{"id":59417,"date":"2020-03-19T10:38:47","date_gmt":"2020-03-19T09:38:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59417"},"modified":"2026-01-27T12:02:13","modified_gmt":"2026-01-27T11:02:13","slug":"kinderarmut-sie-mussten-frueh-erwachsen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59417","title":{"rendered":"Kinderarmut: \u201eSie mussten fr\u00fch erwachsen werden\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Als Person, die nicht in Deutschland aufgewachsen ist, ist es f&uuml;r mich kaum zu fassen, dass es junge Menschen in einem der reichsten L&auml;nder der Welt gibt, die wie in einer Parallelgesellschaft in erb&auml;rmlichen Bedingungen aufgewachsen sind und bis heute Tag f&uuml;r Tag k&auml;mpfen m&uuml;ssen, um &uuml;ber die Runden zu kommen.&ldquo; Das sagt <strong>Irina Volf<\/strong> vom <a href=\"https:\/\/www.iss-ffm.de\/\">Institut f&uuml;r Sozialarbeit und Sozialp&auml;dagogik (ISS)<\/a>. Im Interview mit den NachDenkSeiten geht sie auf die von ISS und Arbeiterwohlfahrt (AWO) durchgef&uuml;hrte Langzeitstudie &bdquo;Wenn Kinderarmut erwachsen wird&ldquo; ein. In der hochinteressanten Studie wurden Kindern aus armen Familien seit 1999 in verschiedenen Stadien ihres Lebens wissenschaftlich beobachtet. Die Ergebnisse sind teils &uuml;berraschend, teils alarmierend und ersch&uuml;tternd. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9200\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-59417-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200319_Kinderarmut_Sie_mussten_frueh_erwachsen_werden_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200319_Kinderarmut_Sie_mussten_frueh_erwachsen_werden_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200319_Kinderarmut_Sie_mussten_frueh_erwachsen_werden_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200319_Kinderarmut_Sie_mussten_frueh_erwachsen_werden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=59417-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200319_Kinderarmut_Sie_mussten_frueh_erwachsen_werden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200319_Kinderarmut_Sie_mussten_frueh_erwachsen_werden_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Frau Volf, wenn es um die Auswirkungen von <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40864\">Kinderarmut<\/a> geht, ist es gar nicht so einfach, belastbare wissenschaftliche Daten zu erhalten, oder? <\/strong><\/p><p>Richtig, und zwar aus vielen unterschiedlichen Gr&uuml;nden. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46867\">Kinderarmut<\/a> ist kein einfaches Thema, sowohl politisch als auch forschungstechnisch. Zum einen braucht man eine gewisse Zahl an <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43341\">armen Familien<\/a> mit Kindern, die &uuml;berhaupt bereit w&auml;ren, lange Frageb&ouml;gen auszuf&uuml;llen und &uuml;ber ihre Lage zu sprechen. Zum anderen bedarf es eines fundierten Konzepts, um dieses gesellschaftliche Ph&auml;nomen mit wissenschaftlichen Methoden zu erfassen. Das Ganze &uuml;ber mehrere Jahre und mit denselben Personen umzusetzen, ist eine Mammutaufgabe. <\/p><p><strong>Eine Studie der Arbeiterwohlfahrt und des Instituts f&uuml;r Sozialarbeit und Sozialp&auml;dagogik hat &uuml;ber einen langen Zeitraum untersucht, wie sich Kinderarmut auf die betreffenden Kinder auswirkt. Wie lange ist die Studie gelaufen? Und: Warum haben Sie die Studie &uuml;ber einen so langen Zeitraum durchgef&uuml;hrt? <\/strong><\/p><p>Die AWO-ISS-Studie zur Kinderarmut geht auf das Jahr 1997 zur&uuml;ck. Die Arbeiterwohlfahrt hat das Thema Kinderarmut in den 1990er Jahren verst&auml;rkt in den Fokus genommen, als die Sozialleistungsbezugsquoten unter Familien mit Kindern stiegen und die Folgen auch in ihren sozialen Einrichtungen sichtbar wurden. So hat der Bundesverband in einem ersten Schritt 2.700 AWO-Kinder-, Jugend- und Familieneinrichtungen befragt und untersucht, wie <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Armen-in-Deutschland-dem-Tod-so-nah-3195687.html?seite=all\">Armut<\/a> in der Praxis von den AWO-Fachkr&auml;ften wahrgenommen wird. Im Ergebnis wurde unter anderem erkannt, dass die AWO-Einrichtungen zwar viele sozial benachteiligte Gruppen erreichen. Welche konkrete Bedeutung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47244\">Armut<\/a> als eine Lebensbedingung f&uuml;r die Entwicklung der Kinder hat und was der Verband f&uuml;r armutsbetroffene Kinder machen kann, erforderte jedoch eine weitere systematische Untersuchung und zwar aus der Kindesperspektive. Damals waren die Folgen famili&auml;rer Armut auf Kinder kaum erforscht. Diese L&uuml;cke wollte der Bundesverband z&uuml;gig schlie&szlig;en und gab ein Forschungsprojekt beim ISS in Auftrag. Bereits die erste Phase der AWO-ISS-Studie war so aufschlussreich, dass das Interesse an der weiteren Entwicklung der Kinder nie nachgelassen hat. Mit der Zeit spitzte sich die Problematik der Kinderarmut in der Bundesrepublik weiterhin zu. Aktuell betrifft Armut jedes f&uuml;nfte Kind in Deutschland. Bis heute bleibt die AWO-ISS-Studie in ihrer Konzeption allerdings einmalig.<\/p><p><strong>Wie haben Sie Armut bei den Kindern Ihrer Studie &uuml;berhaupt erfasst? Anders gefragt: Woran konnten Sie festmachen, dass ein <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47244\">Kind in Armut lebt<\/a>? <\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst muss man etwas klar sagen:  Es gibt keine armen Kinder ohne arme Eltern. Es handelt sich also um Kinder, die in einkommensarmen Familien aufwachsen. <\/p><p><strong>Wenn &uuml;ber Kinderarmut gesprochen wird, wird genau diese Tatsache oft ignoriert. Kinder sind deshalb arm, weil die Eltern arm sind.<\/strong><\/p><p>Eben. <\/p><p><strong>Wann ist aus der Sicht Ihrer Studie nun eine Familie bzw. ein Kind arm?<\/strong><\/p><p>Als einkommensarm bezeichnen wir Familien, die staatliche Transferleistungen wie zum Beispiel Hartz IV, Kinderzuschlag, Wohngeld beziehen und\/oder &ndash; gem&auml;&szlig; der g&auml;ngigen Armutsdefinition &ndash; monatlich weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland haben. Einkommensarmut ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Viel wichtiger ist die Frage, was bei den Kindern in armen und nicht armen Familien tats&auml;chlich ankommt. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das? <\/strong><\/p><p>Wir wissen aus der Forschung, dass einige Kinder trotz knapper finanzieller Ressourcen der Eltern im Wohlergehen aufwachsen. Im Alter von sechs Jahren war es immerhin jedes vierte Kind aus den armen Familien, bei denen &ndash; statistisch gesehen &ndash; keine Armutsfolgen nachgezeichnet werden konnten. Viel h&auml;ufiger tritt allerdings ein anderes Szenario ein.<\/p><p><strong>N&auml;mlich? <\/strong><\/p><p>Jedes dritte Kind aus armen Familien w&auml;chst in multipler Deprivation auf, d. h. diese Kinder sind mehrfachen gravierenden Einschr&auml;nkungen und Benachteiligungen in (fast) allen Lebensbereichen ausgesetzt. Vergleicht man die Lebenslagen der Kinder aus armen und nicht armen Familien, dann wird es deutlich: Unter den Armutsbedingungen sind die Chancen der Kinder, im Wohlergehen aufzuwachsen, halb so gro&szlig; und die Risiken auf ein Leben mit mehrfachen Einschr&auml;nkungen dreimal h&ouml;her als bei den Kindern aus finanziell besser gestellten Familien. <\/p><p><strong>Bevor wir die Studie genauer beleuchten, vorab die Frage: Was k&ouml;nnen die Folgen von <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53931\">Armut bei Kindern<\/a> sein? <\/strong><\/p><p>Es h&auml;ngt davon ab, von welchem Alter wir sprechen. Kinder haben in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedliche Bedarfe und Bed&uuml;rfnisse, aber auch verschiedene Entwicklungsaufgaben. Wenn sich ein Kind altersgem&auml;&szlig; entwickelt, an sozialen und kulturellen Angeboten wie Bildung, Sport, Freizeitaktivit&auml;ten teilhat und keine Einschr&auml;nkungen aufgrund der finanziellen Lage der Eltern wie zum Beispiel bei Essen, Kleidung, Wohnraum oder bei gemeinsamen famili&auml;ren Aktivit&auml;ten erlebt, dann gehen wir davon aus, dass es dem Kind gut geht. Diese gute Lebenslage bezeichnen wir als &bdquo;Wohlergehen&ldquo;. Sobald wir bei einem Kind auff&auml;llig viele Einschr&auml;nkungen feststellen, die im Zusammenhang mit der finanziellen Lage der Familie stehen, sprechen wir von Armutsfolgen und unterscheiden dann die Lebenslagen &ndash; je nach Auspr&auml;gungen der Einschr&auml;nkungen &ndash; zwischen &bdquo;Benachteiligung&ldquo; oder gar &bdquo;multipler Deprivation&ldquo;. Die Unterschiede zwischen den armutsbetroffenen Kindern und ihren Altersgenossen aus finanziell besser gestellten Familien lassen sich bereits im Kita-Alter feststellen: Sie weisen h&auml;ufiger Spiel- und Sprachauff&auml;lligkeiten auf, ihre Grob- und Feinmotorik ist schlechter entwickelt, sie sind h&auml;ufiger entweder sehr zur&uuml;ckhaltend oder umgekehrt aggressiv. Mit zehn Jahren erleben die Kinder aus armen Familien zudem h&auml;ufiger Benachteiligung in sozialen und kulturellen Bereichen. Selten k&ouml;nnen sie ihre Freunde nach Hause einladen, den eigenen Geburtstag feiern oder zu anderen Kindern zum Geburtstag kommen, weil das Geld f&uuml;r ein Geschenk fehlt.<\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie kurz schildern, wie Ihre Studie aufgebaut ist? Wie viele Kinder hat Ihre Studie umfasst?<\/strong><\/p><p>Im Jahr 1999 erfolgte die erste Datenerhebung in 60 AWO-Kindertageseinrichtungen. Die Erzieherinnen und Erzieher f&uuml;llten die Frageb&ouml;gen auf Grundlage ihrer Beobachtungen f&uuml;r insgesamt 893 Sechsj&auml;hrige aus. Als die Kinder zehn und 16\/17 Jahre alt waren, wurden jeweils bis zu 500 Familien wiedererreicht und direkt befragt. Dabei wurden die Lebenslagen sowohl aus der Sicht der Kinder als auch aus der Sicht der Eltern untersucht. Im Jahr 2018 waren die Studienteilnehmenden bereits junge Erwachsene, die teilweise schon selbst Kinder hatten. Zum Gl&uuml;ck sind 205 Personen unserer Einladung gefolgt und haben an der Befragung zu (Langzeit-)Folgen der Kinderarmut bis zum jungen Erwachsenenalter teilgenommen. Zus&auml;tzlich zu den quantitativen Daten wurden in jeder Studienphase zahlreiche Interviews mit Kindern und Eltern gef&uuml;hrt. Somit ist es im Rahmen der Studie m&ouml;glich, die Lebensverl&auml;ufe der armen und nicht armen Sechsj&auml;hrigen bis zum 25. Lebensjahr nicht nur quantitativ, sondern f&uuml;r einzelne Personen auch qualitativ zu rekonstruieren. <\/p><p><strong>Damit ist die Studie allerdings nicht repr&auml;sentativ, oder?<\/strong><\/p><p>Richtig, dies war aber auch nie ein Ziel. F&uuml;r die Studie wurden 60 Kitas bundesweit ausgew&auml;hlt, die in benachteiligten Quartieren verortet waren. Damit war angestrebt, m&ouml;glichst viele Kinder aus armen Familien zu erreichen. Das Ziel war auch erreicht. W&auml;hrend damals in der Bundesrepublik die Armutsquote bei den f&uuml;nf- und sechsj&auml;hrigen Kindern bei 11 Prozent lag, lag der Anteil der Kinder aus armen Familien der AWO-ISS-Studie bei 26 Prozent. Aus diesen methodischen Gr&uuml;nden gilt diese Studie als nicht repr&auml;sentativ.<\/p><p><strong>Worin liegt dennoch ihr Wert? <\/strong><\/p><p>Die Lebensverl&auml;ufe der Kinder zu erforschen &ndash; und zwar einerseits differenziert nach <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42624\">Armutserfahrungen<\/a> in ihren Biographien und andererseits nach Kumulation von Benachteiligungen im zeitlichen Verlauf &ndash;  ist eine methodische Herausforderung und in der Praxis eine anspruchsvolle Aufgabe. Vielleicht deswegen gibt es bislang in Deutschland keine weitere vergleichbare Studie, die so viele Zusammenh&auml;nge, Wechselwirkungen und Muster beleuchtet. Wie haben sich die Kinder in armen und nicht armen Familien im Kindergarten- und Grundschulalter entwickelt? Wie gelang ihnen der &Uuml;bergang in die Grundschule? Mit welchen Schwierigkeiten wurden sie beim &Uuml;bergang in die weiterf&uuml;hrende Schule konfrontiert? Welche Rolle hatte dabei die famili&auml;re Armut? Haben sie als Jugendliche einschneidende Lebensereignisse erlebt? Konnten sie diese bew&auml;ltigen? Wie ging es ihnen gesundheitlich? Mussten sie schon fr&uuml;h jobben? Was passierte nach dem Schulabschluss? Haben sie einen beruflichen Abschluss erreicht und einen guten Job gefunden? Und, die spannendste Frage nat&uuml;rlich: Gelang es den ehemals armen sechsj&auml;hrigen Kindern, der famili&auml;ren Armut beim Erwachsenwerden zu entkommen? Aus all den zahlreichen Studienerkenntnissen wurden ganz konkrete Empfehlungen f&uuml;r die praktische Arbeit der Sozialen Dienste mit Kindern und Jugendlichen entwickelt und sozialpolitische Schlussfolgerungen formuliert. <\/p><p><strong>Wie sieht nun die Lebenswelt der ehemals armen Kinder heute aus? Welche Einblicke konnten Sie gewinnen? <\/strong><\/p><p>Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie aus der Langzeitperspektive ist, dass es keinen Automatismus zwischen &bdquo;einmal arm &ndash; immer arm&ldquo; gibt. Dies haben wir auch in der letzten Studienphase best&auml;tigt. Dennoch blieb die Mehrheit der nicht armen Sechsj&auml;hrigen &ndash; und hier meine ich rund 80&nbsp;Prozent &ndash; bis zur Jugendzeit nicht arm und die Mehrheit der armen Sechsj&auml;hrigen &ndash; rund 60 Prozent &ndash; arm. Was wir beim &Uuml;bergang ins junge Erwachsenenalter beobachten k&ouml;nnen, ist, dass es zwei Dritteln der ehemals armen sechsj&auml;hrigen Kinder tats&auml;chlich gelang, einen Sprung aus famili&auml;rer Armut zu machen. &Ouml;konomische Verselbstst&auml;ndigung spielte dabei die entscheidende Rolle. Ein Drittel lebt allerdings weiterhin in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40844\">Armut<\/a>. Betrachten wir die Langzeitfolgen von Kinderarmut, so stellen wir fest, dass Armutserfahrungen in Kindheit und\/oder Jugend noch deutliche Spuren auch nach vielen Jahren hinterlassen haben. Armutsbetroffene junge Menschen verf&uuml;gen zu Beginn des Erwachsenenlebens &uuml;ber weniger Ressourcen, sowohl materieller, sozialer als auch kultureller Art. Sie sind mit 25 Jahren deutlich h&auml;ufiger als ihre Altersgenossen ohne Armutserfahrung mit gesundheitlichen &ndash; vor allem psychischen &ndash; Problemen konfrontiert. Ihr Gesundheitsverhalten ist riskanter. Da sie auch ein niedrigeres Bildungs- und Qualifikationsniveau erreichen, sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht besonders erfolgsversprechend. Lebt ein Kind sein ganzes Leben in Armut, so ist das Risiko f&uuml;r &bdquo;multiple Deprivation&ldquo; im jungen Erwachsenenalter hoch und liegt in unserer Studie bei 25 Prozent.<\/p><p><strong>Gab es auch &uuml;berraschende Befunde? <\/strong><\/p><p>Ich pers&ouml;nlich habe im Rahmen der Studie sehr viele Aha-Erlebnisse gehabt, da ich sowohl viele Daten berechnet als auch einen Teil der Interviews mit den Studienteilnehmenden durchgef&uuml;hrt habe. Es gab einige Hypothesen, die wir im Rahmen unserer Studie nicht best&auml;tigen k&ouml;nnen, wie zum Beispiel, dass es Migrantenkindern &ndash; die als Gruppe mit erh&ouml;htem Armutsrisiko gilt &ndash; schlechter geht als Studienteilnehmenden ohne Migrationserfahrungen oder dass auch mittlere Bildung vor Armut sch&uuml;tzt. Nein, dies tut sie nicht mehr. Gleichzeitig k&ouml;nnen wir belegen, was auf den ersten Blick kontraintuitiv erscheint, und zwar, dass es der Mehrheit der ehemals armen Kinder dennoch gelungen ist, die famili&auml;re Armut im jungen Erwachsenenalter hinter sich zu lassen. Besonders &uuml;berrascht hat uns der quantitative Befund bezogen auf die Suche nach Faktoren, die klare Hinweise darauf geben k&ouml;nnen, ob ein Kind im jungen Erwachsenenalter von <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44808\">Armut<\/a> betroffen wird oder nicht. Armut in Kindheit und Jugend erh&ouml;ht das Armutsrisiko im jungen Erwachsenenalter. Auch Bildungsniveau und Erwerbstatus spielen eine gro&szlig;e Rolle. Aber: Wenn die Armutsfolgen bei Kindern bis zur Jugendzeit vermieden werden k&ouml;nnen, dann verliert die Einkommensarmut der Familie an prognostischer Kraft, ob die Kinder selbst im jungen Erwachsenenalter arm werden. Mit anderen Worten: Wenn die Kinder im Wohlergehen trotz Armut aufwachsen, haben sie gute Chancen auf ein gutes Leben als Erwachsene. &Uuml;ber die qualitativen Befunde, die mich &uuml;berrascht haben, br&auml;uchten wir wahrscheinlich ein zweites Interview. Als Person, die nicht in Deutschland aufgewachsen ist, ist es f&uuml;r mich kaum zu fassen, dass es junge Menschen in einem der reichsten L&auml;nder der Welt gibt, die wie in einer Parallelgesellschaft in erb&auml;rmlichen Bedingungen aufgewachsen sind und bis heute Tag f&uuml;r Tag k&auml;mpfen m&uuml;ssen, um &uuml;ber die Runden zu kommen.<\/p><p><strong>Sie sprechen in Ihrer Studie davon, dass bei armen Kindern oftmals &bdquo;soziale Unterst&uuml;tzernetzwerke&ldquo; fehlen. Wie meinen Sie das? <\/strong><\/p><p>Der Frage nach sozialen Unterst&uuml;tzungsnetzwerken sind wir sowohl quantitativ als auch qualitativ nachgegangen. Zum einen stellten wir fest, dass sich die armutsbetroffenen Studienteilnehmenden r&uuml;ckblickend deutlich seltener von ihren Familien oder Freunden unterst&uuml;tzt gef&uuml;hlt haben. V&auml;ter standen zum Beispiel jeder f&uuml;nften Person mit Armutserfahrung im ganzen Leben nicht als unterst&uuml;tzende Ressource zur Verf&uuml;gung. 42 Prozent der armen jungen Erwachsenen h&auml;tten in ihrem privaten Umfeld keine einzige Person, die ihnen 1.000 Euro in einer schwierigen Situation leihen w&uuml;rde. Zum anderen haben wir im Rahmen der Interviews die jungen Menschen gefragt, wie sie sich f&uuml;r ihre Ausbildungs- und Studieng&auml;nge entschieden und wie sie einen ersten Job gefunden haben. Im Ergebnis war es klar, dass die armen Jugendlichen bei solchen Fragen deutlich seltener Unterst&uuml;tzung aus dem privaten Umfeld bekommen haben. Die jungen Erwachsenen aus finanziell stabilen Familien sowie die jungen Menschen, die einen sozialen Aufstieg geschafft haben, berichteten in der Regel von der einen oder anderen Person aus der Familie oder ihrem Bekanntenkreis, die ihnen bei solchen Fragen mit Rat und Unterst&uuml;tzung zur Verf&uuml;gung stand. <\/p><p><strong>Sie haben bei armen Kindern auch eine &bdquo;Orientierungslosigkeit&ldquo; bei Eintritt in die Berufsphase festgestellt. Woran liegt das? <\/strong><\/p><p>Zum einen liegt es daran, dass die Jugendlichen aus armen Familien seltener Vorbilder in ihren Familien haben, die ihnen bei der Berufsorientierung helfen k&ouml;nnen. Zum anderen berichteten die jungen Menschen aus nicht armen Familien, dass ihr Lebensverlauf von ihren Eltern praktisch vorgegeben wurde. F&uuml;r manche von ihnen stand es gar nicht zur Diskussion, dass sie nach dem Schulabschluss studieren w&uuml;rden. Sie sind mit dieser Orientierung aufgewachsen. Das ist f&uuml;r sie etwas Selbstverst&auml;ndliches gewesen, was sie auch als Jugendliche nie in Frage gestellt haben. Die Kinder aus armen Familien berichteten im Gegenteil davon, dass sie mit der Einstellung aufgewachsen sind, dass Unis nur f&uuml;r reiche Menschen da w&auml;ren. Nun kommen wir wieder auf den Punkt, was uns im Rahmen der Studie &uuml;berrascht hat. Diesen Befund kann ich immer noch nicht verdauen.  <\/p><p><strong>Damit meinen Sie&hellip;? <\/strong><\/p><p>Bildung ist zwar ein hohes Gut, aber auch ein Menschenrecht. Dieses Recht soll f&uuml;r alle Kinder unabh&auml;ngig von ihrer Herkunft und finanzieller M&ouml;glichkeiten der Eltern gelten. Soll. In der Praxis sieht es aber anders aus. Wenn Kinder in armen Familien mit der Einstellung oder sogar dem Wissen aufwachsen, dass sie es nie bis zur Uni schaffen werden, dann gibt es f&uuml;r die Zukunft wenig Hoffnung. Und wenn sie erwachsen werden, dann werden sie in der Gesellschaft noch als &bdquo;bildungsfern&ldquo; bezeichnet. Durch diese Zuschreibung wird ein gesellschaftspolitisches Problem &ndash;  Armut entsteht in Folge politischer Entscheidungen &ndash; individualisiert. Die Schuld wird auf die Menschen geschoben, wobei die Ursachen im System liegen. Kinder aus armen Familien haben keine gleichen Startchancen und durch die Selektionsmechanismen des Bildungssystems werden sie von der Bildung noch weiter entfernt. <\/p><p><strong>Wie sch&auml;tzen arme Kinder ihre eigene Lage ein? <\/strong><\/p><p>Interessant finde ich die Ergebnisse bezogen auf die r&uuml;ckblickende Einsch&auml;tzung der jungen Erwachsenen, ob sie als Kinder in Armut gelebt haben oder nicht. Da spielt der Lebenslagenansatz der Studie die zentrale Rolle. Denn die Kinder, die trotz famili&auml;rer Armut im Wohlergehen aufgewachsen sind, k&ouml;nnen sp&auml;ter gar nicht so richtig beurteilen, ob ihre Familie arm war. Die Einschr&auml;nkungen, die sie vielleicht immer mal wieder erlebt haben, deuten sie eher als positive Erziehungswerte der Eltern um. Die Kinder, die in Armut und dabei mit vielen gravierenden Einschr&auml;nkungen aufgewachsen sind, k&ouml;nnen ihre schwierige Lebenslage als Kinder sehr genau rekonstruieren. Sie betonen, dass sie auch nur Kinder sein wollten. Aber es kam in ihrem Leben doch anders: Sie mussten fr&uuml;h erwachsen werden. <\/p><p><strong>Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf die Demokratie hat es, wenn Kinder in Armut aufwachsen? <\/strong><\/p><p>An dieser Stelle w&uuml;rde ich gerne einen weiteren Befund der Studie aufgreifen, der auf alarmierende Zust&auml;nde hindeutet. Zum einen glaubt rund jede vierte armutsbetroffene Person &ndash; und dies ist doppelt so viel wie ihre nicht armen Altersgenossen &ndash; dass sie eher wenig &uuml;ber Politik wissen. Und fast die H&auml;lfte der Armutsbetroffenen glaubt zudem, dass die Politikerinnen und Politiker sich nicht viel darum k&uuml;mmern, was Leute wie sie denken. Armut hinterl&auml;sst also nicht nur deutliche Spuren im Leben der Menschen und raubt ihnen die Chancen auf Wohlergehen, sondern tr&auml;gt auch dazu bei, dass Menschen sich nicht als Teil einer lebendigen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft f&uuml;hlen. Das hei&szlig;t, dass deren Interessen deutlich weniger sichtbar werden und damit auch in politischen Entscheidungsprozessen weniger beachtet werden k&ouml;nnen als die Interessen derjenigen ohne Armutserfahrung.<\/p><p><strong>Was bedeuten denn Ihre Erkenntnisse f&uuml;r die Politik? Was muss unternommen werden, um armen Kindern zu helfen? <\/strong><\/p><p>Diese Frage hat sich die Arbeiterwohlfahrt als Auftraggeber, der die Studie nun seit mehr als 23 Jahren finanziert, in jeder Studienphase gestellt und auch dieses Mal auf den Ebenen des Bundesverbandes, der Landesverb&auml;nde und der Kreisverb&auml;nde diskutiert. Im Ergebnis dieses Prozesses hat die AWO f&uuml;nf zentrale <a href=\"https:\/\/www.awo.org\/sites\/default\/files\/2019-11\/191104_Br_Armut_im_CV_bf.pdf\">Forderungen<\/a> an die Politik formuliert, die ich gern punktuell aufgreifen w&uuml;rde. An erster Stelle gilt es, Einkommens- und Familienarmut wirkungsvoll zu bek&auml;mpfen, indem die Rahmenbedingungen f&uuml;r gute und existenzsichernde Arbeit weiter verbessert werden. Durch eine Reform der kinder- und familienpolitischen Leistungen soll das soziokulturelle Existenzminimum aller Kinder verl&auml;sslich abgebildet und bereitgestellt werden. Hierzu ist die Einf&uuml;hrung einer einkommensabh&auml;ngigen Kindergrundsicherung erforderlich. Auch die soziale Infrastruktur zu st&auml;rken, zu verzahnen und pr&auml;ventiv auszurichten, ist wichtig, da diese f&uuml;r alle Menschen vor Ort in allen Lebenslagen als verl&auml;ssliche Unterst&uuml;tzung zur Verf&uuml;gung stehen sollte. In Bildung sollte verst&auml;rkt investiert werden, damit eine nachhaltige Integration aller jungen Erwachsenen in Ausbildung und Arbeit erfolgen kann. Alle junge Menschen sollen eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben im Wohlergehen haben und zwar unabh&auml;ngig davon, ob ihre Eltern ihnen dies erm&ouml;glichen konnten oder nicht. Es ist schlie&szlig;lich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.<\/p><p><em>Lesetipp: Volf, Irina\/Laubstein, Claudia\/Sthamer, Evelyn: <a href=\"https:\/\/www.iss-ffm.de\/publikationen\">Wenn Kinderarmut erwachsen wird. Kurzfassung.<\/a> Frankfurt a.M. 2019. <\/em><\/p><p><em>Volf, Irina\/Laubstein, Claudia\/Sthamer, Evelyn\/Bernard, Christiane\/Holz, Gerda. (2019) Wenn Kinderarmut erwachsen wird. AWO-ISS-Langzeitstudie zu (Langzeit-)Folgen von Armut im Lebensverlauf. Frankfurt a. M. <\/em><\/p><p>Titelbild: Ralf Geithe \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Als Person, die nicht in Deutschland aufgewachsen ist, ist es f&uuml;r mich kaum zu fassen, dass es junge Menschen in einem der reichsten L&auml;nder der Welt gibt, die wie in einer Parallelgesellschaft in erb&auml;rmlichen Bedingungen aufgewachsen sind und bis heute Tag f&uuml;r Tag k&auml;mpfen m&uuml;ssen, um &uuml;ber die Runden zu kommen.&ldquo; Das sagt <strong>Irina Volf<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59417\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":59418,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,132],"tags":[881,217,2702,408,218],"class_list":["post-59417","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armut","tag-kinderarmut","tag-kindergrundsicherung","tag-soziale-herkunft","tag-teilhabe"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/shutterstock_1096167506.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59417","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=59417"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59417\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81418,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59417\/revisions\/81418"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/59418"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=59417"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=59417"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=59417"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}