{"id":59273,"date":"2020-03-13T11:28:15","date_gmt":"2020-03-13T10:28:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59273"},"modified":"2020-12-16T11:38:13","modified_gmt":"2020-12-16T10:38:13","slug":"prekaer-von-staats-wegen-an-deutschlands-unis-ist-selbstausbeutung-die-hauptbeschaeftigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59273","title":{"rendered":"Prek\u00e4r von Staats wegen. An Deutschlands Unis ist Selbstausbeutung die Hauptbesch\u00e4ftigung."},"content":{"rendered":"<p>An hiesigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist das Gros des akademischen Mittelbaus nur befristet angestellt. Versch&auml;rft hat die Misere ein seit 13 Jahren geltendes Gesetz, das 2016 wegen seiner Verwerfungen &bdquo;nachgebessert&ldquo; wurde. Eine aktuelle Studie stellt die Novelle auf den Pr&uuml;fstand. Ergebnis: Die Lage hat sich allenfalls ein kleines &bdquo;bisschen&ldquo; entspannt, bleibt aber wie gehabt dramatisch. F&uuml;r eine rasche Reform der Reform ist es deshalb h&ouml;chste Eisenbahn. Die Bundesregierung setzt lieber auf Schneckentempo. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWer etwas &uuml;ber unsichere Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse, l&uuml;ckenhafte Erwerbsbiografien, verkorkste Lebens- und Familienplanungen, Unterbezahlung und unentgeltliche Mehrarbeit wissen will, ist an einer deutschen Universit&auml;t goldrichtig. An der altehrw&uuml;rdigen Alma Mater hat das Prekariat sein Hauptquartier. Hier unterrichten angehende Professoren jahrelang f&uuml;r lau, verdingen sich studentische Hilfskr&auml;fte zum Hungerlohn und hangeln sich Nachwuchswissenschaftler von einer Kurzzeitanstellung zur n&auml;chsten. Das freie Unternehmertum kann von derlei Zust&auml;nden nur tr&auml;umen. Brauchten Turbokapitalisten noch Anschauungsunterricht in puncto Personalausschlachtung &ndash; an Deutschlands h&ouml;chsten Lehranstalten lernten sie ihre Lektion.<\/p><p>Vorneweg, der sogenannte akademische Mittelbau dient den Hochschulrektoren seit langem als Melkkuh Nummer eins. Zuletzt waren im Bundesschnitt 90 Prozent der wissenschaftlichen  Mitarbeiter nur befristet besch&auml;ftigt, davon nahezu jeder zweite auf einer Teilzeitstelle. Fast die H&auml;lfte der Doktoranden und Postdocs hatte in der ersten Qualifikationsphase einen Arbeitsvertrag, der k&uuml;rzer als zw&ouml;lf Monate lief. Von den rund 146.000 im Jahr 2009 hauptberuflich t&auml;tigen Kr&auml;ften standen 83 Prozent in einem befristeten Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis. Zum Vergleich: In der Privatwirtschaft wurden zuletzt sieben Prozent Jobs mit zeitlicher Beschr&auml;nkung  gez&auml;hlt, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/oeffentlicher-dienst-befristungen-1.4307813\">im gesamten &ouml;ffentlichen Dienst waren es 9,5 Prozent.<\/a><\/p><p><strong>Dammbruch vor 13 Jahren <\/strong><\/p><p>Die genannten Zahlen sind Teil einer regierungsamtlichen Bestandsaufnahme <a href=\"https:\/\/his-he.de\/fileadmin\/user_upload\/Publikationen\/Projektberichte_alte_Website\/WissZeitVG_Ergebnisse_Zusammenfassung.pdf\">aus dem Jahr 2011<\/a>. Die Studie sollte die Auswirkungen des 2007 beschlossenen Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) untersuchen, das seither die Grundlage f&uuml;r Sonderbefristungen beim wissenschaftlichen und k&uuml;nstlerischen Personal an Hochschulen und Forschungseinrichtungen bildet. Das Regelwerk l&ouml;ste seinerzeit entsprechende Vorschriften des Hochschulrahmengesetzes (HRG) ab und in seinem Gefolge lief die &ndash; auch davor schon stark ausgepr&auml;gte &ndash; Befristungspraxis im Wissenschaftsbereich vollends aus dem Ruder. <\/p><p>Aber die Missst&auml;nde blieben nicht folgenlos. Seit mehreren Jahren dringt das Thema regelm&auml;&szlig;ig ins &ouml;ffentliche Bewusstsein vor. Initiativen wie das Netzwerk f&uuml;r Gute Arbeit in der Wissenschaft <a href=\"https:\/\/www.mittelbau.net\/\">(NGAWiss)<\/a> oder die von Gewerkschaften mitgetragene Kampagne <a href=\"http:\/\/frististfrust.net\/\">Frist ist Frust<\/a> haben den Druck f&uuml;r Ver&auml;nderungen stetig erh&ouml;ht. Irgendwann wollte dann auch die Bundesregierung die Augen vor der Misere nicht l&auml;nger verschlie&szlig;en und gelobte Besserung. Im Entwurf des &bdquo;Ersten Gesetzes zur &Auml;nderung des WissZeitV&ldquo; vom Jahresende 2015 befanden Union und SPD, der Anteil an Befristungen habe &bdquo;<a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/18\/064\/1806489.pdf\">ein Ma&szlig; erreicht (&hellip;), das weder gewollt war, noch vertretbar erscheint<\/a>&ldquo;. Mit ihrer schlie&szlig;lich im M&auml;rz 2016 in Kraft getretenen Novelle versprach die gro&szlig;e Koalition, &bdquo;Fehlentwicklungen&ldquo; entgegenzutreten &ndash; jedoch &bdquo;ohne die in der Wissenschaft erforderliche Flexibilit&auml;t und Dynamik zu beeintr&auml;chtigen&ldquo;. <\/p><p><strong>Minimalismus <\/strong><\/p><p>Heute, vier Jahre sp&auml;ter, zeigt sich: Mit der Neuregelung blieb praktisch alles beim Alten. Das Prinzip Hire and Fire ist so beherrschend und die Hochschulvorsteher operieren so &bdquo;flexibel&ldquo; wie eh und je. So jedenfalls lautet der Tenor einer im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erstellten Studie, <a href=\"https:\/\/www.gew.de\/fileadmin\/media\/publikationen\/hv\/Hochschule_und_Forschung\/Broschueren_und_Ratgeber\/Evaluation-WissZeitVG-AV-final.pdf\">die am vergangenen Mittwoch ver&ouml;ffentlicht wurde<\/a>. Darin untersuchte Freya Gassmann von der Universit&auml;t des Saarlandes (Saarbr&uuml;cken) die Folgen der Novelle auf Basis der Analyse von Daten des Statistischen Bundesamts, Interviews mit Personalvertretern sowie Stellenausschreibungen an elf Hochschulen. Verglichen werden die Befunde mit besagter Evaluation von 2011 und Erhebungen im zeitlichen Vorfeld der Reform.<\/p><p>Nun ist es nicht so, dass die getroffenen Ma&szlig;nahmen gar nichts gebracht h&auml;tten. Die Novelle wirke, bemerkte dazu der stellvertretende GEW-Vorsitzende Andreas Keller vorgestern vor Pressevertretern in Berlin, allerdings nur &bdquo;ein bisschen&ldquo;, und weiter: <a href=\"https:\/\/www.gew.de\/presse\/pressemitteilungen\/detailseite\/neuigkeiten\/gew-befristung-eindaemmen-wissenschaftszeitvertragsgesetz-reformieren\/\">&bdquo;Ein bisschen ist aber nicht genug.&ldquo;<\/a> Der Minimalismus in Zahlen: Unter Ber&uuml;cksichtigung aller staatlichen Hochschulen lag die Befristungsquote unter wissenschaftlichen Angestellten im Untersuchungsjahr 2018 bei 80 Prozent, an den Universit&auml;ten bei 89 Prozent. Die Referenzwerte vor der Gesetzes&auml;nderung im Jahr 2015 beliefen sich auf 82 beziehungsweise 90 Prozent. Macht also ein Minus von einem, respektive zwei Prozent in drei Jahren &ndash; Der Fortschritt ist eine Schnecke auf Valium. <\/p><p><strong>Gesetz mit Schlupfl&ouml;chern<\/strong><\/p><p>Nicht ganz so k&uuml;mmerlich f&auml;llt der Effekt mit Blick auf die Dauer der Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse aus. W&auml;hrend die Kontrakte fr&uuml;her im Mittel eine Geltungsdauer von 24 Monaten hatten, waren es zuletzt 28 Monate. Auch ist der Umfang der Laufzeiten von einem Jahr und darunter zur&uuml;ckgegangen. Vor der Novelle betraf dies &uuml;ber alle Qualifikationsphasen hinweg noch 25 Prozent aller F&auml;lle. Dagegen galt 2018 f&uuml;r das am schlechtesten gestellte Viertel der Betroffenen eine Vertragsfrist von durchschnittlich knapp zwei Jahren. Allerdings k&ouml;nnten die ermittelten Zuw&auml;chse laut Studie in Teilen auf das Konto der Methodik gehen. Die zugrundeliegende Auswertung von Stellenanzeigen erfasse &bdquo;nur Erstvertr&auml;ge und keine Vertragsverl&auml;ngerungen mit m&ouml;glicherweise deutlich k&uuml;rzeren Vertragslaufzeiten&ldquo;. Zudem wurden nur die bei den Ausschreibungen genannten Zeitr&auml;ume und nicht die tats&auml;chlichen Laufzeiten herangezogen. <\/p><p>So oder so ist der Ertrag erb&auml;rmlich. &bdquo;Es r&auml;cht sich, dass der Gesetzgeber vor vier Jahren zwar einige Vorschl&auml;ge der GEW aufgegriffen, aber nur unzureichend umgesetzt hat&ldquo;, kommentierte Keller die &bdquo;ern&uuml;chternde&ldquo; Bilanz. Unbestimmte Rechtsbegriffe &ouml;ffneten Schlupfl&ouml;cher, die Hochschulen und Forschungseinrichtungen f&uuml;r die Fortsetzung ihrer ma&szlig;losen Befristungspraxis nutzen k&ouml;nnten. Insbesondere mangele es an einer &bdquo;pr&auml;zisen Definition des Begriffs der Qualifizierung&ldquo; sowie der Verankerung verbindlicher Mindestvertragslaufzeiten, beklagte der GEW-Vize. Erforderlich w&auml;re es, Anstellungen auf Zeit auf die &bdquo;Promotion und die strukturierte Vorbereitung auf eine Professur durch eine Habilitation oder eine vergleichbare Leistung&ldquo; zu begrenzen. <\/p><p><strong>Freibrief zum Befristen <\/strong><\/p><p>Befristete Arbeitsvertr&auml;ge sind laut Gesetz nur im Zusammenhang mit Qualifizierungen zul&auml;ssig und m&uuml;ssen sich dabei an dem daf&uuml;r erforderlichen Zeitrahmen orientieren. Tats&auml;chlich werden die Vorgaben jedoch trickreich umschifft. So entwickelten die Hochschulen laut Analyse &bdquo;enorme Kreativit&auml;t&ldquo; dabei, nahezu s&auml;mtliche T&auml;tigkeiten im Wissenschaftsalltag zur Qualifizierungsma&szlig;nahme zu deklarieren &ndash; um so einen Freibrief zum Befristen zu haben. Zum Beispiel werde die Mitarbeit an Forschungsprojekten oder deren Beantragung ebenso unter Qualifizierung subsumiert wie die &Uuml;bernahme von Lehraufgaben, das Managen eines Labors oder Forschungsprojekts. <\/p><p>Zugleich wird diese Beliebigkeit dazu genutzt, die Vertragslaufzeiten zu beschr&auml;nken, beg&uuml;nstigt auch dadurch, dass im Gesetz &bdquo;eine verbindliche Untergrenze der Befristungsdauer im Sinne einer von der GEW geforderten Mindestbefristungszeit&ldquo; fehlt, schreibt Keller in einem Vorwort zu Gassmanns Expertise. So seien auch die im Schnitt auf 28 Monate ausgedehnten Vertragslaufzeiten &bdquo;immer noch weit&ldquo; von der im WissZeitVG empfohlenen Vorgabe von sechs Jahren vor und nach einer Promotion entfernt. N&ouml;tig w&auml;ren ferner verbindliche familienpolitische Regelungen, die einen Nachteilsausgleich f&uuml;r Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Kindern garantierten. Auch d&uuml;rften Zeitvertr&auml;ge nach der Promotion nur noch gestattet sein, wenn eine berechenbare akademische Laufbahn &uuml;ber einen &bdquo;Tenure Track&ldquo; mit der Aussicht auf eine Stelle auf Lebenszeit offeriert werde. Und schlie&szlig;lich m&uuml;sse endlich die &bdquo;Tarifsperre&ldquo; fallen und d&uuml;rfe den Gewerkschaften nicht l&auml;nger verboten werden, mit den Hochschulen &bdquo;sachgerechte Befristungsregelungen auszuhandeln&ldquo;, erg&auml;nzte Keller. <\/p><p><strong>Regierung bei Fu&szlig; <\/strong><\/p><p>Das alles sind gutgemeinte Ratschl&auml;ge. Unter den Bedingungen des in Jahrzehnten kaputtgek&uuml;rzten staatlichen Hochschulsystems, das sich nur noch durch exzessiven Drittmitteleinsatz &uuml;ber Wasser h&auml;lt, herrschen derweil andere Ma&szlig;gaben von &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; und &bdquo;Erfolg&ldquo;. Schon die Entstehungsgeschichte der 2016er Novelle war gepr&auml;gt von Interventionen durch m&auml;chtige Lobbygruppen, die auf den Fortbestand des Befristungsunwesens pochten. So wurde seinerzeit in einem Brief der Allianz der Wissenschaftsorganisationen an die politisch Verantwortlichen in Regierung und Bundestag auf eine Abkehr von Pl&auml;nen gedr&auml;ngt, Kettenbefristungen einzud&auml;mmen und nichtwissenschaftliches Personal aus dem Geltungsbereich des Gesetzes auszunehmen. Ferner verlangte die Allianz, hinter der unter anderem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaft, der Wissenschaftsrat sowie die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) stehen, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/streit-um-befristete-stellen-in-der-wissenschaft-unis-und-ausseruniversitaere-wollen-kein-neues-gesetz\/11892786.html\">von einer konkreten Vereinbarung zu Qualifizierungszielen abzusehen<\/a>. <\/p><p>Nicht minder aufschlussreich war ein Redebeitrag der Bundeskanzlerin zum 20-j&auml;hrigen Bestehen der Helmholtz-Gemeinschaft, belegt ein Wischiwaschisatz, den sie im Juli 2015 <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/zeitvertragsgesetz-mehr-sicherheit-fuer-den.680.de.html?dram:article_id=324771\">im Deutschlandfunk zum Besten gab<\/a>: &bdquo;Und deswegen wird der Regelfall sein, dass sich jetzt Befristungen orientieren an der L&auml;nge der Qualifikationsphase, also Promotionsphase zum Beispiel, oder an der L&auml;nge der Drittmittelprojekte, es aber trotzdem auch m&ouml;glich ist, auch Halbjahresvertr&auml;ge zur &Uuml;berbr&uuml;ckung oder wenn sich ein spezieller Grund ergibt, zu machen.&ldquo; <\/p><p>Nicht minder aufschlussreich war ein Redebeitrag der Bundeskanzlerin zum 20j&auml;hrigen Bestehen der Helmholtz-Gemeinschaft im Juni 2015 in Berlin: Dabei nannte sie es &bdquo;eine der schwierigen Aufgaben, die Balance zwischen Dynamik und Sicherheit zu finden&ldquo;. Einerseits k&ouml;nne eine Gesetzesreform ein Beitrag sein, um &bdquo;Fehlentwicklungen bei Befristungen&ldquo; zu begegnen, andererseits warnte sie vor allzu starren Regelungen. &bdquo;Denn was einmal fixiert ist, ist in unserer Gesellschaft auch nicht ganz einfach wieder zu entfixieren.&ldquo; Mehr &bdquo;Sowohl-als-auch&ldquo; geht kaum, und im Zweifelsfall hat Angela Merkel (CDU) in der Vergangenheit immer zu den Arbeitgebern gehalten.<\/p><p><strong>Ziel verfehlt, Zweck erf&uuml;llt  <\/strong><\/p><p>So auch in diesem Fall. Wirklich &bdquo;fixiert&ldquo; wurde nichts, womit sich auch das &bdquo;Entfixieren&ldquo; er&uuml;brigt. Mehr als ein Alibigesetz ohne Substanz und ohne echten Nutzen f&uuml;r die Leidtragenden, daf&uuml;r mit wie gehabt weitreichenden Freiheiten ihrer Dienstherren beim Befristen und Ausbeuten sprang bei der Novelle nicht heraus. Aber die Hochschulen wollen noch mehr. In ihrer Bayreuther Erkl&auml;rung vom Herbst 2019 dr&auml;ngten die Universit&auml;tskanzler, die f&uuml;r Haushalte und Personal zust&auml;ndig sind, <a href=\"https:\/\/www.uni-kanzler.de\/fileadmin\/user_upload\/05_Publikationen\/2017_-_2010\/20191002_PM_Bayreuther_Erklaerung_Final.pdf\">auf eine &bdquo;weitere Entwicklung&ldquo; von Befristungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r wissenschaftliche Mitarbeiter<\/a>. Dabei heben sie einmal mehr auf die &bdquo;Rolle der Universit&auml;ten als Qualifizierungssystem&ldquo; ab, in dem praktisch nichts nicht dem Zweck der Ausbildung &ndash; der Studierenden nebst s&auml;mtlicher Wissenschaftler au&szlig;er Professoren &ndash; unterliegt. Damit, warnt GEW-Vize Keller, &bdquo;sind einer ausgedehnten Interpretation des Qualifizierungsbegriffs T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet&ldquo;. <\/p><p>Die Verlogenheit hinter solchen Vorst&ouml;&szlig;en offenbart ein Blick aufs Gro&szlig;e und Ganze. Gassmann konstatiert in ihrer Studie, das einstige Ziel des WissZeitVG, &bdquo;einen sicheren Rechtsrahmen f&uuml;r die Befristung von Arbeitsvertr&auml;gen in der wissenschaftlichen Qualifizierung zu schaffen, wird verfehlt&ldquo;. So habe sich zwar die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter von 1994 bis 2018 mehr als verdoppelt, die Zahl der Promotionen sei aber nicht einmal um ein Viertel gestiegen und die der Habilitationen nahezu unver&auml;ndert geblieben. Woraus sie folgert, &bdquo;dass ein nicht unerheblicher Teil der befristeten Besch&auml;ftigten keine formale Qualifizierung w&auml;hrend ihrer Besch&auml;ftigung an den Hochschulen erwirbt&ldquo;. F&uuml;r die Wissenschaftlerin stellt sich so auch die Frage nach der Existenzberechtigung des Gesetzes, &bdquo;wenn der Nutzen wom&ouml;glich lediglich in der nicht formalen Qualifizierung der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegt&ldquo;.<\/p><p>Das lie&szlig;e sich zuspitzen: Vielleicht lag und liegt der Nutzen des Regelwerks ja darin, m&ouml;glichst viel aus den Besch&auml;ftigten herauszupressen, um den Vorstehern eines Hochschulwesens auf Sparflamme (Haushaltskonsolidierung, Schuldenbremse, schwarze Null) einen Rest an finanzieller Handlungsf&auml;higkeit zu bewahren. Die Suche nach den Schuldigen des WissZeitVG wie seiner &bdquo;vermasselten&ldquo; Novellierung m&uuml;sste dann zuerst im Berliner Regierungsapparat ansetzen, wo seit 2005 eine Kanzlerin residiert, die bei Sonntagsreden von der &bdquo;Bildungsrepublik Deutschland&ldquo; und &bdquo;Leuchtt&uuml;rmen der Wissenschaft&ldquo; schwadroniert, w&auml;hrend im wirklichen Leben Kitas, Schulen und Hochschulen finanziell und personell ausbluten.   <\/p><p><strong>Hinhaltetaktik <\/strong><\/p><p>&bdquo;Gehandelt werden muss jetzt&ldquo;, fordert GEW-Hochschulexperte Keller und ahnt doch, dass er nicht erh&ouml;rt wird. Im WissZeitVG stehe schwarz auf wei&szlig;, &bdquo;die Auswirkungen dieses Gesetzes werden im Jahr 2020 evaluiert&ldquo;. Entsprechend m&uuml;ssten der Bundestag und der Bundesrat &bdquo;noch in dieser Wahlperiode&ldquo; eine Korrektur vornehmen, forderte der Gewerkschafter. Nicht mit dieser Regierung. Nach deren Fahrplan sei mit den Ergebnissen der eingeleiteten wissenschaftlichen &Uuml;berpr&uuml;fung erst 2022 und einer m&ouml;glichen Nachbesserung &bdquo;fr&uuml;hestens in drei Jahren&ldquo; zu rechnen, klagte der Gewerkschafter. <\/p><p>&bdquo;Wir wissen doch heute schon auch ohne diese Evaluation, dass das Wissenschaftszeitvertragsgesetz missbraucht wird, und wir wissen auch ohne Evaluation, wie man diesem Missbrauch einen Riegel vorschieben kann&ldquo;, hatte die wissenschaftspolitische Sprecherin der Fraktion die Linke im Bundestag, Nicole Gohlke, Mitte Februar in einer Parlamentsdebatte <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2020\/kw07-de-befristungen-680796\">zum Thema erkl&auml;rt<\/a>. &bdquo;Es braucht Nachbesserungen am Gesetz.&ldquo; Der zugeh&ouml;rige Antrag der Linken &bdquo;Befristungen zur&uuml;ckdr&auml;ngen &ndash; Dauerstellen f&uuml;r Daueraufgaben in der Wissenschaft&ldquo; wurde in den Bildungsausschuss verwiesen, wo er absehbar durchfallen wird. Wie &uuml;blich bei Angelegenheiten mit sozialem Sprengstoff setzt die gro&szlig;e Koalition auf Hinhalten. Kinder kann man schlie&szlig;lich noch mit 40 und sp&auml;ter kriegen.  <\/p><p>Titelbild: Matej Kastelic \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/d5907817a4e14104b1a9c5eace455e12\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An hiesigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist das Gros des akademischen Mittelbaus nur befristet angestellt. Versch&auml;rft hat die Misere ein seit 13 Jahren geltendes Gesetz, das 2016 wegen seiner Verwerfungen &bdquo;nachgebessert&ldquo; wurde. Eine aktuelle Studie stellt die Novelle auf den Pr&uuml;fstand. Ergebnis: Die Lage hat sich allenfalls ein kleines &bdquo;bisschen&ldquo; entspannt, bleibt aber wie gehabt dramatisch.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59273\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":59274,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,141,17],"tags":[423,2152,2255,434,315,288],"class_list":["post-59273","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-austeritaetspolitik","tag-ueberstunden","tag-befristete-arbeit","tag-gew","tag-merkel-angela","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/shutterstock_225178372.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59273","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=59273"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59273\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68040,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59273\/revisions\/68040"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/59274"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=59273"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=59273"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=59273"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}