{"id":59510,"date":"2020-03-23T09:00:08","date_gmt":"2020-03-23T08:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59510"},"modified":"2020-03-23T12:24:14","modified_gmt":"2020-03-23T11:24:14","slug":"heiner-flassbeck-das-gibt-einen-ganz-tiefen-einbruch-und-den-muss-der-staat-jetzt-abfedern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59510","title":{"rendered":"Heiner Flassbeck: Das gibt einen ganz tiefen Einbruch und den muss der Staat jetzt abfedern."},"content":{"rendered":"<p>In Zeiten, in denen ein Virus das Tagesgeschehen beherrscht, sind viele Menschen besorgt &uuml;ber die wirtschaftliche Lage im Land. Sie fragen sich, ob es nach der &sbquo;Coronakrise&lsquo; ihren Arbeitsplatz und ihren Betrieb noch geben wird. Die Moderatorin <strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2wIHzfpZf7U\">Milena Preradovic<\/a><\/strong> hat auf ihrem Kanal Punkt.PRERADOVIC mit Prof. Heiner Flassbeck &uuml;ber die aktuelle Situation und seine L&ouml;sungsvorschl&auml;ge gesprochen. Flassbeck rechnet mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von 20 bis 30 Prozent. Er sagt, das sei ein einmaliger Schock, der mit einer normalen Rezession nichts zu tun habe. Der Makro&ouml;konom fordert nun drastische, aber vor allem unb&uuml;rokratische und schnelle, stabilisierende Ma&szlig;nahmen, sowie ein Ende von Schuldenbremse, Sparpolitik und eine Abschaffung der Kriterien des Maastricht-Vertrags. Christian Goldbrunner hat das Interview transkribiert.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Milena Preradovic: Heiner Flassbeck, Ex-Top-Volkswirt bei der UNO und Ex-Staatssekret&auml;r im Bundesfinanzministerium. Bonjour nach Frankreich. Was bedeutet das, wenn Volkswagen, Daimler, Audi, BMW in Deutschland zumachen?<\/strong><\/p><p>Heiner Flassbeck: Das bedeutet in der Tat eine ganz gro&szlig;e Krise, das haben wir noch nie erlebt. So etwas in dieser Dimension hat es noch nicht gegeben, dass so viele Firmen schlie&szlig;en m&uuml;ssen. Es sind ja nicht nur Automobilproduzenten, sondern viele andere auch, entweder weil sie ihre Belegschaft nicht in Gefahr bringen wollen oder aber weil sie keine Nachfrage mehr haben. In dieser Zeit kauft eben niemand Autos. Das ist v&ouml;llig klar, und das wird in der Tat ein ganz, ganz tiefer Einbruch der Wirtschaft und es ist bedauerlich, dass Frau Merkel gestern Abend dar&uuml;ber nicht klar und deutlich geredet hat. <\/p><p><strong>Die Wirtschaft scheint im Moment noch kein so gro&szlig;es Thema zu sein. Alles konzentriert sich auf das Medizinische, auf das Virus. Ist da schon eine Angst vor dieser Wirtschaftskrise dahinter zu sehen Ihrer Ansicht nach? <\/strong><\/p><p>Ja, unterschwellig ist das sicher da, aber es ist eben nicht offen, das muss offen diskutiert werden. Frau Merkel h&auml;tte sagen m&uuml;ssen: Leute, auch im Bereich Wirtschaft wird es wirklich ernst, wir werden einen tiefen Einbruch erleben. Also man kann unterschiedliche Szenarien rechnen, aber wenn das Ganze drei bis vier Monate dauert, reden wir von einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von 20 bis 30 Prozent. Das hat mit einer normalen Rezession &uuml;berhaupt nichts zu tun. Man soll nicht mehr &uuml;ber Rezession reden, es hat auch mit einem normalen Schock nichts zu tun. Es ist ein ganz, ganz tiefer Einbruch, der dann zwar hinterher hoffentlich wieder von einer Erholung abgel&ouml;st wird, aber zun&auml;chst einmal ist dieser Einbruch unglaublich tief, weil viele Bereiche einfach stillstehen. Man kann nicht einfach die Wirtschaft stillstellen und dann hoffen, dass da irgendwie nichts passiert. Doch, das gibt einen ganz tiefen Einbruch und den muss der Staat jetzt abfedern. Einige haben das begriffen, die EZB hat jetzt reagiert, die Dimension ist gut, 750 Milliarden, aber ich glaube, die Staaten haben noch nicht kapiert, was auf sie zukommt.<\/p><p><strong>In Frankreich spricht Macron davon, Unternehmen, die bedroht sind, zu verstaatlichen. K&ouml;nnen Sie sich das f&uuml;r Deutschland auch vorstellen?<\/strong><\/p><p>Ja, das kann auch mal passieren, aber zun&auml;chst geht es darum, die Unternehmen am Leben zu halten. Da kann Verstaatlichung mal dazu geh&ouml;ren, aber das ist sicher nicht die generelle L&ouml;sung. Ich glaube, die einzige generelle L&ouml;sung, die es gibt, ist &ndash; so wie Deutschland das im Prinzip vorhat &ndash; Kredite zu vergeben &uuml;ber die Banken, weil das muss ja auch schnell passieren. Das muss in den n&auml;chsten Tagen passieren &ndash; man kann nicht monatelang pr&uuml;fen, ob das Unternehmen kreditf&auml;hig ist oder nicht &ndash; &uuml;ber die Banken, die vom Staat oder von der Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau [KfW] verb&uuml;rgt werden. Jedes Unternehmen sollte f&uuml;r zwei bis drei Monate einen Antrag stellen auf einen Kredit, der ihm sozusagen Luft verschafft. Mit dem Antrag sollte es zur Bank gehen und sagen, so, ich brauche xyz. Das sollte sehr schnell gepr&uuml;ft werden, und dann sollte der Staat sagen, jawohl, da stehe ich dahinter, da machen wir eine B&uuml;rgschaft, damit die Bank nicht darauf sitzen bleibt. <\/p><p><strong>Es m&uuml;ssen die Unternehmen gest&uuml;tzt werden, es m&uuml;ssen wahrscheinlich auch die Banken gest&uuml;tzt werden, aber es m&uuml;ssen nat&uuml;rlich auch die Menschen gest&uuml;tzt werden&hellip; <\/strong><\/p><p>Genau.<\/p><p><strong>Die Regierung in Deutschland spricht immer noch von der Schwarzen Null, die sie halten will. Ist das so haltbar? <\/strong><\/p><p>Das ist absoluter Quatsch. Die Staatsverschuldung wird dramatisch steigen. Wenn das Bruttoinlandsprodukt um 20 bis 25 Prozent einbricht, wird auch die Staatsverschuldung sich in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung erh&ouml;hen, also von jetzt 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 90 oder vielleicht 100 Prozent. Das ist aber vollkommen egal, damit ist nat&uuml;rlich die Schwarze Null [pass&eacute;]. Es wird jetzt gesagt, wir m&uuml;ssen eine Sonderregelung f&uuml;r die Schuldenbremse [machen]. Das ist absolut l&auml;cherlich, es geht um eine v&ouml;llig andere Dimension, um eine gewaltige Dimension. In Deutschland geht es um 300 Milliarden, die der Staat f&uuml;r die Arbeitnehmer und f&uuml;r die Unternehmen ausgeben muss. Es geht in Europa, das hat die EZB gesagt, um eine Gr&ouml;&szlig;enordnung von 600 bis 750 Milliarden, die sozusagen die EZB an Geld druckt, um die Staaten zu refinanzieren. Machen wir uns nichts vor, es ist nichts anderes, als Geld zu drucken. Das geht zwar nicht direkt, weil wir in der EU eine komische Verfassung haben. Da darf man das nicht direkt machen. Also verschulden sich die Staaten am Markt, aber damit die Zinsen nicht steigen, kauft die EZB die Anleihen wieder auf, sodass die Zinsen niedrig bleiben. Das ist nichts anderes als eine Finanzierung &uuml;ber die Zentralbank, das ist machbar. Das ist keine Katastrophe, aber es muss eben jetzt sehr schnell passieren. Auf Seiten der Arbeitnehmer reicht meines Erachtens die Kurzarbeit auch nicht. Kurzarbeit, das sind 60 Prozent, das ist auch sehr wenig. Es sollte der Staat jetzt sagen, ich gebe euch 80 oder sogar 100 Prozent, damit wir diese kurze Phase m&ouml;glichst friktionsfrei durchstehen k&ouml;nnen und dann hinterher relativ schnell wieder wachsen k&ouml;nnen. Denn das passiert nur, wenn diese Leute jetzt nicht noch mit Angst sozusagen in den Rest des Jahres gehen.<\/p><p><strong>Es hei&szlig;t ja auch, f&uuml;r die kleinen Unternehmer, f&uuml;r die Selbstst&auml;ndigen w&uuml;rde man Kredite vereinfachen, aber reicht denn das, die m&uuml;ssen sie ja auch irgendwie wieder zur&uuml;ckzahlen? <\/strong><\/p><p>Ja, es gibt, glaube ich, noch grandiose Illusionen. Jemand von der Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau hat gesagt, man k&ouml;nne das Geld nicht so rausblasen. Das ist der Irrtum, man muss es rausblasen. Es muss auch an die Kleinen gehen, das ist v&ouml;llig richtig, und die Solounternehmer. Die Leute m&uuml;ssten ein einfaches Papier vorlegen, was sie verdient haben im letzten Jahr, und dann muss die Bank sagen, jawohl, und auf dieser Basis gebe ich dir das jetzt f&uuml;r drei Monate, damit du &uuml;berleben kannst. In drei Monaten sehen wir dann weiter, aber f&uuml;r drei Monate gebe ich dir das, und das schicke ich an die Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau. Die sagt jawohl, daf&uuml;r hast du eine B&uuml;rgschaft ohne gro&szlig;e Pr&uuml;fung. Denn wie wollen wir jetzt f&uuml;nf Millionen Unternehmen pr&uuml;fen, das ist ja l&auml;cherlich. Da sitzen sonst die B&uuml;rokraten und sagen, jetzt gehen wir alle Formulare durch oder was? Das dauert f&uuml;nf Monate, dann ist das alles vorbei. Das muss jetzt in den n&auml;chsten Tagen passieren und zwar unglaublich schnell. <\/p><p><strong>Wie sieht das mit der Arbeitslosigkeit aus? Wirtschaftsminister Altmaier hat sich tats&auml;chlich hingesetzt und gesagt, Corona werde Deutschland keinen Arbeitsplatz kosten. Also ich muss sagen, ich fand das absurd.<\/strong><\/p><p>Ja, das ist unglaublich, nein, es wird ganz viele Arbeitspl&auml;tze kosten. Die Leute sind ja schon arbeitslos. Die sind jetzt vielleicht nicht offiziell als arbeitslos gemeldet, aber sie sitzen zu Hause und haben nichts zu tun, die Produktion steht, das ist ja Arbeitslosigkeit. Was ist denn sonst Arbeitslosigkeit? Nur, man muss jetzt daf&uuml;r sorgen, dass diese Leute ihre Jobs wieder kriegen. Sie sind ohne jede eigene Schuld in diese Lage geraten und deswegen sollte der Staat sie kompensieren. Wie gesagt, Schuldengrenzen und so, das ist alles Quatsch, das kann man alles vergessen. In einem Jahr wird man feststellen, dass man 15 Jahre f&uuml;r nichts gespart hat, und die Schuldenquote wird wie gesagt viel, viel h&ouml;her sein, als in Maastricht oder irgendwo steht. Das ist alles K&auml;se, das muss man jetzt alles sofort vergessen. Wenn man das nicht tut, dann wird es b&ouml;se enden. Aber ich hoffe immer noch, dass &sbquo;die&lsquo; begreifen, worum es geht.<\/p><p><strong>Was bedeutet das denn f&uuml;r den Euro? Die ganze Gelddruckerei, das &sbquo;Hineinpumpen&lsquo; von Geld? <\/strong><\/p><p>Das ist unproblematisch, weil wo soll der Euro hingehen? Die anderen L&auml;nder machen ja das Gleiche, die USA sprechen &uuml;ber 1000 Milliarden, die sie in die Wirtschaft pumpen, Helikoptergeld &ndash; was ich f&uuml;r v&ouml;llig falsch halte &ndash; wird jetzt verteilt. Warum sollen Leute wie ich, Pension&auml;re oder Beamte, warum sollen die jetzt Geld kriegen, das macht ja &uuml;berhaupt keinen Sinn. Nein, es m&uuml;ssen diejenigen Geld kriegen, die jetzt arbeitslos werden oder in Kurzarbeit gehen, die m&uuml;ssen Geld kriegen. Aber nicht jeder, das ist K&auml;se. Aber die Dimension f&uuml;r die USA ist genauso gro&szlig; etwa wie f&uuml;r Europa und wohin soll der Euro jetzt fallen? Es ist auf der ganzen Welt das gleiche Problem. Da wird nichts passieren, also da habe ich keine Bedenken. Wo ich gro&szlig;e Bedenken habe, ist, dass die Aktienm&auml;rkte Tag f&uuml;r Tag verr&uuml;ckt spielen, rauf und runter. Ich w&uuml;rde die jetzt mal schlie&szlig;en, ich w&uuml;rde die einfach mal zumachen f&uuml;r einen Monat oder zwei. Denn die Signale, die von dort kommen, schaffen nur Verunsicherung unter den Menschen und Unternehmen, bei den Managern. &Uuml;berall schafft das Verunsicherung und ohne jeden Grund. Bei jedem Signal geht es rauf oder runter, das hat keinen Sinn mehr, das ist vollkommen irrational. <\/p><p><strong>Kollegen von Ihnen aus der eher neoliberalen Ecke, die sagen so einen Crash ja schon l&auml;nger voraus. Die sagen quasi, erst kommt die Deflation, dann kommt die Inflation, dann wird der Euro zerst&ouml;rt, was sagen Sie dazu?<\/strong><\/p><p>Das ist alles Quatsch, diese Crash-Propheten, das hat ja alles auch hiermit nichts zu tun. Wir haben hier eine au&szlig;ergew&ouml;hnliche Situation, eine Gesundheitssituation, die weltweit die Staaten trifft. Das hat mit dem Crash, den diese Leute alle vorhersagen, &uuml;berhaupt nichts zu tun, auch mit Inflation hat das nichts zu tun. Wir m&uuml;ssen das jetzt &uuml;ber die Runden bringen, mit dramatischen Notma&szlig;nahmen, das ist v&ouml;llig richtig, aber man muss das den Leuten auch erkl&auml;ren. Wie gesagt, das habe ich gestern bei Frau Merkel v&ouml;llig vermisst. Sie hat gesagt, sie will erkl&auml;ren, sie muss es erkl&auml;ren. Sie m&uuml;sste sich jetzt hinstellen und sagen, wie sie die Wirtschaft stabilisieren will, denn das ist ganz klar die n&auml;chste Aufgabe, und dazu hat sie kein Wort gesagt. <\/p><p><strong>750 Milliarden gibt es jetzt, Sie sagen das reicht, um Europa [EU] stabil zu halten. Die Notenbanken haben auch gar nicht mehr so wahnsinnig viel Spielraum, die haben ihr Pulver ja schon ziemlich verschossen oder?<\/strong><\/p><p>[Tonst&ouml;rung] Nein, die haben nur in Sachen Zinssenkungen keinen Spielraum mehr, da ist das Pulver verschossen, aber sie k&ouml;nnen jetzt nat&uuml;rlich refinanzieren &ndash; wenn die Staaten jetzt in die Vollen gehen, muss die Notenbank das &ndash; ich habe das ja vorhin erkl&auml;rt. Also, es wird die Druckmaschine angeschmissen, machen wir uns nichts vor, und das muss die Notenbank refinanzieren. 750 Milliarden ist wie gesagt eine recht vern&uuml;nftige Gr&ouml;&szlig;enordnung, wenn die Krise zwei bis drei Monate dauert. Wenn sie vier oder f&uuml;nf Monate dauert, reicht das nicht mehr, dann wird es mehr werden, das ist unzweifelhaft so bei diesem dramatischen R&uuml;ckgang des Bruttoinlandsprodukts. <\/p><p><strong>Als wir vor zwei Wochen schon mal gesprochen haben, da haben wir ja auch schon &uuml;ber eine Europa-Krise geredet und &uuml;ber eine Krise, in der wir stecken. Ich habe den Eindruck, wir gehen von Krise zu Krise, mal ganz abgesehen von Corona brauchen wir da vielleicht einfach ein neues System? <\/strong><\/p><p>Wir brauchen nicht unbedingt ein neues System, wir br&auml;uchten ein bisschen mehr Verst&auml;ndnis f&uuml;r das System, in dem wir leben. Wir wissen einfach zu wenig dar&uuml;ber, und wir haben zum Teil wirklich falsche Hypothesen und falsche Theorien. In der Tat, Deutschland war eigentlich schon in einer Rezession. Im Jahr 2019 gab es schon eine Rezession, die nicht offiziell so gemessen war, aber es ist eindeutig eine gewesen. Europa ist viel l&auml;nger in einer schwierigen Situation. Wir hatten Eurokrise und Italien und Frankreich sind in viel schlechterer Verfassung als Deutschland, schon zu Beginn dieses Schocks jetzt. Ich will mir ehrlich nicht vorstellen, was in Italien rauskommt, wenn ich eine Berechnung machen w&uuml;rde jetzt, f&uuml;r Italien wird das ganz f&uuml;rchterlich. Und das gro&szlig;e Problem ist, dass wir jetzt einen zus&auml;tzlichen Schock bekommen, der alle L&auml;nder gleichzeitig trifft, f&uuml;r den wir nicht gemeinsame Mittel haben. Ich finde es auch sehr bedauerlich &ndash; wenn ich das noch sagen darf an der Stelle &ndash; dass Deutschland jetzt einseitig Grenzkontrollen zu Frankreich eingef&uuml;hrt hat. Daf&uuml;r gibt es meines Erachtens keinen Grund, weil Frankreich ist in der gleichen Gesundheitssituation wie Deutschland. Das ist symbolisch und europ&auml;isch ein gewaltiger Schock gewesen in Frankreich und dieses &lsquo;Macht die Grenzen dicht, macht irgendwas!&rsquo;, das ist keine L&ouml;sung des Problems. Das ist Aktionismus, der am Ende die Leute nur verwirrt und irritiert. Also, wir m&uuml;ssen ganz grundlegend jetzt dar&uuml;ber nachdenken, wie wir Wirtschaftspolitik in Europa machen. Es wird nicht mehr mit den alten Regeln gehen. Der Maastricht-Vertrag muss weg und der Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt ist auch obsolet, das kann man alles vergessen. Wenn wir jetzt rauskommen aus dieser Krise und die Masse der Staaten in Europa hat einen Schuldenstand von 90 oder 100 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt, dann ist es eben so. Dann kann man nicht sagen, jetzt m&uuml;sst ihr 20 Jahre oder 30 Jahre lang sparen, damit ihr wieder auf 60 Prozent kommt. Das ist vollkommen verr&uuml;ckt, also wer sich das vorstellt, der macht Europa hundertprozentig kaputt. Es ist jetzt schon ein gewaltiger Schaden angerichtet. Wie gesagt, ich m&ouml;chte mir Italien nicht vorstellen, wenn es aus der Krise rauskommt. Ich m&ouml;chte mir auch nicht vorstellen, wie die Stimmung in Italien ist, wenn sie &uuml;ber diese Krise hinweg sind und mal wieder offen reden &uuml;ber die Deutschen und &uuml;ber Europa, das wird meines Erachtens f&uuml;rchterlich. <\/p><p><strong>Gibt es denn bei uns zum Beispiel diese Diskussion schon, was man wirklich alles ver&auml;ndern m&uuml;sste nach dieser Krise? Gibt es die schon oder ist alles im Moment auf Medizin [fixiert]? <\/strong><\/p><p>Nein, die gibt es noch nicht, nur ganz zaghafte Ans&auml;tze von meinen &Ouml;konomen-Kollegen, jetzt einzur&auml;umen, dass da etwas Gewaltiges passiert ist. Jetzt hat der Pr&auml;sident des Kieler Instituts gesagt, das wird die &lsquo;Mutter aller Rezessionen&rsquo;, aber wie gesagt, Rezession ist nicht das richtige Wort f&uuml;r das, was wir jetzt erleben werden. Wir haben einen einmaligen Schock, einen Schock, der gr&ouml;&szlig;er ist als alles, was wir bisher gesehen haben und wir m&uuml;ssen uns auf eine neue Sprache einstellen. Das hat auch nichts mit Konjunktur zu tun, denn es ist ein einmaliger Schock, der vom Staat, von den Notenbanken abgefedert werden muss, in der Hoffnung, dass das in zwei, drei Monaten vorbei ist, und wir dann wieder das Leben normalisieren k&ouml;nnen. Es ist m&ouml;glich, aber wir m&uuml;ssen unsere ganzen alten Dogmen bez&uuml;glich Schulden und Schuldenbremse alles &uuml;ber Bord werfen. Es muss alles &uuml;ber Bord geworfen werden.<\/p><p><strong>Es gibt ja auch &uuml;berall auf der Welt, also nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, in Amerika, es gibt in Brasilien Menschen, die Angst darum haben, dass sie aus dieser Krise wirtschaftlich nicht rauskommen, dass sie ihre Jobs verlieren, das ist ja fast schon eine weltweite Geschichte. Das ist ja auch ein Pulverfass oder? So viele Menschen, die vielleicht keinen Job mehr haben, die Angst haben? <\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich, Unsicherheit ist das Schlimmste, was es gibt. Nehmen wir nur Brasilien, das ist schon seit zwei, drei Jahren in einer tiefen Krise. Herr Bolsonaro, wir m&uuml;ssen nicht &uuml;ber den Mann reden, ein Irrer im Pr&auml;sidentenamt, der hat es nicht geschafft, auch nur ein St&uuml;ck sich da rauszubewegen. Das ist wirklich Sprengstoff. Wenn die jetzt tief in den Graben fallen und der Staat nicht in der Lage ist, das auch nur halbwegs zu kompensieren, dann kann es &uuml;berall zu B&uuml;rgerkriegen, Aufst&auml;nden und was wei&szlig; ich was kommen. Also das Gefahrenpotenzial dieser Krise ist ungeheuer gro&szlig; und deswegen ist es wichtig, dass die Staaten begreifen, was jetzt ihre Aufgabe ist. Es ist eine ungeheure Aufgabe, die ist l&ouml;sbar, aber sie muss jetzt unheimlich schnell angegangen werden, und vor allem, alle B&uuml;rokraten mal weg und Menschen, die klar sehen, was Sache ist, die m&uuml;ssen an die entscheidenden Stellen. <\/p><p><strong>Haben Sie diesen Optimismus, dass das tats&auml;chlich passiert?<\/strong><\/p><p>Ich habe einen gewissen Optimismus, dass in der Notlage dann einige begreifen, was Sache ist. Ich hoffe, wir k&ouml;nnen das vielleicht beobachten. Wenn Frau Merkel n&auml;chste Woche vor die Bev&ouml;lkerung tritt und eine Ansprache zur wirtschaftlichen Lage h&auml;lt und etwa das sagt, was ich gesagt habe, dann gibt es Hoffnung. Wenn sie aber mit Schuldenbremse und &lsquo;wir m&uuml;ssen jetzt ein bisschen hier und ein bisschen da&rsquo; und &lsquo;die Kreditvergabe an die Unternehmen braucht viel Zeit&rsquo; und &lsquo;Kurzarbeit ist doch auch gut&rsquo; und so &ndash; mit allen solchen Entschuldigungen wird man nicht durchkommen. Man muss ganz knallhart und brutal sagen, diese Krise, dieser Schock erfordert Sonderma&szlig;nahmen, wie wir sie noch nicht gesehen haben, nicht nur im Gesundheitsbereich, sondern eben auch im wirtschaftlichen Bereich. <\/p><p><strong>Wir haben ja gerade das Ph&auml;nomen, dass Klopapier &uuml;berall ausverkauft ist, und dar&uuml;ber kann man ja mal nachdenken. Heute ist es das Klopapier, &uuml;bermorgen rennen die Leute vielleicht zur Bank und holen ihr Geld aus lauter Angst. <\/strong><\/p><p>Wie gesagt, wenn man nicht vern&uuml;nftig und schnell reagiert, wenn man den Leuten nicht Sicherheit gibt, dass sie ihre Geldstr&ouml;me beibehalten, dass sie nicht in ein ganz tiefes Loch fallen, dann ist auch das nicht auszuschlie&szlig;en. Ich will das jetzt nicht an die Wand malen. Aber nat&uuml;rlich, Klopapier horten das ist auch verr&uuml;ckt. Gott sei Dank, in Frankreich ist das nicht so schlimm, ich war gerade im Supermarkt, da ist noch alles dagewesen, Papier und alles &Uuml;brige. Es ist nat&uuml;rlich ein Anzeichen daf&uuml;r, dass einige Leute jedenfalls in Panik geraten und die Vern&uuml;nftigen fallen dann immer hinten runter, und die Vern&uuml;nftigen geraten dann irgendwann auch in Panik. Also, es ist wichtig zu handeln, es ist wichtig, dass Frau Merkel sich gestern vor die Bev&ouml;lkerung gestellt hat &ndash; ich h&auml;tte eine andere Rede gehalten &ndash; aber sei&rsquo;s drum. Sie hat den Krankenpflegern gedankt, aber sie h&auml;tte zehn Jahre vorher mal dran denken sollen, dass diese Leute vern&uuml;nftig bezahlt werden, dass die Krankenh&auml;user auf Kante gen&auml;ht sind und all diese Dinge. Das hat sie komischerweise alles vergessen, das war alles unter ihrer Regentschaft &ndash; also vergessen wir das, nicht mehr wichtig jetzt. Wichtig ist jetzt, dass energisch und sofort gehandelt wird. <\/p><p><strong>Macht Macron das besser als Merkel?<\/strong><\/p><p>Nein, Macron &ndash; in Frankreich ist alles ein bisschen einfacher, weil es zentralisiert ist. Also der deutsche F&ouml;deralismus &ndash; der eine macht ein bisschen hier und der andere ein bisschen da, die einen werden jetzt Ausgangssperre machen, die anderen nicht. Das ist auch K&auml;se, in meinen Augen. Macron hat von &lsquo;Krieg&rsquo; geredet, das fand ich auch total &uuml;bertrieben. Das war auch nicht angemessen und er hat damit, f&uuml;r zwei, drei Tage jedenfalls, auch hier Hektik und Verunsicherung ausgel&ouml;st. Aber der Zentralismus ist da schon hilfreich, weil er daf&uuml;r sorgt, dass einheitlich im Land gehandelt wird. Wenn man jetzt sieht, wie die Ministerpr&auml;sidenten untereinander lavieren in Deutschland und die B&uuml;rgermeister und was wei&szlig; ich, wer noch. Das ist schon ein bisschen bedenklich, also das ist nicht optimal. Wenn man sich schon entschlossen hat, eine solche Strategie zu fahren, die ich f&uuml;r richtig halte, weil ich es nicht beurteilen kann, weil ich keine bessere Erkl&auml;rung habe. Man muss sich auf die Experten, die Virologen verlassen, da geht &uuml;berhaupt kein Weg daran vorbei, und dann muss man aber konsequent den n&auml;chsten Schritt tun und sagen, so, jetzt puffere ich das wirtschaftlich ab, was ich in Sachen Gesundheit beschlossen habe. <\/p><p>Titelbild: Freedomz \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten, in denen ein Virus das Tagesgeschehen beherrscht, sind viele Menschen besorgt &uuml;ber die wirtschaftliche Lage im Land. Sie fragen sich, ob es nach der &sbquo;Coronakrise&lsquo; ihren Arbeitsplatz und ihren Betrieb noch geben wird. Die Moderatorin <strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2wIHzfpZf7U\">Milena Preradovic<\/a><\/strong> hat auf ihrem Kanal Punkt.PRERADOVIC mit Prof. Heiner Flassbeck &uuml;ber die aktuelle Situation und seine<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59510\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":59512,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,135,30],"tags":[294,1565,1613,2469,507,395,364,1043,365,577,1149,215,289,891,315,479,748,1177,392,1895,325,454,2639,476,2852,2037],"class_list":["post-59510","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-finanzpolitik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-aktienkurse","tag-automobilindustrie","tag-brasilien","tag-epidemie","tag-ezb","tag-foederalismus","tag-flassbeck-heiner","tag-frankreich","tag-inflation","tag-italien","tag-kfw","tag-konjunkturpaket","tag-kurzarbeit","tag-maastrichter-vertrag","tag-merkel-angela","tag-reservearmee","tag-rettungsschirm","tag-rezession","tag-schuldenbremse","tag-schwarze-null","tag-staatsschulden","tag-stabilitaetspakt","tag-vergesellschaftung","tag-weltwirtschaftskrise","tag-wirtschaftsdepression","tag-zukunftsangst"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/shutterstock_706247437.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59510","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=59510"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59510\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":59526,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59510\/revisions\/59526"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/59512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=59510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=59510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=59510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}