{"id":5927,"date":"2010-06-18T08:56:38","date_gmt":"2010-06-18T06:56:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5927"},"modified":"2014-03-05T11:16:01","modified_gmt":"2014-03-05T10:16:01","slug":"joachim-gauck-ein-traumatisierter-praesidentschaftskandidat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5927","title":{"rendered":"Joachim Gauck: Ein traumatisierter Pr\u00e4sidentschaftskandidat"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Joachim Gauck bringt ein Leben mit in seine Kandidatur und in sein Amt&ldquo;, sagte Sigmar Gabriel als er Joachim Gauck als den Kandidaten von SPD und Gr&uuml;ne f&uuml;r das Amt des Bundespr&auml;sidenten vorschlug.<br>\nWer k&ouml;nnte dieses Leben authentischer beschreiben als Gauck selbst es in seinen Erinnerung &bdquo;Winter im Sommer &ndash; Fr&uuml;hling im Herbst&ldquo; getan hat.<br>\nIm Zusammenhang mit seiner Kandidatur zum Bundespr&auml;sidenten interessiert weniger sein privater Lebensweg, sondern zu welchen weltanschaulichen und politischen Positionen seine Erfahrungen geronnen sind. Wer wissen will, wie Gauck denkt sollte sich mit seinem Buch besch&auml;ftigen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nGauck bezeichnet sich selbst als <em>&bdquo;Betroffenen einer europ&auml;ischen Verlustgeschichte&ldquo;<\/em> (S. 341). Er ist angetrieben vom <em>&bdquo;Schmerz &uuml;ber so viel geraubte Freiheit, soviel Dem&uuml;tigung und best&auml;ndiger Ohnmacht&ldquo;<\/em> (S. 329)in seinem Leben als Pastor in der DDR. <em>&bdquo;Ich werde die Freiheit wohl ebenso lange in hohen T&ouml;nen loben, wie ich die Sp&auml;tfolgen der Unfreiheit in mir sp&uuml;re&ldquo;<\/em> (S. 332). Mit diesen und &auml;hnlichen Bekenntnisse lassen sich Motivation und Motiv seines politischen Lebens zusammenfassen.<\/p><p>Sie sind aus seiner privaten und beruflichen Biografie begr&uuml;ndet und verdienen allen Respekt. Die Frage ist allerdings, macht ihn dieses &bdquo;Leben&ldquo; auch zu einem geeigneten Repr&auml;sentanten des ganzen Volkes.<\/p><p>Gauck empfindet Dankbarkeit und Freude &uuml;ber die neue Freiheit und Freiheit war und ist f&uuml;r ihn <em>&bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo;<\/em> &hellip; <em>&bdquo;wie im Westen&ldquo;<\/em> (S. 227). Freiheit war f&uuml;r ihn nach der Wende deshalb auch gleichbedeutend mit Einheit.<\/p><p>Er beschreibt Freiheit als &Uuml;bernahme von Verantwortung, als st&auml;ndige Wandlung und permanente Herausforderung (S.337). Andere, die sich durch diese Freiheit &uuml;berfordert sehen oder die sie nicht ergreifen, sind f&uuml;r Gauck <em>&bdquo;kleinm&uuml;tig&ldquo;<\/em>, sie f&uuml;hlten sich nur in ihrer Auffassung best&auml;tigt, <em>&bdquo;dass es wirkliche Freiheit nicht gebe, der Sozialstaat nicht sozial sei und die Chancengleichheit ein Traum bleibe&ldquo;<\/em> (S. 337). Er  geht dabei vor allem hart mit seinen Landsleuten im Osten Deutschland ins Gericht: Sie seien <em>&bdquo;gefangen in lange einge&uuml;bter Ohnmacht, oft auch ohne Selbstbehauptungswillen, der eigenen Kr&auml;fte nicht sicher, politisch und intellektuell verunsichert&ldquo;<\/em> (S. 337) und deshalb anf&auml;llig f&uuml;r Konformit&auml;t oder eine <em>&bdquo;erl&ouml;sende&ldquo;<\/em> Ideologie.  Man m&uuml;sse schon <em>&bdquo;denkfaul und erfahrungsresistent&ldquo;<\/em> sein, wenn man <em>&bdquo;ausgerechnet sozialistischen und kommunistischen Ideologien wieder glaubt, die einen Systemwechsel propagieren&ldquo;<\/em>. Welche politische Richtung und welche Partei Gauck damit meint, wird in seinem Buch durchg&auml;ngig beschrieben, es ist nat&uuml;rlich die PDS, die politische Linke und ein <em>&bdquo;gewisses linksliberales Milieu&ldquo;<\/em>, das <em>&bdquo;die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur zu umgehen&ldquo;<\/em> trachte (S. 306). <\/p><p><em>&bdquo;Freiheit&ldquo;<\/em> ist f&uuml;r Gauck eine <em>&bdquo;Sehnsucht&ldquo;<\/em> und <em>&bdquo;als verlockende Kraft ungeschm&auml;lert sch&ouml;n&ldquo;<\/em> (S. 336). Aus seinen pers&ouml;nlich schlimmen Erfahrungen mit dem SED-Regime verkl&auml;rt er das <em>&bdquo;neue Regime&ldquo;<\/em> als Ideal.<br>\nEs ist die verst&auml;ndliche Sehnsucht eines, der hinter der Mauer leben musste und der  in die Freiheit des Westens alle seine Sehns&uuml;chte hineinprojizierte. Waren f&uuml;r die einfachen B&uuml;rger in der DDR die Bilder des Westfernsehens mit der Konsumfreiheit und glitzerndem Lifestyle das unerreichbar Ideal, so waren es f&uuml;r den Intellektuellen Gauck eben die b&uuml;rgerlichen Freiheiten. <\/p><p>Jeder, der nun angesichts der konkreten Auspr&auml;gung dieser Freiheit in der Lebenswelt Kritik oder Zweifel anmeldet, jeder, der meint, dass <em>&bdquo;der Sozialstaat nicht sozial sei und die Chancengleichheit ein Traum bleibe&ldquo;<\/em>, ist f&uuml;r Gauck <em>&bdquo;kleinm&uuml;tig&ldquo;<\/em> und anf&auml;llig f&uuml;r <em>&bdquo;f&uuml;rsorgliche&ldquo;<\/em> Politik (S. 337 f.). Deutschland habe <em>&bdquo;in den letzten Jahren zu sehr auf diese Kleinm&uuml;tigen und Zweifler geschaut&ldquo;<\/em> urteilt Gauck.<\/p><p>Die Biografie ist 2009 erschienen. Mit keinem Wort geht Gauck auf das Schicksal und die M&ouml;glichkeit zur Wahrnehmung von Freiheit etwa der Arbeitslosen ein, die ja vor allem im Osten einen besonders hohen Anteil in der Bev&ouml;lkerung einnehmen. Kein Wort zum Sozialabbau durch die Agenda 2010 und zur Dem&uuml;tigung durch Hartz IV. Zunehmende Armut und eine immer tiefer greifende Spaltung der Gesellschaft in unten und oben, sind f&uuml;r Gauck nicht Anlass, sich Sorge um die Freiheiten der einzelnen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu machen. Sein Glaubensbekenntnis bleibt:  <em>&bdquo;Mag sein, dass Jahre kommen, in den die Freiheit noch mehr an Glanz verliert. Mag sein, dass ungewohnte Lasten auferlegt werden. Mag sein, dass dann allgemeiner Verdruss das Land noch mehr einh&uuml;llt. Aber ich werde mich erinnern: Wir haben sie ersehnt, sie hat uns angeschaut, wir sind aufgebrochen, und sie hat uns nicht im Stich gelassen, als uns in der Freiheit neue Herausforderungen begegneten. Es kann nicht anders sein: Sie wird mir immer leuchten&ldquo;<\/em> (S. 342). <\/p><p>Gauck vertritt das abstrakte Freiheitsideal des Liberalismus, das sich auf die b&uuml;rgerlichen Abwehrrechte gegen den Staat beschr&auml;nkt und in dem ansonsten jeder seines Gl&uuml;ckes Schmied sein kann. Soziale Grundrechte, die die materielle Voraussetzung f&uuml;r die Wahrnehmung der Freiheit f&uuml;r diejenigen sind, die nicht <em>&bdquo;B&uuml;rgermeister&ldquo;<\/em> werden, <em>&bdquo;Firmen gr&uuml;nden&ldquo;<\/em>, <em>&bdquo;unbekannte Kontinente&ldquo;<\/em> erforschen oder als <em>&bdquo;Befreite&ldquo;<\/em> Regierungschefin werden (S. 337), sind ihm suspekt. Wie bei den Ordoliberalen &agrave; la Hayek gelten ihm solche Gesellschaftsvorstellungen, die auf eine soziale Basis f&uuml;r die Verwirklichung von Freiheit dr&auml;ngen, als tendenziell totalit&auml;r. <\/p><p><em>&bdquo;Wir haben den Sieg der Visionen einer Ordnung des Proletariats und der arischen Rasse erlebt&ldquo;<\/em> (S. 339) warnt Gauck. Die <em>&bdquo;Diktaturerfahrenen sollten zusammenstehen&ldquo;<\/em>, wirft er Nationalsozialismus und Kommunismus in einen Topf. Dem linksliberalen Milieu h&auml;lt er vor, <em>&bdquo;dass es den repressiv-totalit&auml;ren Charakter des realen Sozialismus meist als links und nicht als totalit&auml;r rezipiert&ldquo;<\/em> habe. An solchen Aussagen zeigt sich, dass an Gauck der Totalitarismus-Streit im Westen Deutschlands offenbar komplett vorbeigegangen ist &ndash; noch mehr, dass er noch diesen Denkkategorien des &bdquo;Kalten Krieges&ldquo; nachh&auml;ngt. <\/p><p>Er leugnet, dass das von ihm so apostrophierte linksliberale Milieu die  Unterdr&uuml;ckung und die Verfolgung anders Denkender heftiger kritisiert hat, als es  konservative Kr&auml;fte jedenfalls als grunds&auml;tzliche Kritik nach allen Seiten getan haben &ndash; man denke nur an die Unterst&uuml;tzung des Franco Regimes oder der Pinochet-Diktatur etwa durch die CDU. Wogegen sich Linksliberale verwahrt haben, das ist allerdings die Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus und damit die Relativierung des Faschismus und seiner Verbrechen. <\/p><p><em>&bdquo;Systemkritische Ans&auml;tze wie die Totalitarismustheorie wurden damals ignoriert oder aus moralischen Gr&uuml;nden verworfen&ldquo;<\/em> (S. 306) behauptet Gauck und leugnet, dass seit Gr&uuml;ndung der Bundesrepublik die Totalitarismus-Doktrin die Keule der konservativen Kr&auml;fte gegen alles, was sie f&uuml;r fortschrittlich einstufte war und gleichzeitig f&uuml;r die Rechtsextremen das Einfallstor f&uuml;r die Verharmlosung des NS-Regimes.<\/p><p>Angesichts dieser Gleichsetzung von Links und Rechts versteht sich auch die Kritik Gaucks an der Brandtschen Ostpolitik. Er wirft etwa der Zeit-Herausgeberin Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff oder dem Architekten der Entspannungspolitik Egon Bahr vor, sie seien <em>&bdquo;in der Frage der Aufarbeitung eigent&uuml;mlich zeitgeistverhaftet&ldquo;<\/em>. Dass der Wandel durch Ann&auml;herung erst die entscheidenden Voraussetzungen daf&uuml;r geschaffen hat, was 1989 in Bewegung kommen konnte und nicht wie am 17. Juni 1953 oder wie nach dem &bdquo;Prager Fr&uuml;hling&ldquo; endete, das verschlie&szlig;t sich Gauck in seiner Fixierung auf die moralische berechtigte aber den historisch-politischen Kontext ausblendende Kritik am SED-Regime.  <\/p><p>Dass mehr als die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung Zweifel am &bdquo;Funktionieren&ldquo; unserer Demokratie hat, k&uuml;mmert den <em>&bdquo;reisenden Demokratielehrer&ldquo;<\/em> (S. 327) offenbar wenig. Wie bei seinem abstrakten Freiheitsbegriff hat Gauck auch ein idealisiertes Bild unserer Demokratie. Er erkennt keine tats&auml;chlichen Machtstrukturen. Es m&uuml;sse halt immer neu <em>&bdquo;ausgehandelt&ldquo;<\/em> (S. 340) werden, ganz so als ob die Verhandlungspartner sozusagen am runden Tisch s&auml;&szlig;en und durch <em>&bdquo;best&auml;ndige Kritik&ldquo;<\/em> der Ungleichheit entgegenwirkten und <em>&bdquo;die Freiheit der Einen &hellip; gegen die Freiheit der Anderen st&auml;ndig neu&ldquo;<\/em> (S. 339) austarierten.<br>\nDass es um dieses Austarieren ziemlich schlecht gestellt ist und eine ganz &uuml;berwiegende Mehrheit in der Gesellschaft die Einsch&auml;tzung hat, dass es in der realen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland nicht gerecht zugeht,   ist Gauck keiner Erw&auml;hnung wert. Er beklagt sich vielmehr &uuml;ber die Zweifler und gei&szlig;elt im Gegenteil eine zu <em>&bdquo;f&uuml;rsorgliche&ldquo;<\/em> Politik. <\/p><p><em>&bdquo;Wir brauchen keine neue Gesellschaftsordnung, sondern eine Demokratie, die auf aktuelle Probleme und Bedrohungen mit innovativem Geist und erm&auml;chtigten Demokraten reagiert&ldquo;<\/em> (S. 339). So redet angesichts den realen Problemen unserer Demokratie jemand, der sich seine Ideale nicht nehmen und sich davon immer neu befl&uuml;geln lassen will. Er ist begeistert <em>&bdquo;wie ich es hinter der Mauer war und immer bleiben werde&ldquo;<\/em>, diese Begeisterung f&uuml;r die Demokratie bietet jedoch keine Antwort auf die rapide sinkende Wahlbeteiligung oder auf den wachsenden Politikverdruss. Dennoch sieht Frank-Walter Steinmeier in Joachim Gauck einen <em>&bdquo;gro&szlig;en Ermutiger der Demokratie&ldquo;<\/em>. <\/p><p><em>&bdquo;Wer den Kapitalismus abschaffen will, sch&uuml;ttet das Kind mit dem Bade aus&hellip; Wer die Freiheit will, muss sie auch in der Wirtschaft wollen. Doch wie im Raum der Politik gilt es auch in der Wirtschaft, die Freiheit so zu verstehen wie Demokraten &ndash; als Verantwortung gegen&uuml;ber dem Ganzen&ldquo;<\/em> (S. 338), schreibt Gauck. Und das mitten in der Finanzkrise, in der gerade diese Verantwortung gegen&uuml;ber dem Ganzen im Kapitalismus einen katastrophalen Schiffbruch erlitten hat.<\/p><p>Das hohe Ansehen, das Joachim Gauck zugeschrieben wird, speist sich aus seiner Rolle der nach ihm benannten Beh&ouml;rde. Wie er das Amt  des Bundesbeauftragten f&uuml;r die Unterlagen der Staatssicherheit wahrgenommen habe, das mache ihn zu einer moralischen Autorit&auml;t, so wird allgemein gesagt.<\/p><p>Es mag seinem Amtsverst&auml;ndnis geschuldet sein, dass Joachim Gauck dieses Amt nicht nur zur politischen, juristischen und historischen Aufarbeitung nach dem Stasi-Unterlagengesetz verstanden hat, sondern wie er selbst schreibt vor allem nach der <em>&bdquo;moralischen, metaphysischen und politischen Schuld&ldquo;<\/em> (S. 316f.) gefragt hat. Vers&ouml;hnung gibt es f&uuml;r ihn nur zwischen Opfer und T&auml;ter (S. 322).  Er verlangt  von den einzelnen T&auml;tern ein Schuldeingest&auml;ndnis und das Bekenntnis zur <em>&bdquo;neuen Freiheit&ldquo;<\/em> (S. 325). F&uuml;r einen protestantischen Pfarrer nicht weiter erstaunlich, ist f&uuml;r ihn Vergebung nur denkbar durch Bu&szlig;e. <\/p><p>Deswegen sind ihm alle ein Gr&auml;uel, die ihr Verhalten in der SED-Diktatur zu rechtfertigen versuchen. Er f&uuml;hlte sich deshalb berechtigt, zu fordern, dass etwa der brandenburgische Ministerpr&auml;sident Manfred Stolpe seines Amtes enthoben werde. <em>&bdquo;De Maizi&egrave;re hatte gehen m&uuml;ssen, obwohl viel weniger gegen ihn vorlag. Stolpe blieb, obwohl er von vielen als belasteter angesehen wurde&ldquo;<\/em> (S. 305). Zu den Vielen geh&ouml;rte na&uuml;rlich auch Gauck. <\/p><p>Ich kann verstehen, dass sich Gauck angesichts seiner pers&ouml;nlichen Leidenserfahrung auf die Seite der Opfer der Stasi stellt und ich will Gauck nicht seine Meinung absprechen, aber es war nicht sein Auftrag, Ankl&auml;ger und Richter zugleich zu sein und es war schon gar nicht die Aufgabe seines Amtes moralische Urteile zu f&auml;llen. Gauck hat sich als Opfer verstanden und hat sich gleichzeitig zum Richter &uuml;ber die T&auml;ter aufgeschwungen. Es ist, wie wenn in einem Strafgerichtsverfahren der Staatanwalt gleichzeitig der Richter w&auml;re.<\/p><p>Man k&ouml;nnte f&uuml;r die Rollenvermischung Gaucks noch Verst&auml;ndnis haben, wenn die Stasi-Unterlagen die objektive Wahrheit wiederspiegelten. Doch das w&uuml;rde einen Geheimdienst und seine Denunzianten geradezu zur Wahrheitsinstanz erheben. Das tut aber Gauck. Die Welt der Stasi das sind f&uuml;r ihn die <em>&bdquo;Fakten&ldquo;<\/em> und seine ganze Sicht auf die DDR und vor allem auf die im System t&auml;tigen Menschen ist die Sicht aus der Stasi-Perspektive. Es ist das Syndrom, das man auch von manchen Polizisten kennt: Wer nur noch mit Kriminellen Umgang hat, f&uuml;r den ist allm&auml;hlich jeder verd&auml;chtig. Aus dem Aufkl&auml;rer wird so der J&auml;ger.<\/p><p>Die politische und historische Aufarbeitung der SED-Diktatur hat ihren Sinn aber weniger in der Verfolgung einzelner T&auml;ter &ndash; das auch &ndash; aber viel wichtiger w&auml;re es, die Strukturen erkennbar zu machen, unter denen Menschen zu T&auml;tern geworden sind. Selbst wenn alle T&auml;ter einer <em>&bdquo;ma&szlig;vollen Bestrafung&ldquo;<\/em> zugef&uuml;hrt worden w&auml;ren und wenn es zu einem kompletten <em>&bdquo;Elitenwechsel&ldquo;<\/em> ( S. 313) gekommen w&auml;re, dann h&auml;tte man aus der Geschichte nichts gelernt und es w&auml;ren k&uuml;nftige Generationen vor solchen oder vergleichbaren Entwicklungen nicht gewappnet. Das aber w&auml;re die Aufgabe, die zumindest 20 Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des SED-Regimes zu erf&uuml;llen w&auml;re.<\/p><p>Eine der wesentlichen Aufgaben f&uuml;r das Amt des Bundespr&auml;sidenten ist die Integration der Gesellschaft. Wer aber wie Gauck der festen &Uuml;berzeugung ist, dass die Gauck-Beh&ouml;rde noch vierzig Jahre (S.325) individuelle Schuld aufarbeiten m&uuml;sse, der arbeitet sein pers&ouml;nliches Trauma ab. Das ist dem Menschen Joachim Gauck nicht vorzuwerfen, aber es zeichnet ihn nicht gerade aus, z.B. Ost und West in Deutschland zusammenzuf&uuml;hren. Und das w&auml;re &ouml;konomisch wie politisch nach wie vor ein vordringliches Ziel.<\/p><p>Man mag mir vorwerfen, ich unterst&uuml;tzte mit meiner Kritik an Joachim Gauck die Kandidatur von Christian Wulff. Das w&auml;re berechtigt, wenn man die Position einn&auml;hme, jeder Gegenkandidat ist schon deswegen geeigneter, weil er gegen Wulff kandidiert. <\/p><p>Nein, es geht mir um etwas Anderes. Meine Kritik an Gauck richtet sich gegen das Auswahlverfahren von SPD und Gr&uuml;nen. Man hat gegen einen Parteisoldaten der CDU eine Person gestellt, die das schwarz-gelbe Lager in der Bundesversammlung in Verlegenheit bringen soll, weil es Joachim Gauck eigentlich nicht ablehnen kann und die FDP sogar einen Kandidaten ablehnen m&uuml;sste, der den (Markt-)Liberalen in ihrem Gesellschaftsbild fast noch n&auml;her steht als Wulff.<\/p><p>Gauck ist ein vergiftetes Angebot an die Mitglieder der Bundesversammlung von CDU und FDP. Das Motiv ist, der Bundeskanzlerin und der Bundesregierung insgesamt eine Blamage zu bescheren. Das schadet dem Amt des Bundespr&auml;sidenten, wie schon das Auswahlverfahren von Horst K&ouml;hler diesem Amt geschadet hat. <\/p><p>Wenn man von Seiten der SPD und der Gr&uuml;nen h&auml;tte glaubw&uuml;rdig bleiben wollen, dann h&auml;tte man eine Person benennen m&uuml;ssen, die eine gesellschaftliche Vision vertritt, die dem eigenen politischen Entwurf einigerma&szlig;en entsprochen h&auml;tte.<\/p><p>Es h&auml;tte eine Pers&ouml;nlichkeit sein m&uuml;ssen, die eine klare Haltung zur etwa Auseinanderentwicklung zwischen Arm und Reich, zur Entwicklung in Europa, zur Chancengleichheit oder zu Krieg und Frieden bezieht und in solchen Grundfragen Orientierung geben k&ouml;nnte.<br>\nDiese Pers&ouml;nlichkeit ist Joachim Gauck gewiss nicht.<\/p><p><em>Alle Zitate aus: Joachim Gauck, Winter im Sommer &ndash; Fr&uuml;hling im Herbst. Erinnerungen. Siedler Verlag in der Bertelsmann Verlagsgruppe Random House GmbH, M&uuml;nchen 2009.<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Joachim Gauck bringt ein Leben mit in seine Kandidatur und in sein Amt&ldquo;, sagte Sigmar Gabriel als er Joachim Gauck als den Kandidaten von SPD und Gr&uuml;ne f&uuml;r das Amt des Bundespr&auml;sidenten vorschlug.<br \/> Wer k&ouml;nnte dieses Leben authentischer beschreiben als Gauck selbst es in seinen Erinnerung &bdquo;Winter im Sommer &ndash; Fr&uuml;hling im Herbst&ldquo; getan hat.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5927\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,96,1,161],"tags":[277,441,401,764,397,559,687],"class_list":["post-5927","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-bundespraesident","category-das-kritische-tagebuch","category-wertedebatte","tag-ddr","tag-freiheit","tag-gabriel-sigmar","tag-gauck-joachim","tag-ostpolitik","tag-stasi","tag-ungleichheit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5927","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5927"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5927\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5933,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5927\/revisions\/5933"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5927"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5927"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5927"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}