jedem Jahr des blo&szlig;en Mitmachens das eigene Schicksal, vor allem als Funktion&auml;r zu existieren. Das eigenwillige Leben wird durch die Gewohnheit verdr&auml;ngt, dem Druck oft nur vermuteter fremder Erwartungen nachzugeben, um zu gewinnen, was die etablierte Ordnung zu bieten hat. Wir alle, sofern wir konformistisch sind, treiben einen besonderen Sport: das Erraten fremder Erwartungen&ldquo; (S. 53).\n<\/p><\/blockquote><p>Deshalb stimme die landl&auml;ufige Meinung vom Weg des geringsten Widerstandes, den Konformisten gingen, nicht: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Konformistisch sein ist somit eine komplizierte, kraftraubende Sache und keineswegs der ber&uuml;hmte &sbquo;Weg des geringsten Widerstands&rsquo;.  Man versucht dabei, auf m&ouml;glichst glaubhafte Weise ein f&uuml;r andere simuliertes Innenleben nach au&szlig;en zu kehren. Genau dies ist das in jeder Gesellschaft f&uuml;r uns vorgesehene Programm: Abschaffung des eigenen Nachdenkens zugunsten eines vorauseilenden &uuml;ber fremde Erwartungen spekulierenden Gehorsams. Dies ist der Weg zur Verk&uuml;mmerung unseres Selbst, zur Abschaffung unserer eigenen, wertenden Perspektive auf die Welt&ldquo; (S. 53).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wie Institutionen Massenverbrechen effektiv organisieren<\/strong><\/p><p>Der in der Gesellschaft massenhaft verbreitete Konformismus sei ein politisch hochwirksames Instrument, mit dem sich selbst Massenverbrechen organisieren lie&szlig;en:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Institutionen, die Massenverbrechen organisierbar machen, sind deshalb effektiv, weil sie die Mentalit&auml;t des modernen Konformisten ihrem Kalk&uuml;l zugrunde legen k&ouml;nnen. Hitler z. B. war nach der &sbquo;Machtergreifung&rsquo; nicht darauf angewiesen, einem Volk von intakten moralischen Personen manipulativ den ben&ouml;tigten Konformismus aufzuzwingen. Die Deutschen waren, wie andere moderne Menschen und wie wir heute, bereits kulturell zum Konformisten ausgebildet (&hellip;). Die industriell organisierten Massenverbrechen ebenso wie die planvolle Vernichtung des &Ouml;kosystems unseres Planeten sind als M&ouml;glichkeit seit Anbruch der europ&auml;ischen Neuzeit im Netz der Geschichte angelegt; ihr Auftreten bedeutet nicht, dass die Menschheitsgeschichte mit diesen Verbrechen in eine neue Epoche eintritt, sondern dass sie kulturell &uuml;ber lange Zeit eine M&ouml;glichkeit aufgebaut hat, die nun abgerufen (oder &sbquo;aktualisiert&rsquo;) wird&ldquo; (S. 70).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wie die Neuzeit die &bdquo;Ordnung des Ansehens&ldquo; ver&auml;nderte<\/strong><\/p><p>Um dies zu verstehen, muss man, so Andrick, zur&uuml;ck in die Zeit des Mittelalters gehen. Das Denken eines mittelalterlichen Menschen unterschied sich deutlich vom gegenw&auml;rtigen Menschen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Liebe, die Loyalit&auml;t und das Streben der Menschen sind im Mittelalter auf Personen gerichtet, die sich als Teil derselben g&ouml;ttlichen Ordnung begreifen konnten&ldquo; (S. 64).\n<\/p><\/blockquote><p>Aber dieses personenbezogene Denken, der Treu und Glauben des alten Lehensverh&auml;ltnisses, gingen in der Neuzeit (die Zeit nach dem Mittelalter, etwa beginnend mit dem 16. Jahrhundert) verloren, weil sie, so Andrick, von den technischen und sozialen Entwicklungen &uuml;berdehnt und ausgeleiert wurden. Und das hatte Folgen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die entstehenden Zentralstaaten ziehen die Machtverh&auml;ltnisse aus dem Pers&ouml;nlichen, aus dem direkten Verh&auml;ltnis zwischen einander bekannten Menschen in den unpers&ouml;nlichen Bereich der Struktur, des Verwaltungsapparats. Damit entsteht ein neues Spielfeld; es wird lebenspraktisch notwendig f&uuml;r den Einzelnen, sich an den vermuteten Anforderungen der anonym gewordenen anderen und der Verwaltungsapparate zu orientieren, die jetzt &uuml;ber ihn herrschen&ldquo; (S. 67).\n<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Die pers&ouml;nlichen Lehens- und Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnisse und das b&auml;uerliche Denken wurden zunehmend dominiert vom st&auml;dtisch-b&uuml;rgerlichen Denken und den Interessen der Kaufleute. Am Ende dieser Entwicklung stand dann der anonymisierte Markt und die Notwendigkeit f&uuml;r den Einzelnen, sich eben diesem anzupassen. Und dies formte massenhaft einen neuen Charaktertypus: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im Mittelalter war der Grund der Ehre oder Schande einer Person ihre Erf&uuml;llung oder Missachtung ihrer gottgewollten Funktion in der Gemeinschaft. Heute liegt mein Ansehensgewinn oder -verlust an der Erf&uuml;llung oder Missachtung der von anderen Menschen f&uuml;r mich gewollten Funktion in der Gesellschaft. Unsere Existenz ist jetzt nicht mehr konkret-gemeinschaftlich, sondern abstrakt gesellschaftlich bestimmt&ldquo; (S.67).\n<\/p><\/blockquote><p>Und das bedeutet f&uuml;r uns Heutige: Wir alle unterliegen inzwischen dem Zwang zur Marktkonformit&auml;t, um in der Gesellschaft eine geachtete Person sein zu k&ouml;nnen. Und unsere gesellschaftlichen Institutionen sind darauf ausgerichtet, genau diese Konformit&auml;tsbereitschaft zu erzeugen. Damit Menschen gar nicht erst auf die Idee kommen, dass ein marktkonform ausgerichtetes Leben vielleicht kein gutes Leben ist. Um dies zu erreichen, ist der <em>gesellschaftliche Mythos des Erfolgs<\/em> von zentraler Bedeutung, so Andrick. Denn er etabliert eine neue &bdquo;Ordnung des Ansehens&ldquo;. Die Angst vor der H&ouml;lle wurde ersetzt durch die Scham &uuml;ber das Versagen am Markt. Die moderne H&ouml;lle besteht darin, Hartz-4-Empf&auml;nger zu werden. Denn dann besteht nicht nur die Gefahr wirtschaftlicher Verarmung, sondern es droht eine Existenz unterhalb der Schwelle gesellschaftlicher Achtung. <\/p><p><strong>Der gesellschaftliche Mythos des Erfolgs<\/strong><\/p><p>Andrick beschreibt diesen Zusammenhang wie folgt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Industriegesellschaft ben&ouml;tigt und kultiviert den psychologischen Treibstoff des Erfolgs als Ausgleichsmoment f&uuml;r Sinnarmut und Monotonie. Erfolg dient im System als Rauschmittel und Manipulationsinstrument. (&hellip;) So werden wir zugleich auf den Weiterbetrieb, auf die Fortschreibung der Sinnbeschr&auml;nkung unserer T&auml;tigkeiten eingeschworen&ldquo; (S. 107).\n<\/p><\/blockquote><p>Dies sei alles andere als harmlos und gef&auml;hrde unser pers&ouml;nliches Gl&uuml;ck:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Von einem &sbquo;Erfolg&rsquo; reden hei&szlig;t, ein bestimmtes Ergebnis f&uuml;r bedeutsam und erstrebenswert zu erkl&auml;ren; es hei&szlig;t nicht, eine Tatsache zu benennen. Erfolg wird veranstaltet, und das ist keine harmlose Veranstaltung, sondern die Errichtung eines zweifelhaften G&ouml;tzen, einer regelrechten Zwingburg, in der unser Denken und F&uuml;hlen festgesetzt werden kann&ldquo; (S. 107).\n<\/p><\/blockquote><p>Andrick belegt dies mit sch&ouml;nen Beispielen. Hier eines davon: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jemand mag als ein erfolgreicher Gesch&auml;ftsmann gesehen werden, wenn er sein Kapital binnen eines Jahres verdoppelt. Ist diese Verdoppelung bedeutsam und wertvoll? Vielleicht hatte er vor diesem Jahr schon 50 Millionen und nun hat er 100, aber seine Familie ist w&auml;hrend dieses Jahres an seiner st&auml;ndigen Abwesenheit und seiner Ersch&ouml;pfungsdepression zerbrochen. War das ein erfolgreiches Jahr?&ldquo; (S. 108).\n<\/p><\/blockquote><p>Aber wieso sind trotzdem so viele Menschen ganz verr&uuml;ckt auf gro&szlig;e Karrieren? Wie eben zum Beispiel Friedrich Merz oder Ursula von der Leyen. Oder warum ist es quasi unm&ouml;glich f&uuml;r einen Armin Laschet, sich mit seinem Ministerpr&auml;sidentenposten zufrieden zu geben? Schlie&szlig;lich ist dies ja keine untergeordnete Position als Sachbearbeiter. <\/p><p>Andricks Antwort:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zun&auml;chst ist Erfolg nichts f&uuml;r gew&ouml;hnliche Leute mit gew&ouml;hnlichen F&auml;higkeiten. Vielmehr denken wir an talentierte, kraftvolle, fanatisch flei&szlig;ige Menschen, wenn wir von Erfolg sprechen; jedenfalls aber an Leute, die auf irgendeine Weise zur Auszeichnung vor den Anderen bef&auml;higt sind. (&hellip;) Erfolg ist das Besondere und muss daher die Ausnahme sein&ldquo; (S. 108).\n<\/p><\/blockquote><p>Und dies habe Folgen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine Kultur, die sich auf dieses Besondere, auf den Ausnahmefall Erfolg konzentriert und ihn zum Gegenstand der Verehrung und deshalb des Ehrgeizes macht, sendet damit st&auml;ndig eine bedr&uuml;ckende Botschaft aus: Alles Gew&ouml;hnliche, Allt&auml;gliche, Langweilige an uns muss wohl unserem Mangel an Erfolg, unserem Versagen zuzuschreiben sein. Das ist eine psychologisch qualvolle Vorstellung, die Minderwertigkeitsgef&uuml;hle beg&uuml;nstigt und so den Kampf anheizt, dem &sbquo;Verliererdasein&rsquo; der Gew&ouml;hnlichkeit durch Erfolg zu entkommen. Die Marketingleute wissen genau, was sie tun, wenn sie ihren Werbekosmos mit Aufforderungen an den Konsumenten f&uuml;llen, doch bitte seine &sbquo;Einzigartigkeit&rsquo; zu erkennen, zu &sbquo;aktivieren&rsquo;, zu &sbquo;leben&rsquo;, und was der einf&auml;ltigen Phrasen mehr sind&ldquo; (S. 108).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ehrgeiz ist pseudomoralischer Wahnsinn<\/strong><\/p><p>Zu was also f&uuml;hrt Ehrgeiz und Erfolgsorientierung? Zu einer inneren Leere: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Tragik des eifrigen Funktion&auml;rs ist, dass er versucht, sich selbst durch (&Uuml;ber)erf&uuml;llung fremder Erwartungen und Zweckvorgaben zu jemand Bestimmten zu machen; in Wahrheit wird er dabei jedoch mehr und mehr zu einem Niemand: zu einem &sbquo;Mann Ohne Eigenschaften&rsquo; (Robert Musil), daf&uuml;r aber mit ausgefeiltem Gehorsamsinstinkt&ldquo; (S. 186).\n<\/p><\/blockquote><p>Andrick veranschaulicht dies sehr sch&ouml;n an folgendem Beispiel: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dem Christen geht es darum, mildt&auml;tig seine N&auml;chsten zu lieben. Dem ehrgeizigen Christen geht es darum, dass alle bemerken m&ouml;gen, wie sehr und wie mildt&auml;tig er seine N&auml;chsten liebt. Deshalb stellt er es nach au&szlig;en in der Kirchengemeinde mit viel Aufwand in einer Weise dar, die er f&uuml;r beifallstr&auml;chtig h&auml;lt; im Betrieb wird er dann nach demselben Muster sicherstellen wollen, dass sein Chef bemerkt, wie sehr er gerade ihn liebt. Der Inhalt wird der &auml;u&szlig;eren Form untertan gemacht und je nach St&auml;rke einzelner Motive hintangestellt&ldquo; (S. 191).\n<\/p><\/blockquote><p>Welche Konsequenzen hat das f&uuml;r den Einzelnen? <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wo sich rationales Arbeiten und ehrgeiziges Erfolgsstreben wie das richtige, das moralisch vertretbare oder gar lobenswerte Leben anf&uuml;hlen und kein Mangel darin versp&uuml;rt wird, da herrscht pseudomoralischer Wahnsinn. Wir halten eine eifrig betriebene Laufbahn f&uuml;r unser Leben und sind tats&auml;chlich moralisch tot. Dieser Wahnsinn ist Ehrgeiz&ldquo; (S. 194).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die Paradoxie des Ehrgeizes<\/strong><\/p><p>Dies wiederum habe Konsequenzen f&uuml;r die Gesellschaft und die Politik: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Daran h&auml;ngt auch eine gesellschaftliche, eine politische Konsequenz. Ehrgeizige Personen sind innerlich dem Prestige und der Tatmacht der Gesellschaft und ihrer Repr&auml;sentanten zugewandt. Sie phantasieren sich in hohe &Auml;mter und gieren nach Ruhm und Anerkennung. Sie sind deshalb von ihren eigenen Wertvorstellungen abgewandt (wenn sie &uuml;berhaupt welche entwickelt haben). Deshalb unterliegt die ehrgeizige Person einer einzigartigen Ohnmacht; sie ist nicht nur moralisch unf&auml;hig, sich selbst zu ver&auml;ndern, sie ist auch politisch impotent. Denn der Ehrgeizige kann das Funktionieren der aktuellen Gesellschaft nicht durch eigenes Handeln au&szlig;erhalb der etablierten Sinnvorschriften gef&auml;hrden, er kann seine Gesellschaft nicht ver&auml;ndern. Dies ist das erstaunliche Paradox des Ehrgeizes: Die ehrgeizige Person verliert ihre Macht &uuml;ber sich selbst und &uuml;ber die tats&auml;chlichen Verh&auml;ltnisse nur dadurch, dass sie sich ihnen zuwendet und sich dabei von sich selbst abwendet&ldquo; (S. 194-195).\n<\/p><\/blockquote><p>Andrick hat dazu auch ein sch&ouml;nes Beispiel parat: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;So starteten z. B. die Gr&uuml;nen mit Friedenspolitik und der Forderung nach Austritt aus der NATO; dann &uuml;bernahm der Ehrgeiz der Funktion&auml;re die Partei und die ehemaligen Sitzblockierer von Milit&auml;rst&uuml;tzpunkten wurden so zu Verfechtern des illegalen Jugoslawienkriegs&ldquo; (S.195).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Zusammenfassung:<\/strong><\/p><p>Was ist nun die Erfolgsleere der Funktion&auml;re? Ich habe Andrick so verstanden: Es bedeutet, dass ein Mensch keinen eigenen (moralischen) Kern hat, weil er sich nur an den (vermuteten) &auml;u&szlig;eren Erwartungen in der Gesellschaft bzw. seines konkreten sozialen Umfeldes orientiert. Er strebt also nur das an und lebt nur das an Werten, was in der vorherrschenden gesellschaftlichen Sichtweise als &bdquo;wertvoll&ldquo;, &bdquo;richtig&ldquo; und &bdquo;Erfolg&ldquo; angesehen wird, ohne sich ein eigenes Urteil dar&uuml;ber zu bilden. Und deshalb hat er kein eigenes Leben, weil dies ein Nachdenken und bewusstes Urteilen und Entscheiden erforderte. Und genau dies macht der Funktion&auml;r bzw. Konformist nicht, weil er quasi automatenhaft auf (vermutete) &auml;u&szlig;ere Erwartungen reagiert. Denn es w&uuml;rde bedeuten, die Spannung auszuhalten, nicht nur von den allgemeinen gesellschaftlichen Wertvorstellungen abzuweichen und ein anderes Leben zu f&uuml;hren, sondern auch auf gesellschaftliche Best&auml;tigung und nicht selten auch auf Vorteile und Ressourcen zu verzichten. <\/p><p>Der Preis daf&uuml;r ist ein Leben in einer anderen Art von Spannung: Nie eine wirkliche innere Sicherheit und Ruhe in sich selbst zu finden. Weil der Konformist oder Funktion&auml;r immer den neuesten tektonischen Ver&auml;nderungen seines gesellschaftlichen Umfelds nachsp&uuml;ren muss, um auf jeden Fall einen gesellschaftlich sicheren Standort einnehmen zu k&ouml;nnen. Inhalte spielen dabei keine Rolle; sie sind letztlich austauschbar. <\/p><p>Gibt es also keinen &bdquo;gesunden&ldquo; Ehrgeiz? Ist jeder, der mit gro&szlig;er Energie ein Ziel verfolgt, dem Wahnsinn des Ehrgeizes verfallen? Diese Frage stellte ich dem Autor in einem Telefongespr&auml;ch. Er antwortete mir, dass es &bdquo;gesunden Ehrgeiz&ldquo; nicht gebe. Aber was ich anspreche, meine etwas anderes: Zielorientierung. Die sei inhaltsgetrieben und eben <em>kein<\/em> Ehrgeiz, wie er ihn in seinem Buch beschreibe.<\/p><p><strong>Kritik<\/strong><\/p><p>Ein Journalist, der Andrick zu seinem Buch interviewt hat, sagte dar&uuml;ber, es sei sehr &bdquo;verdichtet&ldquo;. Das stimmt. An einigen Stellen h&auml;tte es dem Buch gut getan, wenn er seine Thesen st&auml;rker mit Beispielen veranschaulicht h&auml;tte. Deshalb sollten am Thema interessierte Leser sich darauf einstellen: Sie bekommen f&uuml;r ihr Geld ein exzellentes Werk, das ich jedem Menschen, der nicht einfach nur <em>gelebt werden will<\/em>, sondern ein <em>wirklich eigenes Leben<\/em> f&uuml;hren will, nur w&auml;rmstens empfehlen kann. Allerdings m&uuml;ssen interessierte Leser auch darauf eingestellt sein: Dieses Buch enth&auml;lt neben den von mir zitierten Passagen auch einige Teile, die nicht so eing&auml;ngig und leicht verst&auml;ndlich sind. Aber wie gesagt: Die Lekt&uuml;re lohnt! Es ist ein Buch, dass nach der Lekt&uuml;re noch lange in einem nachhallt und im besten Fall zu einem besseren, n&auml;mlich wirklich eigenem Leben f&uuml;hren kann. <\/p><p>Mein Problem beim Schreiben dieser Rezension war, dass Andricks Buch derma&szlig;en viele interessante Analysen und Erkenntnisse enth&auml;lt, dass ich am liebsten das halbe Buch zitiert h&auml;tte. Das geht nat&uuml;rlich nicht. Ich musste mich auf einige Aspekte beschr&auml;nken. Zur weiteren vertiefenden Information f&uuml;r die Leser habe ich deshalb das komplette Inhaltsverzeichnis angeh&auml;ngt. So kann sich jeder auch noch mal selbst ein Bild machen. <\/p><p><strong>Inhalt<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Das R&auml;tsel unserer Normalit&auml;t<\/strong><\/li>\n<li><strong>Handwerk des Lebens<\/strong><br>\nDer Zeitgeist<br>\nWertvorstellungen<br>\nSich selbst erz&auml;hlen<br>\nPhilosophieren ist das Handwerk des Lebens<br>\nWas ist Moralit&auml;t?<br>\nDie Entstehung unserer Lage<\/li>\n<li><strong>Moralit&auml;t und Anpassung<\/strong><br>\nMitglied werden und selbst&auml;ndig bleiben<br>\nDie stille Macht des Nachdenkens<br>\nWie Funktion&auml;re ums Leben kommen<br>\nWie Menschen am Leben bleiben<\/li>\n<li><strong>Die Ordnung des Ansehens<\/strong><br>\nUnsere Selbstverst&auml;ndlichkeiten und ihre Vorg&auml;nger<br>\nDer Druck von Jahrhunderten<br>\nSprachfindungsst&ouml;rung<br>\nDas Geh&auml;use des Ehrbegriffs<br>\nRespekt als Autorit&auml;tskult<br>\nZugesprochene Pers&ouml;nlichkeit<br>\nSoziale Navigation<\/li>\n<li><strong>Erl&ouml;sung im Erfolg?<\/strong><br>\nAblenkungsstress<br>\nKarriere als Standardidentit&auml;t<br>\nLauwarme Erl&ouml;sung und Funktion&auml;rsreligion<br>\nMythos des Erfolgs<br>\nW&uuml;rde des Profits<br>\nDie pseudomoralische Fassade des Betriebs<\/li>\n<li><strong>Arbeitswelt statt Wirklichkeit<\/strong><br>\nArbeitswelt, oder: Ein Teil spielt Ganzes<br>\nDer Weg in die Teilwelten-Welt<br>\nVerdr&auml;ngung des Wirklichen<br>\nRationalit&auml;t und Vernunft<br>\nIn der Wirklichkeit leben<\/li>\n<li><strong>Professionalit&auml;t und F&uuml;hrung des &bdquo;Humankapitals&ldquo;<\/strong><br>\nProfessionalit&auml;t als befreiender Gehorsam<br>\nF&uuml;hrung als Ver&auml;nderungskunst<br>\nWer kann f&uuml;hren?<br>\nMoralische T&uuml;cken der Ver&auml;nderung?<br>\nDie moralische Dauerkrise der F&uuml;hrungskraft<br>\nDas Alibi des Relativismus<\/li>\n<li><strong>Ehrgeiz und Erstarrung<\/strong><br>\nDie Wahrheit sagen<br>\nAnn&auml;herungen an den Ehrgeiz<br>\nDie Leere der Ehre<br>\nEhrgeiz ist pseudomoralischer Wahnsinn<br>\nDas &uuml;bliche Verh&auml;ngnis<br>\nDer eigene Ausweg<\/li>\n<\/ol><p>Michael Andrick: Erfolgsleere. Philosophie f&uuml;r die Arbeitswelt, Verlag Karl Alber in der Herder Verlag GmbH, Freiburg\/M&uuml;nchen 2020, 206 Seiten, 15 Euro<\/p><p>Titelbild: Herder Verlag<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wieso der Multimillion&auml;r und CDU-Politiker Friedrich Merz offenbar wie unter einem inneren Zwang unbedingt CDU-Vorsitzender und Kanzlerkandidat werden muss? Und Ursula von der Leyen sofort bereit war, ihr ganzes Leben umzubauen, um EU-Kommissionspr&auml;sidentin zu werden? 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