{"id":5950,"date":"2010-06-21T09:38:05","date_gmt":"2010-06-21T07:38:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5950"},"modified":"2019-07-25T18:08:27","modified_gmt":"2019-07-25T16:08:27","slug":"fuer-wie-dumm-sollen-die-bundesbuerger-verkauft-werden-zehn-gruende-fuer-eine-gegenwehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5950","title":{"rendered":"F\u00fcr wie dumm sollen die Bundesb\u00fcrger verkauft werden? Zehn Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Gegenwehr?"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend sich die Nation im &bdquo;Fieber&ldquo; der Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaft im fernen S&uuml;dafrika befindet, ist die Bundesregierung dabei, mit einem &bdquo;Sparpaket&ldquo; von 80 Mrd. Euro und massiven staatlichen Leistungsk&uuml;rzungen den Sozialstaat weiter niederzureissen. Nach dem Willen der Regierenden sollen die Verursacher und Profiteure der Finanz- und Schuldenkrise ungeschoren bleiben. Ursula Engelen-Kefer nennt zehn Gr&uuml;nde daf&uuml;r, warum jetzt Gegenwehr geboten ist.<br>\n<!--more--><br>\n&Uuml;bert&ouml;nt von immer neuen Verbalattacken innerhalb der regierenden Koalition &ndash; um h&ouml;here Steuern, um die Kopfpauschale in der Gesundheitspolitik, um finanzielle Hilfen f&uuml;r den Autobauer Opel, um die Laufzeiten von Kernkraftwerken, um die Familien- und Bildungspolitik, um die Zukunft der Bundeswehr und nicht zuletzt um die Wahl des Kandidaten f&uuml;r das h&ouml;chste Amt unseres Staates, den Bundespr&auml;sidenten, haben die Koalitionsparteien einen Gro&szlig;angriff auf die Schwachen in der Republik zum Regierungsprogramm erhoben.<\/p><p>Die im &bdquo;Hau-ruck-Verfahren&ldquo; durch das Parlament gepeitschten gigantischen Rettungsschirme mit unabsehbaren finanziellen Belastungen f&uuml;r die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger  einerseits und die Unf&auml;higkeit auf zentralen Feldern der Politik vern&uuml;nftige Entscheidungen zu treffen anderseits, vor allem aber der massive Abbau unseres Sozialstaates ersch&uuml;ttern das Vertrauen in unsere Demokratie. Erst dieser Tage hat eine empirische <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.357505.de\/10-24-1.pdf\">Untersuchung des Deutschen Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung  (DIW) [PDF &ndash; 458 KB]<\/a> noch einmal eindringlich belegt, dass sich die Kluft zwischen arm und reich in Deutschland immer weiter auftut. Auch im europ&auml;ischen Vergleich sinken wir in der Rangliste der ungerechten Verteilung von Einkommen innerhalb der Gesellschaft immer weiter und schneller nach unten.<\/p><p>Ein B&uuml;ndnis von Sozialverb&auml;nden und Gewerkschaften hat erste Protestaktionen organisiert. Damit daraus eine breite Bewegung des Widerstandes gegen die Politik der &bdquo;sozialen K&auml;lte&ldquo; in Deutschland entstehen kann, muss aber noch viel konzeptionelle und organisatorische K&auml;rner-Arbeit geleistet werden. Wann, wenn nicht jetzt, sollte diesem unw&uuml;rdigen, ungerechten und unethischen Treiben der Politik noch Einhalt geboten werden? Ich nenne nur die zehn wichtigsten Gr&uuml;nde:<\/p><ol>\n<li>Die Beschl&uuml;sse der Bundesregierung tragen die Handschrift der Klientelpartei der Besserverdienenden, der FDP. In Fortsetzung der Umverteilungspolitik von unten nach oben, trifft die K&uuml;rzungsaktion mit 30 Mrd. Euro vor allem arbeitslose Menschen und die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit (BA). Die BA hat in den Jahren einer  leichten konjunkturellen  Belebung einen Beitrag zu einem nennenswerten Abbau der Arbeitslosigkeit geleistet &ndash; allerdings um den hohen Preis des Anstiegs prek&auml;rer Besch&auml;ftigung, Niedriglohnsektoren und Armut bei Arbeit. Die Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung wurden von 6,5 auf 2,8 Prozent gesenkt und die Einnahmen der BA um 30 Mrd. Euro im Jahr gek&uuml;rzt. Die durch die Finanzkrise verursachte Wirtschaftskrise und durch den Anstieg der Arbeitslosigkeit  vor allem aber die Finanzierung der Kurzarbeit, haben zu einem Anstieg der Ausgaben um 20 Milliarden gef&uuml;hrt. Immerhin konnte durch die extensive Nutzung der Kurzarbeit der  Anstieg der Arbeitslosigkeit erheblich geringer gehalten werden als dies in den vergleichbaren L&auml;ndern um uns herum der Fall war und ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel lie&szlig; keine Gelegenheit aus, sich mit diesem relativen Erfolg zu schm&uuml;cken.<br>\nDoch offenbar sollen nun die Kampftiraden f&uuml;hrender FDP-Politiker aus dem Wahlkampf gegen die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit in politisches Handeln umgesetzt werden. &Uuml;ber viele Jahre in der Opposition haben vor allem der jetzige Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel und der derzeitige Vizekanzler  Guido Westerwelle, die Bundesagentur systematisch beschimpft und sie als  Propagandahebel auf dem Weg zur Regierungsmacht eingesetzt. Flankiert wurde diese Politik der Verunglimpfung der Arbeitsverwaltung durch die D&auml;monisierung der Gewerkschaften. Die weiteren K&uuml;rzungen bei der Bundesagentur sind nun die sp&auml;te Rache der FDP an einer wichtigen Institution des Sozialstaats mit dem Ziel das Vertrauen der  Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in die Arbeitsf&ouml;rderung noch mehr zu sch&auml;digen. (Siehe auch BIAJ: Bundesregierung wll Gesamtbudget f&uuml;r &bdquo;Leistungen zur Eingliederung&ldquo; und &bdquo;Verwaltung&ldquo; (<a href=\"upload\/pdf\/100618_Leistungen_der_Bundesagentur.pdf\">SGB II\/Hartz IV deutlich st&auml;rker K&uuml;rzung als bisher angenommen. [PDF &ndash; 123 KB]<\/a>)<\/li>\n<li>Die haupts&auml;chlichen Verursacher und Profiteure der gigantischen Finanz- und Schuldenkrise kommen ungeschoren davon. Im Gegenteil: Die  Banken und die &uuml;brige Finanzindustrie k&ouml;nnen ihre hochriskanten Finanzgesch&auml;fte sogar noch im Schutz von staatlichen Rettungsschirmen und billigem Notenbankgeld auf Kosten der Steuerzahler mit riesigen Gewinnen weiter betreiben. Dagegen treffen die K&uuml;rzungsma&szlig;nahmen mit &uuml;ber 30 Mrd. Euro Arbeitslose, Hartz IV Empf&auml;nger, Behinderte, Familien und Alleinerziehende &ndash; mithin die Schw&auml;chsten in der Gesellschaft.<\/li>\n<li>Eher ein Ablenkungsversuch ist die Behauptung der Bundesregierung, auch die Wirtschaft werde mit den Sparma&szlig;nahmen belastet:\n<ul>\n<li>Die vorgesehene Brennelementsteuer ist im Vergleich zu den Windfall-Profits bei einer Verl&auml;ngerung der Laufzeiten f&uuml;r die Atomkraftwerke f&uuml;r die Energiekonzerne eher ein gutes Gesch&auml;ft. Und ob die Brennelementsteuer &uuml;berhaupt kommt, d&uuml;rfte ohnehin erst von den Gerichten entschieden werden.<\/li>\n<li>Die Ank&uuml;ndigung einer Finanztransaktionssteuer auf alle Finanz- und Spekulationsgesch&auml;fte ist eher ein leeres Versprechen. Im Abschlussdokument des EU-Gipfels hei&szlig;t es, dass die EU &bdquo;pr&uuml;fen&ldquo; wolle, eine Finanztransaktionssteuer in den europ&auml;ischen Mitgliedsl&auml;ndern einzuf&uuml;hren, wenn auf dem Treffen der G-8 und der G-20-Staaten Ende Juni in Toronto der &bdquo;Pr&uuml;fauftrag zur Erforschung und Entwicklung (einer) globalen Finanzmarkttransaktionssteuer&ldquo; scheitern sollte. Das Scheitern ist jetzt schon sicher und die Briten haben sich bereits gegen einen europ&auml;ischen Alleingang ausgeprochen.<\/li>\n<li>Die Abgabe auf Bankgesch&auml;fte ist keine Sparma&szlig;nahme sondern eine Absicherung f&uuml;r Risiken der Banken in der Zukunft. Diese Abgabe leistet jedenfalls keinen Beitrag zur R&uuml;ckf&uuml;hrung der von den Banken ma&szlig;geblich mit verursachten hohen &ouml;ffentlichen Verschuldung durch die Bankenrettung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>An den Spitzensteuersatz bei der Einkommenssteuer hat sich die Regierungskoalition gar nicht erst herangewagt. Auch die erm&auml;&szlig;igte Umsatzsteuer f&uuml;r das Hotelgewerbe, die sich als Ausgleich f&uuml;r aktive Wahlhilfe entpuppte, bleibt trotz vielf&auml;ltiger Kritik selbst in den eigenen Reihen bestehen. An die Wiedereinf&uuml;hrung einer Besteuerung von hohen Geld- und Immobilienverm&ouml;gen ist bei dieser Regierung &uuml;berhaupt nicht zu denken.<\/p><\/li>\n<li>Ungeachtet der von der Finanzindustrie verschuldeten schwersten Krise sind Wirtschaft und Politik weiter fest im Griff der Bankenlobby und des neoliberalen Mainstreams. Seit die &bdquo;Wirtschaftswunderphase&ldquo; nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Erd&ouml;lkrisen ab Mitte der 1970er Jahre j&auml;h beendet wurde, hat jede der folgenden Regierungskoalitionen bei Wirtschafts- und Besch&auml;ftigungskrisen dem neoliberalen Credo nachgegeben. Das lautete: Reduzierung der Arbeitslosigkeit durch Senkung der Arbeitskosten als Voraussetzung f&uuml;r die Steigerung der Investitionen und damit der Besch&auml;ftigung. Das Ergebnis kennen wir: St&auml;ndiger Abbau des Niveaus sozialer Leistungen, vor allem bei den solidarischen Sicherungssysteme, Kaputtsparen der &ouml;ffentlichen Haushalte, Lohnstagnation und ein Auswuchern der Niedriglohnsektoren mit der Folge der Einschr&auml;nkung kaufkr&auml;ftiger Nachfrage im Inland sowie der &bdquo;Polarisierung der Einkommen&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.357505.de\/10-24-1.pdf\">DIW [PDF &ndash; 458 KB]<\/a>) . Die dadurch verursachte Erh&ouml;hung der Arbeitslosigkeit mit allen Konsequenzen bis zum massiven Anstieg der Fr&uuml;hverrentung  erh&ouml;hte die &ouml;ffentlichen Ausgaben und die Verschuldung. Verst&auml;rkt wurde dieser Prozess infolge des regierungsamtlich erzwungenen einseitigen Sparens zu Lasten der Sozialleistungen nach der Deutschen Einheit mit ihrer falschen Finanzierung &uuml;ber die Systeme sozialer Sicherung sowie den Stabilit&auml;tspakt bei der Einf&uuml;hrung des Euro. Dieser Prozess des Abbaus unseres Sozialstaates und der weiteren Schw&auml;chung der Binnenkonjunktur wird durch das jetzt vorgelegte Spar- und K&uuml;rzungsprogramm weiter versch&auml;rft.<\/li>\n<li>Von f&uuml;hrenden Regierungsvertretern bis hin zur Bundeskanzlerin ist immer wieder zu h&ouml;ren: &bdquo;Wir haben &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo;. Dabei wird auf den selbst verschuldeten wachsenden Schuldenberg verwiesen, um die Bev&ouml;lkerung auf weiteren Sozialabbau einzustimmen. F&uuml;r die Millionen von Menschen in Arbeitslosigkeit,  in Niedriglohnsektoren, in prek&auml;rer Besch&auml;ftigung und Armut mu&szlig; es wie Hohn klingen, wenn ihnen vorgehalten wird, sie h&auml;tten &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt. Ein zunehmender Teil der Menschen in Deutschland lebt durch jahrzehntelangen Sozialabbau sowie den durch Politik und Wirtschaft erzeugten Druck auf L&ouml;hne und Arbeitsbedingungen nicht &uuml;ber sondern weit unter seinen und &bdquo;unseren&ldquo; Verh&auml;ltnissen. Wie uns die Organisation f&uuml;r Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erst j&uuml;ngst vorgerechnet hat, haben &bdquo;wir&ldquo; von 2000 bis 2008 freiwillige und erzwungene Nettoersparnisse von 600 Mrd. Euro erzielt. Statt in Investitionen nach Deutschland sind gro&szlig;e Teile davon ins Ausland transferiert worden oder heizten die internationalen Finanzm&auml;rkte an.\n<p>Der renommierte &Ouml;konom Carl Christian von Weizs&auml;cker hat dieser Tage deutlich gemacht, dass Staatsschulden zugleich privates Verm&ouml;gen sind und dass bedeutende Teile der Alterssicherung privater B&uuml;rger auf den Zinsertr&auml;gen der mit h&ouml;chster Kreditw&uuml;rdigkeit ausgestatteten Staatsanleihen basieren. Er kommt zu dem Schluss: (FAZ. 4. Juni 2010, S. 12: &bdquo;Das Janusgesicht der Staatsschulden):&bdquo;Bei niedrigen Realzinsen und hohen Export&uuml;bersch&uuml;ssen ist ein Abbau von Staatsschulden die falsche Politik&hellip;So bel&auml;uft sich das private Nettoverm&ouml;gen der Einwohner Deutschlands auf rund 20 Billionen Euro oder rund das Zehnfache des privaten und staatlichen Konsums. Eine starre Schuldenbremse, wie sie jetzt f&uuml;r Deutschland vorgesehen ist, kann nicht der richtige Weg sein.&ldquo; Aber solche makro&ouml;konomische Argumente gegen das vorgelegte Spar- und K&uuml;rzungsprogramm der Bundesregierung k&ouml;nnen die Bundesregierung nicht davon abhalten ihren falschen Weg in die private und &ouml;ffentliche  Armut  weiter fortzusetzen.<\/p><\/li>\n<li>Ebenso  eing&auml;ngig wie falsch ist die folgende  Begr&uuml;ndung f&uuml;r den Sozialabbau: Der hohe Schuldenberg d&uuml;rfe nicht der n&auml;chsten Generation hinterlassen werden. Damit wird nur ein Generationenkonflikt gesch&uuml;rt.  Dass den Schulden zu jedem Zeitpunkt auch Gl&auml;ubiger gegen&uuml;ber stehen und es zu jedem zuk&uuml;nftigen Zeitpunkt nicht nur Schuldner sondern auch Gewinner gibt, wird schlicht ausgeblendet. Au&szlig;erdem ist es verheerend gerade f&uuml;r die j&uuml;ngere Generation , wenn die Sparpolitik mit dem Schwergewicht auf der Arbeitsmarktpolitik fortgesetzt wird, wie dies das &bdquo;Sparpaket&ldquo; der Bundesregierung vorsieht. Der Verweis der Bundesregierung auf die Steigerung der Ausgaben f&uuml;r Bildung und Forschung &ndash; der ja bisher auch nur auf dem Papier steht &ndash; hilft gerade den benachteiligten Jugendlichen am Wenigsten. Abgesehen davon, dass die Hauptverantwortung f&uuml;r Bildung und Forschung bei den Bundesl&auml;ndern liegt, die durch das &bdquo;Sparpaket&ldquo; noch h&ouml;heren Sparzw&auml;ngen ausgesetzt sind.\n<p>Der Abbau der  Mittel und Instrumente f&uuml;r die Arbeitsmarktpolitik ist auf Druck der FDP schon in der Endphase der Bundesregierung unter Helmut Schmidt Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre eingeleitet worden. Bereits damals wurde die berufliche Weiterbildung erheblich zur&uuml;ckgefahren, obwohl gerade hierdurch der wirtschaftliche Strukturwandel h&auml;tte st&auml;rker bef&ouml;rdert werden m&uuml;ssen. In den Jahren nach der Deutschen Einheit unter der Regierung Helmut Kohl wurden bei gravierenden Besch&auml;ftigungseinbr&uuml;chen in den neuen Bundesl&auml;ndern die Ma&szlig;nahmen der beruflichen Weiterbildung, Arbeitsbeschaffung und Fr&uuml;hverrentung wieder ausgeweitet. Dies war damals eine der wesentlichen Voraussetzungen daf&uuml;r, dass Millionen Menschen vor der Arbeitslosigkeit bewahrt werden konnten &ndash; allerdings um den Preis einer erheblichen Ausweitung der Beitr&auml;ge und der Steuerzusch&uuml;ssen f&uuml;r deren Finanzierung.<\/p>\n<p>Danach wurde der Spie&szlig; aber wieder umgedreht: Ausgerechnet die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung unter Gerhard Schr&ouml;der erkl&auml;rte die Bundesanstalt f&uuml;r Arbeit zum Buhmann f&uuml;r die anhaltend hohe und steigende Arbeitslosigkeit und inszenierte einen &ouml;ffentlichen Skandal um die Arbeitsvermittlung &ndash; sozusagen als Auftakt f&uuml;r den Paradigmenwechsel in der Arbeitsmarktpolitik durch die Hartz Reformen.<\/p>\n<p>Angesichts der gegenw&auml;rtigen Arbeitsmarktlage w&auml;re genau das Gegenteil der   K&uuml;rzungen in der Arbeitsmarktpolitik n&ouml;tig, etwa die Verbesserung von nachhaltiger Aus- und Weiterbildung. Dringend erforderlich w&auml;ren aber dar&uuml;ber hinaus gesetzliche Einschr&auml;nkungen von befristeter Besch&auml;ftigung (Beschr&auml;nkung auf das Vorliegen eines sachlichen Grundes), Eind&auml;mmung der Leiharbeit (Verankerung des Prinzips gleicher Lohn f&uuml;r gleiche Arbeit ohne Ausnahmen) oder die Abschaffung der Anreize zur Aufst&uuml;ckelung normaler Vollzeit- und Teilzeitarbeit in geringf&uuml;gige Teilzeitbesch&auml;ftigung (400-Euro- Jobs).<\/p><\/li>\n<li>Die Langzeitarbeitslosigkeit &ndash; vor allem der schwerer vermittelbaren Personen &ndash; f&uuml;r gesundheitlich eingeschr&auml;nkte, behinderte, gering qualifizierte Menschen sowie Arbeitnehmer\/innen mit Migrationshintergrund und Alleinerziehende &ndash; ist nach wie vor &uuml;berdurchschnittlich hoch. Hier besteht besonderer Handlungsbedarf. Die Einf&uuml;hrung von Hartz IV mit dem Focus auf  dem &bdquo;verst&auml;rkten Druck auf Arbeitslose&ldquo; &ndash; gleicherma&szlig;en auf diejenigen Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet und Steuern sowie Sozialversicherungsbeitr&auml;ge gezahlt haben wie auf die Empf&auml;nger von Sozialhilfe &ndash; hat die Situation auf dem Arbeitsmarkt zu Lasten der betroffenen Menschen einseitig versch&auml;rft. Die jetzt vorgesehene Streichung der bis zu zweij&auml;hrigen Zuschl&auml;ge f&uuml;r Menschen, die vom Arbeitslosengeld in Hartz IV abst&uuml;rzen, ist ein zus&auml;tzlicher harter Schlag f&uuml;r die Betroffenen.  Ihre  Situation wird noch zus&auml;tzlich beschwert durch die geplante Streichung des Elterngeldes und die Heizkostenpauschale f&uuml;r Hartz-IV- Empf&auml;nger. Ohnehin ist bis heute die F&ouml;rderung der  beruflichen Eingliederung Langzeitarbeitsloser v&ouml;llig unzureichend.<\/li>\n<li>Schon bisher hat die Hartz-Gesetzgebung nicht nur den Druck auf die Arbeitslosen erh&ouml;ht sondern auch zur Senkung der L&ouml;hne und zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen sowie zur Explosion von Niedriglohnsektoren und Armut bei Arbeit gef&uuml;hrt. Diese Spirale nach unten k&ouml;nnte u.a. durch die Einf&uuml;hrung eines einheitlichen gesetzlichen Mindestlohnes aufgehalten werden, wobei die Forderung der Gewerkschaften nach 8,50 Euro pro Stunde die Untergrenze darstellt. Damit k&ouml;nnte der fortschreitenden Ausbreitung der Niedriglohnsektoren und der damit um sich greifenden Armut entgegengewirkt werden. Au&szlig;erdem w&uuml;rden die sozialen Sicherungssyteme gest&auml;rkt, was wiederum die staatliche Zusch&uuml;sse verringert.<\/li>\n<li>Die bisherige Praxis der Allgemeinverbindlichkeitserkl&auml;rung tariflich vereinbarter Mindestl&ouml;hne f&uuml;r einzelne Wirtschaftsbranchen (etwa im Baugewerbe einschlie&szlig;lich der Geb&auml;udereinigung, bei Gro&szlig;w&auml;schereien, im Sicherheits- und Bewachungsgewerbe, bei der Weiterbildung, bei Pflegeberufe oder Briefdienstleistungen), durch die bisher ca. 3 Millionen Arbeitnehmer abgesichert wurden, verl&auml;uft viel zu schleppend, um die Erosion existenzsichernder L&ouml;hne aufzuhalten. So liegt etwa f&uuml;r Leiharbeitnehmer  bereits seit mehr als drei Jahren  ein tariflicher Mindestlohn der DGB-Gewerkschaften vor. Er ist bis heute von der Bundesregierung nicht f&uuml;r allgemeinverbindlich erkl&auml;rt worden, weil die kleinen Christlichen Gewerkschaften einen deutlich niedrigeren Mindestlohn akzeptiert haben. So werden die Hartz-IV-Leistungen, die inzwischen f&uuml;r  &bdquo;Aufstocker&ldquo; (Armut bei Arbeit)  auf rund 9 Mrd. Euro angestiegen sind &ndash; damit m&uuml;ssen inzwischen 1,3 Millionen arbeitende Menschen ihr Existenzminimum sichern &ndash; weiter wachsen. (Viele der &bdquo;Aufstocker&ldquo; sind Leiharbeitnehmer.) Ein viel wirksamerer Weg &ouml;ffentlichen Sparens w&auml;re es daher,  &uuml;berall f&uuml;r existenzsichernde Mindestl&ouml;hne zu sorgen. Ansonsten werden die sozialen Transferzahlungen zur Aufstockung von Niedrigstl&ouml;hnen zu einem Fass ohne Boden. Die Koalitionsvereinbarung der schwarz-gelben Bundesregierung geht in die umgekehrte Richtung. Sie strebt die Ausweitung befristeter Besch&auml;ftigung sowie geringf&uuml;giger Mini- und Midi Arbeitsverh&auml;ltnisse an. Sie bleibt bei ihrem kategorischen &bdquo;Nein&ldquo; zu einem einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn. Noch mehr: sie behindert und verz&ouml;gert die Allgemeinverbindlichkeit weiterer tariflicher Mindestl&ouml;hne und leistet damit dem Abbau vorhandener Mindestl&ouml;hne Vorschub.<\/li>\n<li>Die Begr&uuml;ndungen der Bundesregierung kommen eher einer Verdummung der B&uuml;rger gleich. In der Passauer Neuen Presse vom 11.Juni sagte z.B. die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen: &bdquo;Es gibt eine F&uuml;lle von Arbeitsmarktprogrammen &ndash; mehr als 40 &ndash; die beurteilt werden, ob sie erfolgreich sind, oder nur Arbeitslosigkeit verwalten&hellip; Das bringt Milliarden, weil Menschen schneller wieder in Arbeit kommen.&ldquo; Fragt sich nur, wo die Arbeitgeber sind, die Langzeitarbeitslose &ndash; oft mit  zus&auml;tzlichen Handicaps &ndash; &uuml;berhaupt einstellen, zumal die finanziellen Mittel zur Eingliederung in Arbeit um 16 Mrd. Euro gek&uuml;rzt werden sollen. Von der Leyen verspricht also das Kunstst&uuml;ck den Fluss gleichzeitig aufw&auml;rts und abw&auml;rts schwimmen zu k&ouml;nnen.<\/li>\n<\/ol><p>Oder nochmals von der Leyen: &bdquo;Die Jobcenter k&ouml;nnen effektiver arbeiten, wenn sie den Freiraum haben, zu entscheiden, ob eine Ma&szlig;nahme vor Ort Sinn macht oder nicht&ldquo;. Man muss den vielen engagierten Mitarbeiter in den Job Centern ihre besten Absichten nicht bestreiten, aber wo sollen ihre &bdquo;Freir&auml;ume&ldquo; herkommen, wenn gleichzeitig die finanziell verf&uuml;gbaren Mittel so drastisch eingeschr&auml;nkt werden, wie vorgesehen. \tDie Bundesarbeitsministerin weiter: &bdquo;Mit der Job-Center-Reform und den neuen ma&szlig;geschneiderten Konzepten f&uuml;r Alleinerziehende, &Auml;ltere und Jugendliche ohne Schulabschluss k&ouml;nnen wir noch besser werden.&ldquo; F&uuml;r viele Mitarbeiter in den Job Centern in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit muss dies wie Hohn klingen. Die Bundesregierung stellt doch selbst fest, dass die vorgesehene Reform der Job Center mit der Ausweitung der Optionskommunen die Eingliederung Langzeitarbeitsloser erschwert und vor allem auch die Kosten erh&ouml;ht. &bdquo;Besser werden&ldquo; indem man unsinnigerweise die Kosten erh&ouml;ht und gleichzeitig massiv Finanzmittel f&uuml;r die arbeitsmarktpolitischen Eingliederungsma&szlig;nahmen  k&uuml;rzt, das gleicht der Quadratur des Kreises.<\/p><p>Wollte man tats&auml;chlich etwas f&uuml;r schwer vermittelbare langzeitarbeitslose Menschen und vor allem auch die f&uuml;r benachteiligte jungen Menschen tun, dann m&uuml;ssten eine nachhaltige berufliche Weiterbildung sowie sinnvolle &ouml;ffentliche T&auml;tigkeiten mit existenzsichernden L&ouml;hnen ausgeweitet werden. Dies erforderte jedoch nicht weniger, sondern mehr finanzielle Unterst&uuml;tzung.<\/p><p>Zu der vorgesehenen Streichung der Rentenversicherungsbeitr&auml;ge f&uuml;r Langzeitarbeitslose meinte die Bundessozialministerin: &bdquo;Wir standen vor der Frage, ob 1,8 Mrd. Euro j&auml;hrlich gezahlt werden sollen, damit ein Arbeitsloser im Ruhestand f&uuml;r ein Jahr Arbeitslosengeld II Bezug nur zwei Euro mehr Rente erh&auml;lt&ldquo;. <\/p><p>Offenbar hat Frau von der Leyen in ihrer neuen Rolle als Sozialministerin das System der Umlagefinanzierung bei der gesetzlichen Rente noch nicht durchschaut: Die gesetzliche Rentenversicherung ist kein Ansparkonto f&uuml;r den einzelnen Arbeitnehmer oder Arbeitslosen. Die Streichung von 1,8 Mrd. Euro im Jahr vermindern die Einnahmen der gesetzlichen Rentenversicherung insgesamt. Die K&uuml;rzung trifft also alle Beitragszahler, die entweder weitere Rentenk&uuml;rzungen oder h&ouml;here Beitr&auml;ge hinnehmen m&uuml;ssen. Damit setzen die schwarz-gelben Koalition&auml;re die jahrzehntelangen Verschiebeman&ouml;ver zur Entlastung des Bundes und zur Belastung der Beitragszahler und Sozialleistungsempf&auml;nger weiter fort. Gleichzeitig  lassen sie die Subventionsmilliarden an die Wirtschaft mit vielfach hohen Mitnahmeeffekten ungeschoren.<br>\nDie Schm&auml;lerung der Renten f&uuml;r die Arbeitslosen trifft aber letztlich auch die Kommunen, die angesichts vorhersehbarer sp&auml;terer Armutsrenten von Arbeitslosen deren Grundsicherung sicher stellen m&uuml;ssen.  \t<\/p><p>Es ist ein Trauerspiel mit welchen Ausfl&uuml;chten Frau von der Leyen die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger dar&uuml;ber hinwegzut&auml;uschen versucht,  dass sie es nicht verhindern konnte, dass ihr Haushalt als Melkkuh f&uuml;r die &bdquo;Spar&ldquo;-Ma&szlig;nahmen der Bundesregierung \tdiente und mit welchen Scheinargumenten sie ihre Niederlage zu Lasten von Millionen von Menschen zu verschleiern versucht. Noch schlimmer ist vielleicht nur noch, dass solche Irref&uuml;hrungen der &Ouml;ffentlichkeit von der ver&ouml;ffentlichten Meinung weitgehend kritiklos hingenommen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend sich die Nation im &bdquo;Fieber&ldquo; der Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaft im fernen S&uuml;dafrika befindet, ist die Bundesregierung dabei, mit einem &bdquo;Sparpaket&ldquo; von 80 Mrd. Euro und massiven staatlichen Leistungsk&uuml;rzungen den Sozialstaat weiter niederzureissen. Nach dem Willen der Regierenden sollen die Verursacher und Profiteure der Finanz- und Schuldenkrise ungeschoren bleiben. Ursula Engelen-Kefer nennt zehn Gr&uuml;nde daf&uuml;r, warum jetzt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5950\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[50,145,132],"tags":[282,519,289,288,667,291],"class_list":["post-5950","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzkrise","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-buergerproteste","tag-diw","tag-kurzarbeit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-sparpaket","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5950","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5950"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5950\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53701,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5950\/revisions\/53701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5950"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5950"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5950"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}