{"id":592,"date":"2005-05-30T16:37:42","date_gmt":"2005-05-30T14:37:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=592"},"modified":"2005-05-30T16:37:42","modified_gmt":"2005-05-30T14:37:42","slug":"hinweis-warnfried-dettling-gezeitenwechsel-%e2%80%93-so-kann-man-schwadronieren-ohne-etwas-zu-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=592","title":{"rendered":"Hinweis: Warnfried Dettling &#8220;Gezeitenwechsel&#8221; \u2013 So kann man schwadronieren, ohne etwas zu sagen"},"content":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser macht auf den Beitrag von Dettling in der <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2005\/05\/27\/a0202.nf\/textdruck\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.taz.de\/pt\/2005\/05\/27\/a0202.nf\/textdruck\">TAZ vom 27.5.<\/a> aufmerksam. Was darin an Sprechblasen geboten wird, ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie d&uuml;rftig die Argumente der neoliberalen &bdquo;Intellektuellen&ldquo; sind. Es ist &auml;hnlich wie bei Paul Nolte. Lesen Sie den Text und nennen Sie mir eine einzige begr&uuml;ndete und belegte Aussage. Interessant ist aber, dass Dettling mit solchem Wortgeklingele die taz-Leserschaft immer wieder beeindruckt. Die Redaktion h&auml;lt es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, darauf hinzuweisen, dass der ehemalige CDU-Angestellte und Ministerialdirektor Dettling heute CAP-Fellow ist, also dem Bertelsmann Stiftung eigenen Centrum f&uuml;r angewandte Politikforschung in M&uuml;nchen eng verbunden ist.<br>\n<!--more--><br>\nEinige Kostproben mit Kommentar: <\/p><ol>\n<li>\n<blockquote><p>Die CDU wird in Deutschland nun das anpacken m&uuml;ssen, was Regierungen anderswo schon l&auml;ngst erreicht haben: eine soziale Politik jenseits der Sozialpolitik zu entwerfen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist leeres Gerede. Was hei&szlig;t &bdquo;soziale Politik&ldquo; ohne &bdquo;Sozialpolitik&ldquo;? Schon diese Titelunterzeile stimmt ja nicht. In bewunderten Staaten wie Schweden z.B. ist die Sozialpolitik nicht begraben. Und dass es in GB oder USA eine &bdquo;soziale Politik&ldquo; gebe, kann man nur behaupten, wenn man den Zusammenbruch der Sozialsysteme oder des &ouml;ffentlichen Gesundheitswesens wie in England nicht sieht oder eine Ellbogengesellschaft wie in den USA als Wunschziel hat.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>Derweil wird eine Regierung Angela Merkels mit Zustimmung der W&auml;hler das deutsche Sozialmodell neu definieren: Es wird britischer und skandinavischer, dezentraler und b&uuml;rgerschaftlicher, vor allem aber zukunftsf&auml;hig werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer das angels&auml;chsische und das skandinavische Gesellschaftsmodell in einem Atemzug nennt, der kann Birnen nicht mehr von &Auml;pfeln unterscheiden. Im gesamten Text findet sich kein einziger Beleg f&uuml;r die Attribute &bdquo;zukunftsf&auml;hig&ldquo; oder &bdquo;b&uuml;rgerschaftlicher&ldquo;. Es wird einfach so daher geredet. Allenfalls: &bdquo;Mehr Wettbewerb&ldquo; bei den Hochschulen, &bdquo;sozial vertr&auml;gliche Studiengeb&uuml;hren&ldquo; und &bdquo;vielleicht auch mehr Selbst&auml;ndigkeit in die Schulen&ldquo;. Hier schreibt einer, der nur das modische Vokabular des Mainstreams daherbetet. Und wenn er mal ein bisschen konkreter wird, dann setzt er gleich ein &bdquo;vielleicht&ldquo; vor den Vorschlag.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>Die sozialen Fragen, &Auml;ngste und Chancen wandern aus dem Gehege der traditionellen Sozialpolitik, aus den Dom&auml;nen der sozialen Besch&uuml;tzer heraus in das freie, aber zu gestaltende Feld der Bildungs- und Wirtschaftspolitik, der Arbeitsmarkt- und der Familienpolitik.<\/p><\/blockquote>\n<p>Typisch, wie hier ein Popanz aufgebaut wird. &bdquo;Traditionelle Sozialpolitik&ldquo;, &bdquo;Gehege&ldquo;, &bdquo;soziale Besch&uuml;tzer&ldquo;. Dettling hat nicht verstanden oder er will nicht verstehen, was moderne Sozialpolitik oder Sozialstaat bedeuten. Es geht dabei gerade nicht um &bdquo;Gehege&ldquo; oder karitatives &bdquo;Besch&uuml;tzen&ldquo;, sondern um das Prinzip der Solidarit&auml;t in der Gesellschaft, um die Freiheit von unm&uuml;ndig machender Not, um die Emanzipation von &ouml;konomischen Zw&auml;ngen.<\/p>\n<p>Auf keinen der mir bekannten Kritiker der neoliberalen Reformpolitik passen Dettlings Etiketten. Seit Jahrzehnten haben fortschrittliche Reformer darauf hingewiesen, dass es wesentlich auch auf Bildungs-, Wirtschafts- und Familienpolitik ankommt. Die Reformpolitik der 60er und 70er war ja wesentlich so angelegt. Ein gutes Beispiel: 1975 die Abl&ouml;sung der Kindersteuerfreibetr&auml;ge durch das Kindergeld. Vermutlich hat Dettling als CDU-Mitarbeiter dann nach der Wende von 1982 mitgeholfen, diese Gleichbehandlung von Kindern reicher und &auml;rmerer Eltern wieder zu durchl&ouml;chern, so dass heute noch die Kinder reicher Eltern dem Staat &uuml;ber die Steuerfreibetr&auml;ge &bdquo;mehr wert&ldquo; sind, als die weniger einkommensstarker Eltern.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>Wer arbeitslos ist oder in einer prek&auml;ren Existenz lebt, ist an Arbeit interessiert und weniger an Arbeitnehmerrechten. Eltern wollen f&uuml;r ihre Kinder nicht Gleichheit, sondern bessere Chancen durch bessere Schulen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nichts als das &uuml;bliche Geschw&auml;tz der Wirtschaftsverb&auml;nde &ndash; als ob durch weniger Arbeitnehmerrechte mehr Arbeit entst&uuml;nde.<\/p>\n<p>Hier taucht auch wie in vielen Texten der neoliberalen Ideologen wieder einmal der Popanz &bdquo;Gleichheit&ldquo; auf. Als ob es den wirklichen Bildungsreformern jemals um Gleichmacherei gegangen w&auml;re. Es ging immer um den gleichen Zugang zu Bildungschancen und um die bestm&ouml;gliche F&ouml;rderung aller durch bessere Schulen. Deutschland hat eines der sozial selektivsten Bildungssysteme der Welt, wer da zur Polemik der &bdquo;Gleichheit&ldquo; greift, dem kann es nur um die Verteidigung von Bildungsprivilegien gehen.<\/p><\/li>\n<li>Dettling wirft Rot-Gr&uuml;n &bdquo;halbherzige Reformen&ldquo; vor. Welche Reformen ihm aus dem Herzen spr&auml;chen, das verschweigt er lieber.<\/li>\n<li>\n<blockquote><p>Eine scheinbar paradoxe Einsicht bricht sich Bahn: Es macht keinen sozialen Sinn mehr, einen immer kleiner werdenden Kuchen immer gerechter zu verteilen. Anders ist ja nicht zu erkl&auml;ren, dass Wahl um Wahl die CDU zur st&auml;rksten Partei bei den Arbeitern und Arbeitslosen gew&auml;hlt wird, eine Partei, von der man immerhin so viel wei&szlig;, dass sie mehr und nicht weniger Ver&auml;nderungen bringen wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dettling macht aus Resignation und Wahlenthaltung der Arbeiter und Arbeitslosen eine Zustimmung zur CDU. Ich verweise auf die Analyse von Wolfgang Lieb vom 25.5. im Kritischen Tagebuch. Dort zeigt WL, dass die Wahlbeteiligung in typischen Arbeiterbezirken K&ouml;lns auf 30 bis 45% abgesunken ist, w&auml;hrend sie in den Vierteln der Gutgestellten bei 68 bis 81% lag. Wie in den USA gehen die Menschen des unteren Drittel kaum mehr w&auml;hlen, weil sie sich politisch nicht mehr vertreten f&uuml;hlen. Das ist also die sch&ouml;ne neue, &bdquo;zukunftsf&auml;hige&ldquo; Welt, die Zweidrittel-Gesellschaft. Interessant, dass Dettling wie R&uuml;ttgers dies so umdeuten, als sei die CDU die neue &bdquo;Arbeiterpartei&ldquo;.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Interessant ist auch die Unterstellung, die Kritiker der herrschenden neoliberalen Ideologie strebten danach, &bdquo;einen immer kleiner werdenden Kuchen immer gerechter zu verteilen&ldquo;. Das Gegenteil ist richtig: Trotz zugegebenerma&szlig;en geringem Wachstum ist in den letzten Jahren der Kuchen ja nicht kleiner geworden, ausschlie&szlig;lich die Verteilung von unten nach oben hat sich ver&auml;ndert. Die meisten Kritiker bem&auml;ngeln ja an der herrschenden &ouml;konomischen Lehre besonders, dass sie den Sozialstaat und die Arbeitnehmern zur Geisel nimmt und die gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;nge nicht versteht und deshalb unf&auml;hig ist zu einer guten Makropolitik, die hilft, den Kuchen f&uuml;r alle zu vergr&ouml;&szlig;ern. <\/p><p>Dazu noch die Anmerkung jenes Lesers der NachDenkSeiten, der uns auf Dettlings Artikel in der taz aufmerksam machte: <\/p><blockquote><p>Die ach so bekannten Tr&auml;ume vom immer Weniger, das letztlich ein Mehr produzieren soll. Wieder einmal ist der transferlastige Sozialstaat deutscher Auspr&auml;gung an allem schuld. Wie kommt der Autor nur darauf, da&szlig; rot\/gr&uuml;n  diesen bewahren wollte.<\/p><\/blockquote><p>Traurig, aber viel entscheidender die v&ouml;llige Abwesenheit von kreislauf&ouml;konomischem Grundwissen. Dettling spricht ungewollt richtiges an ,wenn er schreibt: &gt;Soziale Fragen suchen keine &ndash; im engen Sinne &ndash; &ldquo;sozialen&rdquo; Antworten mehr, sondern eine bessere Politik auf ganz anderen Gebieten&lt; , nur sollte Gebiet durch Ebene ersetzt werden.\n\nSowohl die Regierung Kohl als auch die Regierung Schr&ouml;der haben bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen verkannt, dass bei Konjunktureinbr&uuml;chen sozialstaatliche Konjunkturstabilisatoren systematisch Defizite verursachen. Eine darauf reagierende &uuml;berzogene Sparpolitik missachtet einfachste kreislauf&ouml;konomische Zusammenh&auml;nge. In dem Ausma&szlig;, in dem beispielsweise die Arbeitslosengelder gek&uuml;rzt werden, gehen die Ums&auml;tze der Unternehmen zur&uuml;ck, da Arbeitslose nahezu ihr gesamtes Einkommen konsumieren. Dies f&uuml;hrt zu Entlassungen, die Arbeitslosigkeit steigt und die Steuereinnahmen sinken, worauf wiederum das Budgetdefizit steigt usw.\n\nAuf europ&auml;ischer Ebene haben w&auml;hrend der 90iger Jahre bis heute die Bem&uuml;hungen um Erf&uuml;llung der Konvergenzkriterien in den EU-L&auml;ndern zu einer kompetitiven Disinflation, zu einem Defizit der Inlandsnachfrage und einem ungen&uuml;genden Wirtschaftswachstum gef&uuml;hrt. Die USA haben zu Beginn der 90er gezeigt und tun dies heute wieder, da&szlig; bei Rezession bzw. Stagnation Haushaltsdefizite hingenommen werden m&uuml;ssen. Das zentrale wirtschaftspolitische Problem ist nicht die Bek&auml;mpfung von Inflation und Budgetdefiziten, sondern die Sicherstellung von Wachstum und Besch&auml;ftigung. Es ist schon erstaunlich, dass das viel gelobte Land in seiner erfolgreichen Makropolitik kaum Bewunderer findet.\n\nNachdem das europ&auml;ische Kind in den Brunnen gefallen ist eine expansive Politik nat&uuml;rlich ungleich schwerer zu vertreten, da diese auch kurz bis mittelfristig keine Wirkung zeigen wird, weil der entscheidende Zeitpunkt verpasst wurde.&ldquo; \n\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2005\/05\/27\/a0202.nf\/textdruck\">TAZ &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser macht auf den Beitrag von Dettling in der <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2005\/05\/27\/a0202.nf\/textdruck\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.taz.de\/pt\/2005\/05\/27\/a0202.nf\/textdruck\">TAZ vom 27.5.<\/a> aufmerksam. Was darin an Sprechblasen geboten wird, ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie d&uuml;rftig die Argumente der neoliberalen &bdquo;Intellektuellen&ldquo; sind. Es ist &auml;hnlich wie bei Paul Nolte. 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